{"id":13691,"date":"2014-09-01T00:00:52","date_gmt":"2014-08-31T22:00:52","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13691"},"modified":"2022-07-26T14:22:18","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:18","slug":"widerstandsutopie-gaza-exodus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2014\/09\/widerstandsutopie-gaza-exodus\/","title":{"rendered":"Widerstandsutopie: Gaza-Exodus"},"content":{"rendered":"<p>Gewaltfreie AnarchistInnen sind zwar klar gegen den zerst\u00f6rerischen Krieg Israels, aber ebenso entschieden gegen die Kriegsf\u00fchrung der Hamas.<\/p>\n<p>Genau so eine Position sei gar nicht m\u00f6glich, unrealistisch oder schon Verrat &#8211; so schallt es aus pro-pal\u00e4stinenstischen und Antiimp-Kreisen. Auf keiner pro-pal\u00e4stinensischen Demo in Europa wurde die Gegengewalt der Hamas als einem, beileibe nicht dem einzigen Grund f\u00fcr die st\u00e4ndige Fortsetzung des Krieges je kritisch thematisiert &#8211; von der oft mangelnden Unterscheidung zwischen Antisemitismus und legitimer Kritik der israelischen Kriegsf\u00fchrung einmal ganz abgesehen.<\/p>\n<p>Interessanter Weise best\u00e4tigen auch b\u00fcrgerliche Medien in Europa immer wieder diese angebliche Einheit von Volk und Kampf der Hamas: &#8222;2002 ergab eine Studie, dass 50 % der Pal\u00e4stinenser zwischen 6 und 11 Jahren nicht davon tr\u00e4umten, Arzt oder Ingenieur zu werden, sondern als Kamikazes Israelis zu t\u00f6ten. Zw\u00f6lf Jahre sp\u00e4ter sind diese Zehntausende von Kindern erwachsen geworden und nichts wurde getan, damit sie ihre Meinung \u00e4ndern&#8220;, meint M. Goya, ein milit\u00e4rstrategischer Forscher, in &#8222;Le Monde&#8220;. ((1))<\/p>\n<p>Und selbst durchaus verhandlungsbereite Israelis aus dem milit\u00e4risch-industriellen Komplex wie etwa der ehemalige Oberst der israelischen Milit\u00e4raufkl\u00e4rung, Moshe Maoz, gibt denselben Mythos von der angeblichen Einheit zwischen Volk und Hamas-Kriegsf\u00fchrung unhinterfragt wieder: &#8222;Auch wenn Israel die F\u00fchrer [der Hamas] eliminiert, kann es den Geist und die Ideologie der Bewegung nicht zerst\u00f6ren. Die Jugendlichen, die in der pal\u00e4stinensischen Gesellschaft die Mehrheit stellen, sind inmitten von Zerst\u00f6rung und Tod aufgewachsen. Das macht aus ihnen K\u00e4mpfer, keine Pazifisten.&#8220; ((2))<\/p>\n<h3>Voraussetzung: Kriegsm\u00fcdigkeit statt Kriegslust in Gaza<\/h3>\n<p>Alles falsch und v\u00f6lkisch-nationalistischer Mythos, meint nun die israelische Forscherin Orit Perlov am Nationalen Institut f\u00fcr Strategische Studien in Tel-Aviv. Die perfekt Arabisch sprechende Internet-Spezialistin hat die Stimmung pal\u00e4stinensisch-jugendlicher BenutzerInnen der &#8222;sozialen&#8220; Netzwerke seit Beginn des j\u00fcngsten Gaza-Kriegs untersucht. Das sind fast eine Million Personen, immerhin 35 % der Pal\u00e4stinenserInnen in Gaza, Westbank und Ost-Jerusalem, gerade die so bedeutsamen Jugendlichen. Ergebnis: Es gebe eine Mischung aus Hass und Verzweiflung. Die Menschen in Gaza f\u00fchlten sich kriegsm\u00fcde, belagert und w\u00fcssten nicht, wohin sie fl\u00fcchten k\u00f6nnten. Perlov im Wortlaut:<\/p>\n<p>&#8222;Die Mehrheit der Pal\u00e4stinenserInnen in Gaza unterst\u00fctzt die Hamas nicht mehr. (&#8230;) Das bisschen Solidarit\u00e4t, das bleibt, verringert sich von Tag zu Tag, und die Hamas wei\u00df das gut. (&#8230;) Tats\u00e4chlich sagen die Menschen in Gaza dreifach Nein: Nein zur Hamas, Nein zu Abbas und Nein zu Israel.&#8220;<\/p>\n<p>Warum sie dann nicht aus Protest gegen die Hamas auf die Stra\u00dfe gehen? Weil sie Angst haben, so Perlov weiter, &#8222;sie wissen, dass die Hamas nicht z\u00f6gern w\u00fcrde, auf sie zu schie\u00dfen.&#8220; Und nun Perlovs entscheidender Satz: &#8222;Sie glauben im \u00dcbrigen nicht mehr an den gewaltsamen Widerstand.&#8220;<\/p>\n<p>Und weiter: &#8222;Die Pal\u00e4stinenserInnen in Gaza betrachten die Autonomie-Beh\u00f6rde [Abbas] als vollkommen korrupt. Zu 100%, so sagen sie! Als sie f\u00fcr die Hamas stimmten, glaubten sie, diese w\u00e4re weniger marode. Heute finden sie sie genauso korrupt. Sie haben entdeckt, dass die in Gaza gegrabenen Tunnel dem Schmuggel von Geldern f\u00fcr die Hamas dienten, w\u00e4hrend sie geglaubt hatten, sie w\u00e4ren zur Versorgung mit Nahrungsmitteln gegraben worden. Sie sind v\u00f6llig desillusioniert. Ihre \u00dcberzeugung ist heute, dass jemand, sobald er an die Macht kommt, genauso korrupt wird wie die anderen.&#8220; ((3))<\/p>\n<h3>Unterscheidung: Vertreibung versus bewusste Massenflucht<\/h3>\n<p>Wenn diese Feststellungen von Orit Perlov eher stimmen sollten als die suggerierte nationale Einheit, bleibt der Gaza-Bev\u00f6lkerung nur die Wahl zwischen Resignation und der im Folgenden dargestellten Widerstandsutopie. Kriegsm\u00fcdigkeit nach jahrzehntelangem B\u00fcrgerkrieg hat in Afrika bereits Wunder bewirkt: Die Frauen in Liberia (Gbowee, Johnson-Sirleaf) haben vor einigen Jahren ihren M\u00e4nner-Kriegern den Frieden aufgezwungen.<\/p>\n<p>Ich hoffe, dass diese Utopie nicht als arroganter Vorschlag oder eurozentrischer Ratschlag aus sicherer Entfernung missverstanden wird, dazu ist schon die transnationale Reichweite der GWR zu gering. Es geht bei diesem Gedankenexperiment um die Obstination der Phantasie, die in Kriegszeiten st\u00e4ndig unterdr\u00fcckt wird. Ob es real je zu einer auch nur \u00e4hnlichen Utopie kommen wird, werden die Menschen in Gaza selbst entscheiden. Die realit\u00e4tsgerechten Bedingungen daf\u00fcr w\u00e4ren jedoch mit Perlovs Diagnose vorhanden.<\/p>\n<p>Eine Voraussetzung der Utopie ist die Feststellung, dass die pal\u00e4stinensische Bev\u00f6lkerung meiner Meinung nach tats\u00e4chlich von Staat und Milit\u00e4r Israels unterdr\u00fcckt wird; dass niemand von ihr verlangen kann, nichts zu tun und alles hinzunehmen, sondern dass es f\u00fcr sie legitim ist, sich gewaltfrei oder unbewaffnet zu wehren &#8211; und insofern sie das tut, damit inhaltlich gleichzeitig kundtut, dass es ihr gerade nicht darum geht, Israelis kollektiv &#8222;ins Meer zu werfen&#8220;.<\/p>\n<p>Daraus ergibt sich, dass von gewaltfreier Seite auf den Vorwurf aller bewaffneten K\u00e4mpfer und ihrer Solidarit\u00e4tsszene, dass ein gewaltfreier Widerstand der Pal\u00e4stinenserInnen nicht m\u00f6glich, ja l\u00e4cherlich (oder zynisch) sei, mit dem Aufzeigen einer potentiellen Widerstandsalternative reagiert werden muss. Bereits die pal\u00e4stinensische Widerstandgeschichte zeigt, dass der Vorwurf in seiner Pauschalit\u00e4t nicht haltbar ist: In der ersten Intifada nach 1989 gab es das &#8222;Pal\u00e4stinensische Zentrum f\u00fcr Gewaltfreiheit&#8220; mit Mubarak Awad; in Folge des Barrierenbaus ab 2003 gab es zahlreiche und ausf\u00fchrlich dokumentierte gewaltfreie Aktionen in der Westbank, die zusammen mit israelischen AnarchistInnen eine Wirkung entfalten konnten. ((4)) Warum sollte sich nicht auch in Gaza so ein Ph\u00e4nomen &#8211; in anderer Form &#8211; entwickeln k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Die hier vorgestellte Utopie einer bewussten, aus der verzweifelten Situation heraus entstehenden Massenflucht aus Gaza (Gaza-Exodus) darf zudem nicht mit einer Vertreibung verwechselt werden. Da gibt es klare definitorische Unterschiede: Die ChristInnen und JesidInnen im Irak werden derzeit von den brutalen IslamistInnen des Islamischen Staates (IS) massenhaft vertrieben (zum Teil ermordet); auch die Nakba der Pal\u00e4stinenserInnen nach dem Unabh\u00e4ngigkeitskrieg 1948\/49 war eine Massenvertreibung (und nicht etwa ein Genozid). Davon unterscheidet sich die bewusste Massenflucht aus einem Gebiet, in dem die Regierung die fl\u00fcchtende Bev\u00f6lkerung halten, ja zur\u00fcckhalten will, weil sie sie f\u00fcr ihre Macht- und Herrschaftslegitimation braucht. Historische Vorbilder f\u00fcr die Utopie Gaza-Exodus w\u00e4ren also &#8211; neben dem biblischen Beispiel, n\u00e4mlich dem bewussten Auszug der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung aus dem diktatorischen \u00c4gypten &#8211; in der j\u00fcngeren Widerstandsgeschichte vor allem die Massenflucht aus der DDR im Sommer 1989 (gerade 25 Jahre her &#8211; und schon vergessen!) sowie die Boat-People-Massenflucht der VietnamesInnen 1979-1982.<\/p>\n<h3>Drei Optionen: \u00c4gypten, das Meer, Israel<\/h3>\n<p>Ausgangspunkt dieser Widerstandsutopie ist die unbarmherzige Realit\u00e4t heute: Von vielen BeobachterInnen ist Gaza mit ihren 4700 BewohnerInnen pro Quadratkilometer als &#8222;Freiluftgef\u00e4ngnis&#8220; beschrieben worden. Die israelische Armee hat im Krieg Flugbl\u00e4tter abgeworfen mit der Aufforderung an die Menschen, ihre H\u00e4user zu verlassen. Fluchtorte wie UN-Schulen wurden trotzdem mehrfach bombardiert; eine interne Revolte gegen die Hamas-Kriegsf\u00fchrung kann, wie wir von Perlov erfahren, aus Angst vor Erschie\u00dfung nicht stattfinden. Die bewusste Massenflucht wird so zur realen M\u00f6glichkeit, und wenn sie auch von allen BeobachterInnen faktisch f\u00fcr unm\u00f6glich erkl\u00e4rt wird.<\/p>\n<p>Wenn Gaza tats\u00e4chlich ein &#8222;Gef\u00e4ngnis&#8220; ist &#8211; dann ist auch der Gedanke an Ausbruch legitim.<\/p>\n<h3>Sehen wir uns die drei Flucht(un)m\u00f6glichkeiten genauer an<\/h3>\n<p>\u00c4gypten (\u00fcber Rafah im S\u00fcden): Die Grenze ist derzeit geschlossen aufgrund der Feindschaft von \u00c4gyptens Milit\u00e4rdiktator al-Sisi und der Hamas. Einem Milit\u00e4rdiktator ist auch nicht zu vermitteln, das es einen Gegensatz zwischen gro\u00dfen Teilen der Bev\u00f6lkerung und der Regierung geben k\u00f6nnte &#8211; eine solche Sicht w\u00fcrde die \u00e4gyptische Milit\u00e4rdiktatur selbst blo\u00dfstellen. Aber erinnern wir uns an die Tunnel, die in fr\u00fcheren Zeiten schon einmal f\u00fcr die Waffen- und Nahrungshilfe in Gaza gegraben wurden und in fr\u00fcheren Kriegen von Israel zerst\u00f6rt wurden. Und erinnern wir uns an die zweieinhalb Jahre zwischen der \u00e4gyptischen Revolte 2011 und dem Putsch vom Juli 2013, als in \u00c4gypten \u00fcber die Grenz\u00f6ffnung nach Gaza diskutiert worden ist und es zeitweise zu Lockerungen kam. Solche historischen Zeitfenster hat es gegeben, warum sollten sie nicht wiederkommen &#8211; oder durch Massenflucht erzwungen werden?<\/p>\n<p>Israel (im Osten und Norden): Die 32 Tunnel von Gaza nach Israel, die nun vom israelischen Milit\u00e4r unter hohen Verlusten (67 SoldatInnen unter den 70 get\u00f6teten Israelis) zerst\u00f6rt wurden, haben bewaffneten K\u00e4mpfern gedient, um Israel zu infiltrieren und Kibbuzim anzugreifen. Durch Perlov erfahren wir, dass dadurch auch Gelder verschoben wurden: Warum k\u00f6nnten so nicht auch Menschen fl\u00fcchten?<\/p>\n<p>Stellen wir uns vor, Pal\u00e4stinenserInnen benutzten massenhaft solche Tunnels zur Flucht, w\u00e4ren unbewaffnet und w\u00fcrden in Israel vor allem die ersten Kibbuzim, die bewaffnete Angriffe f\u00fcrchten, weitr\u00e4umig umgehen, um das israelische Milit\u00e4r in eine unhaltbare Lage vor der Welt\u00f6ffentlichkeit zu bringen und es so konkret am Schie\u00dfen auf Unbewaffnete zu hindern (Gefahr der Gleichsetzung mit der IS). Sicher, die Hamas w\u00fcrde das nicht zulassen, aber denkbar ist eine solche Verwendung von Tunnelsystemen doch &#8211; eventuell auch von Fl\u00fcchtenden unabh\u00e4ngig von der Hamas selbst gegraben.<\/p>\n<p>\u00dcbers Meer (im Westen): Das Meer im Westen sei eine absolute Grenze, hei\u00dft es. Fl\u00fcchtlinge aus Afrika dagegen \u00fcberschreiten solche Grenzen fast allt\u00e4glich, fliehen in h\u00f6chster \u00dcberlebensnot und riskieren, von Frontex-Booten am Zugang nach Europa gehindert zu werden. Warum w\u00e4ren pal\u00e4stinensische Boatpeople, massenhaft und auf einen Schlag, wie die vietnamesischen Boatpeople, nicht auch f\u00fcr Gaza denkbar?<\/p>\n<p>1979-1982 wurde die Meeresfl\u00fcchtlingsorganisation Cap Anamur gegr\u00fcndet, um Boatpeople aufzunehmen. Das war weltweit popul\u00e4r &#8211; und sogar ein Sartre kehrte damals der vietnamesischen KP den R\u00fccken, die er so lange unterst\u00fctzt hatte. Die Aufmerksamkeit der Welt\u00f6ffentlichkeit w\u00fcrde ein \u00dcbriges tun, um Israel international zu besch\u00e4men &#8211; ohne jeden Schuss &#8211; und vielleicht mit gr\u00f6\u00dferer Wirkung f\u00fcr israelische Zugest\u00e4ndnisse als es der bewaffnete Widerstand je bewirken k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Es m\u00fcsste eine gleichzeitige Massenflucht in kurzem Zeitraum in wenigstens ein oder zwei dieser Richtungen sein. Eine Massenflucht ist eine historisch belegte Ausformung unbewaffneten Massenprotests. Sicher, aus der DDR sind 1989 spontan in kurzer Zeit Massen geflohen, weil die letzten offenen DDR-Grenzen zur CSSR und zu Ungarn erst drohten, geschlossen zu werden.<\/p>\n<p>In Gaza sind sie schon zu. Die Drohung neuer Kriege k\u00f6nnte ein Ausl\u00f6ser sein. Erst die Massenflucht aus der DDR brachte Spaltungen im Regime hervor und f\u00fchrte zur Revolte im Innern &#8211; gegen alle Angst vor dem Schie\u00dfbefehl der Volksarmee. Schon heute gibt es Br\u00fcche zwischen der politischen F\u00fchrung der Hamas und ihrem bewaffneten Kassam-Fl\u00fcgel unter Mohammed Deif. Eine Massenflucht w\u00fcrde die Spaltungen vertiefen und evtl. sogar anti-autorit\u00e4re Perspektiven im Innern Gazas er\u00f6ffnen.<\/p>\n<p>Einfach undenkbar? Nur wenn alle Krieg und Gegengewalt weiter bef\u00fcrworten und damit ihr Interesse bekunden, jegliches Nachdenken \u00fcber Widerstandsutopien zu unterdr\u00fccken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gewaltfreie AnarchistInnen sind zwar klar gegen den zerst\u00f6rerischen Krieg Israels, aber ebenso entschieden gegen die Kriegsf\u00fchrung der Hamas. Genau so eine Position sei gar nicht m\u00f6glich, unrealistisch oder schon Verrat &#8211; so schallt es aus pro-pal\u00e4stinenstischen und Antiimp-Kreisen. 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