{"id":1357,"date":"1997-09-01T00:00:12","date_gmt":"1997-08-31T22:00:12","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=1357"},"modified":"2011-10-27T19:35:43","modified_gmt":"2011-10-27T17:35:43","slug":"ist-der-zapatismus-ein-anarchismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1997\/09\/ist-der-zapatismus-ein-anarchismus\/","title":{"rendered":"Ist der Zapatismus ein Anarchismus?"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Wirklich revolution\u00e4r w\u00e4re daher nicht so sehr der Kampf um staatlich-politische Machtpositionen, sondern die konkrete Verweigerung, die Beendigung des ganz allt\u00e4glichen Mitmachens, das praktisch werdende Bewu\u00dftsein, sich nicht mehr alles zumuten zu lassen&#8220;(Joachim Hirsch, S.133). Irgendeines Aufh\u00e4ngers bedarf es immer, sollen Buchbesprechungen nicht nur den Inhalt zusammenfassend wiedergeben. Und von Anarchie ist in diesem Buch gar nicht die Rede, und gerade deshalb soll es hier darum gehen. Um mich nicht g\u00e4nzlich der Vereinnahmung schuldig zu machen, der Satz f\u00fcr die Verlagsprospekte &amp; Klappentexte gleich zu Beginn: Diese Buch ist das beste zum Thema, das seit der Aufsatzsammlung der Topitas (1994) erschienen ist; den HerausgeberInnen ist es gelungen, die aktuellen Diskurse um den zapatistischen Aufstand kritisch kreisen und hoffnungsvoll auf den Punkt bringen zu lassen. In sechs Kapiteln werden, ausgehend vom 1.Interkontinentalen Treffen im vergangenen Jahr in Chiapas, Erlebnisberichte von dort und Analysen der Situation in Mexiko, theoretische \u00dcberlegungen zur Globalisierungsdebatte und das zapatistische Politikverst\u00e4ndnis in Aufs\u00e4tzen und Interviews auseinandergenommen und in Zusammenhang gebracht. Ich wei\u00df nicht, ob dieses Buch dazu angetan ist, Hoffnung zu verbreiten, etwas Neues signalisiert es aber ganz sicher. Im Bericht vom &#8222;Intergalaktischen&#8220;, wie das Treffen von Chiapas auch genannt wird, steht der Aufruf, den Widerstand gegen den Neoliberalismus horizontal zu organisieren, weil letztlich Leben und Politik nicht voneinander zu trennen seien. Die libert\u00e4r-feministische Forderung, da\u00df das Private politisch sei, ganz zu Beginn des Buches, stellt so den Zusammenhang zu anarchistischen Theorien &amp; Praxen her, die in vielen der Beitr\u00e4ge Anwendung &amp; Niederschlag finden.<\/p>\n<p>&#8222;Der Staat&#8220;, so John Holloway, &#8222;trennt das \u00d6ffentliche vom Privaten und indem er dies tut, legt er uns selbst eine Trennung auf, teilt unsere \u00f6ffentliche, ernste H\u00e4lfte ab von der anderen, der privaten, der nichtigen und irrelevanten. Der Staat fragmentiert, entfremdet uns von uns selbst&#8220; (S.149). Daf\u00fcr, da\u00df Staat und neoliberale Wirtschaftsstrategien sich nicht widersprechen, wie immer wieder gern behauptet wird, um z.B. den wohlfahrtsichernden Staat gegen die entfesselten Kapitalgewalten aufzubieten, findet Friederike Habermann so grunds\u00e4tzliche wie klare Worte. Und wenn beide, Staat &amp; Kapital, alle Bereiche unseres Lebens durchdringen, ist es erst recht revolution\u00e4r und das Faszinierende am Zapatismus, die rebellische Gemeinschaft den materiellen Werten entgegenzusetzen.<\/p>\n<p>\u00dcber das wirklich Revolution\u00e4re ist in der Geschichte der Linken viel gestritten worden. Um so erstaunlicher, da\u00df MarxistInnen im Zapatismus-Fieber pl\u00f6tzlich zu libert\u00e4ren Erkenntnissen kommen. Die Argumentationsfigur ist dabei in etwa die, da\u00df die \u00f6konomischen Verh\u00e4ltnisse der letzten Jahre die Grundlagen der sozialen Organisation aus dem Produktions- in den Reproduktionsbereich verlegt haben. Das hei\u00dft, pers\u00f6nliche Bindungen haben dem Arbeitsplatz den Rang abgelaufen, was die innere Konstituierung von Gesellschaft betrifft, und damit sei gleichzeitig die &#8222;Herrschaft aus der Fabrik auf die Stra\u00dfe gezogen&#8220;(Ana Esther Cecena, S.117). Im Kampf gegen die Herrschaft f\u00fchrt das folglich dazu, da\u00df nicht nur Eigentums- und Verteilungsprobleme die Schaupl\u00e4tze der Befreiungsbem\u00fchungen sind, sondern vielmehr die Bedingungen des eigenen Lebens: statt Klassenkampf also &#8222;Soziale B\u00fcrgerInnenschaft&#8220; (Cecena) oder &#8222;Frage der Demokratie&#8220; (Hirsch).<\/p>\n<p>Der Anarchist Gustav Landauer stritt sich geradezu exemplarisch mit MarxistInnen \u00fcber die Frage der objektiven Bedingungen, die es f\u00fcr AnarchistInnen nie gab, wenn die Motivation zur Revolte oder zum sozialistischen Beginnen zur Debatte stand. Herrschaft findet sich nicht erst in Zeiten der Privatisierung im \u00f6ffentlichen Raum, sondern tummelt sich seit je in Stra\u00dfen, Betten, K\u00f6rpern. Bei der Frage der Macht kommt so auch Holloway zu der anfangs zitierten Folgerung, da\u00df n\u00e4mlich W\u00fcrde, Wahrheit, Nicht-Identit\u00e4t &#8222;nicht als transzendente Essenzen, sondern als Verweigerung in der Gegenwart, als Kampf, als Negation des Falsch-Seins der kapitalistischen Gesellschaft&#8220; existieren (S.151). Der Aufstand der Zapatistas kam so unerwartet, weil er die unertr\u00e4gliche Situation des eigenen Lebens zum Anla\u00df nahm &#8211; und sie mit der eigenen Geschichte (502 Jahre Kolonialismus) und der eigenen Zukunft (Existenzraub durch NAFTA) in Zusammenhang setzte. Und da\u00df die Zapatistas nicht zuletzt durch ihre Konzeptlosigkeit f\u00fcr die Artikulationsr\u00e4ume (J.Winter, S. 171) gesorgt haben, die zur Zerr\u00fcttung des mexikanischen Herrschaftsapparates beitragen konnten, zeigt sich als der richtige Grundsatz zur richtigen Zeit.<\/p>\n<p>Als soziale Bewegung, die jegliche Einbindung in staatliche Strukturen negiert, steht der Zapatismus aber tendenziell auch auf der tragischen Seite anarchistischer Tradition. Mit der Regierungsbeteiligung in Spanien 1936 verloren die anarchistischen F\u00fchrerInnen nicht nur den Krieg, sondern auch das Vertrauen der breiten Basis und damit die Macht, die sie institutionell abzusichern versucht hatten. Das zapatistische Organisationsprinzip des mandar obedeciendo &#8211; &#8222;gehorchend befehlen&#8220;, &#8222;in unserer Politsprache mit dem Konzept des &#8218;imperativen Mandats&#8216; vergleichbar&#8220;(S.83) &#8211; ist nicht nur angesichts dessen mehr als nur der Schnickschnack zur Erhaltung moralischer Integrit\u00e4t. Die Verbindung von Ethik und Politik, wie sie im Zapatismus anzutreffen ist, hat mit Thoreau und Gandhi jedenfalls mehr gemein als mit mancher lateinamerikanischen Guerilla. &#8222;Letztlich wird eine faktische Demokratisierung Mexikos nur stattfinden k\u00f6nnen, wenn Menschen die F\u00e4higkeit erobern, ihre Interessen unabh\u00e4ngig von Staat und der herrschenden Klasse zu verteidigen, durch eine Auseinandersetzung zwischen den verschiedenen sozialen Gruppen, ohne der Gefahr des Klientelismus zu erliegen&#8220; (Christine Wei\u00df, S.79).<\/p>\n<p>Dies ist, wie gesagt, nur die an einer Ecke aufgeh\u00e4ngte Lesart eines Buches. Da\u00df darin auch ein netter Fotoessay enthalten ist, die Grenzen des Konzepts Zivilgesellschaft diskutiert werden und zur Vernetzung Adressen und kommentierte B\u00fccher aufgelistet sind, spricht au\u00dferdem f\u00fcr dieses Werk. Auch im Streit um den Nationalismus der EZLN gibt es weiterbringende Beitr\u00e4ge: w\u00e4hrend Nationalismus John Holloway (&#8222;&#8230;so sehr ich mich auch bem\u00fche, mein Hirn mit allem Wohlwollen zu verrenken&#8230;&#8220;) immer noch krank macht (S.183), versucht A.E. Cecena die Nation als den Raum der beherrschten Klasse auszumachen &#8211; im Gegensatz zu Staat und Markt als R\u00e4ume der Herrschenden &#8211; und f\u00fcr universell zu erkl\u00e4ren. Nicht nur die deutsche Realit\u00e4t als Gegenbeispiel l\u00e4\u00dft dieses Unterfangen schnell als Quatsch erscheinen. Mit Universalisierungen ist es ja eh vorbei, denn auch Zapatismus hat mit Postmoderne zu tun. Anne Huffschmid formuliert wahrhaft vision\u00e4r \u00fcber den taz-Tellerrand hinaus: &#8222;Postmoderne Skepsis st\u00fcnde demnach nicht mehr notwendig im Widerspruch zu utopischem Denken, und die EZLN w\u00e4re eine der ersten wirklichen Befreiungsbewegungen, die die Utopie wieder mit der Gegenwart vers\u00f6hnen&#8220;(S.145).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Wirklich revolution\u00e4r w\u00e4re daher nicht so sehr der Kampf um staatlich-politische Machtpositionen, sondern die konkrete Verweigerung, die Beendigung des ganz allt\u00e4glichen Mitmachens, das praktisch werdende Bewu\u00dftsein, sich nicht mehr alles zumuten zu lassen&#8220;(Joachim Hirsch, S.133). Irgendeines Aufh\u00e4ngers bedarf es immer, sollen Buchbesprechungen nicht nur den Inhalt zusammenfassend wiedergeben. 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