{"id":13675,"date":"2014-09-01T00:00:41","date_gmt":"2014-08-31T22:00:41","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13675"},"modified":"2022-07-26T14:22:18","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:18","slug":"die-landrechtbewegung-in-indien-unter-modi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2014\/09\/die-landrechtbewegung-in-indien-unter-modi\/","title":{"rendered":"Die Landrechtbewegung in Indien unter Modi"},"content":{"rendered":"<p>Rajagopal P. V., Gr\u00fcnder der mittlerweile in zahlreichen indischen                 Staaten erfolgreich t\u00e4tigen Landrechtbewegung, stellte dar, dass                 auch heute noch 65 Prozent der Bev\u00f6lkerung auf dem Lande leben                 und etwa 40 Prozent der indischen Gesamtbev\u00f6lkerung als Adivasis                 (Ureinwohner, 8 %), Dalits (&#8222;Unber\u00fchrbare&#8220;, 20 %), Nomaden (11                 %) und Fischer (2 %) von Landraub betroffen sind und in ihrer                 Existenz bedroht werden. <\/p>\n<h3>Der Fu\u00dfmarsch als gewaltfreie Intervention<\/h3>\n<p>Bereits vor \u00fcber zwanzig Jahren erweckte Rajagopal mit dem Fu\u00dfmarsch                 von Dorf zu Dorf eine alte gandhianische Vorgehensweise zu neuer                 Popularit\u00e4t ((1)). Sie erm\u00f6glicht                 es den Wandernden, einerseits die Lebenswirklichkeit der DorfbewohnerInnen                 zu verstehen und andererseits den DorfbewohnerInnen, Informationen                 aus anderen Gebieten zu bekommen und sich mit Nachbargemeinschaften                 zusammenzuschlie\u00dfen. <\/p>\n<p>Da sich durch den Landraub gro\u00dfer internationaler Konzerne die                 Situation massiv zugespitzt hat, war es notwendig, die Kr\u00e4fte                 der Landlosen zu b\u00fcndeln und erh\u00f6hten Druck auf die Regierung                 auszu\u00fcben, damit jede Familie ein St\u00fcck Land und somit eine \u00dcberlebensm\u00f6glichkeit                 erh\u00e4lt.<\/p>\n<p>2007 marschierten 25.000 Menschen 400 km bei sengender Hitze                 nach Delhi. 2012 waren es fast Einhunderttausend ((2)).<\/p>\n<p>Nicht nur die Durchf\u00fchrung dieser M\u00e4rsche war eine Meisterleistung                 in Selbstorganisation, sondern auch die Vorbereitung hierf\u00fcr:                 Die armen Familien legten jahrelang jeden Tag eine Rupie pro Tag                 zur\u00fcck, um den teuren Anfahrtsweg per Bahn f\u00fcr ein Familienmitglied                 zu finanzieren. Und jeden Tag eine Hand voll Reis, damit die Daheimgebliebenen                 nicht verhungerten. <\/p>\n<p>Auch auf dieser Tagung betonte Rajagopal die Kraft der Armen,                 die entbehrungsreiche M\u00e4rsche mit nur einer Mahlzeit am Tag mit                 \u00dcbernachtungen unter freien Himmel direkt neben einer vielbefahrenen                 Autobahn auf sich nehmen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Der Marsch der Hunderttausend im Jahr 2012 endete mit einem 10-Punkte-Vertrag                 mit der Regierung, der au\u00dfer Landtiteln f\u00fcr 3,5 Millionen InderInnen                 weitreichende Verbesserungen innerhalb definierter Fristen vorsieht.                 Ein gro\u00dfer Erfolg. Aber bei fast einer halben Milliarde bedrohter                 Menschen eben nur ein Anfang.<\/p>\n<p>Aus diesem Grund bildet Ekta Parishad Tausende von AktivistInnen                 aus, die in den D\u00f6rfern den Bau von Schulen und Brunnen anregen,                 bei Streitigkeiten mit Regierung und Forstbeh\u00f6rden eingreifen,                 in Landfragen beraten, \u00f6kologische und \u00f6konomische Impulse f\u00fcr                 die Selbstversorgung geben, die Frauenemanzipation unterst\u00fctzen,                 kulturelle Aktivit\u00e4ten initiieren und die regionale Vernetzung                 f\u00f6rdern &#8211; ein umfangreiches T\u00e4tigkeitsfeld. <\/p>\n<p>Wenn es beispielsweise um die Auseinandersetzung mit mafi\u00f6sen                 Strukturen, Zwangsarbeit, feudalen Grundherren und Kastenunterdr\u00fcckung                 geht, riskieren die AktivistInnen Gef\u00e4ngnisstrafen oder gar ihr                 Leben zu verlieren. Trotzdem ist die Anzahl der Mitglieder von                 Ekta Parishad auf etwa eine halbe Million angewachsen. <\/p>\n<h3>Die Situation unter Modi<\/h3>\n<p>Nach dem Sieg der hindunationalistischen Indischen Volkspartei                 (BJP) bei der Parlamentswahl im Mai 2014 bef\u00fcrchten viele BeobachterInnen                 einen Rechtsruck in der indischen Politik. taz ((3))                 und <i>analyse &#038; kritik<\/i> ((4))                 zitierten zustimmend die Aussage des politischen Psychologen und                 Soziologen Ashis Nandy aus dem Jahr 2006, dass Modi &#8222;einen klassischen                 klinischen Fall eines Faschisten darstellt&#8220;. <\/p>\n<p>Auf der Veranstaltung in K\u00f6ln wurde Rajagopal von TeilnehmerInnen                 besorgt gefragt, wie die Arbeit von Ekta Parishad unter dem neuen                 Ministerpr\u00e4sidenten Modi aussehen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Zum Erstaunen einiger Anwesender f\u00fchrte Rajagopal aus, dass seiner                 Meinung nach der neue Ministerpr\u00e4sident Modi zwei verschiedene                 Gesichter hat. Einerseits vertrete Modi als &#8222;Modernisierer&#8220; eher                 die Interessen der Konzerne und sei Nationalist. Andererseits                 entstamme er keiner reichen Familie (wie etwa das F\u00fchrungspersonal                 der ehemals regierenden Kongresspartei), sondern komme aus armen                 Verh\u00e4ltnissen. Er habe sich m\u00fchsam hocharbeiten m\u00fcssen und am                 eigenen Leib erfahren, was es hei\u00dft, ganz unten zu sein.<\/p>\n<p>Es kommt nach Rajagopal jetzt darauf an, Modi an seine Herkunft                 zu erinnern und ihn zu \u00fcberzeugen, bestimmte Ma\u00dfnahmen zu Gunsten                 der Landlosen und Armen zu ergreifen. Es gehe jetzt darum, seine                 &#8222;positive&#8220; Seite zum Klingen zu bringen und zu best\u00e4rken &#8211; ein                 klassischer gandhianischer Ansatz.<\/p>\n<p>Bei dem Marsch der Hunderttausend 2012 war noch die damals regierende                 Kongresspartei der Ansprechpartner der Landlosenbewegung. Die                 BJP Modis befand sich in der Opposition, besuchte w\u00e4hrend der                 einzelnen Etappen des Marsches die Vertreter von Ektar Parishad                 und biederte sich ihnen vermutlich aus opportunistischen Gr\u00fcnden                 an. Das hei\u00dft, die Landlosenbewegung trifft jetzt auf der neuen                 Regierungsseite &#8222;alte Bekannte&#8220; wieder, die sie an ihre Unterst\u00fctzungsbekundungen                 erinnern kann.<\/p>\n<p>Als erfahrener Initiator vieler Kampagnen und Aktionen wei\u00df Rajagopal,                 dass PolitikerInnen nicht gerne an vergangene Wahlversprechen                 erinnert werden wollen. Er ist nicht im negativen Sinne des Wortes                 &#8222;naiv&#8220;, sondern begeistert mit seinem Optimismus viele Menschen,                 die sonst verzweifeln w\u00fcrden. Wer h\u00e4tte z.B. vor 90 Jahren gedacht,                 dass Gandhi und seine Anh\u00e4ngerInnen das m\u00e4chtige britische Empire                 zum R\u00fcckzug aus Indien bewegen k\u00f6nnten? Ohne Optimismus geht es                 nicht.<\/p>\n<p>Statt gebannt wie ein Kaninchen auf die Schlange Modi zu starren,                 aktiviert Rajagopal die einfachen Menschen in den D\u00f6rfern durch                 sein auf die Eigeninitiative setzendes &#8222;Ermutigungs-Programm&#8220;                 und macht konkret erfahrbar, dass durch Massenmobilisierungen                 bei den Fu\u00dfm\u00e4rschen, beharrliche Aktionen und Verhandlungen mit                 den Herrschenden beachtliche Erfolge zu erzielen und Regierungspositionen                 ver\u00e4nderbar sind.<\/p>\n<p>Dabei fixiert er sich nicht auf die Modi gerne von vielen Linken                 zugewiesene Rolle als &#8222;gro\u00dfer B\u00f6sewicht&#8220;. Die bisherigen schlechten                 Erfahrungen mit der Kongresspartei relativieren diese negative                 einseitige Zuschreibung. Alle Regierungen sind schwierige Verhandlungspartner.                 Der neuen Regierung Zugest\u00e4ndnisse abzuringen, wird nicht einfach                 sein. Ekta Parishad versucht also illusionslos, aber konsequent                 vorhandene Handlungsspielr\u00e4ume auszunutzen.<\/p>\n<p>Dass EP damit nicht so falsch liegt, zeigt die neueste Entwicklung.                 Indien hat f\u00fcr alle Beteiligten \u00fcberraschend unter der neuen Regierung                 Modi die Verabschiedung des Abkommens der Welthandelsorganisation                 (WTO) in Bali blockiert, das aufgrund des Abbaus von Handelsschranken                 f\u00fcr Gro\u00dfkonzerne und des Verbots der Unterst\u00fctzung f\u00fcr die 700                 Millionen Kleinbauern und armen Menschen in Indien eine massive                 Bedrohung darstellt ((5)).<\/p>\n<h3>Jai Jagat 2020: Eine Million Menschen nach Delhi!<\/h3>\n<p>Nach ausf\u00fchrlichen internen Diskussionen wird Ekta Parishad w\u00e4hrend                 der n\u00e4chsten sechs Jahre eine gro\u00dfangelegte indienweite und internationale                 Mobilisierung f\u00fcr eine globale Vernetzung und Entwicklung der                 marginalisierten Bev\u00f6lkerungsgruppen, gegen Land- und Ressourcenraub                 anschieben. Gleichzeitig soll der Klimaschutz ein wichtiger Bestandteil                 dieser Kampagne werden, da insbesondere arme Menschen in der sog.                 Dritten Welt unter den Folgen eines ungez\u00fcgelten Billig-Konsums                 und energieintensiver Industrie zu leiden haben. <\/p>\n<p>H\u00f6hepunkt soll der &#8222;Eine-Millionen-Marsch&#8220; 2020 nach Delhi sein.                 Aber auch auf internationaler Ebene wird es in vielen L\u00e4ndern                 auf allen Kontinenten koordinierte Kampagnen und Aktionen geben.                 Sie wurden bereits w\u00e4hrend der umfangreichen Reiset\u00e4tigkeit von                 Ekta Parishad-Mitgliedern in den letzten Monaten vorbereitet.                 Die Kampagne &#8222;Jai Jagat&#8220; bedeutet eigentlich in Hindi &#8222;Sieg der                 Welt&#8220;, bezieht ausdr\u00fccklich alle Menschen ein und ist offen f\u00fcr                 Impulse aus Bewegungen in anderen L\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Bis 2020 sind bisher folgende regionale Fu\u00dfm\u00e4rsche und Jugendcamps                 in Indien geplant: Durch den Baiga G\u00fcrtel von Madhya Pradesh und                 Chhattisgarh (November\/Dezember 2014), von der nepalesischen Grenze                 nach Patna in Bihar (Februar\/M\u00e4rz 2015), durch Chhattisgarh, Jharkhand                 und Orissa (2015), durch Uttar Pradesh, Madhya Pradesh, Rajasthan                 (2016), durch Kerala und Tamil Nadu (2017).<\/p>\n<p>Im September 2014 wird als Auftakt in Indien ein internationales                 Jugendseminar zu gewaltlosem Handeln stattfinden. Anschlie\u00dfend                 sollen \u00fcber 100.000 junge Menschen in allen 660 Destrikten Indiens                 f\u00fcr ihre zuk\u00fcnftigen Aufgaben trainiert und sensibilisiert, sowie                 gewaltlose Aktionspl\u00e4ne gegen Land- und Ressourcenraub entwickelt                 werden. Die intensive Kooperation mit \u00e4hnlichen Gruppen u.a. in                 Brasilien, Peru, Kolumbien, Senegal, Sri Lanka und Nepal wird                 fortgesetzt.<\/p>\n<p>Zahlreiche Unterst\u00fctzergruppen in Europa haben sich gebildet.<\/p>\n<p>Mittelfristig sind in Indien f\u00fcr das Jahr 2016 St\u00e4rkung und Unterst\u00fctzung                 von Fraueninitiativen geplant. 2018 wird das Thema solidarisches                 Wirtschaften im l\u00e4ndlichen Indien den Schwerpunkt der Aktivit\u00e4ten                 bilden. 2019 wird ein Fu\u00dfmarsch \u00fcber 6.500 km von Delhi nach Genf                 zum UN-Hauptquartier stattfinden, um am 2. Oktober in Genf anzukommen                 und in m\u00f6glichst vielen L\u00e4ndern f\u00fcr Aufmerksamkeit zu sorgen.<\/p>\n<p>H\u00f6hepunkt der Jai Jagat-Kampagne wird 2020 der Eine-Million-Fu\u00dfmarsch                 nach Delhi sein.<\/p>\n<p>F\u00fcr all diese Aktivit\u00e4ten ist nicht nur internationale Unterst\u00fctzung                 willkommen, sondern gerne gesehen werden auch Impulse in anderen                 L\u00e4ndern zur Ausformung von Aktionen und Kampagnen.<\/p>\n<p>Ekta Parishad l\u00e4sst sich nicht durch den Hindunationalisten Modi                 beeindrucken, sondern bereitet unverzagt eine langfristig angelegte                 Mobilisierung f\u00fcr Landrechte und Klimaschutz vor, die in Zukunft                 viele andere gesellschaftliche Gruppen mobilisieren wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rajagopal P. 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