{"id":13443,"date":"2014-05-01T00:00:28","date_gmt":"2014-04-30T22:00:28","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13443"},"modified":"2022-07-26T14:12:07","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:07","slug":"es-kommt-auf-die-beduerfnisse-an","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2014\/05\/es-kommt-auf-die-beduerfnisse-an\/","title":{"rendered":"&#8222;Es kommt auf die Bed\u00fcrfnisse an&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Das erz\u00e4hlte Bernd Kramer am 3. April 2014 vor rund 100 Trauernden w\u00e4hrend der bewegenden Beerdigung seiner gro\u00dfen Liebe auf dem Neuen Luisen Kirchhof in Berlin-Neuk\u00f6lln.<\/p>\n<p>Was den BZ-Redakteur verbl\u00fcfft haben mag, das ist f\u00fcr Bernd und war f\u00fcr Karin Kramer immer selbstverst\u00e4ndlich: BZ, BILD und Co. stehen auf der anderen Seite der Barrikade.<\/p>\n<p>Springer steht f\u00fcr Volksverhetzung, Deutscht\u00fcmelei, Rassismus, Terroristenhysterie, nach oben buckeln, nach unten treten, \u00fcbelste Hetze gegen alles, was anders, links, antimilitaristisch, anarchistisch, antirassistisch, emanzipatorisch ist. Springer, das ist Kalter Krieg und Muff von tausend Jahren.<\/p>\n<h3>Karin Kramer: &#8222;Enteignet Springer!&#8220;<\/h3>\n<p>Mit der &#8222;gr\u00f6\u00dfte[n] Zeitung Berlins&#8220; (BZ-Untertitel) hatten sich Bernd und Karin Kramer schon angelegt, als dieses Boulevardblatt noch intensiv f\u00fcr den Vietnamkrieg und gegen &#8222;langhaarige, verdreckte Vietcong-Anh\u00e4nger, die da \u00f6ffentlich Geschlechtsverkehr treiben&#8220;<b> <\/b>((1)) hetzte.<\/p>\n<p>Ende 1967 waren Karin und Bernd Gr\u00fcndungsmitglieder einer anarchistischen Kommune in West-Berlin. Am 29. Februar 1968 hatten sie zusammen mit den anderen KommunardInnen die erste Ausgabe eines bahnbrechenden Organs der Gegenkultur herausgebracht. Bernd: &#8222;Wir wollten, wir mussten eine Zeitung machen, mit einer Zeitung beginnt alle politische Arbeit. Wie sollte unser Blatt nun hei\u00dfen? Wir hechelten verschiedene radikale Namen durch, bis einer von uns ein Rechteck zeichnete. Da sollte der Name rein. Aber dann die Erleuchtung: Wenn es ein Rechteck gibt, dann muss es auch ein <i>linkeck <\/i>geben.&#8220; ((2))<\/p>\n<p>Der Beschlagnahmebeschluss gegen <i>linkeck<\/i> wegen &#8222;Versto\u00df gegen das Warenzeichengesetz&#8220; und &#8222;Verdacht auf Verbreitung unz\u00fcchtiger Schriften&#8220; lie\u00df nicht lange auf sich warten.<\/p>\n<p>&#8222;Hatten wir angenommen, <i>linkeck<\/i> Nr. 1 w\u00fcrde wegen der Titelseite &#8218;Vergast die Kommune&#8216; beschlagnahmt (das war immerhin eine Aufforderung zum Mord), ging es stattdessen um zwei Buchstaben &#8211; &#8218;BZ&#8216; &#8211; und ein nacktes Ges\u00e4\u00df&#8220;, so die ehemaligen <i>linkeck<\/i>-KommunardInnen. ((3)) Das &#8222;Dreigeteilt &#8211; niemals&#8220; war eine Ironisierung eines revanchistischen CDU-Plakates, das die BRD, die DDR (SBZ) und die ehemaligen deutschen Ostgebiete in Polen und Russland als politische Einheit darstellte. Das ironisch gemeinte &#8222;Vergast die Kommune&#8220; war ein Spruch, der linken KommunardInnen damals st\u00e4ndig von alten Nazis ins Gesicht gebr\u00fcllt wurde.<\/p>\n<p>So ging es weiter. <i>linkeck<\/i> Nr. 2 wurde wegen Beleidigung und Abbildung von &#8222;Obsz\u00f6nit\u00e4ten&#8220; beschlagnahmt, Nr. 3 wegen Abbildung eines verbotenen NS-Emblems und &#8222;Aufruf zu Gewalt&#8220;. &#8222;Nummer 3a fiel der Zensur zum Opfer, weil wir \u00fcber die SS-Vergangenheit des Polizeikommandeurs von Berlin berichtet hatten. Nummer 4 wurde konfisziert, da wir \u00fcber den erzreaktion\u00e4ren CDU-Abgeordneten Wohlrabe berichtet hatten (\u2026), au\u00dferdem f\u00fchlte sich ein Springerkarikaturist beleidigt.&#8220;<\/p>\n<p>Auch <i>linkeck<\/i> Nr. 5 und 6 wurden mit \u00e4hnlichen Begr\u00fcndungen kriminalisiert. Schnell wurde das Szeneblatt bundesweit ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigt, und die \u00fcberregional verbreitete Auflage stieg von 4.000 auf 6.000, nicht zuletzt dank der Hetze gegen <i>linkeck<\/i> in den Revolverbl\u00e4ttern des Springerkonzerns.<\/p>\n<p><i>linkeck<\/i> sorgte f\u00fcr Aufsehen, mit antiklerikalen, staats- und SDS-feindlichen Collagen und Cartoons, zum Teil pornographischen Fotos, die als Provokation und Protestmittel f\u00fcr die sexuelle Befreiung, gegen die repressive (Kirchen-Staats-)Moral und unter dem Motto &#8222;Enteignet den hygienischen Sex!&#8220; als Reaktion auf die Konkret-Nackt-Titelseiten gemeint war. Als neoanarchistisches Blatt setzte sich linkeck zudem mit sozialrevolution\u00e4ren, undogmatischen, oft satirischen, ironisch-sarkastischen Texten sowohl von den marxistisch gepr\u00e4gten Organen des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) der damaligen Zeit als auch von den in kleiner Auflage publizierten Bl\u00e4ttern der Alt-Anarchisten ab.<\/p>\n<h3>Vergleichbares hatte es zuvor nur in den USA gegeben ((4))<\/h3>\n<p>Das dadaistisch inspirierte Schnibbellayout und der schrille, provokative Stil von <i>linkeck<\/i> waren 1968 hierzulande ein Novum und f\u00fcr viele danach herausgekommene Anarchobl\u00e4tter im deutschsprachigen Raum eine Inspirationsquelle. Vor <i>linkeck<\/i> publizierte anarchistische Zeitschriften waren eher als seri\u00f6se Bleiw\u00fcste aufgemacht.<\/p>\n<p>Das gilt auch f\u00fcr die von 1965 bis 1966 dreizehnmal erschienene <i>Direkte Aktion &#8211; Bl\u00e4tter f\u00fcr Gewaltfreiheit und Anarchismus<\/i> aus Hannover.<b> <\/b>((5)) Karin kannte diese Vorl\u00e4uferzeitung der 1972 gegr\u00fcndeten <i>Graswurzelrevolution<\/i>, empfand sie 1968 aber als &#8222;zu brav&#8220;.<\/p>\n<p>Karin und ihre Mit-RedakteurInnen wurden zwar auch durch die kleinen Zeitungen der Alt-AnarchistInnen inspiriert. Mit <i>linkeck<\/i> betraten sie aber Neuland und leiteten einen publizistischen, neo-anarchistischen Paradigmenwechsel im deutschsprachigen Raum ein.<\/p>\n<p>Karin \u00e4u\u00dferte sich dazu in einem Interview, das ich mit ihr und ihrem Liebsten im September 2005 zum 35. Geburtstag des Karin Kramer Verlags (KKV) f\u00fcr die <i>Graswurzelrevolution<\/i> gef\u00fchrt habe: &#8222;Ja, das war das Sch\u00f6ne, viele Zeitungen und Zeitschriften kopierten <i>linkeck; <\/i>so auch eine Sch\u00fcler-Zeitung aus Berlin-Spandau: <i>Radikalinski. <\/i>Einen riesigen Wirbel verursachten damit die Sch\u00fcler, weil sie u.a. ihren Direktor, mit Wohnanschrift, sehr robust angriffen.&#8220;<\/p>\n<p>Bevor die &#8222;underground zeitung linkeck&#8220; 1969, nach Erscheinen der Nr. 9, eingestellt wurde und sich die gleichnamige Kommune aufl\u00f6ste, wurden Karin, Bernd und zwei weitere <i>linkeck<\/i>-MitarbeiterInnen wegen &#8222;Beleidigung&#8220; und &#8222;Verbreitung unz\u00fcchtiger Schriften&#8220; verurteilt und &#8222;mussten die Staatskasse f\u00fcttern&#8220;. <i><\/i><\/p>\n<p>Karin: &#8222;Um den \u00dcberblick \u00fcber die diversen Verfahren und Strafgeldzahlungen nicht zu verlieren, wurden Listen angelegt; die Geldstrafen (bisweilen 800 DM) stotterten wir, schon allein um die Staatsdiener zu \u00e4rgern, in 5-, mal in 10-Mark-Raten ab. Der uns aufgedr\u00e4ngte, \u00fcberdurchschnittlich emsige Schriftverkehr mit Polizei- und Gerichtsbeh\u00f6rden hatte eine grandiose &#8218;Erfindung&#8216; zur Folge. Alle Brieftexte unserseits an diese Dienststellen schrieben wir so eng an den linken Rand, dass ein normales Lochen geschweige denn ordentliches Abheften in die staatlichen Aktenordner unm\u00f6glich war. Die <i>Kommune 1<\/i> hat unsere &#8218;Erfindung&#8216; freudig \u00fcbernommen.&#8220; ((6))<\/p>\n<p>Als die Wohngemeinschaften, Lebens- und Arbeitszusammenh\u00e4nge, die <i>linkeck<\/i> hervor gebracht hatten, in die Br\u00fcche gingen, war auch das Ende der Zeitung gekommen.<\/p>\n<p>Karin und Bernd hatten sich in der Kommune heftig ineinander verliebt. Sie wollten auch nach dem Ende von <i>linkeck<\/i> weiter gemeinsam leben und arbeiten, nicht in der kapitalistischen Ausbeuterm\u00fchle, sondern selbstbestimmt und anarchistisch. Verlegerische Erfahrung hatten sie schon in den sp\u00e4ten 1960er Jahren mit dem Raubdruckprojekt &#8222;Underground Press L&#8220; (das L stand f\u00fcr linkeck) gemacht. Was lag also n\u00e4her, als 1970 den <i>Karin Kramer Verlag<\/i> zu gr\u00fcnden? So entstand der erste Verlag Berlins, der nach einer Frau benannt ist.<\/p>\n<p>Von nun an verlegten Karin und Bernd Jahr f\u00fcr Jahr unz\u00e4hlige B\u00fccher zum Anarchismus, zur Anarchie und zu Utopien. Libert\u00e4re Spuren fanden sie in der Philosophie, Ethnologie, im Surrealismus, in Politik, Literatur und Kunst.<\/p>\n<p>Bald kam ihr Sohn Daniel auf die Welt. Karin organisierte in den 70ern f\u00fcr ihn einen antiautorit\u00e4ren Kinderladen und bem\u00fchte sich darum, dass ihr Sohn und sp\u00e4ter auch ihre beiden Enkelkinder Ben und Daan im &#8222;falschen Leben&#8220; soviel Freiheit und Liebe wie m\u00f6glich bekommen konnten. Sie war eine liebevolle Mutter und begeisterte Gro\u00dfmutter.<\/p>\n<p>Ein anderes &#8222;Kind&#8220; von Karin und Bernd war der KKV, in den beide soviel Liebe und Kraft steckten, dass er in den 1970er und 1980er Jahren zum einflussreichsten anarchistischen Verlag im deutschsprachigen Raum wurde.<\/p>\n<h3>Quellen der Inspiration<\/h3>\n<p>Gab es Schl\u00fcsselerlebnisse und Inspirationsquellen, die dazu beigetragen haben, dass Karin sich selbst auf die anarchistische Reise begeben hat?<\/p>\n<p>Karin: &#8222;Das hat sich so ergeben, aus der eigenen sozialen Entwicklung, den Zeitumst\u00e4nden und der Besch\u00e4ftigung mit Schriften, z.B. von B. Traven, Jack London, Tucholsky. Zu Jack London f\u00e4llt mir ein: Meine Mutter ging mit mir und meiner Schwester einmal in der Woche in eine Neuk\u00f6llner Leihbibliothek. Dort &#8218;entdeckte&#8216; ich Jack Londons zweib\u00e4ndiges Werk &#8218;Martin Eden&#8216;. Die Beschreibung des sozialen Elends, die Darstellung, wie Martin Eden, fast ein Analphabet, mit Hilfe einer gebildeten Frau (wo und wie sie sich kennen und lieben lernten, habe ich vergessen) langsam einer Welt zugef\u00fchrt wird, die ihm bis dahin verschlossen war, was ihn aus seiner fatalistischen, gottgegebenen miesen Lebenssituation herausholt, nach und nach zum rebellischen Denken und Handeln treibt, das faszinierte mich ungeheuerlich.<\/p>\n<p>Raus aus dem Proleten-Ghetto. Lange verband die Liebe beide nicht, die Klassenunterschiede waren dann doch zu gro\u00df. Manches treibt einen zum Nonkonformismus. In unserer Familie gab es \u00fcbrigens ein ganz fr\u00fches Berufsverbot. Mein Gro\u00dfvater, der in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts, muss man heute wohl sagen, illegal <i>SPD<\/i>-Flugbl\u00e4tter in Hausbriefk\u00e4sten verteilte, wurde denunziert und verlor seine Arbeit als G\u00e4rtner bei der Stadt Berlin. Inspirationsquellen? Da floss vieles zusammen. Wir hatten Kontakte mit den Leuten von den &#8218;Situationisten&#8216; in Frankreich, mit den &#8218;Umherschweifenden Haschrebellen&#8216; in Berlin, Georg von Rauch, Tommy Wei\u00dfbecker, Bodo Saggel, G\u00fcnter Langer, Shorty usw.&#8220; ((7))<\/p>\n<p>Die Werke von Emma Goldman, Michail Bakunin, Louise Michel, Pjotr Kropotkin, Erich M\u00fchsam, Errico Malatesta, Rudolf Rocker, Peter Paul Zahl und anderen anarchistischen (Neo-)KlassikerInnen, &#8222;Was ist eigentlich Anarchie?&#8220;, die Reprints von &#8222;Unter der schwarzen Fahne&#8220; von Justus F. Wittkop und Horst Stowassers &#8222;Leben ohne Chef und Staat&#8220;, sowie viele weitere B\u00fccher des Karin Kramer Verlags haben mein Leben ab Anfang der 1980er Jahre entscheidend mitgepr\u00e4gt und sind sicher nach wie vor geeignet, Menschen von der anarchistischen Idee zu begeistern.<\/p>\n<p>Auflagen bis zu 20.000 erreichten nur die wenigen Bestseller des KKV: &#8222;Das Sechste und Siebente Buch Mosis, sein wahrer Wert und was das Volk darin sucht&#8220; und Jim Morrisons &#8222;Amerikanisches Gebet&#8220;.<\/p>\n<h3>Begegnungen mit einer wundervoll herzlichen Sozialrevolution\u00e4rin<\/h3>\n<p>Pers\u00f6nlich habe ich Karin erst Ende der 1980er Jahre kennengelernt. Als Mitbetreiber des M\u00fcnsteraner Umweltzentrums und ab 1992 des Infoladen Bankrott habe ich B\u00fccher und die <i>pechrabenschwarzen Anarcho-Kalender<\/i> bei Karin bestellt, die wir dann vor allem auf B\u00fcchertischen, bei Demos und Veranstaltungen unter die Leute gebracht haben. Einen Austausch hatte ich mit ihr ab 1993 im Zusammenhang mit meiner Doktorarbeit \u00fcber anarchistische Presse. Als ehemalige Redakteurin der ersten neo-anarchistischen Zeitschrift in Deutschland war sie ja schon zu Lebzeiten eine Person der Zeitgeschichte und wichtige Zeitzeugin nicht nur f\u00fcr Anarchismusforscher. ((8)) Unsere Begegnungen auf Buchmessen und unsere meist gut gelaunten und anregenden Telefongespr\u00e4che, die es verst\u00e4rkt gab, nachdem ich ab November 1998 meine Stelle als Koordinationsredakteur der <i>Graswurzelrevolution<\/i> antrat, werde ich nie vergessen.<\/p>\n<p>Anfang 2006 schickte ich mein &#8222;ja! Anarchismus&#8220;-Buchmanuskript an Karin und Bernd, mit der Bitte das darin enthaltene KKV-Interview um weitere Antworten zu erg\u00e4nzen. Meine in diesem Sammelband enthaltenen Interviews mit zwei Dutzend AnarchistInnen stie\u00dfen bei Karin und Bernd auf Begeisterung. Interesse an dem Buch hatten zuvor schon der Trotzdem-Verlag, Edition AV und der Graswurzelrevolution-Buchverlag bekundet. Aber Karin und Bernd waren wild entschlossen, das Buch zu verlegen. Bernd schickte mir (und schickt mir bis heute) charmante, auf Schreibmaschine geschriebene Briefe, Postkarten und den Prachtband &#8222;Bakunin &#8211; ein Denkmal&#8220;. Er rief mehrmals an und machte mir ein faires Angebot. Es erzeugte ein Gl\u00fccksgef\u00fchl, nun von dem Verlag publiziert zu werden, in dem auch die &#8222;Idole&#8220; meiner Jugend und wegweisende B\u00fccher meiner eigenen anarchistischen Politisierung verlegt wurden.<\/p>\n<p>Der &#8222;ja! Anarchismus&#8220;-Band wurde in der marxistischen <i>jungen Welt<\/i> verrissen, aber in der taz, dem ND und vielen Alternativmedien positiv besprochen. Er verkaufte sich gut. Bis die erste Auflage vergriffen war, \u00fcberwies mir Karin fortan jeweils zum Jahresanfang einen Anteil des Verkaufserl\u00f6ses und schickte eine Bilanz.<\/p>\n<p>Im Oktober 2014 soll eine \u00fcberarbeitete &#8222;ja! Anarchismus&#8220;-Neuauflage erscheinen. Ich hoffe, dass das klappt und der von mir im Fr\u00fchjahr 2014 herausgegebene Nachfolge-Interviewband &#8222;Anarchismus Hoch 2&#8220; nicht das letzte Buch des Karin Kramer Verlags sein wird.<\/p>\n<h3>Karin hat Geschichte von unten gemacht<\/h3>\n<p>Karin ist als Anarchistin jung geblieben und hat mit ihrem Leben bewiesen, dass der Anarchismus mehr als nur eine kurze Lebensphase sein kann. Sie hat Geschichte von unten geschrieben und uns gezeigt, dass ein unangepasstes, weitgehend selbstbestimmtes und gl\u00fcckliches Leben als Anarchistin und Verlegerin m\u00f6glich und erstrebenswert ist. Ihre Beharrlichkeit bleibt vorbildlich und war schon zu Lebzeiten legend\u00e4r. Als begnadete Verlegerin hielt sie den Laden zusammen und bew\u00e4ltigte mit Bernd alle H\u00f6hen und Tiefen der KKV-Geschichte. Dabei war sie, so die taz, &#8222;stets eine &#8218;Linksabweichlerin&#8216; &#8211; wie es so sch\u00f6n im kommunistischen Jargon hei\u00dft -, und das aus Prinzip&#8220; ((9)).<\/p>\n<h3>Karin starb am 20. M\u00e4rz nach langer Krankheit im St.-Hedwigs-Krankenhaus Berlin an Krebs<\/h3>\n<p>Ihr Tod macht mich traurig. Karin war eine starke Frau, eine gute Freundin und Genossin. Sie war die &#8222;bedeutendste linke Verlegerin Westberlins&#8220;, wie auch das nicht-anarchistische Internetprojekt scharf-links.de anerkennt. Karins Lebensleistung, nicht nur als einflussreichste anarchistische Verlegerin, ist gro\u00dfartig und bleibt unvergessen. Sie war eine subversive Frohnatur mit gro\u00dfem Herzen und Sinn f\u00fcr schwarz-roten Humor. Reich war sie an Erfahrungen und Gl\u00fcck. In finanzieller Hinsicht ist sie dagegen nie reich geworden. Auf meine Frage, ob Karin und ihr Liebster von ihrer Verlagsarbeit leben k\u00f6nnen, antwortete sie: &#8222;Es kommt auf die Bed\u00fcrfnisse an.&#8220;<\/p>\n<p>Die drei anarchistischen Liebespaare und &#8222;Linksabweichler&#8220; Hanna Mittelst\u00e4dt und Lutz Schulenburg (Edition Nautilus) aus Hamburg, Wolfgang Zucht und Helga Weber (Weber, Zucht &amp; Co.) aus Kassel und Bernd und Karin Kramer hatten (und haben) durch ihre kontinuierliche Verlagsarbeit seit 1968 eine gro\u00dfe Wirkung auf die Entwicklung der Undogmatischen Linken im deutschsprachigen Raum.<\/p>\n<p>Als vor knapp einem Jahr unser Genosse Lutz Schulenburg in Hamburg gestorben ist, hatten viele die Bef\u00fcrchtung, dass die von Hanna Mittelst\u00e4dt und ihm vor 40 Jahren in Hamburg gegr\u00fcndete Edition Nautilus untergehen k\u00f6nnte. Auch Karin. Heute sorgt die Nautilus-Crew um Hanna und die ehemalige Nautilus-Praktikantin Katharina Picandet daf\u00fcr, dass es ganz in Lutz&#8216; Sinne &#8211; generations\u00fcbergreifend &#8211; weitergeht. ((10))<\/p>\n<p>In Karins Sinne w\u00e4re es sicher, wenn \u00c4hnliches auch in Berlin gelingen k\u00f6nnte. Es w\u00e4re wunderbar, wenn der Karin Kramer Verlag nach dem Tod der Namensgeberin weiter existieren und dazu beitragen k\u00f6nnte, dass eines Tages ein gutes Leben ohne Chef und Staat f\u00fcr alle Menschen Realit\u00e4t wird.<\/p>\n<p>Am 16. April 2014 schrieb mir Bernd Kramer unter anderem: &#8222;Ich werde die Verlagsr\u00e4ume aufgeben, 500 Euro im Monat, das ist nicht zu bew\u00e4ltigen; ich werde den Verlag in der Wohnung weiter machen &#8211; ich hoffe, da\u00df ich das schaffe\u2026&#8220;<\/p>\n<p>Vielleicht finden sich verlagserfahrene GenossInnen in Berlin, die unseren mittlerweile 74j\u00e4hrigen Genossen Bernd Kramer unterst\u00fctzen und gemeinsam mit ihm aus dem KKV ein generations\u00fcbergreifendes Projekt machen.<\/p>\n<p>Karin bleibt unvergessen. Lang lebe der Karin Kramer Verlag! Lang lebe die Anarchie!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das erz\u00e4hlte Bernd Kramer am 3. April 2014 vor rund 100 Trauernden w\u00e4hrend der bewegenden Beerdigung seiner gro\u00dfen Liebe auf dem Neuen Luisen Kirchhof in Berlin-Neuk\u00f6lln. 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