{"id":13677,"date":"2014-09-01T00:00:44","date_gmt":"2014-08-31T22:00:44","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13677"},"modified":"2022-07-26T14:22:18","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:18","slug":"wenn-menschen-bereit-sind-etwas-komfort-aufzugeben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2014\/09\/wenn-menschen-bereit-sind-etwas-komfort-aufzugeben\/","title":{"rendered":"Wenn Menschen bereit sind, etwas Komfort aufzugeben\u2026"},"content":{"rendered":"<p><b>Sabine Hunziker (GWR): Warum beginnen sich Jugendliche mit                 Landwirtschaftspolitik zu besch\u00e4ftigen?<\/b><\/p>\n<p><i>Hannes Reiser:<\/i> Ausgangspunkt f\u00fcr unsere ersten politischen                 Aktivit\u00e4ten war nicht die Landwirtschaft, sondern die Tatsache,                 dass Jugendliche nach der obligatorischen Schulzeit f\u00fcr die weitere                 Ausbildung voneinander getrennt werden. Die einen m\u00fcssen &#8222;ga b\u00fcgle&#8220;                 und die anderen &#8222;go studieren&#8220;. Diese Kluft zwischen Lehrlingen                 und Gymnasiasten hatte mich extrem gest\u00f6rt, denn viele meiner                 Kollegen waren Lehrlinge. Verschiedene weitere Punkte wie das                 Konsumverhalten haben dazu gef\u00fchrt, dass ich dar\u00fcber nachzudenken                 begann, ob ein anderes Leben m\u00f6glich w\u00e4re. Wir haben uns zusammengetan,                 Stifte und Sch\u00fcler. Erste Arbeitsthemen unserer Gruppe waren u.a.                 die Arbeitsbedingungen in den Lehrbetrieben &#8211; oft sind Lehrlinge                 schikaniert worden. Da sind wir dann oft zu zwanzigst zum jeweiligen                 Chef gegangen, haben uns in sein B\u00fcro gesetzt und verlangt, dass                 der Lehrvertrag neu unterzeichnet wird.<\/p>\n<p>Oder wir sind zur Gewerkschaft gegangen und haben verlangt, dass                 sie zum Betrieb geht. Mit der Zeit sind wir dann eigentlich eine                 ganz lebendige Bewegung geworden und kannten andere Gruppen von                 Jugendlichen, die \u00e4hnlich vorgegangen sind. <\/p>\n<p>Es gab z.B. die Lehrlingsgruppe Hydra. Hydra ist der Name eines                 Wesens aus den griechischen Sagen. Wenn man ihm den Kopf abschl\u00e4gt,                 dann wachsen zwei nach. Das hei\u00dft, ihr k\u00f6nnt uns versuchen fertig                 zu machen, aber es kommen immer zwei nach. Wir hatten uns dann                 mit der Hydra zusammengetan. \u00dcberall gab es so Lehrlingsgruppen                 &#8211; auch in Deutschland oder in \u00d6sterreich &#8211; mit denen wir uns vernetzten.<\/p>\n<p>Unsere Arbeit sollte genau da ansetzen, wo du als Mensch direkt                 betroffen bist vom System, wo du zum Untertan gemacht wirst oder                 ein Rad in einer Maschinerie wirst. Mit der Zeit und vielen Diskussionen                 unter den Mitgliedern der Gruppe hat sich ein Grundprinzip herausgebildet,                 das uns auch in der Kooperativen von Longo mai wichtig ist: wir                 wollten Politik und Leben nicht trennen. <\/p>\n<p><b>GWR: Was kann man sich darunter vorstellen?<\/b><\/p>\n<p><i>Hannes Reiser:<\/i> In Folge entstanden viele Lehrlings- und                 Studenten-Kommunen. Von diesen Kommunen aus wurden Kampagnen organisiert.                 Wir arbeiteten mit allen Leuten zusammen die mithalfen, dass die                 Kampagnen erfolgreich sein konnten. Das waren Betroffene, die                 Bev\u00f6lkerung, Kirche oder Gewerkschaften. Wenn eine Kampagne fertig                 war, zogen wir uns wieder zur\u00fcck und \u00fcberlegten uns etwas Neues.                 Es gab dabei immer die Gefahr, institutionalisiert zu werden.                 Die Hydra wurde fast zu einer Lehrlingsgewerkschaft. Wenn ein                 Lehrling unzufrieden war, hat er uns angerufen und gesagt, kommt                 zu uns eine Aktion zu machen. Wir sagten dann, mach die Aktion                 selber &#8211; wir zeigen dir aber wie es geht. Sp\u00e4ter weiteten wir                 unsere Arbeit \u00fcber die Landesgrenzen und das Lehrlingsthema aus,                 auf Arbeitsk\u00e4mpfe allgemein. <\/p>\n<p><b>GWR: Ihr seid dann in Europa herumgereist um Streiks zu unterst\u00fctzen?<\/b><\/p>\n<p><i>Hannes Reiser:<\/i> Jedes Jahr haben sich die Jugendgruppen                 aus Holland, Deutschland, Frankreich, Schweiz oder D\u00e4nemark f\u00fcr                 ein Sommerlager getroffen. Dort haben wir uns dann grunds\u00e4tzlich                 Strategien \u00fcberlegt: wie k\u00f6nnte man weiter machen, um nicht mehr                 in nationalen Grenzen denken zu m\u00fcssen. <\/p>\n<p>Die Wirtschaft war ja schon l\u00e4ngst international.<\/p>\n<p>Es gab viele &#8222;wilde Streiks&#8220; damals, weil Firmen begannen Arbeitspl\u00e4tze                 in Billiglohnl\u00e4nder zu verschieben. So reisten von uns Leute in                 verschiedene L\u00e4nder zu den Betriebssitzen, um zu besetzen und                 auf die missbr\u00e4uchliche Situation aufmerksam zu machen. Es waren                 Aktionen, die Spa\u00df gemacht haben, wie Besetzungen oder Happenings                 &#8211; aber mit Inhalt. <\/p>\n<p>Durch das haben wir ganz Europa kennen gelernt. Alle haben Zeitungen                 gelesen und wenn irgendwo etwas los war, haben wir die Leute da                 unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p>Denn als Gruppe hast du viele M\u00f6glichkeiten, wenn zehn Leute                 mal bereit sind etwas Komfort aufzugeben. Dann gibt es riesige                 M\u00f6glichkeiten etwas zu ver\u00e4ndern, das kann man sich gar nicht                 vorstellen. Wir haben in kurzer Zeit eine Reihe von Aktionen gemacht.               <\/p>\n<p>Man kann es gar nicht f\u00fcr m\u00f6glich halten: z.B. eine Solidarit\u00e4tsaktion                 mit Minenarbeitern in Belgien. In England gab es mal eine Aktion                 mit den Dockern oder Mithilfe bei den Milchstreiks im Emmental                 oder in der Bretagne. <\/p>\n<p><b>GWR: Ihr habt euch vor allem auf Arbeitsk\u00e4mpfe beschr\u00e4nkt?                 <\/b><\/p>\n<p><i>Hannes Reiser:<\/i> Wir wollten uns bald mal nicht mehr in                 einem Sektor verbei\u00dfen. Irgendwann haben wir bemerkt, dass das                 alles R\u00fcckzugsgefechte waren: es war extrem schwierig zu verhindern,                 dass Arbeitspl\u00e4tze in Niedriglohnl\u00e4nder verlagert wurden. <\/p>\n<p>So haben wir gesagt, jetzt ziehen wir uns zur\u00fcck und \u00fcberlegen                 uns was Neues. In den Sommerlagern der Hydra wurde immer auch                 \u00fcber l\u00e4ngerfristige Perspektiven diskutiert, \u00fcber Formen des Zusammenlebens,                 Tauschwirtschaft oder Solidarit\u00e4t. Aus diesen Gespr\u00e4chen hat sich                 dann die Longo-mai Idee entwickelt. Wir wollten so leben, wie                 wir das uns vorstellten &#8211; nicht nur in der Theorie, sondern auch                 mit dem Einsatz des eigenen Lebens.<\/p>\n<p>Durch Kontakt mit den Bauern bei Arbeitsk\u00e4mpfen, haben wir entdeckt,                 dass es in Europa ganze Regionen gibt, die wirtschaftlich nicht                 interessant sind. Die \u00fcberl\u00e4sst man einfach sich selbst. Damals                 war das so. Und dort waren auch die Wirtschaftsinteressen nicht                 so stark, wie dort wo das gro\u00dfe Geld gemacht wird. <\/p>\n<p><b>GWR: Das war dann ein Ort, wo ihr eure Utopie realisieren                 konntet?<\/b><\/p>\n<p><i>Hannes Reiser:<\/i> Man kann etwas entwickeln. Denn was braucht                 der Mensch zum Leben? Er braucht ein Dach \u00fcber dem Kopf, eine                 eigene Kultur, wo er sich entwickelt &#8211; das war die Grundidee von                 den utopischen Kooperativen. 1972 hatten wir die Idee. Es gab                 auch schon eine andere Gruppe, die das gemacht hat: Sie waren                 von Z\u00fcrich und hie\u00dfen Neu-Walserbund, die hatten irgendwo beim                 Simplon eine Landkommune. Im Unterschied zu ihnen sagten wir uns,                 wir sind nicht Schweizer, nur weil wir einen Schweizerpass haben.                 So haben wir in ganz Europa nach Land gesucht. In S\u00fcdfrankreich                 fanden wir dann in einer Region 300 Hektar Land und kauften es                 f\u00fcr 300.000 Franken. Es war ein Preis f\u00fcr Steinw\u00fcste. Wir mussten                 viel machen.<\/p>\n<p><b>GWR: Wie war diese erste Zeit und der Einstieg in das landwirtschaftliche                 Arbeiten?<\/b><\/p>\n<p><i>Hannes Reiser:<\/i> Es war happig. Wir haben aber zum Gl\u00fcck                 schon einen Bauern gekannt. Der hat uns unterst\u00fctzt und auch andere                 Bauern mobilisiert, die uns Sachen zu Gartenbau oder in Viehwirtschaft                 zeigten. Wir haben \u00fcber Landwirtschaftspolitik diskutiert und                 das hat uns geholfen, uns weiter zu entwickeln. Man muss viele                 Opfer bringen: am Anfang sind viele Leute umgekippt. Es hatte                 zum Beispiel nur Strom f\u00fcr eine einzige Wohnung und dies f\u00fcr einen                 Betrieb von 300 Hektar. Wenn man die Bohrmaschine angemacht hatte,                 ging das Licht aus. Wir haben eine Menge Sachen ausprobiert, einige                 waren ein Gewinn und andere scheiterten eher. Wir passen unsere                 Ideen auch immer wieder der Realit\u00e4t an. Es sollen auch nicht                 alle Menschen so leben, es ist unsere Wahl. Wir hatten Anfragen                 von vielen Leuten, die zu uns zu Besuch gekommen sind.<\/p>\n<p>Bald gab es das Bed\u00fcrfnis nach neuen Kooperativen. Auch heute                 noch wollen sich Junge an solchen Projekten beteiligen &#8211; sollen                 sie also die M\u00f6glichkeit dazu haben. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sabine Hunziker (GWR): Warum beginnen sich Jugendliche mit Landwirtschaftspolitik zu besch\u00e4ftigen? 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