{"id":13455,"date":"2014-06-08T20:52:53","date_gmt":"2014-06-08T18:52:53","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13455"},"modified":"2022-07-26T14:22:19","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:19","slug":"hindunationalismus-auf-dem-vormarsch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2014\/06\/hindunationalismus-auf-dem-vormarsch\/","title":{"rendered":"Hindunationalismus auf dem Vormarsch"},"content":{"rendered":"<p>Die Inder*innen hatten die Wahl zwischen einer korrupten Regierungspartei                 und den neoliberalen Hindu-Fundamentalist*innen der Bharatiya                 Janata Party (BJP). Sie entschieden sich f\u00fcr letztere &#8211; und zwar                 so eindeutig, dass diese eine absolute Mehrheit von 283 der insgesamt                 543 Sitze erreichten.<\/p>\n<p>Indien hat \u00fcber 1,2 Milliarden Einwohner*innen. Sie leben in                 28 Bundesstaaten und sieben Unionsterritorien, sprechen \u00fcber 100                 verschiedene Sprachen und setzen sich aus den verschiedensten                 ethnischen und religi\u00f6sen Gruppen zusammen. Dass eine einzige                 Partei \u00fcber die H\u00e4lfte der Stimmen auf sich vereinigen kann, ist                 in einem Land, das so gro\u00dfe innere Unterschiede aufweist, kurios,                 denn den meisten Inder*innen ist die Zentralregierung so nahe                 wie den Europ\u00e4er*innen Br\u00fcssel. <\/p>\n<p>Die zuvor regierende Kongresspartei wurde von ihren zuvor 206                 Sitzen im Parlament auf 44 Sitze zur\u00fcckgeworfen, was haupts\u00e4chlich                 auf die immer regelm\u00e4\u00dfiger auftretenden Korruptionsskandale und                 auf das stagnierende Wirtschaftswachstum zur\u00fcckzuf\u00fchren ist.<\/p>\n<p>Der n\u00e4chste Premierminister Indiens hei\u00dft Narendra Modi &#8211; ein                 Name, der f\u00fcr viele Inder*innen mit Angst und Schrecken besetzt                 ist.<\/p>\n<h3>Hindunationalistischer Neoliberalismus<\/h3>\n<p>Unerm\u00fcdlich hatte der orange gewandete, b\u00e4rtige Mann monatelang                 Indien bereist und unter \u00fcberdimensionierten Portraits seiner                 selbst, mit scharfen Gesten jeden Satz unterstreichend, den Wirtschaftsaufschwung                 versprochen. Per holographischer Videoprojektion sprach er auf                 dutzenden Veranstaltungen gleichzeitig, gr\u00fcndete sogar seinen                 eigenen TV-Sender <i>NaMo<\/i> (sowohl die Abk\u00fcrzung seines Namens                 als auch der Sanskrit-Begriff f\u00fcr Ehre). Seit 2001 war Modi Ministerpr\u00e4sident                 des Bundesstaates Gujarat. Seine Politik bestand seitdem vor allem                 aus neoliberalen Wirtschaftsreformen und religi\u00f6ser Agitation.<\/p>\n<p>Seine Wirtschaftspolitik zielt vor allem auf Privatisierung und                 die Subventionierung von Gro\u00dfkonzernen ab. <\/p>\n<p>Im <i>Time Magazine<\/i> erkl\u00e4rte Modi 2012, dass einer der \u00f6konomischen                 Vorteile Gujarats darin bestehe, dass nur wenige Arbeiter*innen                 gewerkschaftlich organisiert seien. <\/p>\n<p>Ein zentraler Punkt von Modis Politik war die Schaffung und F\u00f6rderung                 von Sonderwirtschaftszonen, von denen es in Gujarat laut offiziellen                 Angaben 55 gibt, die sich \u00fcber 27.125 Hektar erstrecken. Wie in                 anderen Teilen Indiens auch, entstehen die Sonderwirtschaftszonen                 von Gujarat meist durch die Enteignung von agrarisch genutzten                 Fl\u00e4chen. <\/p>\n<p>Die dort ans\u00e4ssigen B\u00e4uer*innen werden vertrieben und sehen sich                 gezwungen, in den St\u00e4dten Lohnarbeit zu suchen. Aus den L\u00e4ndereien                 werden Staaten im Staat, in denen die meisten Wirtschaftsgesetze                 nicht gelten. So gibt es dort beispielsweise oft keinerlei Auflagen                 f\u00fcr Umwelt- oder Arbeiter*innenschutz und gravierende Steuervorteile.               <\/p>\n<p>Die K\u00fcste von Gujarat, an der sich die meisten Sonderwirtschaftszonen                 befinden, wurde durch die Ansiedlung von \u00d6l- und Zementindustrie                 weitgehend verw\u00fcstet. Die vorher ans\u00e4ssige Dattelproduktion fiel                 um die H\u00e4lfte, die Mangrovenw\u00e4lder wurden abgeholzt, die Speisefische                 wanderten ab. Bei den angesiedelten Konzernen handelt es sich                 meist um westliche Multis, die dringend ben\u00f6tigte Devisen in die                 Staatskasse sp\u00fclen sollen. <\/p>\n<p>Diese neoliberale Wirtschaftspolitik mischt die BJP als Teil                 der Hindutva-Bewegung mit einem religionsbasierten Nationalismus.                 Der Begriff Hindutva l\u00e4sst sich am besten mit &#8222;Essenz des Hinduismus&#8220;                 \u00fcbersetzen. Das Anliegen dieser Bewegung ist, Indien zum <i>Hindu                 Rashtra<\/i>, dem Reich der Hindus, zu machen. Unter ihrem &#8222;Dachverband&#8220;,                 der <i>Sangh Parivar<\/i> (Familie der Organisationen) setzt sie                 sich aus verschiedenen Organisation zusammen.<\/p>\n<p>Die BJP bildet ihren parlamentarischen Fl\u00fcgel, der als relativ                 gem\u00e4\u00dfigt auftritt, w\u00e4hrend die Jugendorganisation paramilit\u00e4rische                 RSS und die gr\u00f6\u00dfte au\u00dferparlamentarische Organisation VHP wesentlich                 aggressiver auftreten. Der militante Fl\u00fcgel wird von der Miliz                 Bajrang Dal gebildet, die sich als &#8222;Armee Hanumans&#8220;, einer Kriegsgottheit,                 versteht.<\/p>\n<h3>Faschistische Inspirationen<\/h3>\n<p>Wie fast alle Funktion\u00e4r*innen der BJP wurde Modi vom RSS (<i>Rhastriya                 Swayamsevak Sangh, <\/i>etwa<i> <\/i>&#8222;nationaler Freiwilligenbund&#8220;)                 ausgebildet, der auch den M\u00f6rder Gandhis hervorbrachte. Die Kader                 dieses, laut BBC, gr\u00f6\u00dften Freiwilligenkorps der Welt, m\u00fcssen sich                 mit Leib und Seele der Organisation verschreiben. Einen eigenen                 Beruf d\u00fcrfen sie nicht w\u00e4hlen und auch auf eine Familie m\u00fcssen                 sie verzichten, da der RSS ihr Leben in allen Aspekten kontrolliert.                 Sowohl wo, als auch in welche Aufgaben die Kader eingesetzt werden,                 entscheiden allein die RSS-Vorgesetzten. Modi wurde der BJP zugeteilt,                 blieb aber dem RSS stets verbunden, weshalb es sich lohnt einen                 Blick in die Geschichte der Organisation zu werfen:<\/p>\n<p>Der Freiwilligenbund wurde 1925 durch K. B. Hedgewar gegr\u00fcndet,                 der dazu von seinem Mentor B. S. Moonje instruiert wurde. Moonje                 hatte in den beginnenden 30er Jahren eine Europareise gemacht,                 bei der er vor allem die faschistischen Bewegungen Italiens und                 Deutschlands besuchte und pers\u00f6nliche Kontakte zu Mussolini kn\u00fcpfte.                 Bei seiner Heimkehr schrieb er: &#8222;Tats\u00e4chlich sollten die [indischen]                 F\u00fchrer die Jugendbewegungen Deutschlands, sowie die Balilla [Jugendorganisation                 der italienischen Faschisten] und die faschistische Organisation                 Italiens kopieren. Ich denke, dass sie sich hervorragend f\u00fcr Indien                 eignen, wenn sie an die speziellen Bedingungen angepasst werden.                 Ich war sehr beeindruckt von diesen Bewegungen und ich habe ihre                 Aktivit\u00e4ten mit meinen eigenen Augen gesehen.&#8220; <\/p>\n<p>So entstand der RSS als eine Organisation der Militarisierung                 und Indoktrination. Auch heute kann mensch auf \u00f6ffentlichen Pl\u00e4tzen                 in Indien oft gro\u00dfe Gruppen von Jugendlichen bei der Kampfausbildung                 und dem Herausbr\u00fcllen auswendiggelernter Parolen beobachten.<\/p>\n<p>Interessanterweise wurde die Hindutva-Bewegung massiv von der                 britischen Kolonialregierung unterst\u00fctzt. Das lag daran, dass                 sie als ihren Hauptfeind die Muslime ansah, w\u00e4hrend sie den Briten                 weitgehend positiv gegen\u00fcberstand, da diese die Vorherrschaft                 der Muslime gebrochen h\u00e4tten. <\/p>\n<p>Auf muslimischer Seite f\u00f6rderten die Briten die Muslim League,                 die haupts\u00e4chlich f\u00fcr die Interessen der muslimischen Gro\u00dfgrundbesitzer                 eintrat und forderte, dass Mitglieder der indischen Oberschicht                 von den Briten f\u00fcr die Regierung nominiert werden sollten. <\/p>\n<p>Diese beiden Bewegungen wurden konsequent gegeneinander ausgespielt,                 was mit zur blutigen Teilung Indiens nach der Unabh\u00e4ngigkeit f\u00fchrte.               <\/p>\n<p>M. S. Golwalkar, der zweite F\u00fchrer der RSS, bezog sich in seinem                 Kampf gegen die Muslime immer wieder auf Nazideutschland und bezeichnete                 den Holocaust als ein &#8222;gutes Beispiel f\u00fcr uns in Hindustan, von                 dem wir lernen und profitieren k\u00f6nnen&#8220;. Noch heute verbreitet                 die Hindutva-Bewegung anti-muslimische Parolen in ganz Indien.                 &#8222;Musalman ka ek hi stan, Pakistan ya Kabrastan&#8220;, wurde im Jahr                 2002 wieder auf den Stra\u00dfen Gujarats gebr\u00fcllt. \u00dcbersetzt hei\u00dft                 das: &#8222;Es gibt nur zwei Pl\u00e4tze f\u00fcr Muslime: Pakistan oder den Friedhof.&#8220;                 Was war geschehen?<\/p>\n<h3>Das Pogrom von Gujarat<\/h3>\n<p>1998 war die BJP als st\u00e4rkste Partei in die Zentralregierung                 gew\u00e4hlt worden und stellte mit Atal Bihari Vajpayee den Premierminister.                 Ihre Regierungszeit war gepr\u00e4gt durch verschiedene neoliberale                 Reformen und religi\u00f6se Agitation. <\/p>\n<p>So lie\u00df die BJP Lehrinhalte an staatlichen Bildungseinrichtungen                 in ihrem Sinne ver\u00e4ndern und gab eine Umschreibung der Schulgeschichtsb\u00fccher                 in Auftrag: Aus der Geschichte Indiens wurde eine Geschichte des                 Hinduismus und des Kampfes gegen den Islam.<\/p>\n<p>Modi war vom RSS 1980 der BJP zugeteilt worden. Im Oktober 2001                 wurde Modi zum Ministerpr\u00e4sidenten von Gujarat ernannt, da sein                 Vorg\u00e4nger wegen Krankheit vorzeitig aus dem Amt schied. An dessen                 Stelle sollte er die Neuwahlen im Dezember 2002 vorbereiten. Als                 am 27. Februar 2002 in Gujarat ein Zugabteil in Brand geriet,                 in dem sich mehrheitlich hinduistische Pilger befanden, beschuldigte                 Modis Regierung sofort Muslime, den Wagen angez\u00fcndet zu haben.                 Bei einer sp\u00e4teren Untersuchung konnte Brandstiftung mit gro\u00dfer                 Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden, g\u00e4nzlich gekl\u00e4rt werden                 konnte der Vorfall jedoch nicht, da die Beweismittel der Polizei                 wenige Tage sp\u00e4ter verschwunden waren.<\/p>\n<p>Modi witterte vermutlich eine Chance f\u00fcr seinen von der Hindutva-Ideologie                 gepr\u00e4gten Wahlkampf und ordnete eine Parade der Leichen durch                 die Hauptstadt Gujarats an. All das f\u00fchrte zu einer Explosion                 der Wut unter der hinduistischen Bev\u00f6lkerung, die in ein Pogrom                 gegen Muslime in ganz Gujarat m\u00fcndete. Augenzeugen berichten von                 unvorstellbaren Grausamkeiten, vor allem von immer wiederkehrenden                 Massenvergewaltigungen. <\/p>\n<p>Mehr als 60 Tage dauerte die Gewalt an. Am Ende stand eine Bilanz                 von \u00fcber 2000 Toten und 140.000 Fl\u00fcchtlingen.<\/p>\n<p>Als Modi sp\u00e4ter nach den Ursachen der Ausschreitungen gefragt                 wurde, zitierte er das dritte Newtonsche Gesetz: &#8222;F\u00fcr jede Krafteinwirkung                 tritt eine gleich gro\u00dfe entgegengesetzte Kraft auf.&#8220; Es gibt jedoch                 vielf\u00e4ltige Beweise daf\u00fcr, dass das Pogrom von ihm und der BJP                 unterst\u00fctzt wurde. Augenzeugen berichten, dass einige der Mobs                 pers\u00f6nlich von Ministern aus Modis Kabinett und Funktion\u00e4ren der                 VHP, der gr\u00f6\u00dften hindunationalistischen Organisation Indiens,                 angef\u00fchrt wurden. Der ehemalige Pr\u00e4sident der VHP von Gujarat                 gab sp\u00e4ter zu, dass die Anf\u00fchrer der marodierenden Gruppen mit                 Steuerlisten ausgestattet waren, anhand derer sie muslimische                 L\u00e4den und H\u00e4user identifizierten. <\/p>\n<p>Babu Bajrangi, ein hochrangiger Funktion\u00e4r der VHP, sagte folgendes                 in die laufende Kamera: &#8222;Wir haben keinen einzigen muslimischen                 Laden ausgelassen, wir haben alles angez\u00fcndet\u2026 wir haben zerhackt,                 verbrannt und angez\u00fcndet\u2026 wir glauben daran, sie anzuz\u00fcnden, denn                 diese Bastarde wollen nicht beerdigt werden.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Kein Aufruhr kann ohne die Komplizenschaft des Staates mehr                 als einige Stunden andauern&#8220;, schrieb ein Polizeibeamter aus Gujarat                 nach dem Pogrom. Die Ausschreitungen in Gujarat waren nach 60                 Tagen immer noch nicht unter Kontrolle gebracht. Viele der Geb\u00e4ude,                 die im Laufe des Pogroms angez\u00fcndet wurden, standen in Sichtweite                 von Polizeistationen, doch nichts geschah. Sp\u00e4ter wurde klar,                 dass die konsequente Unt\u00e4tigkeit genau den Befehlen der Polizei                 entsprach.<\/p>\n<p>Der ehemalige Geheimdienstchef von Gujarat legte Protokolle der                 Anweisungen, die er von Modi w\u00e4hrend des Pogroms erhielt, unter                 Eid einer mit der Aufkl\u00e4rung der Geschehnisse betrauten Kommission                 vor. Diese Dokumente zeigen, dass unliebsame Polizeibeamte in                 l\u00e4ndliche Regionen versetzt wurden, unter dem Deckmantel der Ausschreitungen                 Oppositionspolitiker festgenommen oder angegriffen wurden und                 Verbrechen gegen Muslime vertuscht wurden. <\/p>\n<p>Nachdem in Ahmedabad als Reaktion auf die Pr\u00e4sentation der Toten                 des Zugungl\u00fccks der <i>Bandh<\/i>, eine Art religi\u00f6ser Generalstreik,                 ausgerufen wurde, berief Modi eine Konferenz der leitenden Polizeibeamten                 ein.<\/p>\n<p>Dort gab er die Anweisung, keine Schutzma\u00dfnahmen zu ergreifen,                 da der <i>Bandh<\/i> friedvoll verlaufen w\u00fcrde. Am selben Abend                 waren bereits 100 Menschen tot.<\/p>\n<p>Aber nicht \u00fcberall blieb die Polizei passiv. Mancherorts nahm                 sie auch aktiv am Morden teil. Augenzeugen berichten, wie Polizisten                 den Mob mit Benzin aus ihren Fahrzeugen versorgten. Immer wieder                 ist sogar die Rede von Polizisten, die direkt das Feuer auf Muslime                 er\u00f6ffneten. Besonders sticht dabei ein Ereignis im Naroda Patia                 Slum von Ahmedabad hervor. <\/p>\n<p>Dieser wurde von einem Mob gest\u00fcrmt und gro\u00dffl\u00e4chig in Brand                 gesteckt. Die panischen Bewohner*innen flohen &#8211; so lange bis sie                 einer Gruppe Polizisten gegen\u00fcberstanden, die Gewehre im Anschlag.                 Mit dem Mob im R\u00fccken und den Polizisten vor ihnen, war den Muslimen                 jeglicher Fluchtweg abgeschnitten. Ungef\u00e4hr 200 Menschen wurden                 bei lebendigem Leib verbrannt.<\/p>\n<h3>Modis Frieden<\/h3>\n<p>Durch das Pogrom war es den Hindunationalist*innen gelungen,                 die Bev\u00f6lkerung Gujarats zu spalten. Modi l\u00f6ste das Parlament                 auf und inszenierte einen aggressiven Wahlkampf, der haupts\u00e4chlich                 im Sch\u00fcren der Angst vor einer islamistisch-pakistanischen Verschw\u00f6rung                 bestand.<\/p>\n<p>Teil dieser Kampagne war die Verhaftung von 287 Menschen unter                 dem Antiterrorgesetz POTA. 286 davon waren Muslime, einer war                 Sikh. <\/p>\n<p>Den Verhafteten wurde vorgeworfen, sich mit dem pakistanischen                 Geheimdienst verschworen zu haben, den Zug in Godhra anzuz\u00fcnden.                 Viele von ihnen blieben ohne einen Prozess mehrere Jahre im Gef\u00e4ngnis.                 Die BJP-Zentralregierung schickte, kaum dass das Pogrom vorbei                 war, offizielle Gl\u00fcckw\u00fcnsche an Modi f\u00fcr seine &#8222;exzellente Arbeit&#8220;                 beim Umgang mit den Ausschreitungen. <\/p>\n<p>Als der Premierminister Vajpayee nach den Gr\u00fcnden f\u00fcr das Pogrom                 gefragt wurde, antwortete er mit einer rhetorischen Frage: &#8222;Wer                 hat denn den Zug in Godhra angez\u00fcndet?&#8220;, und f\u00fcgte hinzu: &#8222;Wo                 immer es auf der Welt eine Muslimische Bev\u00f6lkerung gibt, lebt                 das betroffene Land unter der Bedrohung von Militanz und Terrorismus.&#8220;<\/p>\n<p>In diesem Klima der Angst konnten Modi und die BJP bei den Parlamentsneuwahlen                 einen Erdrutschsieg erzielen.<\/p>\n<p>Immer wieder wurde Modi wegen seiner zentralen Rolle bei dem                 Pogrom angeklagt. Die Prozesse gegen ihn wurden jedoch verschleppt                 oder unm\u00f6glich gemacht. Der endg\u00fcltige Bericht der staatlichen                 Untersuchungskommission wurde 18 Mal verschoben, Beweise verschwanden,                 Zeug*innen wurden mundtot gemacht.<\/p>\n<p>Heute preist Modi den Frieden, der nach den Pogromen in Ahmedabad                 eingekehrt sei, ein Frieden der vor allem durch Segregation gepr\u00e4gt                 ist. Die meisten muslimischen Fl\u00fcchtlinge kehrten nie zu ihren                 Wohnorten zur\u00fcck, sondern mussten sich am Rand der Stadt ansiedeln.                 In den Slums, die der zentrale Ort der Pogrome waren, wurden diejenigen                 Teile, die haupts\u00e4chlich von Hindus bewohnt werden, von der Regierung                 legalisiert und mit Infrastruktur aufgewertet, w\u00e4hrend die von                 ihnen durch Stacheldraht getrennten &#8222;muslimischen Bereiche&#8220; noch                 immer als illegal gelten.<\/p>\n<h3>Au\u00dferparlamentarische Hoffnungen<\/h3>\n<p>An den Aktienm\u00e4rkten l\u00f6ste der Sieg der BJP zwar eine regelrechte                 Euphorie aus (die State Bank of India und die ICICI legten beispielsweise                 um rund 10 Prozent zu) &#8211; auf viele Inder*innen, insbesondere auf                 die Minderheiten und die Armen, kommen jedoch schwere Zeiten zu.               <\/p>\n<p>In dieser Situation ist von den Oppositionsparteien wenig zu                 erwarten. Die Kongresspartei zeichnete sich in den letzten Jahren                 vor allem durch korrupte Funktion\u00e4r*innen aus. <\/p>\n<p>Die kommunistischen Parteien, die lange Zeit relativ stark waren                 und \u00fcber Jahrzehnte hinweg die Bundesstaaten Kerala und West Bengal                 regierten, haben sich ins Abseits man\u00f6vriert.<\/p>\n<p>Das liegt einerseits an ihrer Unglaubw\u00fcrdigkeit. In kaum einer                 Region wurden die neoliberalen Projekte der Sonderwirtschaftszonen                 derart aggressiv von der Regierung verfolgt, wie in West Bengal.                 Andererseits aber auch an ihrem Zentralismus, der einen undurchsichtigen                 Machtkl\u00fcngel hervorgebracht hat.<\/p>\n<p>Manche sehen eine Hoffnung in der neuen &#8222;Partei des kleinen Mannes&#8220;                 (AAP), die den Kampf gegen Korruption zu ihrem Hauptanliegen gemacht                 hat und f\u00fcr Dezentralisierung eintritt, in ihren sonstigen Forderungen                 jedoch recht undurchsichtig ist. <\/p>\n<p>Damit es nicht wieder zu Katastrophen wie zur Zeit der letzten                 BJP-Regierungsperiode von 1998 bis 2004 kommt (bei der die Partei                 noch auf Alliierte angewiesen war), bedarf es deshalb starker                 au\u00dferparlamentarischer sozialer Bewegungen. Neben der \u00fcberaus                 popul\u00e4ren Bewegung Ekta Parishad, die sich haupts\u00e4chlich f\u00fcr Landrechte                 einsetzt, k\u00f6nnte z.B. die National Alliance of People&#8217;s Movements                 (NAPM) ein solcher Hoffnungstr\u00e4ger sein. Die NAPM besteht aus                 verschiedenen gewaltfreien linken feministischen, \u00f6kologischen,                 antimilitaristischen und basisdemokratischen Bewegungen.<\/p>\n<h3>Anl\u00e4sslich der Wahlen gab der NAPM-Koordinationskreis folgende                 Erkl\u00e4rung ab<\/h3>\n<p>&#8222;Die meisten existierenden politischen Parteien haben eine gemeinsame                 Agenda, die aus Reformen besteht, die der Bev\u00f6lkerung schaden                 und die kriminelle und \u00f6konomische Pl\u00fcnderung der nat\u00fcrlichen                 Ressourcen bef\u00f6rdern. Die Wahlen tragen sie mit Geld und Muskelkraft                 aus, w\u00e4hrend sie die Anliegen der Bev\u00f6lkerung v\u00f6llig ignorieren                 und keinerlei Toleranz f\u00fcr abweichende Meinungen und Lebensweisen                 aufbringen. Selbstverwaltung wird von den meisten Parteien denunziert,                 was den verfassungsm\u00e4\u00dfig garantierten Rechten widerspricht. Das                 hat zu einer Situation gef\u00fchrt, in der der Raum f\u00fcr demokratische                 Bewegungen und f\u00fcr Protest schwindet und staatliche Repression                 gegen Aktivist*innen und gewaltfreie demokratische Bewegungen                 zunimmt. Fundamentalismus und Kommunalismus [religi\u00f6se Konfrontation]                 haben sich zugespitzt, so dass sich wachsende Angst unter den                 Minderheiten und s\u00e4kularen Gruppen ausbreitet.&#8220; <\/p>\n<p>Diese Einsch\u00e4tzung f\u00fchrte bei einem Gro\u00dfteil der Bewegungen in                 der NAPM zu der Entscheidung, sich in die Wahlen einzumischen                 und die AAP zu unterst\u00fctzen, die trotzdem nur vier Sitze erreichte.               <\/p>\n<h3>Fazit<\/h3>\n<p>Es bleibt zu hoffen, dass die NAPM und andere Bewegungen, ihre                 Unabh\u00e4ngigkeit nicht durch zu gro\u00dfe Identifikation mit Parteien                 gef\u00e4hrden, denn in dieser kritischen Situation ist eine radikale                 au\u00dferparlamentarische Opposition unbedingt notwendig.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Inder*innen hatten die Wahl zwischen einer korrupten Regierungspartei und den neoliberalen Hindu-Fundamentalist*innen der Bharatiya Janata Party (BJP). 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