{"id":13746,"date":"2014-10-01T00:00:38","date_gmt":"2014-09-30T22:00:38","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13746"},"modified":"2022-07-26T14:22:17","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:17","slug":"wenn-beide-seiten-schlecht-sind-muss-man-sich-nicht-entscheiden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2014\/10\/wenn-beide-seiten-schlecht-sind-muss-man-sich-nicht-entscheiden\/","title":{"rendered":"&#8222;Wenn beide Seiten schlecht sind, muss man sich nicht entscheiden&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><b>Graswurzelrevolution (GWR): In Deutschland wei\u00df man allgemein                 sehr wenig \u00fcber anarchistische Zusammenh\u00e4nge in der Ukraine. Was                 f\u00fcr Gruppen gibt es? Was machen diese Gruppen?<\/b><\/p>\n<p>A: Es gibt einige Gruppen in Kiew, aber auch in anderen St\u00e4dten.                 Diese sind anarchistisch oder anders links und nicht-autorit\u00e4r.                 Es wird momentan dar\u00fcber diskutiert, dass man mit den autorit\u00e4ren                 Gruppen nicht zusammen arbeiten sollte. Manche von denen w\u00fcrden                 n\u00e4mlich gerne ins Parlament gehen und unterst\u00fctzen die Volksrepubliken                 Donezk und Lugansk. Manche linke Gruppen wollen beim Parlament                 auf gar keinen Fall mitmachen; andere wiederum wollen auf jeden                 Fall die Zentralregierung der Ukraine unterst\u00fctzen. Die Anarchisten                 finden aber keine dieser Fraktionen in Ordnung. Weder die ukrainische                 Regierung mit ihren Anti-Terror-Operationen, noch die Bewegungen                 im Osten finden Zuspruch. Da gibt es dann noch eine Gruppe in                 Kiew und Charkow, das sind Anarchosyndikalisten, die hei\u00dfen Autonome                 Arbeiter Union. Au\u00dferdem gibt es kleinere Zusammenh\u00e4nge, die sich                 aber eher in Bezugsgruppen organisieren, darunter diverse linke                 und feministische Str\u00f6mungen. Insgesamt ist man aber eher f\u00fcr                 sich und die einzige landesweite linke Organisation ist die kommunistische                 Partei, aber da will keiner mitmachen. Die sind seltsam, recht                 beschissen und im Parlament. Das ist einfach ziemlich autorit\u00e4r                 bei denen.<\/p>\n<p><b>GWR: Gab es auf dem Maidan auch Anarchistinnen und Anarchisten?<\/b><\/p>\n<p>A: Ja, die gab es, aber die waren nicht in Gruppen organisiert.                 Da wurde auch viel diskutiert, ob man da hin muss oder gar nicht                 hin darf. Ich glaube, dass die Autonome Arbeiter Union erst dagegen                 war. Als es die ersten Toten gab, wurde befunden, dass das jeder                 f\u00fcr sich selbst ausmachen muss. Auf dem Maidan waren auch viele                 Rechte, insbesondere vom Rechten Sektor, aber zu der Zeit wurde                 eine Art Burgfrieden geschlossen: Wir m\u00f6gen uns nicht, aber wir                 bek\u00e4mpfen uns jetzt nicht. <\/p>\n<p>Als Linke dann auf dem Maidan eine Selbstverteidigungsgruppe                 aufgebaut hatten, wurden sie dann doch von den Rechten angegriffen.                 Allgemein war es eher schwierig dort klare linke Positionen zu                 vertreten. Beispielsweise hatten ein paar Leute Poster \u00fcber Gender                 aufgeh\u00e4ngt und diese wurden dann auch von den Rechten dumm angemacht.                 Es kam immer wieder zu Schl\u00e4gereien.<\/p>\n<p><b>GWR: Die Leute auf dem Maidan waren in ihrer Agenda sehr unterschiedlich,                 ihr gemeinsamer Nenner war lediglich, dass sie gegen Janukowitsch                 sind.<\/b><\/p>\n<p>A: Ja, das hat ja mit dem Versprechen von Janukowitsch angefangen,                 dass er die Vertr\u00e4ge mit dem Westen unterschreiben w\u00fcrde. Das                 hat er dann kurzfristig widerrufen und darauf sind dann ein paar                 Studenten auf den Maidan gegangen. Die Polizei hat diese dann                 in der Nacht verpr\u00fcgelt. Da gab es dann gro\u00dfe Emp\u00f6rung dar\u00fcber                 und die Masse an Leuten kam erst darauf. Viele Leute konnten Janukowitsch                 nicht leiden, aber im Osten hatte er anfangs noch R\u00fcckhalt. Sp\u00e4ter                 hat er aber auch da an Boden verloren und in Donezk gab es Kundgebungen                 gegen ihn.<\/p>\n<p><b>GWR: Nach Janukowitsch haben die Leute dann Poroschenko zum                 Pr\u00e4sidenten gew\u00e4hlt. Poroschenko hatte aber auch unter Janukowitsch                 schon einflussreiche Positionen in der Politik inne. Er ist Chef                 des Schokoladenkonzerns Roshen, ist zu gro\u00dfem Wohlstand gekommen                 und konnte auch seinen politischen Einfluss unter Janukowitsch                 ausbauen. Warum wurde er und nicht jemand ganz anderes gew\u00e4hlt?<\/b><\/p>\n<p>A: Mich hat das auch \u00fcberrascht. Auf dem Maidan war Poroschenko                 auch eher ruhig. Es gab diese drei Anf\u00fchrer von den Oppositionsparteien:                 Klitschko, Jazenjuk und Tjahnybok. <\/p>\n<p>Diese haben dann aber die Erwartungen der Leute auf dem Maidan                 entt\u00e4uscht. Und untereinander konnten sie sich auch nicht drauf                 einigen, wer der Anf\u00fchrer sein sollte. <\/p>\n<p>Klitschko hat sich beispielsweise auch in die Kampfhandlungen                 direkt eingemischt und wollte diese stoppen, aber die Leute haben                 ihn dann weggeschickt. Er stellte auch fr\u00fch klar, dass alle seine                 Stimmen an Poroschenko gehen w\u00fcrden, weil die Zeiten eben hart                 seien und man zusammenhalten m\u00fcsse.<\/p>\n<p><b>GWR: Klitschko ist mittlerweile B\u00fcrgermeister in Kiew. Es                 sind aber immer noch Leute auf dem Maidan und Klitschko hat versucht                 den Platz r\u00e4umen zu lassen. Was f\u00fcr Leute sind das und warum will                 Klitschko sie vertreiben?<\/b><\/p>\n<p>A: Da war ich nicht dabei. Ich habe geh\u00f6rt, dass auf dem Maidan                 vor allem noch Marginalisierte sind. Es gab ja immer etwas zum                 Essen und zu Trinken da und das hat auch viele sehr arme Menschen                 angezogen. Jetzt ist Janukowitsch weg und die Mehrheit denkt,                 dass der Maidan nun auch aufh\u00f6ren kann. Auch die Selbstverteidigungsgruppen                 wollten noch l\u00e4nger bleiben, aber aus anderen Gr\u00fcnden. Die \u00e4lteren                 Leute wollten einfach, dass Janukowitsch verschwindet und nun                 ist er weg. Andere wollten aber etwas Besseres. Viele vom Maidan                 sind nun selbst in der Regierung und das finden nicht alle sonderlich                 revolution\u00e4r.<\/p>\n<p><b>GWR: Am 24. August 2014 &#8211; dem ukrainischen Unabh\u00e4ngigkeitstag                 &#8211; hat Poroschenko in Kiew eine pomp\u00f6se Milit\u00e4rparade veranstalten                 lassen. Gleichzeitig wird im Osten des Landes hart gek\u00e4mpft und                 Leute sterben.<\/b><\/p>\n<p>A: Das ist militaristische Propaganda. Poroschenko wollte zeigen,                 was man nicht alles an milit\u00e4rischer Ausr\u00fcstung hat und wie stark                 die Armee ist. Die freiwilligen Kampfverb\u00e4nde, die f\u00fcr die ukrainische                 Zentralregierung in den Osten gezogen sind, haben sich darauf                 in den Medien \u00fcber ihre schlechte Ausr\u00fcstung beschwert. Ein Freiwilligen-Bataillon                 wurde von den pro-russischen Separatisten eingeschlossen und forderte,                 dass die regul\u00e4re Armee sie da rausholen soll. Die haben sich                 im Stich gelassen gef\u00fchlt. Putin veranlasste daraufhin, dass es                 einen Korridor geben soll, damit das Bataillon abziehen kann.                 Auf dem Weg aus der Kampfzone heraus wurden sie aber trotzdem                 angegriffen. Die Leute vom A3OB-Bataillon ((1)),                 die vorher auch auf dem Maidan gek\u00e4mpft haben, drohten daraufhin,                 dass sie einen neuen Maidan gegen Janukowitsch organisieren w\u00fcrden.                 Janukowitsch hat die Armee in einem desolaten finanziellen Zustand                 \u00fcberlassen. Nun fehlt es an Geld und man ist auf finanzielle Hilfen                 von au\u00dferhalb angewiesen.<\/p>\n<p><b>GWR: Was f\u00fcr Leute sind das, die freiwillig gegen die pro-russischen                 Separatisten k\u00e4mpfen?<\/b><\/p>\n<p>A: Das ist ganz unterschiedlich. \u00dcberwiegend sind das sehr rechte                 Leute. Es gibt aber auch ein sogenanntes &#8222;antiimperialistisches                 Bataillon&#8220;. Mit denen gab es auf dem Maidan auch schon Probleme.                 Die sind im Kern auch rechts, aber sie benutzen ein paar Zitate                 von Bakunin und Kropotkin und gleichzeitig von Bandera ((2))                 und Hitler. Sie nennen sich nicht selber so, aber manche Leute                 bezeichnen deren Konzept als &#8222;anarcho-nationalistisch&#8220;. Das sind                 sehr rechte Leute, die ein paar linke Ideen angenommen haben.                 F\u00fcr mich sind die nur rechts und man braucht die nicht unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p><b>GWR: Momentan sieht man in der Stadt sehr viele nationale                 Symbole. An H\u00e4usern, Autos und \u00f6ffentlichen Pl\u00e4tzen weht die Nationalfahne.                 Man kann \u00fcberall Fahnen, Sticker, Buttons und diversen nationalen                 Merchandise kaufen. Es gibt auch ein Armeezelt, wo Geld f\u00fcr Soldaten                 und die hinterbliebenen Familien gesammelt wird. Auch Swoboda                  ((3)) hat einen Stand in der                 Innenstadt und es gibt ein Cafe des Rechten Sektors mit Bandera-Dekoration.                 Letzte Nacht habe ich auch Angeh\u00f6rige vom A3OB- und Donbass-Bataillon                 gesehen. Ist diese Omnipr\u00e4senz des Nationalistischen neu oder                 war das schon immer so?<\/b><\/p>\n<p>A: Das ist in den letzten Monaten ganz stark angestiegen. Lwiw                 war aber immer schon Hochburg der Nationalisten. Die Leute unterst\u00fctzen                 die Armee sehr stark hier. Es gab vor ein paar Wochen diese SMS-Aktion:                 Man kann eine SMS mit dem Inhalt &#8222;ARMEE&#8220; an eine Nummer schicken                 und damit Geld spenden. Da ist dann \u00fcber eine Millionen Griwna                 zusammengekommen. Viele Leute erkl\u00e4ren sich auch dazu bereit,                 freiwillig Ausr\u00fcstung f\u00fcr die Armee zu kaufen. Da wollte eine                 Gruppe von Leuten Schutzwesten f\u00fcr die Soldaten besorgen. Die                 sind in Polen aber viel billiger als hier. Sie sind dann mit dem                 Bus nach Polen gefahren und mussten alle diese Westen selber im                 Bus am K\u00f6rper tragen, weil die Einfuhr von R\u00fcstungsmaterial eigentlich                 verboten ist.<\/p>\n<\/p>\n<p><b>GWR: Was muss passieren, damit die Situation besser wird?                 Was w\u00fcrdest du dir w\u00fcnschen?<\/b><\/p>\n<p>A: Am besten w\u00e4re es, wenn Poroschenko und Putin miteinander                 sprechen und die K\u00e4mpfe aufh\u00f6ren. Das Gesetz \u00fcber das Verbot oder                 die Diskriminierung der russischen Sprache muss auch aufgehoben                 werden. Das ist ein Problem und Russland kann damit auch ganz                 stark Propaganda machen. Diese Spaltung ist aber auch schon in                 den K\u00f6pfen der Leute drin: Wenn man in Lwiw in einem Gesch\u00e4ft                 Russisch spricht, wird man manchmal nicht bedient. Umgekehrt kann                 es auch passieren, dass man nun auf der Krim nicht bedient wird,                 wenn man Ukrainisch spricht. Das ist mir auch schon pers\u00f6nlich                 passiert.<\/p>\n<p><b>GWR: M\u00f6chtest du den deutschsprachigen Anarchistinnen und                 Anarchisten noch etwas mitteilen?<\/b><\/p>\n<p>A: Ja! Unterst\u00fctzt den Krieg nicht! Wenn beide Seiten schlecht                 sind, muss man sich nicht f\u00fcr eine Seite entscheiden.<\/p>\n<p><b>GWR: Vielen Dank f\u00fcr das Interview!<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Graswurzelrevolution (GWR): In Deutschland wei\u00df man allgemein sehr wenig \u00fcber anarchistische Zusammenh\u00e4nge in der Ukraine. Was f\u00fcr Gruppen gibt es? Was machen diese Gruppen? 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