{"id":13464,"date":"2014-06-08T21:01:29","date_gmt":"2014-06-08T19:01:29","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13464"},"modified":"2022-07-26T13:56:36","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:36","slug":"neue-friedensengel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2014\/06\/neue-friedensengel\/","title":{"rendered":"Neue &#8222;Friedensengel&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Pl\u00f6tzlich war von Querfront die Rede, die Mainstreampresse von <i>Spiegel<\/i> bis <i>Zeit<\/i> widmete sich der Sache, der Fernsehsender <i>3sat<\/i> berichtete in seiner Sendung &#8222;Kulturzeit&#8220; und schlie\u00dflich machte sich auch noch die <i>heute-show<\/i> \u00fcber die neuen Montagsfriedensmahnwachen lustig.<\/p>\n<p>Aufgeregt wurden Facebook und andere Foren der sozialen Communities vollgeschrieben, Hitler- und Goebbels-Vergleiche erfreuten sich noch gr\u00f6\u00dferer Beliebtheit als ohnehin schon und die Gem\u00fcter wollten sich \u00fcber Wochen nicht wieder beruhigen.<\/p>\n<p>Zig Facebook-NutzerInnen posteten Bilder von sich, auf denen sie H\u00fcte aus Aluminiumfolie auf dem Kopf hatten und der ehemalige Chefredakteur des Satirmagazins <i>Titanic<\/i>, Leo Fischer, kommentierte stellvertretend f\u00fcr sch\u00e4tzungsweise 99 Prozent der Bev\u00f6lkerung: &#8222;Ich las dieser Tage h\u00e4ufiger den Ausdruck &#8218;Aluhut&#8216; bzw. &#8218;Aluhut-Fraktion&#8216;. Ich vermutete darunter eine mir nicht bekannte radikalarabische Politgruppierung (al-\u00fahut), so \u00e4hnlich wie man ja auch W\u00f6rter wie &#8218;Al-Aksa&#8216;, &#8218;Zapatisten&#8216; etc. liest und f\u00fcr voll nimmt, ohne den blassesten Schimmer von ihrer Bedeutung zu haben.&#8220;<\/p>\n<p>Die Aluh\u00fcte sollen indes vor Chemikalien sch\u00fctzen, die einige der DemonstrationsteilnehmerInnen in den Kondensstreifen von Flugzeugen vermuten.<\/p>\n<p>Am 30. M\u00e4rz 2014 hatte Jutta Ditfurth auf ihrer Facebookseite verk\u00fcndet, es sei &#8222;lehrreich, mit wieviel Hass und Dreck man beworfen wird, nur weil man Leute &#8218;entfreundet&#8216;, die mit Ken Jebsen befreundet sind bzw. Ihn liken.&#8220; Auf diesen Eintrag folgten \u00fcber 200 Kommentare anderer FacebooknutzerInnen, Ditfurth wurde darin teils \u00fcbel beschimpft. Damit war der Stein ins Rollen gebracht.<\/p>\n<p>Ken Jebsen ist ein ehemaliger Radiomoderator des RBB und Identifikationsfigur vieler MontagsdemonstrantInnen. Beim RBB wurde er 2011 wegen antisemitischer \u00c4u\u00dferungen vor die T\u00fcr gesetzt und setzte sein Treiben seitdem und bis heute im Internet unter dem Titel <i>KenFM<\/i> fort, nach eigener Aussage &#8222;crowdfinanziert&#8220;.<\/p>\n<p>In seiner Sendung gibt er schon einmal dem Ufologen und Finanzapokalyptiker Franz H\u00f6rmann eine B\u00fchne oder fabuliert von &#8222;radikalen Zionisten mit US-Pass, deren Hobby Israel ist und deren Lieblingssport im Schlachten von Arabern besteht&#8220;.<\/p>\n<p>Er gilt als das bekannteste Gesicht einer Bewegung, die behauptet, f\u00fcr &#8222;die Wahrheit&#8220; zu k\u00e4mpfen und unter dem Label &#8222;truther&#8220; bereits seit l\u00e4ngerem in erster Linie im Internet ihr Unwesen treibt. Das Hauptargument der truther ist die Behauptung, die &#8222;Wahrheit&#8220; hinter den weltpolitischen Vorg\u00e4ngen werde von den Massenmedien b\u00f6swillig und systematisch verschleiert, weshalb es nun einer Bewegung bed\u00fcrfe, die diese endlich ans Licht bringe. Ein weiterer Protagonist dieser absonderlichen Szene ist der ehemalige <i>junge Welt<\/i>-, <i>Jungle World<\/i>&#8211; und <i>Konkret<\/i>-Redakteur J\u00fcrgen Els\u00e4sser, der nach Stationen im Kommunistischen Bund und als Guru der pro-israelischen Antideutschen nun erneut die Sekte gewechselt hat und sich mit dem von ihm gegr\u00fcndeten Magazin <i>Compact<\/i> offenbar zum Anf\u00fchrer der Wahrheitsfreunde aufschwingen will. Auch Jebsen bet\u00e4tigt sich als Autor im Els\u00e4sser-Magazin, das mit dem Slogan &#8222;Mut zur Wahrheit&#8220; f\u00fcr sich wirbt.<\/p>\n<h3>Jetzt oder nie: Verschw\u00f6rungstheorie<\/h3>\n<p>Soweit sich das nachvollziehen l\u00e4sst, fand die erste der Montags-Veranstaltungen, die als Mahnwachen angemeldet wurden und auf denen sp\u00e4ter sowohl Jebsen als auch Els\u00e4sser als Redner auftraten, am 17. M\u00e4rz 2014 in Berlin statt. Initiator und Anmelder war ein gewisser Lars M\u00e4hrholz, der in einem Interview mit <i>KenFM<\/i> angibt, er sei hauptberuflich Fallschirmspringer und ehemaliger Eventmanager. M\u00e4hrholz gibt auch Auskunft \u00fcber seine Sicht der Dinge. Er behauptet unter anderem, die amerikanische Notenbank FED sei schuld an allen Kriegen der vergangenen einhundert Jahre und es m\u00fcsse alle 50 bis 100 Jahre einen Krieg geben, &#8222;sonst funktioniert das ganze System nicht.&#8220;<\/p>\n<p>Auf die Frage, was denn die von ihm initiierte Montagsdemobewegung inhaltlich beizutragen habe, erkl\u00e4rt der Verschw\u00f6rungstheoretiker M\u00e4hrholz, man wolle erneut eine Mauer zu Fall bringen, diesmal jedoch die Mauer in den K\u00f6pfen der Menschen: &#8222;Die Menschen m\u00fcssen Wissen bekommen, was halt nicht allgemein zug\u00e4nglich ist, was nicht in der Schule gelernt wird, was nicht kommuniziert wird in Medien. Es gibt ne Wahrheit und die muss man halt mal erkennen.&#8220;<\/p>\n<h3>Unter Weltpolitik macht man&#8217;s nicht<\/h3>\n<p>Letztlich, so scheint es, sind Els\u00e4sser, Jebsen und Konsorten vor allem daran interessiert, mit ihrer Wahrheitshuberei Geld zu verdienen. Man nehme Versatzst\u00fccke linker Kapitalismuskritik, dazu populistische Ressentiments (Israel, USA, die Rothschilds, alles pauschal b\u00f6se, das \u00dcbliche eben) und einen Schuss Verschw\u00f6rungstheorie, schlie\u00dflich dick &#8222;Wahrheit&#8220; und &#8222;ehrlicher Journalismus&#8220; draufgeklatscht und fertig ist eine Suppe, die sich in Zeiten von Sarrazin, Pirincci und Fleischhauer bestimmt irgendwie verscherbeln l\u00e4sst. Zu Werbezwecken machen sich da Demos, die zumindest ein Rauschen im Bl\u00e4tterwald erzeugen, nicht schlecht und sie kosten wenig.<\/p>\n<p>Vor allem Jebsen zeigt ansonsten keine Ber\u00fchrungs\u00e4ngste mit dem Gro\u00dfkapital. Wenn es ihm Geld bringt, l\u00e4sst er sich von Gro\u00dfkonzernen wie der ProSiebenSat1-Mediengruppe, der Telekom oder dem Brausehersteller &#8222;Red Bull&#8220; nur allzu gern gro\u00dfz\u00fcgig f\u00fcr seine Moderatorendienste bezahlen. Els\u00e4sser muss, insbesondere nachdem ihm kaum eine Zeitung in Deutschland mehr einen Artikel abnimmt, auch irgendwie \u00fcber die Runden kommen und wie man mit Fallschirmspringen Geld verdient, d\u00fcrfte M\u00e4hrholz&#8216; Geheimnis bleiben.<\/p>\n<h3>Dennoch<\/h3>\n<p>Die Macher der vermeintlichen Friedensdemos treffen offenbar einen Nerv bei mehr Menschen als gedacht. Die Tatsache, dass zumindest in Berlin sowohl am Ostermontag als auch eine Woche sp\u00e4ter rund 1500 TeilnehmerInnen die truther-Veranstaltungen besuchten, zeigt, dass hier offenbar ein Bed\u00fcrfnis nach sehr schlichten Antworten besteht, ohne sich mit Bakunin, Marx oder Adorno besch\u00e4ftigen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Wer eine der Montagsdemos besucht, wird feststellen, dass sich hier in erster Linie die Abgeh\u00e4ngten, Unterprivilegierten treffen und wer in einem Schulsystem, das marktkompatible Allroundwisser per Notendruck und Pr\u00fcfungsdrohung zu produzieren versucht, nicht mitkommt und sich schlie\u00dflich als mies bezahlte Krankenschwester oder Erzieherin in einer Gesellschaft wiederfindet, die f\u00fcr solche Art &#8222;Loser&#8220; nichts \u00fcbrig hat als die Drohung mit Hartz IV, der wird nicht als erstes auf die Idee kommen, drei B\u00e4nde Marxsches Kapital zu lesen. Und wenn man keinen blassen Schimmer hat, klingt eine Weltverschw\u00f6rung auch nicht unplausibler als die Annahme eines sich systematisch selbst verwertenden Werts.<\/p>\n<p>Zum notwendigen Diskurs \u00fcber die brutalen Folgen der kapitalistischen Warenproduktion tragen die WahrheitsfreundInnen indes nichts bei. Ihre Behauptung, die amerikanische Fed werde von &#8222;den Rothschilds&#8220; und &#8222;den Rockefellers&#8220; gelenkt und diese sch\u00fcrten absichtsvoll Kriege, ist genauso haltlos wie die Idee, der Zinseszins oder die Giralgeldsch\u00f6pfung der Banken sei schuld an der schlimmen kapitalistischen Welt.<\/p>\n<p>Das Fed-System ist ziemlich transparent und die wichtigen Entscheidungstr\u00e4gerInnen werden von den demokratisch gew\u00e4hlten VertreterInnen im US-Senat bestimmt. Ein Einfluss der genannten Familien auf die Fed-Politik l\u00e4sst sich seri\u00f6s schlicht nicht nachweisen und selbstverst\u00e4ndlich k\u00f6nnen Gesch\u00e4ftsbanken nicht einfach Geld erschaffen ohne die ausgegebenen Sichteinlagen und Kredite zu bilanzieren und daf\u00fcr zu haften.<\/p>\n<p>Statt dezidiert darzulegen, wie etwa in den Geb\u00fchren finanzierten Anstalten Desinformation betrieben wird, werfen die WahreitsfreundInnen den JournalistInnen vor, dass sie deren selbstgemachte Wahrheiten nicht &#8222;kommunizieren&#8220; wollen.<\/p>\n<p>Dabei k\u00f6nnen sich die InitiatorInnen der Montagsmahnwachen \u00fcber die mediale Resonanz ihrer substanzlosen Kleinkundgebungen nun wirklich nicht beschweren.<\/p>\n<p>Diese bestehen fast ausschlie\u00dflich aus Distanzierungen von Antisemitismus und Verschw\u00f6rungstheorien, Forderungen nach &#8222;Wahrheit&#8220;, sowie in Lamentos \u00fcber die b\u00f6sen Banker und dauernden Selbstvergewisserungen nach dem Motto: &#8222;Es ist so sch\u00f6n, dass ihr alle da seid.&#8220;<\/p>\n<p>Nach au\u00dfen sind die Friedensfreunde allerdings nicht sehr friedlich. KritikerInnen wie Andreas Hallaschka oder Jutta Ditfurth wurden \u00fcbel beschimpft, es kursiert sogar ein widerliches Droh- Video gegen Hallaschka im Internet.<\/p>\n<p>Die Kredit getriebene sp\u00e4tkapitalistische \u00d6konomie und daraus erwachsende Interessenskonflikte, die auch zu kriegerischen Auseinandersetzungen f\u00fchren k\u00f6nnen, m\u00fcssen genauso kritisiert werden wie der westliche Imperialismus und die oft einseitige Berichterstattung der gro\u00dfen Medien. J\u00fcdische Bankiersfamilien, den Zins, die Giralgeldsch\u00f6pfung oder die Fed daf\u00fcr verantwortlich zu machen, ist aber Kritik auf Kindergartenniveau, ebenso wie Jebsens Gew\u00e4sch von Pyramidensystemen. Derartige Hirngespinste als Wahrheit verkaufen zu wollen, erfordert einen gewissen Mut zur Unwahrheit und die Lamoryanz, mit der man beweint, von niemandem ernst genommen zu werden, ist tats\u00e4chlich mitleidserregend.<\/p>\n<h3>Gescheitert<\/h3>\n<p>Die Querfrontstrategie von Els\u00e4sser, Jebsen und Co. ist jedenfalls vorerst gescheitert.<\/p>\n<p>Au\u00dfer einigen linken ProtagonistInnen um den trotzkistischen Attac-Funktion\u00e4r Pedram Shayar und die Linken-MdBs Diether Dehm und Wolfgang Gehrcke fiel kaum jemand auf das durchsichtige Gerede herein, wonach die politischen Kategorien von links und rechts nicht mehr zeitgem\u00e4\u00df seien.<\/p>\n<p>Die deutsche Rechte, die Geldkritik- und Esoterikszene ist seit Jahren bem\u00fcht, ein Bein auf den Boden zu bekommen, indem sie linke, esoterische und verschw\u00f6rungstheoretische Vorstellungen zu vereinen und diese anschlussf\u00e4hig zu machen versucht. Damit sollen offenbar innerlinke Auseinandersetzungen genutzt werden, um die eigenen Verkaufszahlen und Reichweite von Produkten wie <i>Compact<\/i> oder <i>KenFM<\/i> zu erh\u00f6hen.<\/p>\n<p>Der kapitalismuskritische Diskurs wird aber zum Leidwesen der selbst ernannten Wahrheits- und FriedensfeundInnen selbst zwischen verfeindeten linken Gruppen l\u00e4ngst zumindest so solidarisch und fundiert gef\u00fchrt, dass totaler Bl\u00f6dsinn \u00fcber die Lager hinweg erkannt wird, was die einhelligen Reaktionen nahezu aller relevanten linken Medien und Organisationen zeigt.<\/p>\n<p>Jetzt als Friedensengel getarnt einige Gutmeinende auf die Stra\u00dfe zu bringen, ist also der neueste Versuch, Fu\u00df zu fassen und im sich gerade organisierenden antikapitalistischen Lager zu fischen.<\/p>\n<p>Die NPD fand es jedenfalls gut.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pl\u00f6tzlich war von Querfront die Rede, die Mainstreampresse von Spiegel bis Zeit widmete sich der Sache, der Fernsehsender 3sat berichtete in seiner Sendung &#8222;Kulturzeit&#8220; und schlie\u00dflich machte sich auch noch die heute-show \u00fcber die neuen Montagsfriedensmahnwachen lustig. 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