{"id":13441,"date":"2014-05-01T00:00:08","date_gmt":"2014-04-30T22:00:08","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13441"},"modified":"2022-07-26T13:05:45","modified_gmt":"2022-07-26T11:05:45","slug":"die-zeit-der-suende-ist-vorbei-nun-kommt-die-zeit-der-bestrafung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2014\/05\/die-zeit-der-suende-ist-vorbei-nun-kommt-die-zeit-der-bestrafung\/","title":{"rendered":"&#8222;Die Zeit der S\u00fcnde ist vorbei. Nun kommt die Zeit der Bestrafung&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Dabei handelt es sich um den Bibel-Blockbuster <i>Noah<\/i> und                 die &#8222;Extase aus Blut und Stahl&#8220; ((3))                 <i>300: Rise of an Empire<\/i>, dem zweiten Teil des Welterfolgs                 <i>300<\/i> (und deshalb im Weiteren der Einfachheit halber 302                 genannt). Beide k\u00f6nnen als ein mehr oder weniger direktes sozialdarwinistisches                 Pl\u00e4doyer f\u00fcr die v\u00f6llige Vernichtung bestimmter Menschengruppen                 verstanden werden. <\/p>\n<p>W\u00e4hrend bei 302 in loser Anlehnung an die Schlachten von Artemision                 und Salamis Horden von Perser f\u00fcr &#8222;Freiheit!&#8220; und &#8222;Demokratie!&#8220;                 massakriert werden, geht es in Noah gleich der gesamten s\u00fcndigen                 Menschheit an den Kragen.<\/p>\n<h3>&#8222;Extase aus Blut und Stahl&#8220;<\/h3>\n<p>Kernelement von 302 ist, wie beim Vorg\u00e4nger, eine scheinbar bei                 Leni Riefenstahl abgeschaute \u00c4sthetik von halbnackten m\u00e4nnlichen                 K\u00f6rpern, deren st\u00e4hlerne Muskeln sich in Zeitlupe wieder und wieder                 anspannen, um Horden von gesichtslosen Persern unter plastischen                 Blutfont\u00e4nen niederzumetzeln. Im ersten Teil wurden die Perser                 noch fast g\u00e4nzlich als entweder k\u00f6rperlich entstellt oder homosexuell                 dargestellt (da hat ein Befehlshaber schon mal Krebsscheren statt                 H\u00e4nden) und gleichen insgesamt eher den Orks aus Der Herr der                 Ringe als Menschen. <\/p>\n<p>In 302 besteht ihre Verfehlung dagegen eher darin, irgendwie                 undemokratisch zu sein, was sp\u00e4testens dann absurd wirkt, wenn                 die griechischen Senatoren als alte Weichlinge dargestellt werden,                 deren einzige Funktion darin besteht, die Kriegsf\u00fchrung zu behindern.<\/p>\n<p>Der ungleich heldenhaftere Charakter der Soldaten wird schon                 allein durch ihre Anabolikamuskeln unterstrichen, die aufgrund                 der Tatsache, dass die Soldaten statt eines Panzers nur Unterhosen                 tragen, den Hauptinhalt der Bilder ausmachen. Der Film l\u00e4sst keinerlei                 Zweifel dar\u00fcber, wie die Griechen zu einem solchen Volk von H\u00fchnen                 geworden sind: Durch Drill und Selektion. Schon im ersten Teil                 wird gezeigt, wie die Spartiaten Kinder, die krank oder nicht                 stark genug sind, einfach auf einem riesigen M\u00fcllhaufen entsorgen.                 Auch im zweiten Teil wird den Griechen, die nicht zu perfekten                 Killermaschinen taugen, nur Verachtung entgegengebracht.<\/p>\n<p>Bei Noah bekommen die Kategorien von Gut und B\u00f6se ebenfalls eine                 biologische Komponente. So erkl\u00e4rt Regisseur und Autor Aronofski                 die Aufteilung der Menschheit in S\u00fcnder_innen und Gl\u00e4ubige durch                 einen generationen\u00fcbergreifenden Konflikt zwischen zwei &#8222;St\u00e4mmen&#8220;.                 Auf der einen Seite der &#8222;Stamm Kains&#8220;, also der Nachfahren des                 ersten Sohnes von Adam und Eva, der seinen Bruder erschlug. Dieser                 hat offenbar die S\u00fcnde im Blut, was alle seine Angeh\u00f6rigen zu                 gottlosen vernichtungsw\u00fcrdigen Barbaren macht. Auf der anderen                 Seite stehen die unschuldigen Nachfahren Sets, also des dritten                 Sohnes von Adam und Eva, die kurioserweise als eine Art esoterische                 Sekte dargestellt werden, die sich vegan ern\u00e4hrt und fortw\u00e4hrend                 &#8222;die Welt heilen&#8220; will.<\/p>\n<p>Das freilich dr\u00fcckt sich in der v\u00f6lligen Vernichtung allen schuldigen                 Lebens aus, mit dem Ziel, durch die Reduktion der Menschheit auf                 deren beste Vertreter_innen (Noah und seine Familie, plus einige                 Tiere) eine neue, reine Aufzucht zu beginnen. <\/p>\n<h3>Die Angst vor dem Weiblichen<\/h3>\n<p>Als Vollstrecker dieses g\u00f6ttlichen Plans wird Noah auserw\u00e4hlt,                 der fortan besessen von der Ausl\u00f6schung der Menschheit ist &#8211; und                 das vor allem an den Frauen ausl\u00e4sst. W\u00e4hrend in der Bibel davon                 gesprochen wird, dass auch die Frauen von Noahs S\u00f6hnen \u00fcberleben                 sollen, wird im Film nur eine, Ila, auserw\u00e4hlt, und zwar weil                 sie scheinbar unfruchtbar ist. Als Ila gegen Ende des Films unerwartet                 Zwillinge gebiert, will Noah sie umbringen. Seinen Sohn Ham zwingt                 er dazu, seine Freundin dem Tod zu \u00fcberlassen. <\/p>\n<p>Trotz der nicht ganz bibelgetreuen Umsetzung zeigt sich darin                 ein Motiv, das auch schon in der biblischen Noah-Geschichte angelegt                 ist: Die Zuschreibung allen \u00dcbels auf die Sexualit\u00e4t von Frauen.                 So beginnt in der Bibel der moralische Verfall der Menschheit                 damit, dass sich &#8222;die Gottess\u00f6hne mit den Menschent\u00f6chtern eingelassen                 hatten&#8220; (Gen. 6,4). <\/p>\n<p>Dieses Motiv nimmt auch in 302 eine zentrale Stellung ein. Dort                 wird die Flottenkommandantin Artemisia (historisch die F\u00fcrstin                 von Halikarnassos) als geheime Macht hinter dem Perserk\u00f6nig Xerxes                 eingef\u00fchrt, der schon im ersten Teil als B\u00f6sewicht fungierte.                 Eva Green stellt Artemisia als eine Art Domina dar, deren Gef\u00e4hrlichkeit                 haupts\u00e4chlich aus ihrer Sexualit\u00e4t besteht. Mit S\u00e4tzen wie: &#8222;Ich                 kenne jeden einzelnen Mann unter meiner Peitsche&#8220;, verk\u00f6rpert                 sie eine abstrakte m\u00e4nnliche Angst vor einem Matriarchat, die                 nur durch ihre Vergewaltigung (in der Mitte des Films) und ihre                 Hinrichtung (am Ende des Films) durch den Helden gebannt werden                 kann. Sogar letztere wird in sexueller Symbolik inszeniert: Ein                 letztes Mal versucht sie ihren Gegenspieler Themistokles zu verf\u00fchren,                 was in einen sexualisierten Kampf \u00fcbergeht (Sie leckt sich nach                 einem Faustschlag ins Gesicht lustvoll das Blut von den Lippen                 und raunt: &#8222;Du k\u00e4mpfst h\u00e4rter als du fickst.&#8220;). Am Ende rammt                 Themistokles ihr sein Schwert in den Unterleib, das sp\u00e4testens                 dann zum Phallussymbol wird, wenn Artemisia einige Male st\u00f6hnend                 darauf hin und her rutscht, um dann vor Themistokles auf die Knie                 zu sinken. <\/p>\n<p>Themistokles selbst hatte dagegen, wie er Artemisia entgegenh\u00e4lt,                 &#8222;nie Zeit, eine Familie zu gr\u00fcnden. Ich widmete mein Leben der                 einzigen Liebe meines Lebens, der griechischen Flotte.&#8220; Wie beinahe                 alle anderen Griechen wird er als das Idealbild eines Mannes als                 Soldaten inszeniert, der sich durch einen fanatischen Patriotismus,                 Aufopferung, Muskelkraft und Dominanz auszeichnet. Immer wieder                 halten die griechischen Feldherren von heroischen Melodien untermalte                 Ansprachen an ihre Soldaten, wie z.B. &#8222;Eines Spartiaten gr\u00f6\u00dfter                 Augenblick, die gr\u00f6\u00dfte Erf\u00fcllung bei allem was ihm teuer ist,                 ist der Augenblick, wenn er sich f\u00fcr den Erhalt unseres Spartas                 die Seele aus dem Leib geschunden hat und Tod auf dem Schlachtfeld                 findet.&#8220; <\/p>\n<h3>Die Ausrottung der Anderen<\/h3>\n<p>Vorher sollte er aber selbstverst\u00e4ndlich gnadenlos Massen von                 Anderen niedermetzeln, die als Feinde identifiziert wurden. Und                 das erstreckt sich keineswegs nur auf die k\u00e4mpfenden Feinde. So                 ist der Ausgangspunkt des Filmes, das Vers\u00e4umnis von Themistokles,                 den jungen Xerxes gleich mit zu t\u00f6ten, als er dessen Vater erschossen                 hat. &#8222;Themistokles wusste, dass er diesen Knaben h\u00e4tte t\u00f6ten sollen.                 Dieser gewaltige Fehler sollte ihn f\u00fcr immer verfolgen&#8220;, wird                 aus dem Off kommentiert. <\/p>\n<p>Dasselbe gilt f\u00fcr Artemisia, die als Kind in griechische Gefangenschaft                 ger\u00e4t, dort \u00fcber Jahre von Soldaten vergewaltigt und dann halbtot                 auf die Stra\u00dfe geworfen wird. Genau wie Xerxes \u00fcberlebt sie und                 schw\u00f6rt Rache. Auch hier greift, wenn auch nur implizit, die Logik,                 dass die griechischen Soldaten mal wieder zu gn\u00e4dig waren und                 sie doch besser gleich h\u00e4tten umbringen sollen. <\/p>\n<h3>Der antike Krieg gegen den Terror<\/h3>\n<p>Es ist schwer, in dieser Logik nicht eine Begleitpropaganda zum                 &#8222;Krieg gegen den Terror&#8220; zu sehen, in dem immer wieder mit derselben                 Rhetorik die Ermordung von Freunden und Familienmitgliedern von                 &#8222;Terroristen&#8220; gerechtfertigt wird. Dass die Perser im Film Selbstmordattent\u00e4ter                 einsetzen, die sich mit umgeschnallten Bomben an die griechischen                 Schiffe klammern, macht dem von westlichen Medien sozialisierten                 Blick wohl unmissverst\u00e4ndlich klar, wer hier gemeint ist. <\/p>\n<p>Als Grund f\u00fcr den &#8222;Terror&#8220; der Perser reicht im Film, wie im                 echten Leben, die Feststellung, diese seien &#8222;ver\u00e4rgert \u00fcber die                 Freiheit der Griechen&#8220;. Selbstverst\u00e4ndlich geht es aber nicht                 nur um Griechenlands, sondern um die Rettung der gesamten Welt                 (vor dem Morgenland), wie gleich zu Anfang angek\u00fcndigt wir. Und                 diese Rettung erfordert &#8222;eine Flutwelle aus Heldenblut.&#8220;<\/p>\n<p>Auch bei Noah erweist es sich als Fehler, die Feinde nicht bis                 zum letzten ausgemerzt zu haben: Nachdem die Besatzung der Arche                 die zur\u00fcckbleibenden Barbaren mit Waffengewalt daran gehindert                 hat, auf das Schiff zu gelangen, werden diese von den Wassermassen                 verschlungen &#8211; bis auf den S\u00fcnderk\u00f6nig Tubal-Kain, der sich an                 das Schiff klammert. Kaum ist er an Bord, beginnt er Ham, der                 noch dar\u00fcber erbost ist, dass seiner Freundin dem Tod \u00fcberlassen                 wurde, auf die Seite der S\u00fcnde zu ziehen und gegen Noah aufzuhetzen.<\/p>\n<h3>Christliche Sorgen<\/h3>\n<p>Noch vor dem Erscheinen von Noah meldete die einflussreiche National                 Religious Broadcasters Group Bedenken gegen die Darstellung der                 Ausl\u00f6schung der Menschheit an &#8211; und zwar recht erstaunliche: &#8222;Alle                 Menschen bis auf acht zu t\u00f6ten, um neu anzufangen (wie es die                 Bibel darstellt), mag unseren modernen Geistern etwas \u00fcbertrieben                 erscheinen, aber aus einer christlichen Perspektive best\u00e4tigt                 dies das Bild von Gott im Menschen, das ihm Wert gibt, trotz des                 B\u00f6sen.&#8220; <\/p>\n<p>Die Vernichtung der Menschheit wird also nicht positiv genug                 dargestellt, wo sie doch eigentlich den Verbleibenden so viel                 Wertsch\u00e4tzung zeigt. Auch mit der Darstellung von &#8222;Evolution&#8220;                 im Film war die NRB nicht zufrieden. Im Film gibt es zun\u00e4chst                 Gott, der das Licht schafft und dann das Leben, das sich &#8211; Ketzerei!                 &#8211; von selbst weiterentwickelt. Zwar erscheint dann pl\u00f6tzlich aus                 dem Nichts ein Menschenpaar, ohne Primaten-Vorstufen, aber das                 ist der NRB nicht genug: &#8222;Ein klares Lesen der Bibel legt nahe,                 dass neue &#8218;Arten&#8216; von Leben eigens erschaffen wurden und nicht                 entstanden sind.&#8220;<\/p>\n<p>Diese und andere Beschwerden der NRB lie\u00dfen Paramount wohl um                 die Zuschauerscharen der fundamentalistischen Christ_innen f\u00fcrchten,                 die schon Mel Gibsons Folterepos &#8222;Die Passion Christi&#8220; zu einem                 Kassenschlager machten, so dass die Firma den Film anpassen lassen                 wollte, was der Regisseur nach heftigen Diskussionen verhinderte.                 Als Kompromiss wird der Film und s\u00e4mtliches Werbematerial nun                 in den USA die Warnung enthalten, dass er eine spekulative Auslegung                 der Bibel sei, keine w\u00f6rtliche, und dass die Geschichte Noahs                 im Buch Genesis nachgelesen werden k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Es gab aber auch positive Reaktionen der Kirche auf den Film.                 So lobte der katholische Promi-Priester Robert Barron den Film                 daf\u00fcr, die wichtigsten christlichen Werte zu beinhalten: &#8222;Gott,                 Sch\u00f6pfung, Vorsehung, S\u00fcnde, Gehorsam, Erl\u00f6sung. Nicht schlecht                 f\u00fcr einen gro\u00dfen Hollywood-Film.&#8220; <\/p>\n<p>Wie ihm wohl 302 gefallen hat? Den Zuschauer_innen zumindest                 scheinen wohl beide Filme gleicherma\u00dfen zuzusagen, denn gleich                 bei seinem Erscheinen verdr\u00e4ngte Noah 302 von Platz 1 der US-Kinocharts.               <\/p>\n<p>Es stimmt bedenklich, wenn eine faschistoide \u00c4sthetik, wie diejenige                 von 302, und die Ausrottung der S\u00fcndigen einen derartigen Anklang                 finden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dabei handelt es sich um den Bibel-Blockbuster Noah und die &#8222;Extase aus Blut und Stahl&#8220; ((3)) 300: Rise of an Empire, dem zweiten Teil des Welterfolgs 300 (und deshalb im Weiteren der Einfachheit halber 302 genannt). Beide k\u00f6nnen als ein mehr oder weniger direktes sozialdarwinistisches Pl\u00e4doyer f\u00fcr die v\u00f6llige Vernichtung bestimmter Menschengruppen verstanden werden. 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