{"id":13486,"date":"2014-06-08T21:12:21","date_gmt":"2014-06-08T19:12:21","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13486"},"modified":"2022-07-26T13:31:01","modified_gmt":"2022-07-26T11:31:01","slug":"ein-nachruf-auf-ulli-thiel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2014\/06\/ein-nachruf-auf-ulli-thiel\/","title":{"rendered":"Ein Nachruf auf Ulli Thiel"},"content":{"rendered":"<p>Mit Beginn meines noch zun\u00e4chst \u00fcberschaubaren Engagements f\u00fcr Frieden in der historischen Zeit 1988-1990 kam ich mit etwa 20 Jahren in Ber\u00fchrung mit verschiedenen Angeboten des DFG-VK Materialversands Pazifix.<\/p>\n<p>Ich absolvierte gerade meinen 20-monatigen Zivildienst, kam in Kontakt mit der <i>Graswurzelrevolution<\/i> und verschlang die Ausgaben genauso wie B\u00fccher zum Anarchismus. Aus Sorge um den bevorstehenden Golfkrieg bestellte ich reichlich Materialien f\u00fcr Feste, die ich damals in meinem Freundeskreis organisierte. Damit sogen wir die Anti-Kriegs-Stimmung von damals auf, sangen Lieder von Hannes Wader und Co.<\/p>\n<p>Ich brachte mir das Gitarrespielen bei. Dabei waren Plakate, die anl\u00e4sslich der Menschenkette 1983 entstanden und die ich zu dem Zeitpunkt noch nicht kannte. Ich selbst war mit 14 Jahren &#8211; bedingt durch meine Sozialisation im Elternhaus &#8211; zu dieser Zeit nicht politisch engagiert. Meine Liebe galt dem Fu\u00dfball. Und so stand ich an jenem 22. Oktober 1983 nicht in der Kette sondern im Neckarstadion, um mir das Spiel meines VFB Stuttgart gegen den FC Bayern M\u00fcnchen anzusehen. Ich \u00e4rgerte mich noch, dass das Spiel 90 Minuten sp\u00e4ter wie \u00fcblich beginnen sollte und ahnte nicht, dass sich viele Jahre sp\u00e4ter eine enge Verbundenheit mit dem Initiator der Menschenkette entwickeln w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Bis Ende der 1990er Jahre hatten mich die weitere vertiefende Lekt\u00fcre der <i>Graswurzelrevolution<\/i> und B\u00fccher \u00fcber Gandhis Leben mittlerweile nicht nur zum damals j\u00fcngsten Mediator Deutschlands werden lassen, sondern auch zum Organisator von gewaltfreien Aktionen gegen Atomtests und Atomwaffen. Und so traf ich bei einer Vorbereitung zu einem Go-in an der US-Kommandozentrale EUCOM in Stuttgart erstmalig Sonnhild und Ulli Thiel, was gro\u00dfe Freude und fast schon Ehrfurcht in mir ausl\u00f6ste. Erstmalig erfuhr ich dabei auch schon von Ullis Krankheit.<\/p>\n<p>Als mich die DFG-VK Baden-W\u00fcrttemberg im Februar 2002 zu ihrem neuen Landesgesch\u00e4ftsf\u00fchrer berief, ahnte ich noch nicht, welch bedeutsames Engagement Ulli Thiel zu dieser Zeit bereits hinter und noch mehr als 11 Jahre vor sich hatte. Ich ahnte ebenso wenig, wie sehr er mich in dieser Zeit unterst\u00fctzen und motivieren w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Regelm\u00e4\u00dfig &#8211; und das war in Spitzenzeiten mehrfach in der Woche &#8211; rief er an, um uns auszutauschen, Veranstaltungen vor- und nachzubereiten. Immer mit einem Lachen auf den Lippen. Nie vergessen werde ich seine Worte, als wir bei der 2. Auflage des Pacemakers-Radmarathons der DFG-VK f\u00fcr eine atomwaffenfreie Welt nebeneinander im F\u00fchrungsfahrzeug vor dem Feld von 60-70 Radsportlern sa\u00dfen, nachdem wir bereits \u00fcber mehr als 300 km von der begleitenden Polizei durch die Lande gelotst wurden &#8211; rote Ampeln galten f\u00fcr uns genauso wenig wie Halts an Kreisverkehren. &#8222;Eine Fahrt wie ein Staatspr\u00e4sident&#8220;. Es klang so, als h\u00e4tte er sein Ziel erreicht: das Engagement f\u00fcr eine friedliche, waffenfreie Welt ist angekommen und wird von Verwaltung und Polizei unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p>Klar wissen wir, dass es bis zu einer friedlichen und gerechten Welt noch ein weiter Weg ist.<\/p>\n<p>Umso mehr ist sein konsequenter Einsatz f\u00fcr Frieden und Gewaltfreiheit zu sch\u00e4tzen. Bis Herbst 2013, also gut ein halbes Jahr vor seinem Tod, lebte er diesen Einsatz. Immer an seiner Seite: seine Frau Sonnhild. Beide lebten und engagierten sich nahezu symbiotisch. Noch im letzten Jahr seines Lebens nahm er an Beratungen f\u00fcr die Kampagne &#8222;Schulfrei f\u00fcr die Bundeswehr&#8220; in Baden-W\u00fcrttemberg teil, war Ansprechpartner f\u00fcr eine gleichnamige Tagung der Kampagne in Karlsruhe und organisierte weiter viele verschiedene Veranstaltungen &#8211; Vortr\u00e4ge, Mahnwache, Kundgebungen &#8211; in Karlsruhe.<\/p>\n<p>Er lebte Frieden und Gewaltfreiheit \u00fcber einen Zeitraum von mehr als 4 Jahrzehnten wie kaum ein Zweiter und pr\u00e4gte auf diese Weise viele Menschen, die mit ihnen in Kontakt kamen und so auch in besonderer Weise mich. Seine Gabe zu moderieren und immer wieder aufs Neue den Ausgleich zu suchen ohne dabei seine klare pazifistische Haltung aufzugeben, war f\u00fcr mich pr\u00e4gend. Sein Motto &#8222;Frieden schaffen ohne Waffen&#8220; war Leitbild f\u00fcr sein ganzes Leben &#8211; ob privat, in der Schule, in der Friedensbewegung allgemein oder in der DFG-VK im Besonderen. Viele PolitikerInnen und SoldatInnen konfrontierte er damit.<\/p>\n<p>Sein Abschiedsgruss an mich, eine Woche vor seinem Tod, als ich ihn zusammen mit DFG-VK Landessprecher Klaus Pfisterer besuchen konnte, war ein kr\u00e4ftiger H\u00e4ndedruck mit den fast zugehauchten und doch klar gesprochenen Worten &#8222;Frieden schaffen ohne Waffen&#8220;. Ein Moment f\u00fcr die Ewigkeit und ein Verm\u00e4chtnis, das ich gerne weiterf\u00fchre. Auch ihm und seiner konsequenten Art ist es zu verdanken, dass ich die aktuellen Kampagnen &#8222;Schulfrei f\u00fcr die Bundeswehr&#8220; und &#8222;atomwaffenfrei.jetzt&#8220; koordiniere.<\/p>\n<p>Im Dezember 2013 entschloss sich eine Gruppe von FriedensfreundInnen aus der DFG-VK und deren Umfeld, Ulli und seine Frau f\u00fcr den Stuttgarter Friedenspreis 2014 vorzuschlagen: Detlef Hintze (Mannheim), Hanne Langenbacher (Weinheim), Gaby Weiland (Mannheim), Gunter Schmidt (Tauberbischofsheim), Stefan Philipp (Mei\u00dfenheim), Michael Schmid (Gammertingen), Klaus Pfisterer (Hochdorf), Andreas Zumach (Genf), Kristin Dawn Flory (Genf) und ich. Jedes Jahr werden durch das B\u00fcrgerInnenprojekt <i>Die AnStifter<\/i> Menschen mit diesem Preis ausgezeichnet, die sich in besonderer Weise f\u00fcr &#8222;Frieden, Gerechtigkeit und Solidarit\u00e4t&#8220; einsetzen. Die gemeinsam erarbeitete Begr\u00fcndung f\u00fcr diesen Vorschlag lautet:<\/p>\n<p>&#8222;Pazifismus ist f\u00fcr sie mehr als eine ethische oder politische Geisteshaltung &#8211; Pazifismus ist f\u00fcr sie Berufung. Friedens-Arbeit nahezu ein Leben lang &#8211; in der \u00d6ffentlichkeit, ob daheim in Karlsruhe, in Baden-W\u00fcrttemberg oder jahrelang auf Bundesebene. Die Friedensaktivisten Ulli (geb.1943) und Sonnhild (geb. 1941) Thiel haben ma\u00dfgeblich zur Verbreitung gewaltfreier Ideen in Baden-W\u00fcrttemberg beigetragen und zigtausende Baden-W\u00fcrttembergerInnen friedenspolitisch inspiriert.<\/p>\n<p>Die Beratung von weit mehr als tausend Kriegsdienstverweigerern seit den sp\u00e4ten 1960er Jahren war der Beginn eines bis heute andauernden Engagements gegen Militarismus und Gewalt, auch durch zahllose Friedensaktionen und Friedensveranstaltungen.<\/p>\n<p>In den 1970er und 1980er Jahren war das Haus des Ehepaars Thiel Ideenschmiede, B\u00fccher- und Plakatstation, Landesgesch\u00e4ftsstelle der Deutschen Friedensgesellschaft &#8211; Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK), kurzum ein Friedensb\u00fcro mit \u00fcberragender Ausstrahlung im S\u00fcdwesten. Hier hat Ulli Thiel 1978 den wohl bekanntesten Leitspruch der bundesweiten Friedensbewegung &#8222;erfunden&#8220;: &#8222;Frieden schaffen ohne Waffen&#8220;.<\/p>\n<p>Als Sprecher des s\u00fcddeutschen Koordinierungs-Ausschusses der Friedensbewegung hatte er die zun\u00e4chst noch vermessene Idee, am 22. Oktober 1983 von Stuttgart nach Neu-Ulm eine mehr als 100 Kilometer lange Menschenkette gegen die Nato-Aufr\u00fcstung mit Pershing-II-Raketen zu initiieren. Ulli Thiel war nicht nur Ideengeber, sondern auch einer der Hauptorganisatoren, sozusagen das Gesicht der Menschenkette. Wegen seines Friedensengagements war der Sonderschullehrer in den 1970er und 80er Jahren von staatlichen Sanktionen (Hausdurchsuchungen, Strafermittlungsverfahren, etc.) und Repressionsma\u00dfnahmen der Schulbeh\u00f6rden betroffen.<\/p>\n<p>Gegen den Strom schwimmen bedeutete f\u00fcr die Familie mit drei Kindern, staatliche Einsch\u00fcchterungsversuche abzuwehren, in der Friedensarbeit integer zu bleiben und zugleich neben dem Kriegsdienstverweigerungs- und DFG-VK-Engagement, sich f\u00fcr die Friedensideen zu vernetzen: mit der Arbeitsstelle Frieden der Evangelischen Landeskirche in Baden, in der Werkstatt f\u00fcr Gewaltfreie Aktion Baden und im Internationalen Vers\u00f6hnungsbund.<\/p>\n<p>Mit dem Abzug der Pershing-Raketen, mit dem Ende der jahrzehntelangen Wehrungerechtigkeit und der Aussetzung der Wehrpflicht 2011 hat sich der sprichw\u00f6rtliche &#8222;lange Atem&#8220; der beiden Friedensk\u00e4mpfer ausgezahlt. In der Gegenwart geht es immer wieder um Atomsprengk\u00f6pfe, die in B\u00fcchel\/Eifel f\u00fcr den Einsatz bereitgehalten werden; sofern es Ulli Thiels Gesundheit zulie\u00df, hat das Ehepaar in den letzten zehn Jahren die Radtour der mehr als 100 &#8222;Pace-Maker&#8220; im Lautsprecherwagen begleitet und f\u00fcr Abr\u00fcstung geworben. Selbst wenn es um die Friedensbewegung etwas ruhiger geworden ist, so bleibt das Thiel&#8217;sche Friedenshaus in Karlsruhe seit bald 50 Jahren Anlaufstelle und Kontaktb\u00f6rse f\u00fcr viele Belange rund um das Thema Pazifismus, Kriegsdienstverweigerung oder Desertion.<\/p>\n<p>Sonnhild und Ulli Thiel, beides Menschen der leisen T\u00f6ne in eigener Sache, bekennen immer wieder \u00f6ffentlich Farbe. Als Team dienen beide zusammen durch ihr beispielgebendes Leben dem Friedensgedanken.<\/p>\n<p>&#8222;Die Thiels&#8220; sind Vorbild in unserem Land, dem ja immer mehr Vorbilder abhandenkommen &#8211; Vorbild, was Moral und Engagement, pazifistische Haltung und Tat anbelangt. Ihre gemeinsame Lebensleistung verdient Respekt, Dank und Anerkennung &#8211; durch den Stuttgarter Friedenspreis 2014.&#8220;<\/p>\n<p>Derzeit l\u00e4uft die Wahl zum Stuttgarter Friedenspreis und ich hoffe sehr, dass Sonnhild und posthum Ulli daf\u00fcr ausgezeichnet werden.<\/p>\n<p>Der VFB Stuttgart gewann im \u00dcbrigen das Spiel im Herbst 1983 mit 1:0 und wurde ein halbes Jahr sp\u00e4ter deutscher Fu\u00dfballmeister. Ulli war deswegen nie b\u00f6se auf mich &#8211; im Gegenteil. Unsere sehr unterschiedlichen Erfahrungen mit dem 22. Oktober 1983 waren immer wieder Gespr\u00e4chsstoff und sorgten f\u00fcr heitere Momente. Dass gerade ich im vergangenen Herbst seinen Wunsch folgen durfte, zum 30. Jahrestag der Menschenkette noch einmal die Pressearbeit f\u00fcr ihn machen zu d\u00fcrfen, war f\u00fcr mich eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit.<\/p>\n<p>Viele Medien berichteten ausf\u00fchrlich, auch der SWR und die <i>Stuttgarter Zeitung<\/i> mit einer Reportage auf Seite 3. Es war sein letztes gro\u00dfartiges Aufb\u00e4umen gegen seine Krankheit.<\/p>\n<p>Danke Ulli, du wirst nicht nur mir sehr fehlen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit Beginn meines noch zun\u00e4chst \u00fcberschaubaren Engagements f\u00fcr Frieden in der historischen Zeit 1988-1990 kam ich mit etwa 20 Jahren in Ber\u00fchrung mit verschiedenen Angeboten des DFG-VK Materialversands Pazifix. Ich absolvierte gerade meinen 20-monatigen Zivildienst, kam in Kontakt mit der Graswurzelrevolution und verschlang die Ausgaben genauso wie B\u00fccher zum Anarchismus. 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