{"id":13457,"date":"2014-06-08T20:54:40","date_gmt":"2014-06-08T18:54:40","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13457"},"modified":"2022-07-26T14:12:07","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:07","slug":"zwanzigtausend-meilen-fuer-die-anarchie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2014\/06\/zwanzigtausend-meilen-fuer-die-anarchie\/","title":{"rendered":"Zwanzigtausend Meilen f\u00fcr die Anarchie"},"content":{"rendered":"<p><b>Bernd Dr\u00fccke (GWR): Hanna, vor 40 Jahren hast du mit Lutz                 Schulenburg und Pierre Gallissaires die Edition Nautilus gegr\u00fcndet.                 Kannst du erz\u00e4hlen, wie das alles anfing?<\/b><\/p>\n<p><i>Hanna Mittelst\u00e4dt: <\/i>Angefangen hat das alles mit viel Begeisterung                 und ohne Geld. 1972 haben Lutz und ich uns in der anarchistischen                 Bewegung in Hamburg getroffen. Wir hatten einen dritten Mann dabei,                 das war Pierre Gallissaires, der war 20 Jahre \u00e4lter als Lutz und                 ich. Lutz und ich waren Anfang 20 und hatten entsprechend wenig                 Verlagserfahrung und \u00fcberhaupt wenig Erfahrung, was Literatur                 und Geschichte im Detail betrifft. <\/p>\n<p>Wir waren einfach politisierte junge Menschen und haben mit dem                 Verlag auch unseren eigenen Kosmos erkundet. <\/p>\n<p><b>Nina Nadig (GWR): Katharina, kannst du uns erz\u00e4hlen, wie du                 dazu gekommen bist?<\/b><\/p>\n<p><i>Katharina Picandet<\/i>: Ich bin auf dem klassischen Weg als                 Praktikantin zu Nautilus gekommen. Ich habe im zweiten Semester,                 als ich in Hamburg Literatur studierte, ein Praktikum gemacht                 und war gleich begeistert von dem ganzen Nautilus-Kosmos, der                 sich aufgetan hat und dem gelebten Kollektiv. Ich hatte das nicht                 aktiv gesucht, aber hier gesehen und bin dann seit dem Praktikum,                 also seit fast 20 Jahren, mit Unterbrechungen und in verschiedenen                 Arbeitsbereichen dabei.<\/p>\n<p><b>Bernd Dr\u00fccke: Hanna, du bist schon seit \u00fcber 40 Jahren dabei.                 Du und Lutz, ihr habt euch in einander verliebt. Ihr ward damals                 aktiv in der anarchistischen Jugendbewegung in Hamburg.<\/b><\/p>\n<p><i>Hanna Mittelst\u00e4dt:<\/i> Wir haben uns 1971 kennen gelernt und                 dann gleich 1972 den Verlag gegr\u00fcndet. <\/p>\n<p>Lutz war ab 1968 in der sozialistischen Jugendorganisation AUSS                 (Aktionszentrum Unabh\u00e4ngiger und Sozialistischer Sch\u00fcler) in Hamburg.                 Ich war noch gerade mit dem Abitur besch\u00e4ftigt und habe dann angefangen,                 zu studieren und war \u00fcber einen Hamburger Anarchisten politisiert.                 Lutz und ich haben uns im so genannten <i>Gewinde<\/i>, einem Lokal,                 in dessen Keller Anfang der 70er Jahre ein Anarchotreff war, kennen                 gelernt. Wir haben uns gleich verliebt, sind gleich zusammen gezogen                 und haben gleich den Verlag gemacht. Pierre Gallissaires und Lutz                 hatten sich schon kurz vor mir kennen gelernt und die Zeitschrift                 MAD gegr\u00fcndet. MAD stand f\u00fcr &#8222;Materialien, Analysen, Dokumente&#8220;                 und sollte die Br\u00fccke in die Geschichte der anarchistischen Bewegung                 schlagen.<\/p>\n<p>Materialien zum spanischen B\u00fcrgerkrieg, zur R\u00e4tebewegung, auch                 der deutschen Geschichte, der deutschen R\u00e4tebewegung und aber                 auch eine internationale Sichtweise bringen, das waren die Aufgaben                 dieser Zeitschrift. Das waren ja sehr viele sehr junge Menschen                 damals, die sich eine neue Perspektive erst angeeignet hatten.                 Es gab sehr wenig Literatur. Der Faschismus hatte eine gro\u00dfe Bresche                 in die deutsche Geschichte geschlagen, gerade in die libert\u00e4re                 Geschichte. Pierre und Lutz hatten sich vorgenommen, diese libert\u00e4ren                 Anteile der Geschichte mit einem franz\u00f6sischen Schwerpunkt, aber                 auch mit dem Schwerpunkt auf die deutsche R\u00e4tebewegung neu zu                 erkunden und neu zur Verf\u00fcgung zu stellen.<\/p>\n<p><b>Bernd Dr\u00fccke: MAD war eine tolle Zeitung. Ihr habt dann Probleme                 bekommen mit dem gleichnamigen, vermeintlichen Satireblatt MAD.                 Kannst du dazu etwas sagen?<\/b><\/p>\n<p><i>Hanna Mittelst\u00e4dt: <\/i>Wir waren mit der Zeitschrift MAD &#8211;                 Materialien, Analysen, Dokumente &#8211; in einem Solidarit\u00e4tsverbund,                 der sich gegen den Zensurparagrafen aussprach. Wir haben damals                 mehrere \u00f6ffentliche Manifeste unterschrieben mit dem MAD-Zeichen,                 und das war dieser Satirezeitschrift MAD zu viel. Die haben eine                 einstweilige Verf\u00fcgung gegen uns geschickt, und wir mussten dann                 ziemlich z\u00fcgig den Namen wechseln, was im Grunde eine sch\u00f6ne Sache                 war, weil der Verlag dann Edition Nautilus und nicht mehr MAD                 hie\u00df, was ja immer ein bisschen erkl\u00e4rungsbed\u00fcrftig war. <\/p>\n<p><b>Nina Nadig: Kannst du etwas dazu sagen, inwiefern anarchistische                 Ideen in der Verlagsgr\u00fcndung, der Organisation und den Strukturen                 so eines Verlages umgesetzt werden konnten? <\/b><\/p>\n<p><i>Hanna Mittelst\u00e4dt: <\/i>Wir waren noch sehr klein am Anfang,                 nur Pierre, Lutz und ich. Wir haben das lange Jahre als Dreier-Team                 gemacht. Anarchistisch an uns waren einmal nat\u00fcrlich die Inhalte,                 aber auch das Lebensgef\u00fchl. Wir haben eine solide Verachtung f\u00fcr                 den Kapitalismus gehabt, auch f\u00fcr den B\u00fcchermarkt. Es gab damals                 linke Strukturen, es gab einen Verband linker Verlage und Buchhandlungen,                 die sich regional organisiert hatten, da waren wir auch Mitglied.                 Das waren nicht ausdr\u00fccklich Anarchisten. Es gab linke Strukturen,                 die den Buchhandel, die Vertriebe und Verlage zusammenf\u00fchrten,                 das, was man heute Netzwerk nennen w\u00fcrde. Davon waren wir Teil.                 Unsere solide Verachtung der Arbeit, also des kapitalistischen                 Verwertungssystems, ging so weit, dass wir im Sommer vier Wochen                 nach Frankreich gefahren sind. <\/p>\n<p>Da irgendwo im S\u00fcden auf irgendeinem armseligen Hof gesessen                 haben, fast ohne Geld gelebt, aber dann \u00dcbersetzungen gemacht                 haben. Also, wir haben schon versucht, dieses andere Lebensgef\u00fchl                 auch selber zu leben. Nat\u00fcrlich gab es damals auch die Kommunenbewegung                 und alles M\u00f6gliche an Subkultur. Aber wir waren da sehr am Rand.                 Wir als Verlag wollten ja intellektuelle Materialien zur Verf\u00fcgung                 stellen.<\/p>\n<p>Aber trotzdem hatten wir auch eine klare Vorstellung f\u00fcr ein                 anderes Lebensgef\u00fchl, als das der normalen Arbeit, des normalen                 Funktionierens des B\u00fcchermarktes. Wir waren skeptisch diesen Dingen                 gegen\u00fcber und eigentlich eher feindlich. Wir haben uns zum Beispiel                 nie Bestsellerlisten angeguckt. Das war f\u00fcr uns au\u00dferhalb der                 Vorstellung, dass wir da jemals drauf kommen wollten. Mit Buchhandlungen,                 die uns auch vom Programm her nah waren, hatten wir gerne Kontakt.               <\/p>\n<p><b>Bernd Dr\u00fccke: Viele Leute denken ja noch immer, dass Anarchie                 Chaos und Anarchisten Terroristen sind. Was bedeutet denn f\u00fcr                 dich Anarchie? Was bedeutet f\u00fcr dich Anarchismus, was Anarchistin                 zu sein?<\/b><\/p>\n<p><i>Hanna Mittelst\u00e4dt:<\/i> Gerade in den 70er Jahren hatte Anarchie                 durch die RAF-Verfolgung diese Bedeutung von Terror, Gewalt, au\u00dfer                 Rand und Band geraten. Anarchie hei\u00dft ja Herrschaftsfreiheit.                 Wir waren auch nicht so sehr in der anarchistischen Bewegung oder                 in den anarchistischen Traditionen verwurzelt. Also einerseits                 schon. Aber wir hatten auch immer wieder freien Blick dar\u00fcber                 hinaus. <\/p>\n<p>Wir haben auch von an Anfang Belletristik gemacht, von Anfang                 an Kunst ver\u00f6ffentlicht. Die Surrealisten, die Dadaisten, die                 Situationisten waren ein wichtiger Teil unseres Verlagsprogramms.                 Eine Erweiterung dieses traditionellen anarchistischen Begriffs                 war f\u00fcr uns immer sehr wichtig. <\/p>\n<p><b>Nina Nadig: Katharina, bist du auch schon in deiner Jugend                 mit der anarchistischen Jugendbewegung in Ber\u00fchrung gekommen,                 vielleicht mit Literatur oder Zeitschriften? Du hast ja erz\u00e4hlt,                 dass du als Praktikantin zum Verlag gekommen bist. Hast du dich                 auch schon in deiner Studienzeit politisiert oder kam das im Laufe                 des Praktikums?<\/b><\/p>\n<p><i>Katharina Picandet<\/i>: Ich bin Geburtsjahr 1974. Als ich                 zu Nautilus gekommen bin, war ich 21 oder so. Ich habe mich in                 meiner Jugend nicht ausdr\u00fccklich mit anarchistischen Schriften                 besch\u00e4ftigt, ich war diesbez\u00fcglich relativ ahnungslos, aber auch                 nicht so blind oder angepasst, dass ich fand, alles in der Gesellschaft                 laufe zum Besten. <\/p>\n<p>Der Alltag und das Arbeiten bei Nautilus und auch die Schriften,                 die ich mir dann auch relativ schnell im Praktikum ausgeliehen                 und durchgelesen habe, waren schon eine Art Augen\u00f6ffner. Diese                 ganze Geschichte, von der ich nicht viel wusste. Die 68er Bewegung                 war f\u00fcr mich ja sozusagen unmittelbar vorangegangen. Das habe                 ich vielleicht \u00fcber meine Eltern ein bisschen mitgekriegt, aber                 nicht als Schulfach. Das hat sich bei mir in meiner Jugend und                 Kindheit nicht irgendwie niedergeschlagen, au\u00dfer in Liedgut. Es                 war dann sehr interessant, es gab f\u00fcr mich viel zu entdecken.                 Das habe ich dem Verlag, Hanna und Lutz zu verdanken. Nautilus                 und Anarchismus entdecken, das lief bei mir parallel. <\/p>\n<p><b>Bernd Dr\u00fccke: Hanna, es gibt drei anarchistische Verlage,                 die sich um Liebespaare entwickelt haben. Weber, Zucht &#038; Co. in                 Kassel, um Wolfgang Zucht und Helga Weber, der Karin Kramer Verlag                 in Berlin um Karin und Bernd Kramer, und Edition Nautilus um Lutz                 und Hanna in Hamburg. Wie erkl\u00e4rt ihr euch, dass gerade diese                 anarchistischen beziehungsweise libert\u00e4ren Verlage, die von Liebespaaren                 gegr\u00fcndet wurden, dann so unglaublich produktiv und langlebig                 anarchistische und tolle Literatur und Materialien produziert                 haben? <\/b><\/p>\n<p><i>Hanna Mittelst\u00e4dt: <\/i>Ich glaube, ein Liebespaar k\u00f6nnte auch                 einen tollen literarischen Verlag machen, das ist gar kein Problem.                 Aber f\u00fcr Lutz und mich war der Verlag so zu sagen unser Lebensprojekt.                 Es hat sich schnell herausgestellt, dass das unser Ding ist. Wir                 haben bewusst auf Kinder verzichtet. Ich dachte, das Leben ist                 derartig reichhaltig und um diesen Verlag herum gibt es so viele                 Kontakte, so viele Welten zu entdecken, wir haben so wenig Geld,                 wir haben so wenig Sicherheiten, wir leben jetzt einfach f\u00fcr diesen                 Verlag, was ja nicht nur ein Verlag ist, sondern ein ganzer Kosmos.               <\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte noch etwas zu unserem Anarchismusverst\u00e4ndnis sagen.                 Nat\u00fcrlich geht es nicht nur darum, die Regierung zu st\u00fcrzen, wie                 die Goldenen Zitronen sagen, sondern es geht darum, das Leben                 in die eigenen H\u00e4nde zu nehmen, sich selber zu organisieren, sein                 Leben als sein eigenes Produkt zu verstehen. Dieses Selbstbewusstsein                 haben wir uns \u00fcber den Verlag angeeignet, das haben wir praktiziert.                 Auf niemand zu trauen als auf die eigenen Kr\u00e4fte und die Solidarit\u00e4t                 der Freunde und Genossen. Wir haben eigentlich auf alle Institutionen                 verzichtet, sei es Kulturbeh\u00f6rde, die vielleicht Subventionen                 gibt, sei es eine Partei, die Linien vorgibt. Und daf\u00fcr ist so                 ein Liebespaar schon mal eine Einheit, wir waren immerhin schon                 mal zwei. Wir waren total verschiedene Menschen, die sich gut                 erg\u00e4nzt haben, was nat\u00fcrlich auch mit Schwierigkeiten verbunden                 ist, das ist klar. <\/p>\n<p>Es ist wirklich ein Lebenswerk, was alle Kr\u00e4fte der beiden Personen                 und der Personen, die darum kreisen, aufsaugt und beansprucht.<\/p>\n<p><b>Nina Nadig: Welche Ver\u00e4nderungen haben sich dann mit Lutz                 Tod ergeben, der ja am 1. Mai 2013 gestorben ist? ((4))                 Ihr habt danach eine GmbH gegr\u00fcndet. Was bedeutet das f\u00fcr \u00f6konomische                 oder strukturelle Ver\u00e4nderungen? Eine GmbH beinhaltet die Gefahren                 der Hierarchiebildung, dadurch, dass zwei Menschen Anteilseigner                 sind und sich in einer finanziell privilegierten Position befinden.                 Wie begegnet ihr diesen Gefahren oder merkt ihr das in eurer Verlagsarbeit?<\/b><\/p>\n<p><i>Hanna Mittelst\u00e4dt<\/i>: Die GmbH ist im Prozess der Bildung,                 welcher langsam und bed\u00e4chtig vor sich geht. Eine Hierarchiebildung                 streben wir nicht an. Ich werde in dieser GmbH dann auch nicht                 mehr so pr\u00e4sent sein. Sondern wir streben die GmbH als einfachste                 Form einer Mitarbeitergesellschaft an. Und die f\u00fcnf Mitarbeiter                 werden alle Teil dieser GmbH sein. Was sich ver\u00e4ndert hat, ist,                 dass Lutz als Person fehlt. Strukturell ist die Ver\u00e4nderung nicht                 ganz so stark sp\u00fcrbar. Lutz k\u00f6nnte man bei uns als kreatives und                 chaotisches Element bezeichnen, das m\u00f6chte ich durchaus positiv                 verstanden wissen.<\/p>\n<p>Die Arbeitsstruktur k\u00f6nnen wir auffangen. Schwierig ist, dass                 er als Person fehlt und auch als Antreiber. Er war der Antreiber                 vor dem Herrn, damit m\u00fcssen wir uns jetzt neu koordinieren und                 neu zurechtkommen, dass dieser Antreiber fehlt. Der Kapit\u00e4n Nemo.                 Jetzt hat es die Steuerfrau, das bin ich, in der Hand. Ich bin                 aber sehr teamgeeignet und denke, dass wir etwas konfliktfreier                 im Inneren arbeiten, aber die Konflikte von au\u00dfen sind stark,                 es ist schwierig f\u00fcr einen Buchverlag.<\/p>\n<p><i>Katharina Picandet<\/i>: Ich denke nicht, dass die strukturelle                 Form der GmbH die Hierarchisierung unbedingt bef\u00f6rdert. Da k\u00f6nnte                 man ja schon eher sagen, dass die bisherige Einpersonenfirma,                 die einfach Lutz Schulenburg geh\u00f6rt hat, und wir anderen waren                 dabei, schon eher eine Hierarchie bef\u00f6rdert h\u00e4tte. Da das aber                 nicht so war, glaube ich, dass wir gut dagegen gefeit sind. Ich                 glaube, dass man aus der Erfahrung, die wir bisher gemacht haben,                 sagen kann, dass wir als Kollektiv mit unseren verschiedenen Pers\u00f6nlichkeiten                 gut zusammen arbeiten k\u00f6nnen. Vor allem Konflikte konnten wir                 bisher immer gut bew\u00e4ltigen. Ich bin zuversichtlich, und wir m\u00fcssen                 ja auch gut zusammenstehen, denn, wie Hanna sagte, die Lage ist                 von au\u00dfen nicht einfach.<\/p>\n<p><b>Bernd Dr\u00fccke: Ihr produziert seit 40 Jahren Unmengen an Zeitungen                 und B\u00fcchern. Was waren denn eure liebsten? <\/b><\/p>\n<p><i>Hanna<\/i>: Das ist eine wirklich gemeine Frage, 900 B\u00fccher!<\/p>\n<p><b>Bernd Dr\u00fccke: Die ersten 10 reichen. <\/b><\/p>\n<p><i>Hanna Mittelst\u00e4dt<\/i>: Die ersten 10 Lieblingsb\u00fccher?! Oh                 Mensch, wirklich ganz fies. Also, eines meiner Lieblingsb\u00fccher                 ist die Autobiografie von Billy Holiday. Weil wir die schon 1980                 gemacht haben und immer noch mit Neuauflagen im Programm. Das                 finde ich gro\u00dfartig. Dann nat\u00fcrlich die Franz Jung Werkausgaben.                 Das war in dem Sinn kein Lieblingsbuch, weil es uns fast ruiniert                 hat, diese 14-b\u00e4ndige Werkausgabe mit Tausenden Seiten und ohne                 F\u00f6rdermittel. Das war heftig, aber es war ein gigantischer Kosmos                 an Personen, die wir kennen gelernt haben und Ideen von Franz                 Jung, der ja ein Revolution\u00e4r, Theatermacher, B\u00f6rsenfachmann,                 Immigrant, Schiffsentf\u00fchrer, Fabrikmanager in Russland nach der                 Revolution, ein irrsinniger Typ war. Und f\u00fcr den sich nach dem                 Krieg in Deutschland niemand mehr interessiert hat, den wir quasi                 ausgegraben haben in einer Ost-West-Zusammenarbeit zwischen ostdeutschen                 und westdeutschen Forschern. Das war gro\u00dfartig. Wunderbar ist                 nat\u00fcrlich auch der Kosmos der Situationistischen Internationale.                 Das ist unser erstes Mammutprojekt gewesen. Wir haben s\u00e4mtliche                 Zeitschriften der SI, die in den 50er, 60er bis zu den ganz fr\u00fchen                 70ern erschienen sind, \u00fcbersetzt, in diesen vielen Sommern, die                 wir in S\u00fcdfrankreich verbracht haben. Dann von mir eigenh\u00e4ndig                 getippt und zur Druckerei gegeben. Es war eine kollektive \u00dcbersetzung                 zwischen Pierre und mir, Lutz und anderen, die in der Zeit unseren                 Weg kreuzten. Das sind dann schon mal drei Gro\u00dfprojekte.<\/p>\n<p>Ganz wichtig, dazu geh\u00f6rt auch Emma Goldmans Autobiografie, die                 wir vom Karin Kramer Verlag \u00fcbernommen haben. Die haben die Originalausgabe                 in drei B\u00e4nden gemacht. Auch ein Pionierwerk dieses Verlags. Es                 war lange vergriffen und sie konnten dann keine neue Auflage mehr                 finanzieren. Wir haben dann die \u00dcbersetzung v\u00f6llig neu \u00fcberarbeitet                 und eine sehr sch\u00f6ne neue Ausgabe gemacht. Emma Goldman ist eine                 legend\u00e4re Anarchistin, Feministin und Frauenrechtlerin, die ein                 wahnsinnig aufregendes und inspirierendes Leben hatte und sehr                 frei \u00fcber ihre Liebesbeziehung, \u00fcber ihre Politisierung und \u00fcber                 ihre bittere Entt\u00e4uschung im Russland nach der Revolution 1917                 geschrieben hat. Ein fantastisches Buch. Eine begnadete Rednerin,                 eine Aktivistin, selbstbewusst, gebildet, mutig, tolle Frau. Na,                 das sind ja jetzt schon eine Menge B\u00fccher.<\/p>\n<p><i>Katharina Picandet<\/i>: Ich w\u00fcrde zwei B\u00fccher nennen, die                 ich toll finde, die sich leider schlecht verkauft haben, sind                 zum einen die <i>Menschen aus Papier<\/i> von Salvador Plascencia.                 Das haben wir mal gemacht, als wir viel Geld hatten. Das ist ein                 tolles Projekt, metafiktional, lustig, humorvoll, klug, nicht                 aufdringlich, eine \u00dcbersetzung aus dem Englischen. Sehr zu empfehlen.                 Toll finde ich auch von Frank Witzel den Roman <i>Bluemoon Baby<\/i>.                 Ich mag auch unsere erfolgreichen Titel, aber die beiden wollte                 ich erw\u00e4hnen. Und dann zum Beispiel Hans-Christian Dany: <i>Morgen                 werde ich Idiot<\/i>, oder von Nils Boeing <i>Alles auf null<\/i>,                 das sind beides Flugschriften. <\/p>\n<p><b>Nina Nadig: Welche Sorgenkinder hattet ihr in der Verlagsgeschichte?                 Hanna, du hast gerade schon die Franz-Jung-B\u00e4nde angesprochen.                 Wie habt ihr solche \u00f6konomischen Engp\u00e4sse \u00fcberwunden und Krisen                 bew\u00e4ltigt?<\/b><\/p>\n<p><i>Hanna Mittelst\u00e4dt: <\/i>Wir haben die nur mit der Hilfe von                 Freunden \u00fcberstanden, die uns Geld leihen konnten, das wir dann                 sp\u00e4ter zur\u00fcck zahlen konnten. Wir waren nie bei Banken verschuldet,                 das ist ja schon mal eine gute Sache, das spart Zinsen und Nerven.                 Obwohl es auch eine schwierige Angelegenheit ist, bei Freunden                 verschuldet zu sein. Da gibt es kein Rezept. Wir waren immer bereit,                 auch B\u00fccher zu machen, bei denen wir dachten, die k\u00f6nnen auch                 schwierige Projekte quer finanzieren. Wir haben lange gro\u00dfe Auflagen                 von <i>Dinner for one<\/i> in Buchform verkauft. Das hat etliche                 Jahre schwierige Projekte querfinanziert. <\/p>\n<p>Zum Beispiel die legend\u00e4re 800-Seiten-Durruti-Biografie von Abel                 Paz, \u00fcber den spanischen Anarchisten Durruti. Da waren Investitionen                 f\u00fcr die \u00dcbersetzung, f\u00fcr die Druckkosten, da waren Vorauskosten                 zu stemmen, die waren so gigantisch f\u00fcr unsere damaligen Verh\u00e4ltnisse,                 dass wir anderswo Geld rein kriegen mussten. Wir haben aber auch                 den Altstalinisten Karl Eduard von Schnitzler ver\u00f6ffentlicht.                 Als die DDR gescheitert war, kam er zu uns und hat gefragt, ob                 wir seine Art Autobiografie <i>Der rote Kanal<\/i> ver\u00f6ffentlichen                 w\u00fcrden. Das haben wir uns lange \u00fcberlegt. Dann haben wir gedacht,                 dass wir derartig weit von solchen Ideen entfernt sind, dass wir                 das eigentlich machen k\u00f6nnen. Das war ein Skandal. Wir haben das                 sehr gut verkauft und der Band hat dann f\u00fcr uns wieder Herzensangelegenheiten                 finanziert. So ging es. Wir haben schon Anfang der achtziger Jahre                 einen <i>goodseller<\/i> gehabt, das war die Autobiografie von                 Jacques Mesrine, ein franz\u00f6sischer Ausbrecherk\u00f6nig. Der hatte                 sich damals auch gegen die Hochsicherheitstrakte engagiert. Das                 war ein vom Typ her extrem mutiger Gangster. Seine Autobiografie                 fanden wir wahnsinnig interessant. Es war ein zwiesp\u00e4ltiger Held,                 weil dieses &#8222;Macho-Gangster&#8220; mit einer Politisierung gekreuzt                 war. Da gab es den ersten Raubdruck eines linken Verlags.<\/p>\n<p>Damals haben etliche linke Verlage ihre Projekte \u00fcber Raubdrucke                 finanziert. Das hie\u00df, man kupferte von normalen Verlagen herausgegeben                 B\u00fccher ab, die sehr teuer waren, und verkaufte sie dann, ohne                 Autorenrechte zu bezahlen, ohne die normalen Vertriebs- und Verlagsstrukturen                 zu bezahlen. Die wurden auf B\u00fcchertischen oder in Bauchl\u00e4den in                 Kneipen verkauft. Das war ein Sakrileg, dass auch von einem kleinen                 linken Verlag ein Raubdruck gemacht wurde, und da waren dann gerade                 wir betroffen mit diesem Mesrine.<\/p>\n<p><b>Bernd Dr\u00fccke: Ihr habt auch gro\u00dfe finanzielle Erfolge gehabt.                 Durch das Geld, das ihr mit Andrea Maria Schenkels Bestsellern                 <i>Tann\u00f6d<\/i> und <i>Kalteis<\/i> verdient habt, konntet ihr ein                 eigenes Verlagshaus in Hamburg kaufen. <\/b><\/p>\n<p><i>Hanna Mittelst\u00e4dt<\/i>: <i>Tann\u00f6d<\/i> war im finanziell positiven                 Sinne die gr\u00f6\u00dfte \u00dcberraschung, die wir hatten. Das war ein Deb\u00fct                 einer bayrischen Autorin, die ein sehr literarisches, und wie                 wir fanden, sehr poetisch sch\u00f6nes Krimideb\u00fct hingelegt hat. Multiperspektivisch,                 sehr ungew\u00f6hnlich, ohne Ermittler mit den Stimmen der verschiedenen                 Beteiligten montiert. Das passte vom Stil her wunderbar zu Nautilus.                 Niemand hatte gedacht, dass wir damit jetzt einen Riesenerfolg                 landen. Die Autorin war v\u00f6llig unbekannt. Aber irgendwie hat dieser                 Krimi einen Zeitgeist getroffen. Zum Beispiel auf einen \u00dcberdruss                 gegen\u00fcber den Regionalkrimis, die so nach dem Schema 0-8-15 gehen.                 Wo es immer einen \u00fcblichen Ermittler gibt, wo immer die Region                 die Hauptrolle spielt, ohne literarisches Profil. <\/p>\n<p>Das hat Andrea Schenkel alles unterlaufen mit diesem d\u00fcnnen B\u00fcchlein,                 120 Seiten. Dann gab es pl\u00f6tzlich ganz viel Interesse und eine                 richtige Sympathiewelle f\u00fcr die Autorin, den Verlag und das Buch,                 das war erstaunlich. Wir kletterten auf Platz 1 der Bestsellerlisten                 mit diesem Buch. Was wir ja vorher immer verachtet hatten. Aber                 jetzt hagelte das Geld nur so auf uns ein und auf die Autorin                 nat\u00fcrlich auch. Wir konnten dann aus engen kleinen Verlagsr\u00e4umen                 umziehen nach Altona in einen Hinterhof, wo wir so eine leerstehende                 ehemalige Manufaktur f\u00fcr Fleischd\u00e4rme umbauen konnten. <\/p>\n<p><b>Bernd Dr\u00fccke: In letzter Zeit sind leider viele linke Buchl\u00e4den                 pleite gegangen, zum Beispiel auch der Nautilus-Buchladen in Hamburg.                 Gibt es eine Krise von alternativen Medien und Verlagen, auch                 weil mittlerweile viel \u00fcber das Internet und Amazon und \u00e4hnliche                 Betriebe l\u00e4uft? Welche Perspektiven f\u00fcr libert\u00e4re und anarchistische                 Verlage, f\u00fcr Literatur- und Buchkultur seht ihr?<\/b><\/p>\n<p><i>Katharina Picandet<\/i>: Das ist eine schwierige Frage. Ich                 w\u00fcrde sagen, dass wir uns &#8211; wie alle &#8211; anpassen m\u00fcssen. Wir k\u00f6nnen                 das nicht v\u00f6llig ignorieren, aber es gibt ja schon gro\u00dfe Sympathie                 und, ich denke, auch einen steigenden Wert f\u00fcr das, was jetzt                 unter diesem Schlagwort <i>indiebook<\/i> l\u00e4uft. Es gibt ein Interesse                 an Alternativen zu den ganz gro\u00dfen Verlagen, die Mainstreamliteratur                 machen.<\/p>\n<p>Und es gibt diesen indiebook day und bei den Lesern auch schon                 ein Bewusstsein daf\u00fcr, dass es, wie es auch Bionahrungsmittel                 gibt, aus kleineren Verlagen evtl. teurere, aber wirklich entdeckenswerte                 B\u00fccher gibt. Ich glaube, dass das ein Weg ist, den es auszubauen                 gilt. Zu so was geh\u00f6ren zum Beispiel Initiativen wie <i>buy local<\/i>.                 Also nicht bei den Gro\u00dfh\u00e4ndlern zu bestellen, sondern in den lokalen                 Buchhandel zu gehen, der ja schlie\u00dflich auch alle B\u00fccher besorgen                 kann. Es gibt Netzwerke, es gibt Empfehlungen, ich denke, dass                 man sich anpassen kann, ohne sich selbst zu verraten. <\/p>\n<p><b>Nina Nadig: Welche Perspektiven habt ihr f\u00fcr Edition Nautilus?                 Welche Pl\u00e4ne, Visionen und Projekte habt ihr f\u00fcr die kommenden                 Jahre?<\/b><\/p>\n<p><i>Katharina Picandet<\/i>: Weitermachen, die Wurzeln bewahren                 und sich irgendwie von neuen Sachen befl\u00fcgeln lassen! <\/p>\n<p>Es gibt auch konkrete Projekte, Vertr\u00e4ge, die wir abgeschlossen                 haben und die wir gerne realisieren wollen. Aber auch in den letzten                 40 Jahren ist Nautilus nicht starr geblieben, sondern hat sich                 den Sachen angepasst. Wir haben moderne Sachen gemacht. Das wollen                 wir auch weiter machen. Wir wollen die drei Schlagworte m\u00f6glichst                 erf\u00fcllen: Innovativ, k\u00e4mpferisch, eigenwillig.<\/p>\n<p>Danach suchen wir, das treffen wir auch immer wieder. Wir wollen                 die Stra\u00dfen, die Nautilus bisher befahren hat, die Krimis, die                 Literatur, die Flugschriften, die gro\u00dfen Biografien, auch die                 kleine Sparte &#8222;Hand und Kopf&#8220;, die Kunstsparte, weiter ausbauen                 und das m\u00f6glichst interessant und verk\u00e4uflich.<\/p>\n<p><b>Bernd Dr\u00fccke: Habt ihr noch etwas, was euch auf der Seele                 brennt, was ihr los werden wollt? <\/b><\/p>\n<p><i>Katharina Picandet<\/i>: Wir hoffen, dass wir, wie in den letzten                 40 Jahren, auch in den n\u00e4chsten immer das n\u00f6tige Qu\u00e4ntchen Gl\u00fcck                 haben, das uns weiter bringt. Wir sind zuversichtlich. Ich glaube,                 wir haben ein sehr gutes Kollektiv, eine gute Mischung aus Sturheit                 und Anpassungsverm\u00f6gen, die uns da durchf\u00fchren. <\/p>\n<p><b>Bernd Dr\u00fccke: Ich denke auch, dass 40 Jahre Edition Nautilus                 erst der Anfang sind. Was euch gut gegl\u00fcckt ist, ist auch das                 Generations\u00fcbergreifende zu schaffen. Viele alte Verlage stecken                 in einer Krise, auch weil es keine Leute gibt, die nachkommen,                 die mit einsteigen. Ein alter Verlag, der ja vielleicht noch ein                 ganz tolles Programm hat, verschwindet dann. Da habe ich das Gef\u00fchl,                 dass das Hineinwachsen neuer Leute bei Nautilus gegl\u00fcckt ist,                 dass es zukunftsweisend voran geht und generations\u00fcbergreifend                 dieses tolle Verlagsprogramm auch in den n\u00e4chsten 40 Jahren ausgebaut                 wird. <\/b><\/p>\n<p><i>Hanna Mittelst\u00e4dt:<\/i> Das finde ich auch. Ich glaube, das                 ist die St\u00e4rke von Nautilus, dass wir diese Unverbrauchtheit unserer                 Anf\u00e4nge herausstellen k\u00f6nnen. Dass deshalb auch junge Mitarbeiterinnen,                 die sind ja wesentlich j\u00fcnger als der Verlag, und auch unsere                 jungen Autoren gerne zu Edition Nautilus kommen, obwohl es ein                 alter Verlag ist. Und es sind junge Autoren und junge politische                 Themen und auch neue T\u00f6nungen im Alten. Das finde ich sehr erfreulich.<\/p>\n<p><b>Nina Nadig und Bernd Dr\u00fccke: Herzlichen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bernd Dr\u00fccke (GWR): Hanna, vor 40 Jahren hast du mit Lutz Schulenburg und Pierre Gallissaires die Edition Nautilus gegr\u00fcndet. Kannst du erz\u00e4hlen, wie das alles anfing? Hanna Mittelst\u00e4dt: Angefangen hat das alles mit viel Begeisterung und ohne Geld. 1972 haben Lutz und ich uns in der anarchistischen Bewegung in Hamburg getroffen. 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