{"id":13407,"date":"2014-05-01T00:00:17","date_gmt":"2014-04-30T22:00:17","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13407"},"modified":"2022-07-26T14:12:07","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:07","slug":"sarrazin-ist-kein-intelligenzforscher","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2014\/05\/sarrazin-ist-kein-intelligenzforscher\/","title":{"rendered":"&#8222;Sarrazin ist kein Intelligenzforscher&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><b>Bernd Dr\u00fccke: Du lebst schon seit l\u00e4ngerer Zeit in M\u00fcnster, bist in linken und anarchistischen Zusammenh\u00e4ngen aktiv. Kannst Du uns etwas von Deiner politischen Sozialisation erz\u00e4hlen?<\/b><\/p>\n<p><i>Andreas Kemper: <\/i>Ich komme aus einer evangelischen, provinziellen Arbeiterstadt und bin in den 70er Jahren sozialisiert worden. Ich bin mit der Alternativbewegung aufgewachsen und habe bei der Alternativen Liste mitgemacht. Interessant ist, dass ich mich jetzt mit der Alternative f\u00fcr Deutschland (AfD) auseinandersetze, die ja den Begriff &#8222;alternativ&#8220; okkupiert haben. An denen ist eigentlich nichts alternativ. Solche Leute waren damals unsere Feindbilder, also Schlipstr\u00e4ger.<\/p>\n<p>Ich bin nach M\u00fcnster gezogen, um zu studieren, war in der Friedensbewegung aktiv, habe mein Soziologiestudium angefangen, bin nach 4 Jahren nach Berlin gewechselt wegen der Bundeswehr und habe dann allerdings mein Studium abbrechen m\u00fcssen, weil ich kein BAf\u00f6G mehr bekommen habe.<\/p>\n<p>Es gab damals 2 Streiksemester, das war spannend, wir haben sehr viel gearbeitet und gelernt, aber die Semester wurden nicht anerkannt. Dann war mein BAf\u00f6G zu Ende. Ich habe dann angefangen zu jobben und ein alternatives Projekt in der Kommunebewegung mit aufgebaut. In Wirklichkeit habe ich jahrelang studiert, wenn auch nicht offiziell. 2000 habe ich auch offiziell wieder angefangen zu studieren und parallel ein Referat f\u00fcr studierende Arbeiterkinder aufgebaut. Das ist auch eigentlich mein Thema. Sp\u00e4ter habe ich den Magister gemacht und schreibe jetzt an meiner Doktorarbeit zum Thema Klassismus.<\/p>\n<p><b>Bernd Dr\u00fccke: Kannst Du genauer auf den Klassismus eingehen? Dieser d\u00fcrfte den meisten Menschen nicht wirklich ein Begriff sein.<\/b><\/p>\n<p><i>Andreas Kemper:<\/i> Klassismus ist eine Diskriminierungsform wie Rassismus, aber eben bezogen auf Klassenzugeh\u00f6rigkeit. Der Begriff kommt aus dem Englischen und wurde in den 70er Jahren von einem Lesbenkollektiv begr\u00fcndet. Der Begriff meint, dass wir in einer Klassengesellschaft leben, aber dass es nicht darum geht, ausschlie\u00dflich Klassenk\u00e4mpfe in typischer Form mit Parteien, Gewerkschaften usw. zu machen. So zeigt sich der Klassismus im Alltag, in Form von Unterdr\u00fcckungsformen, aufgrund von Klassenherk\u00fcnften, die unterschiedlich sind, und bezogen auf die Mittel, die einem Menschen zur Verf\u00fcgung stehen, z.B. im Bildungssystem. In Deutschland werden Arbeiterkinder nach der 4. Klasse ausselektiert. Das war bei mir auch so. Mit einem guten Zeugnis bin ich zur Hauptschule gegangen, musste mich dann langsam hocharbeiten, war dann auf dem technischen Gymnasium. Das passte aber wiederum nicht zum folgenden Soziologiestudium, weil mir Latein fehlte, und so weiter. Das sind im Bildungsbereich die Probleme, die ich angehe und untersuche.<\/p>\n<p><b>Volkan: Ist Klassismus ein Thema in der deutschen \u00d6ffentlichkeit? Wenn ja, in welchen Bereichen wird dieses Ungleichheitsverh\u00e4ltnis besonders diskutiert?<\/b><\/p>\n<p><i>Andreas Kemper:<\/i> Es sollte Thema sein. Es gibt alle drei Monate eine Studie, die aufzeigt, dass Arbeiterkinder benachteiligt werden. Heute ist eine neue Studie von der Hans-B\u00f6ckler-Stiftung zum Thema Verm\u00f6gensverteilung erschienen, die zeigt, dass die Schere zwischen arm und reich extrem auseinandergeht. Wenn man das umrechnet, haben die reichsten Unternehmer in Deutschland einen Stundenlohn von einer halben Million Euro. Das sollte Thema sein, ist aber keines. Das zeigt sich bei den Gleichbehandlungsgesetzen, die wir haben, wo klassenspezifische Diskriminierung nicht vorkommt.<\/p>\n<p><b>Volkan: Es wird viel \u00fcber Bildungsgerechtigkeit diskutiert, ebenso \u00fcber gewisse Problematiken im deutschen Bildungssystem. Welche Perspektiven siehst Du diesbez\u00fcglich? Wie k\u00f6nnen diese Diskussionen weitergef\u00fchrt und wie k\u00f6nnen hier Ver\u00e4nderungen geschaffen werden?<\/b><\/p>\n<p><i>Andreas Kemper:<\/i> Da kommt jetzt mein anarchistischer Ansatz rein. Denn ich denke, dass solange nichts passiert, solange sich die Menschen nicht selbst organisieren. Bei den Studierendenvertretungen an den Unis gibt es seit Jahren Referate f\u00fcr Frauen, f\u00fcr behinderte Studierende, f\u00fcr Lesben und Schwule, was auch richtig so ist. Es ist gut so, dass sich diese Gruppen wehren. Wenn es keine Frauenbewegung gegeben h\u00e4tte, w\u00e4ren wir bez\u00fcglich Gleichberechtigung immer noch in den 50er Jahren. Das Gleiche m\u00fcsste auch passieren bei Arbeiterkindern, die studieren.<\/p>\n<p>Die m\u00fcssen sich zusammenschlie\u00dfen, um selber f\u00fcr ihre Rechte zu k\u00e4mpfen. Deshalb habe ich 2003 dieses Referat gegr\u00fcndet. Das funktioniert gut. Bei den Vollversammlungen sind mehr als 60 Studierende. Aber es bleibt in M\u00fcnster und kommt nicht dar\u00fcber hinaus, es gibt anderswo noch keine vergleichbaren Referate. Aber das w\u00e4re mein Ansatz einer Organisierung.<\/p>\n<p><b>Bernd Dr\u00fccke: Du hast gerade auch von Deinem anarchistischen Ansatz gesprochen. Was verstehst Du unter Anarchie und Anarchismus?<\/b><\/p>\n<p><i>Andreas Kemper:<\/i> F\u00fcr mich ist das ein politischer Ansatz, der davon ausgeht, dass es m\u00f6glich ist, in einer herrschaftsfreien Gesellschaft zu leben. Also: Anarchie als Herrschaftsfreiheit.<\/p>\n<p>Jetzt ist die Frage: Wie kommen wir dahin? Und da wird der Anarchismus immer schnell gleichgesetzt mit Bombenwerfen und Terrorismus. Oder wenn gerade keine Bombenwerfer zur Verf\u00fcgung stehen, dann ist es eben &#8222;Tugendterror&#8220;.<\/p>\n<p>Aber das hat mit Terror nichts zu tun. Anarchismus ist das Streben nach einer herrschaftsfreien Gesellschaft und der Glaube daran, dass es m\u00f6glich ist, dass wir ohne Chef, ohne Unterdr\u00fcckung, ohne Kn\u00e4ste zusammen leben k\u00f6nnen. Also eigentlich ein utopisches Bestreben.<\/p>\n<p>Und dann ist noch die Frage: Wie erreichen wir das? Da sagt der Anarchismus: Das kann und muss schon im Hier und Jetzt begonnen werden. Also nicht erst abwarten und Parteien gr\u00fcnden, sondern Zweck und Mittel m\u00fcssen \u00fcbereinstimmen.<\/p>\n<p><b>Matthias Schmidt: F\u00fcr Dich ist Anarchie also Herrschaftsfreiheit, in gewisser Weise eine Utopie. Jetzt gibt es die &#8222;Alternative f\u00fcr Deutschland&#8220;, die sich auch f\u00fcr &#8222;Direkte Demokratie&#8220; ausspricht, zumindest formell. Kannst Du dazu etwas sagen und das von Deinem Demokratiebegriff abgrenzen?<\/b><\/p>\n<p><i>Andreas Kemper:<\/i> &#8222;Direkte Demokratie&#8220; ist ein sehr schwammiger Begriff. Ich spreche lieber von Basisdemokratie, das w\u00e4re etwas, was ich gerade dargestellt habe, Selbstorganisierung von Betroffenen, oder ich spreche lieber von r\u00e4tedemokratischen Modellen. In der Wirtschaft w\u00e4re das auch total wichtig. In Deutschland beschr\u00e4nkt sich die Demokratie auf den Parlamentarismus. Wir haben im ganzen Wirtschafts- und Arbeitsbereich eigentlich keine demokratischen Strukturen. Da wird alles von oben nach unten entschieden. Da ist wirklich ein Mangel an Demokratie, da m\u00fcsste etwas passieren. Gerade jetzt mit dem Niedriglohnsektor sind auch nochmal demokratische Prozesse abgebaut worden, weil es gar nicht so ohne weiteres m\u00f6glich ist, einen Betriebsrat zu gr\u00fcnden usw. Im Wirtschaftsbereich gibt es einen Mangel in Richtung R\u00e4tedemokratie.<\/p>\n<p>Was ich schwierig finde, sind bestimmte direktdemokratische Forderungen, wobei man da nochmal unterscheiden muss zwischen Volksentscheiden und Direktwahlen von Bundespr\u00e4sidenten, Bundeskanzler oder Abgeordneten. Das wird von f\u00fchrenden AfDlern forciert. Diese wollen Direktwahlen von F\u00fchrern. Parteien wollen sie also weg haben. Das finde ich sehr problematisch. In \u00e4hnlicher Weise hat sich auch Adolf Hitler als &#8222;Demokrat&#8220; verstanden, in &#8222;Mein Kampf&#8220; hat er unterschieden zwischen &#8222;germanischer Demokratie&#8220; und &#8222;j\u00fcdischer Demokratie&#8220;. Hitler hat gesagt, dass in der &#8222;germanischen Demokratie&#8220; &#8222;das Volk&#8220; den eigenen F\u00fchrer w\u00e4hlen w\u00fcrde, w\u00e4hrend der Parlamentarismus die &#8222;j\u00fcdische Demokratie&#8220; sei und die Parlamentarier sich alle hinter den Parteien versteckten, gar nicht greifbar seien, und das sei korrupt. Diese Argumentationsfigur wird auch von AfDlern gefahren. Die wollen Parteien einschr\u00e4nken, die wollen Parteistiftungen weg haben, Parteiendemokratie st\u00fcnde der Wirtschaftsentwicklung im Weg. Soziale Gerechtigkeit w\u00e4re mit dem &#8222;direktdemokratischen&#8220; Modell der AfD noch schwerer zu erreichen, und das wissen die auch.<\/p>\n<p>Ein weiterer Punkt bei &#8222;Direkter Demokratie&#8220; sind die Volksabstimmungen. Das wird auch von vielen Linken gefordert, dass wir mehr Volksabstimmungen brauchen. Da bin ich nicht generell dagegen, aber da m\u00fcssen wir ber\u00fccksichtigen, dass es eine Schere gibt zwischen Arm und Reich, die sich auch in der Wahlbeteiligung niederschl\u00e4gt. Es sind immer weniger Arme, die w\u00e4hlen. Bei den Bundestagswahlen gehen Arme seltener w\u00e4hlen als Reiche. Und je weiter das &#8222;runter&#8220; geht, Landtagswahlen, Kommunalwahlen, desto gr\u00f6\u00dfer werden die Unterschiede &#8211; und vor allem bei Volksabstimmungen, da gehen kaum noch Arme hin. Wenn es dann bei Volksabstimmungen um Fragen geht, die die Interessen der Privilegierten betreffen, dann ist &#8222;Direkte Demokratie&#8220; gef\u00e4hrlich. Das hat sich bei fast jedem Volksentscheid zu Gesamtschulen gezeigt, die gehen fast immer in Richtung &#8222;soziale Selektion&#8220; aus, also zugunsten der Kinder der Privilegierten.<\/p>\n<p><b>Bernd Dr\u00fccke: Du hast 2013 ein Buch zur AfD geschrieben. <i>Kannst<\/i> Du Deine Kernthesen ausbreiten?<\/b><\/p>\n<p><i>Andreas Kemper:<\/i> Das Buch hei\u00dft: &#8222;<i>Rechte Euro-Rebellion&#8220;<\/i>. Es geht aber gar nicht so sehr um den Euro. Auch wenn die AfD jetzt bei den Europawahlen das Thema Euro ziemlich in den Mittelpunkt stellen wird. Allerdings stellen die auch bei der Europapolitik die Demokratiefrage in den Mittelpunkt, wenn sie sagen, dass sie eine &#8222;nationale Souver\u00e4nit\u00e4t&#8220; haben wollen. Sie wollen, dass \u00fcber alle EU-Gesetze nochmal in Deutschland abgestimmt wird.<\/p>\n<p>Das eigentliche Thema der AfD ist eine Reform der demokratischen Entscheidungsstruktur. Da steckt unter anderem Hans-Olaf Henkel dahinter. Der ehemalige Pr\u00e4sident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) und stellvertretende AFD-Sprecher plant dies schon seit 1997. Unterst\u00fctzt wird diese Demokratie-&#8222;Reform&#8220; von AfD-Volkswirtschaftlern und einem Netzwerk von (ehemals) Adeligen, die eher ein st\u00e4ndisches Demokratieverst\u00e4ndnis haben. Das ist die eigentliche Gefahr der AfD.<\/p>\n<p><b>Volkan: Wenn es um das Wahlrecht geht, um die Ver\u00e4nderung der Demokratie, was f\u00fcr ein Diskurs herrscht da bei der AFD?<\/b><\/p>\n<p><i>Andreas Kemper:<\/i> Die haben verschiedene Modelle. Da sind viele Volkswirtschaftler, und die befassen sich nicht nur mit Wirtschaft, sondern auch mit Demokratie. Die verstehen sich als &#8222;Ordnungspolitiker&#8220;. Einer von denen, Ronald Vaubel, forscht seit den 1980er Jahren daran, wie man die &#8222;Leistungstr\u00e4ger&#8220; vor der &#8222;Tyrannei der Massen&#8220; bewahren kann.<\/p>\n<p>Dann haben die verschiedene Modelle, ein Modell will ein &#8222;Mehrkammersystem&#8220;, eine Kammer wird von allen Staatsb\u00fcrger*innen gew\u00e4hlt, wie jetzt, und in der anderen Kammer sind nur die &#8222;Leistungstr\u00e4ger&#8220; wahlberechtigt und die haben dann ein Vetorecht z.B. gegen Steuererh\u00f6hungen.<\/p>\n<p>Hermann Behrendt, das ist ein Jurist und stellvertretender ((2)) Vorsitzender der AfD in NRW, der sagt: &#8222;Wir m\u00fcssten das Parlament abschaffen&#8220;, weil es heute die &#8222;Arbeitsscheuen&#8220; und die &#8222;Migration der Falschen&#8220; f\u00f6rdere. Und wenn das Parlament abgeschafft sei, dann k\u00f6nnten unpopul\u00e4re Entscheidungen getroffen werden, z.B. k\u00f6nnte ein Ordnungsdienst eingef\u00fchrt oder das Streikrecht und der K\u00fcndigungsschutz abgeschafft werden.<\/p>\n<p><b>Matthias Schmidt: Wir haben gerade \u00fcber Demokratieverst\u00e4ndnisse und politische Utopien gesprochen. Das Bundesverfassungsgericht hat vor kurzem die Dreiprozenth\u00fcrde bei den Europawahlen gekippt. Kleinere Parteien wie auch die AfD freuen sich und sehen nun gro\u00dfe Chancen. Wie sch\u00e4tzt Du das ein?<\/b><\/p>\n<p><i>Andreas Kemper:<\/i> Die AfD kann laut aktuellen Umfragen im Moment mit 6 bis 8 % der abgegebenen Stimmen bei den Europawahlen rechnen. Das hei\u00dft, auch ohne Dreiprozenth\u00fcrde w\u00fcrden sie schon ins Europaparlament ziehen. Jetzt sind sie auf jeden Fall drin, selbst wenn sie nur 1,5% bekommen w\u00fcrden. Die Frage ist interessant, wer reinkommt. Auf jeden Fall Parteichef Bernd Lucke, dann Hans-Olaf Henkel und wahrscheinlich auch K\u00f6lmel und Beatrix von Storch. Letztere stehen f\u00fcr eine Familien- und Geschlechterpolitik, die \u00e4u\u00dferst problematisch ist. Da sind die sehr weit am rechten Rand. Die Agitation gegen die Homoehe kommt haupts\u00e4chlich aus diesem Spektrum um Beatrix von Storch, der sogenannten &#8222;Zivilen Koalition&#8220;, f\u00fcr die sie steht. Da gibt es dann entsprechende Connections zu \u00e4hnlichen Gruppierungen in Frankreich. Es gab gerade in Baden-W\u00fcrttemberg die ersten Demonstrationen gegen die sogenannte &#8222;Fr\u00fchsexualisierung von Grundschulen&#8220;, und da werden K\u00f6lmel und Co. auch agitieren.<\/p>\n<p><b>Matthias Schmidt: Siehst Du Ankn\u00fcpfungspunkte von diesem reaktion\u00e4ren familienpolitischen Diskurs zur Debatte, die Sarrazin in Deutschland losgetreten hat? <\/b><\/p>\n<p><i>Andreas Kemper:<\/i> Ja, unbedingt. Die AfD ist halt die Sarrazin-Partei, wobei Sarrazin selber nicht mitmacht, aber das hat einen strategischen Grund. Das sagt er immer wieder, dass er in der SPD bleibt, weil er es wichtig nimmt, dass dort auch solche Leute wie Sarrazin sind oder in der FDP solche Leute wie Sch\u00e4ffler. Das neue Buch von Sarrazin,<i> <\/i>&#8222;Der neue Tugendterror. \u00dcber die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland&#8220;<i>,<\/i> passt gut zur AfD. Sarrazin hat darin zun\u00e4chst 13 Punkte aufgelistet, wo er aufzeigt, wo seiner Meinung nach &#8222;political correctness&#8220;, der &#8222;Tugendterror&#8220; herrscht. Das sind Themen, wo es um Gleichheit geht.<\/p>\n<p>Im Dezember 2013 hat er bei der rechten, reaktion\u00e4ren &#8222;Compact&#8220;-Veranstaltung in Leipzig geredet. Eingeladen hatte ihn der rechte Ex-Antideutsche J\u00fcrgen Els\u00e4sser. Auf dieser Veranstaltung hat er noch einen 14. Punkt aufgenommen: gegen die Homo-Ehe, also &#8222;Kinder brauchen Vater und Mutter&#8220;, gegen Alleinerziehende, gegen gleichgeschlechtliche Partnerschaften.<\/p>\n<p><b>Volkan: &#8222;Political correctness&#8220; scheint in Sarrazins neuem Buch ein wichtiger Begriff zu sein. Was meint er denn damit?<\/b><\/p>\n<p><i>Andreas Kemper: <\/i>Sarrazin \u00fcbernimmt praktisch einen Diskurs bzw. einen Begriff, der urspr\u00fcnglich in den USA aufgekommen ist. Das nannte sich die &#8222;culture wars&#8220;, da ging es um Kulturk\u00e4mpfe. Die ganz Rechten haben sich quasi angelegt mit den Liberalen in den USA. Da ging es um Waffenbesitz, um Homosexualit\u00e4t, Drogenbesitz und entsprechende andere Sachen, worum die sich gestritten haben. Schlauerweise haben die irgendwann den Begriff &#8222;political correctness&#8220; f\u00fcr sich \u00fcbernommen. Urspr\u00fcnglich war das ein linker Begriff, wo antiautorit\u00e4re Linke die Parteilinie von kommunistischen Linken kritisiert haben. Das war ein ironisierender Begriff. Die Rechten haben das dann \u00fcbernommen und haben das gegen die Linken gewandt, gegen Feministinnen und Anti-Rassist*innen, die z.B. an Hochschulen gesagt haben: &#8222;Wir wollen nicht mehr, dass das &#8222;N-Wort&#8220; ((3)) benutzt wird&#8220;, wir wollen kein hatespeech, also keine Hasssprache mehr. In dem Zusammenhang ist &#8222;political correctness&#8220; damals aufgenommen worden. George Bush senior hat damals als US-Pr\u00e4sident vor laufenden Kameras eine Rede gehalten, in der er gewarnt hat, dass die Redefreiheit bedroht sei.<\/p>\n<p>Das ist genauso absurd, wie Sarrazins Agieren, der jetzt mit Hunderttausender Auflage und Vorabdruck in der BILD sagt, seine Meinungsfreiheit sei bedroht.<\/p>\n<p><b>Bernd Dr\u00fccke: Du hast zum Thema ein neues Buch herausgebracht. <\/b><\/p>\n<p><i>Andreas Kemper:<\/i> Ja, das nennt sich &#8222;Sarrazins Correctness&#8220;, weil ich sage, dass eigentlich Sarrazin die Verk\u00f6rperung des &#8222;korrekten Typen&#8220; ist, quasi wie man sich einen Spie\u00dfer vorstellt. Der ist quasi in allem korrekt, nur nicht in seinen Positionen gegen\u00fcber Schwachen. Da ist er pl\u00f6tzlich inkorrekt.<\/p>\n<p>Seine Correctness hat zwei Linien. Die eine Linie, das ist auch der alte Sarrazin, der gefordert hat, dass die Arbeitslosen sich Pullover anziehen sollen, die sollen nicht heizen, die sollen weniger Geld bekommen usw. Er hat in &#8222;Deutschland schafft sich ab&#8220; auch gefordert, dass es einen st\u00e4rkeren Arbeitszwang f\u00fcr Arbeitslose geben soll, damit die Arbeitslosen diszipliniert werden.<\/p>\n<p>Die erste Korrektionslinie ist also Disziplinierung, die zweite Rassenhygiene. Da \u00fcbernimmt er einen Diskurs, den es damals auch gegeben hat, wie z.B. im Erbgesundheitsgesetz, der davon ausgeht, dass in Deutschland die Falschen Kinder bek\u00e4men. Das sind seine beiden Typen von Korrekturen: Menschenkorrekturen und Bev\u00f6lkerungskorrekturen.<\/p>\n<p><b>Volkan: Das Sarrazin-Buch &#8222;Deutschland schafft sich ab&#8220; war sehr erfolgreich. Wie siehst Du das beim aktuellen Buch. Meinst Du, dass er hunderttausend St\u00fcck los wird? Welche Leute lesen diese B\u00fccher, nehmen seine Kritik ernst?<\/b><\/p>\n<p><i>Andreas Kemper:<\/i> Zuerst war ich skeptisch, aber es kann sein, dass sein neues Buch wieder auf Platz 1 bei Amazon landet. Er kriegt gen\u00fcgend Medienaufmerksamkeit. Ich denke, dass es mit der AfD alleine nicht klappen wird; die haben 17.000 Mitglieder. Da m\u00fcsste jeder mindestens 4 St\u00fcck kaufen,<\/p>\n<p>Aber es gibt etwas aus der Antidiskriminierungsforschung, das nennt sich &#8222;verrohtes B\u00fcrgertum&#8220; und besagt, dass das B\u00fcrgertum nicht mehr bereit ist, liberal-b\u00fcrgerlich aufzutreten, sondern dass es seit einiger Zeit seine Ellenbogen ausgefahren hat. Das geht vor allem gegen die Schwachen. Da passt Sarrazin mit seinem Rechtfertigungsdiskurs.<\/p>\n<p><b>Bernd Dr\u00fccke: Kannst Du genaueres zum Inhalt Deines neuen Buches &#8222;Sarrazins Correctness&#8220;<i> <\/i>sagen?<\/b><\/p>\n<p><i>Andreas Kemper:<\/i> Ich gehe kurz im ersten Kapitel auf Sarrazins Thesen ein. Im zweiten Teil er\u00f6rtere ich seine Korrektionslinien. Vor hundert Jahren gab es in Deutschland Korrektionsanstalten, &#8222;correction camps&#8220; im Englischen, da kamen Landstreicher, Prostituierte, Alleinerziehende, Kinder, die von zuhause abgehauen sind, straff\u00e4llig gewordene Jugendliche usw. rein. Die sollten alle korrigiert werden. Das ist quasi ein Vorl\u00e4ufer des Hartz IV-Systems mit seiner Verfolgungsbetreuung. Die geht dem Sarrazin nicht weit genug. Er sagt, dass die Arbeitslosen noch viel st\u00e4rker an die Kandare genommen werden m\u00fcssten. In den Korrektionsanstalten wurde damals festgestellt, dass sich die Menschen gar nicht beliebig korrigieren lie\u00dfen, also wurde gefolgert, dass sie komplett falsch, dekadent seien. Also m\u00fcsse man zu Bev\u00f6lkerungskorrekturen greifen. Daraus hat sich die Rassenhygiene entwickelt. Das ist ein flie\u00dfender \u00dcbergang, den auch Sarrazin vollzogen hat. Urspr\u00fcnglich hat er klassistisch gegen die Unterschichten gehetzt. Dann kam er pl\u00f6tzlich auf den Trichter, dass es bei einigen gar nicht ginge, die seien bildungsunf\u00e4hig. Auch die beste Schule k\u00f6nne ein dummes Kind nicht klug machen, da m\u00fcssten wir daf\u00fcr sorgen, dass die gar nicht erst geboren werden. Das ist die Eugenik.<\/p>\n<p><b>Bernd Dr\u00fccke: Du warst jahrelang Wikipedia-Mitarbeiter und bist ins Visier der Rechten geraten, die rechte Wochenzeitung <i>Junge Freiheit<\/i> hat 2009 ein ganzseitiges &#8222;Portr\u00e4t&#8220; \u00fcber Dich gebracht: &#8222;Wissen ist Macht. Ein Klassenk\u00e4mpfer plustert im Online-Lexikon sein Gefieder auf: Fallbeispiel eines Wikipedia-Autoren&#8220;. Wie waren da die Hintergr\u00fcnde?<\/b><\/p>\n<p><i>Andreas Kemper:<\/i> Ich konnte damals aufzeigen, dass ein Wissenschaftler, der bei Wikipedia mitgearbeitet hat, Volkmar Weiss, der B\u00fccher zur Rassenhygiene herausgegeben hat, wo es um Vererbung von Intelligenz usw. ging, in Wikipedia manipuliert und verschiedene Accounts angelegt hat. Das habe ich herausgefunden. Wir sind mit unseren unterschiedlichen Einstellungen sofort aufeinander zugerast wie zwei Dampflokomotiven, er ist aus Wikipedia rausgeflogen. Ich bin kein Administrator, ich konnte das nicht entscheiden, sondern nur zeigen, dass er manipuliert hat &#8211; das wurde \u00fcberpr\u00fcft, es wurde best\u00e4tigt, er ist rausgeflogen. Dann hat er gegen mich eine Kampagne gestartet, er hat beim Institut f\u00fcr Soziologie angerufen, ob ich \u00fcberhaupt dort studieren w\u00fcrde, meine Intelligenz w\u00fcrde gar nicht ausreichen f\u00fcr eine Dissertation.<\/p>\n<p>Dann gab es pl\u00f6tzlich einen Artikel in der <i>Jungen Freiheit<\/i>, diesem neurechten Blatt mit rechtsextremen Tendenzen, wo ich pathologisiert werden sollte. Das passt doch ganz gut in das Schema der Korrektionsanstalten. Und der Autor, der da \u00fcber mich geschrieben hat, war auch der erste, der erkannt hat, dass Sarrazin sich im eugenischen Fahrwasser bewegt. Die benennen das nat\u00fcrlich viel direkter als es Sarrazin lieb ist. Sarrazin hat auch tats\u00e4chlich von dem Volkmar Weiss abgeschrieben, also von diesem Wissenschaftler, mit dem ich bei Wikipedia Probleme hatte. Und Sarrazin ist ja alles, nur kein Intelligenzforscher, der hat alles \u00fcbernommen, zum Teil wortw\u00f6rtlich abgeschrieben. Sarrazin hat zwar sp\u00e4ter gesagt, dass er Weiss nur zitiert h\u00e4tte, wenn es um die DDR gegangen w\u00e4re. Aber das stimmt nicht. Da gab es pl\u00f6tzlich ein tempor\u00e4res &#8222;B\u00fcndnis&#8220; zwischen mir und diesem Volkmar Weiss, weil wir beide gesagt haben, dass Sarrazin sich sehr wohl bei ihm bedient h\u00e4tte.<\/p>\n<p><b>Bernd Dr\u00fccke: Wie homophob ist die AfD?<\/b><\/p>\n<p><i>Andreas Kemper:<\/i> Homophobie hei\u00dft ja w\u00f6rtlich \u00fcbersetzt Angst vor Schwulen und Lesben. Das ist eigentlich ein problematischer Begriff, Heterosexismus w\u00e4re da passender, Heteronormativit\u00e4t w\u00fcrde man in der Soziologie sagen. Das ist eine Diskriminierung von Menschen, die nicht der Norm entsprechen, wonach ein Mann eine Frau zu lieben habe oder umgekehrt.<\/p>\n<p>Die AfD und Sarrazin sagen von sich, dass sie nicht homophob seien. Wahrscheinlich haben einige tats\u00e4chlich auch irgendwelche schwulen oder lesbischen Freunde. Was die st\u00f6rt, ist, dass angeblich solche Minderheiten wie Schwule und Lesben die ganzen Medien bestimmten und dort Rechte einfordern, wo sie nichts zu suchen h\u00e4tten. Die Ehe w\u00e4re bestimmt f\u00fcr Mann und Frau und nicht f\u00fcr andere Konstellationen. Die AfD will verhindern, dass Schwule und Lesben gleiche Rechte bekommen.<\/p>\n<p><b>Volkan: Welche Schritte erw\u00e4gen sie, um diesen homophoben Diskurs fortzuf\u00fchren? In Baden-W\u00fcrttemberg gab es eine Initiative, Homosexualit\u00e4t auch in der Schule anzusprechen. Gegen dieses Vorhaben wurde mobilisiert. Welche Rollen k\u00f6nnen die AfD oder Sarrazins Buch spielen?<\/b><\/p>\n<p><i>Andreas Kemper:<\/i> Sarrazins Buch ist wegen der Mobilisierung gef\u00e4hrlich. Er hat jetzt diesen 14. Punkt neu mit hineingenommen, er hatte bei seinen bisherigen Vortr\u00e4gen 13 Punkte, seit kurzem hat er auch drin, dass zur Familie nur Mann und Frau und auch ein Kind geh\u00f6rten und sonst nichts. Die AfD ist zum einen schon massiv t\u00e4tig, vor allem die &#8222;Zivile Koalition&#8220; innerhalb der AfD, mit Massenspammails, die sie st\u00e4ndig versenden, dann haben sie aber auch in jedem kleinen Ort irgendwelche Leute sitzen, d.h., sie haben auch ein riesengro\u00dfes Potential f\u00fcr Demonstrationen. Wir werden noch nicht wie in Frankreich Demonstrationen von Hunderttausenden haben, die homophob sind. Aber mit der AfD k\u00f6nnte das wirklich passieren, die haben \u00fcberall ihre Mobilisierungsm\u00f6glichkeiten, und da liegt eine gro\u00dfe Gefahr.<\/p>\n<p><b>Bernd Dr\u00fccke: Welche Perspektiven von au\u00dferparlamentarischen Bewegungen siehst Du gegen rechte Str\u00f6mungen, gegen Sarrazin, gegen die AfD? Was ist notwendig, um diesen reaktion\u00e4ren Entwicklungen entgegen zu treten?<\/b><\/p>\n<p><i>Andreas Kemper: <\/i>Als erstes ist Aufkl\u00e4rung wichtig. Dann w\u00e4re es wichtig, das Spektrum von den Vorstellungen zu erweitern, die wir von rechts, rechtsextrem oder faschistisch haben, weil bislang faschistisch sehr schnell gleichgesetzt war mit rassistisch. In Deutschland ist Rassismus, wie Ereignisse in letzter Zeit gezeigt haben, auch weiterhin ein Problem. Ein weiteres Problem, das auch immer zum Faschismus geh\u00f6rt, ist eine ganz starke Orientierung an Familie und Vaterland sowie Demokratiefeindlichkeit. Diese beiden Punkte m\u00fcssen wegen der AfD jetzt st\u00e4rker in den Fokus ger\u00fcckt werden. Dann auch ein Hinterfragen von Direkter Demokratie, die nicht per se gut ist, ich habe ja schon darauf hingewiesen, dass sich auch Adolf Hitler als Direktdemokrat verstanden hat. Ich sehe die M\u00f6glichkeiten in Aufkl\u00e4rung und Selbstorganisierung der Betroffen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bernd Dr\u00fccke: Du lebst schon seit l\u00e4ngerer Zeit in M\u00fcnster, bist in linken und anarchistischen Zusammenh\u00e4ngen aktiv. Kannst Du uns etwas von Deiner politischen Sozialisation erz\u00e4hlen? Andreas Kemper: Ich komme aus einer evangelischen, provinziellen Arbeiterstadt und bin in den 70er Jahren sozialisiert worden. Ich bin mit der Alternativbewegung aufgewachsen und habe bei der Alternativen Liste &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2014\/05\/sarrazin-ist-kein-intelligenzforscher\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"\"Sarrazin ist kein Intelligenzforscher\" - graswurzelrevolution","description":"Bernd Dr\u00fccke: Du lebst schon seit l\u00e4ngerer Zeit in M\u00fcnster, bist in linken und anarchistischen Zusammenh\u00e4ngen aktiv. 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