{"id":13431,"date":"2014-05-01T00:00:16","date_gmt":"2014-04-30T22:00:16","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13431"},"modified":"2022-07-26T14:22:19","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:19","slug":"der-andere-handel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2014\/05\/der-andere-handel\/","title":{"rendered":"Der Andere Handel"},"content":{"rendered":"<p>Weit weniger bekannt ist der \u00f6konomische Sektor der kleinb\u00e4uerlich-indigen                 gepr\u00e4gten Bewegung, der im Folgenden anhand von Einblicken in                 alternativ \u00f6konomische Versuche seitens der Zapatistas skizziert                 werden soll.<\/p>\n<h3>Kollektive und Kooperativen<\/h3>\n<p>In den oppositionellen Gebieten des mexikanischen S\u00fcdostens gibt                 es eine Vielzahl an Kollektiven und Kooperativen in folgenden                 Bereichen: Taxis, Kleinbus- und Warentransport, Backwerk, Gemeinschaftsl\u00e4den,                 kleine Restaurants, Vieh- und Gem\u00fcsekollektive, Kunsthandwerk                 und Kaffee. Dabei sind die Kollektive nicht nur f\u00fcr die Anh\u00e4nger*innen                 der EZLN konzipiert, wie uns die &#8222;compas&#8220; (dt.: Genoss*innen)                 immer wieder berichteten. <\/p>\n<p>Es kaufen auch viele Nicht-Zapatistas bei den Kollektiven ein.                 Nach wie vor reden die Zapatistas davon, dass sie hoffen, dass                 die &#8222;nicht zapatistischen Geschwister&#8220; eines Tages einsehen werden,                 dass die Projekte von Regierung und Privatwirtschaft ihnen langfristig                 viele Nachteile bringen und sie sich den Zapatistas anschlie\u00dfen                 bzw. auf ihre Art und Weise gegen die Regierung Widerstand leisten                 und eigene alternative Wege gehen. <\/p>\n<h3>Die Bedeutung der kollektiven \u00f6konomischen Strukturen<\/h3>\n<p>Die Arbeitskollektive sind eine wichtige St\u00fctze der Bewegung                 und bringen den Aufbau der Autonomie und der selbstverwalteten                 Strukturen voran. <\/p>\n<p>Die Einnahmen der Kollektive werden h\u00e4ufig in den Aufbau weiterer                 Projekte investiert, aber auch f\u00fcr Beteiligungen an Feierlichkeiten                 genutzt oder wenn eine Notsituation in einer Familie oder im Dorf                 auftritt. Die Kollektivarbeiten sind Ausdruck des gemeinschaftlichen                 Konzeptes in den Gemeinden: &#8222;All diese Arbeiten haben nicht das                 Ziel, die Einnahmen unter uns aufzuteilen, sondern wir wollen                 damit einen kleinen regionalen oder Gemeinde-Geldfonds anlegen,                 um diejenigen von uns zu unterst\u00fctzen, die verschiedene T\u00e4tigkeiten                 innerhalb der Organisation ausf\u00fchren.&#8220; ((1))               <\/p>\n<p>Dazu z\u00e4hlen z.B. Fahrt- und Verpflegungskosten von Amtstr\u00e4ger*innen                 (z.B. Mitglieder des Rates der Guten Regierung, Gesundheits-,                 Bildungs- oder Agrarpromotor*innen) f\u00fcr Weiterbildungsseminare                 und Delegiertentreffen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend unserer Aufenthalte in Chiapas haben wir immer wieder                 erfahren, dass sehr viel Wert auf das Gemeinschaftliche gelegt                 wird. Die einzelne Person steht nicht im Mittelpunkt, sondern                 das Ziel, eine andere, solidarische Welt aufzubauen. <\/p>\n<p>Gut \u00fcberlegte Strukturen und eine jahrelang durchdachte und erprobte                 Organisierung sind notwendig, um dies zu erreichen. Dazu geh\u00f6rt                 auch die Annahme von Aufgaben, die eigentlich nicht zu den eigenen                 &#8218;Lieblingst\u00e4tigkeiten&#8216; geh\u00f6ren, aber eben notwendig sind.<\/p>\n<h3>Zapatistische Kaffeekooperativen<\/h3>\n<p>Neben den kollektiv erwirtschafteten Einnahmen spielen Kooperativen                 mit gemeinschaftlicher Organisierung als individuelle Einnahmequelle                 eine elementare Rolle. Hierzu geh\u00f6ren z.B. Kunsthandwerks-, Taxi-                 oder auch die Kaffeekooperativen. Am Beispiel der Kaffeekooperativen                 l\u00e4sst sich verdeutlichen, wie die Kooperativen organisiert sind                 und arbeiten. Ziel ist es, einen Anderen Handel aufzubauen, der                 nicht vom ausbeuterischen und bevormundenden Zwischenhandel abh\u00e4ngig                 ist. <\/p>\n<p>In Chiapas gibt es zurzeit drei zapatistische Kaffeekooperativen,                 die eine Exportgenehmigung haben.<\/p>\n<p>Jede Kaffeekooperative hat eine mesa directiva, einen Vorstand,                 der i.d.R. aus einem Presidente (Vorsitzende*r), Sekret\u00e4r*in und                 einem\/rKassenwart*in besteht. <\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus gibt es eine Vielzahl an t\u00e9cnicos, Berater*innen                 im \u00f6kologischen Anbau und der Weiterverarbeitung der Kaffeekirschen                 bis zum exportfertigen Rohkaffee, sowie Kommissionen f\u00fcr verschiedene                 Arbeitsbereiche. Genauso wie bei allen \u00c4mtern der zapatistischen                 Bewegung gilt: die \u00c4mter sind unbezahlt und werden von den Delegierten                 nur so lange ausgef\u00fchrt, wie sie ihre Arbeit zur Zufriedenheit                 der Basis aus\u00fcben. Sie sind jeder Zeit absetzbar. In der Regel                 haben die Delegierten ihre \u00c4mter f\u00fcr drei Jahre. <\/p>\n<p>Wichtige Entscheidungen k\u00f6nnen sie nicht alleine f\u00e4llen: alle                 Angeh\u00f6rigen der Kooperative werden einbezogen.<\/p>\n<p>Zudem findet eine enge Zusammenarbeit mit dem basisdemokratischen                 Rat der Guten Regierung statt. Dies sind die f\u00fcnf zapatistischen                 Selbstverwaltungsr\u00e4te, die jeweils mehrere autonome Landkreise                 mit mehreren Tausend Menschen aus den rebellischen Gemeinden organisieren.                 Auch wenn sich die Kaffeeimportierenden mit den Kaffeekooperativen                 treffen, findet es immer in Anwesenheit und im Austausch mit dem                 Rat der Guten Regierung statt. Offenheit und Transparenz sind                 wichtige Anliegen.<\/p>\n<p>Im Interview erl\u00e4utert Estela Barco von der pro-zapatistischen                 Organisation DESMI in San Cristobal in Chiapas, die eine der Kooperativen                 unterst\u00fctzt, die Vision f\u00fcr eine alternative \u00d6konomie: <\/p>\n<p>&#8222;Wir sehen eine ganze Reihe von Vorteilen im solidarischen Handel.                 Einer ist, dass Netzwerke gekn\u00fcpft werden. Damit auf eine andere                 Art verkauft und vermarktet wird, auf eine gerechtere Art. Wir                 sehen, dass es bisher in den H\u00e4nden der coyotes (dt.: Zwischenh\u00e4ndler)                 liegt und dass dies ein permanenter Missbrauch gegen\u00fcber den B\u00e4uer*innen                 ist, denn ihre ganze Arbeit wird \u00fcberhaupt nicht anerkannt. <\/p>\n<p>Der solidarische Handel bem\u00fcht sich darum, diese Arbeit anzuerkennen                 und einen gerechteren Preis durchzusetzen. Es soll keine Machtbeziehung                 mehr sein, so wie bisher, dass der Coyote den B\u00e4uer*innen den                 Preis aufzwingt und die Leute gar nicht wissen, an wen \u00fcberhaupt                 ihr Produkt verkauft wird. <\/p>\n<p>Wir wollen, dass wir auf einer Ebene sind und gemeinsam die Preise                 absprechen. Es geht um eine gegenseitige Ann\u00e4herung. (&#8230;) Das                 sind Mechanismen, um diese Anderen \u00d6konomie aufzubauen, die sich                 vom kapitalistischen System unterscheidet.&#8220;<\/p>\n<h3>Der Andere Handel hier in Europa <\/h3>\n<p>Es gibt viele solidarische Gruppen auf der ganzen Welt, die den                 Anderen Handel der Zapatistas unterst\u00fctzen. In Europa ist das                 &#8211; neben Einzelnen und Gruppen die zapatistisches Kunsthandwerk                 weiterverkaufen &#8211; das RedproZapa. Dies ist ein europaweites Netzwerk                 von Gruppen, die Rohkaffee der zapatistischen Kooperativen einkaufen                 und als R\u00f6stkaffee weitervertreiben.<\/p>\n<p>Auf einmal j\u00e4hrlich stattfindenden Treffen tauschen sich diese                 Gruppen aus Spanien, der Schweiz, Schweden, Norwegen, Italien,                 Griechenland, Frankreich, Finnland und Deutschland dar\u00fcber aus,                 wie der solidarische Handel und der Kontakt mit den zapatistischen                 Kooperativen funktioniert und welche Schwierigkeiten und Verbesserungen                 gesehen werden.<\/p>\n<p>F\u00fcr uns in Hamburg bei Aroma Zapatista ist und bleibt es ein                 zentrales Ziel, die zapatistische Autonomie durch den Import von                 ihrem Kaffee und Tee zu st\u00e4rken. <\/p>\n<p>Aber es geht uns auch um weitere Perspektiven: neben dem Aufbau                 selbstverwalteter und kollektiver Arbeitsstrukturen f\u00fcr uns selber,                 streben wir auch eine l\u00e4nder\u00fcbergreifende Vernetzung und Unterst\u00fctzung                 von linken Kooperativen an, indem wir z.B. das \u00d6l eines griechischen                 Kollektives in unser Verkaufssortiment nehmen und auch nach weiteren                 Produkten aus kollektiver Arbeit suchen.<\/p>\n<p>Selbstverwaltete Kooperativen sehen wir als eines von mehreren                 wichtigen Werkzeugen f\u00fcr eine gerechtere Welt. <\/p>\n<p>In diesen Punkten sind wir uns \u00fcbrigens sehr einig mit den zapatistischen                 Kooperativen und freuen uns auf eine weitere langj\u00e4hrige solidarische                 Zusammenarbeit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weit weniger bekannt ist der \u00f6konomische Sektor der kleinb\u00e4uerlich-indigen gepr\u00e4gten Bewegung, der im Folgenden anhand von Einblicken in alternativ \u00f6konomische Versuche seitens der Zapatistas skizziert werden soll. 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