{"id":13752,"date":"2014-10-01T00:00:12","date_gmt":"2014-09-30T22:00:12","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13752"},"modified":"2022-07-26T14:12:06","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:06","slug":"die-lokomotive-karlshof","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2014\/10\/die-lokomotive-karlshof\/","title":{"rendered":"Die Lokomotive Karlshof"},"content":{"rendered":"<p>Vom Herbst 2005 bis zum Fr\u00fchjahr 2012 existierte das kollektive                 Projekt der Lokomotive Karlshof in der Uckermark als Versuch,                 eine nicht-warenf\u00f6rmige landwirtschaftliche Produktion jenseits                 des Marktes in die Praxis umzusetzen. Ich versuche, die Ideen                 und die Praxis dieses ambitionierten Projektes r\u00fcckblickend darzustellen                 und zu reflektieren. <\/p>\n<p>Der Schmerz \u00fcber das Scheitern ist noch frisch. Die Sichtweise                 ist pers\u00f6nlich und erhebt nicht den Anspruch auf Vollst\u00e4ndigkeit.                 Als Gr\u00fcndungsmitglied habe ich dieses Projekt von der Entwicklung                 und Ausarbeitung der Idee \u00fcber die Umsetzung bis zum Scheitern                 des kollektiven Prozesses intensiv mitgestaltet und -erlebt. <\/p>\n<p>Der Karlshof bei Templin ist ein Hof, der durch die &#8222;Projektwerkstatt                 auf Gegenseitigkeit&#8220; (PaG) verwaltet wird. Die Idee des selbstorganisierten                 Zusammenhangs ist es, Privateigentum an Immobilien zu neutralisieren,                 d.h. der Spekulation um Geb\u00e4ude und Land etwas entgegenzusetzen.                 Die Werkstatt besteht aus Projektgruppen und Einzelpersonen. Das                 formale Prinzip der Entprivatisierung ist die \u00dcbergabe (Leihe)                 eines Objektes an eine Projektgruppe zur Nutzung der, von dieser                 Gruppe formulierten Projektziele und Scheiterkriterien. Auch wenn                 jede Projektgruppe, die Teil der Projektwerkstatt ist, zusammen                 mit anderen Gruppen und Einzelpersonen gemeinsame Belange kl\u00e4rt                 und Entscheidungen trifft, ist es f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis des Prinzips                 der PaG wichtig, dass jede Projektgruppe unter den gesetzten Bedingungen                 autonom, also entscheidungsunabh\u00e4ngig von der Projektwerkstatt                 ist. Wenn ein Projekt scheitert, geht das Objekt wieder an den                 Gesamtzusammenhang der PaG zur\u00fcck, um neuen Gruppen zur Verf\u00fcgung                 zu stehen.<\/p>\n<p>Selbstgesetzte Prinzipien der Lokomotive Karlshof waren u.a.                 die Existenz eines Hofkollektivs und die Entscheidungsfindung                 im Konsens. Das Kriterium, an dem die Gruppe letztlich ihr Scheitern                 erkl\u00e4rte, war, dass aufgrund von diversen Konflikten keine Gruppenentscheidungen                 mehr m\u00f6glich waren. <\/p>\n<h3>Wie alles begann<\/h3>\n<\/p>\n<p>Der Karlshof wurde urspr\u00fcnglich 2004 f\u00fcr das Landprojekt, einem                 Teil des Berliner Zusammenhanges Stadt-Land-Fluss, durch die Projektwerkstatt                 erworben und ist nach dem Scheitern dieser Gruppe im Fr\u00fchjahr                 2005 an die Projektwerkstatt zur\u00fcckgefallen. Zu diesem Zeitpunkt                 traten Teile aus der alten Gruppe und zwei neuen Mitglieder zusammen,                 um das Projekt der &#8222;Lokomotive Karlshof&#8220; und die Idee der nichtkommerziellen                 Landwirtschaft zu entwerfen.<\/p>\n<p>Der Kristallisationspunkt der &#8222;Lokomotive Karlshof&#8220; war der Wunsch,                 Landwirtschaft zu betreiben, die nicht f\u00fcr den Markt produziert                 und nicht den Zw\u00e4ngen des Marktes unterliegt, sondern sich bei                 der Produktion an den Bed\u00fcrfnissen der Menschen orientiert. Beispielsweise                 an dem Bed\u00fcrfnis etwas zu essen, dem Wunsch etwas anzubauen, sich                 kreativ auszudr\u00fccken oder etwas Relevantes zu produzieren, das                 zum Leben notwendig ist.<\/p>\n<p>Der Hintergrund, der uns zu dieser Projektformulierung f\u00fchrte,                 beinhaltete mehrere Aspekte. Ein Bezugspunkt war unser theoretisch-politischer                 Hintergrund: Viele von uns hatten eine lange linke Sozialisation                 hinter sich und eine mehr oder weniger fundierte wertkritische                 Perspektive auf die gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse. Die politische                 Frage, die uns besch\u00e4ftigte, war die, wie eine gesellschaftliche                 Form der Organisierung aussehen k\u00f6nnte, die sich nicht am Wert                 als fundamentalem Prinzip der sozialen Austausch- und Interaktionsprozesse                 entlang gestaltet, wie sie am offensichtlichsten in der Warenproduktion                 und dem Verkauf der Arbeitskraft zur eigenen Reproduktion deutlich                 wird. Dann gab es aber auch die praktische Ebene: z.B. schlicht                 und einfach das Bed\u00fcrfnis, Landwirtschaft zu betreiben. <\/p>\n<p>Ein weiterer Bezugspunkt war das Wissen um die Verh\u00e4ltnisse des                 globalen Agrar- und Ern\u00e4hrungssystems, mit seinen katastrophalen                 Ausbeutungsverh\u00e4ltnissen und zerst\u00f6rerischen Wirkungen. Der Gegenentwurf                 dazu zielte auf eine vielf\u00e4ltige, weltweite Selbstorganisierung                 von Gemeinden, Gemeinschaften und Kollektiven, wie sie von Via                 Campesina ((2)) unter dem Begriff                 der Ern\u00e4hrungssouver\u00e4nit\u00e4t formuliert wurde. Ern\u00e4hrungssouver\u00e4nit\u00e4t                 im Sinne von Ern\u00e4hrungsautonomie, d.h. einer Selbstbestimmung                 und Selbstgestaltung der Produktion und Verteilung der Nahrungsmittel,                 war eines unserer gro\u00dfen Ziele. Die Vielf\u00e4ltigkeit der nichtmarktf\u00f6rmigen                 Selbstorganisierung gerade auf dem Land und in der Landwirtschaft                 in anderen L\u00e4ndern Europas hatten einige von uns \u00fcber die Jahre                 hinweg bereits kennengelernt. Beeinflusst wurden wir dabei vor                 allem von Erfahrungen mit der &#8222;Kooperative Haina&#8220; und der &#8222;Longo-mai-Kooperative                 Hof Ulenkrug&#8220;, in denen Einzelne von uns l\u00e4ngere Zeit verbracht                 hatten und mit denen uns teils langj\u00e4hrige Freundschaften verbanden.               <\/p>\n<p>Vor diesen Hintergr\u00fcnden formulierten wir die Idee der Nichtkommerziellen                 Landwirtschaft (NKL), die die eigenen Bed\u00fcrfnisse zum Ziel hatte                 und gleicherma\u00dfen den gesellschaftlichen Notwendigkeiten gerecht                 werden sollte. Ein wesentliches Element war dabei, dass die Produkte                 nicht verkauft werden sollten. Mehr noch: Sie sollten unabh\u00e4ngig                 von jeglicher Gegenleistung abgegeben werden, damit sie ihren                 Charakter als Ware, d.h. als Tauschobjekt verlieren. Wir formulierten                 die &#8222;Entkopplung der Finanzierung von der Abgabe der Produkte&#8220;                 und den Verzicht auf Lohnarbeit, als &#8222;zweite Seite der Medaille                 kapitalistischer wertf\u00f6rmiger (Re-)produktion&#8220;. Die Finanzierung                 des Aufbaus der Produktion, also des Hofes und der Landwirtschaft,                 sowie ein Beitrag zur Finanzierung der Lebenshaltungskosten sollten                 auf freiwilliger Basis durch ein Netzwerk aufgebracht werden.                 Auch die Unterst\u00fctzung der praktischen Arbeit in der Landwirtschaft,                 sowie der Aufbau des Hofes sollten durch ein Netzwerk von Menschen                 und Gruppen in Kooperation geschehen. Mehr noch war es der Anspruch,                 die Landwirtschaft so partizipativ zu gestalten, dass die praktische                 Arbeit f\u00fcr Menschen einen Raum u.a. zum Lernen, zum Mitgestalten,                 f\u00fcr eigene Initiativen bieten konnte. Zentral war in unserer Idee                 die Vernetzung mit anderen Projekten, Hofkollektiven, Gemeinschaften                 und politischen Gruppen. Es ging nicht darum, nur f\u00fcr sich selbst                 Lebensmittel zu produzieren, sondern gerade auch arbeitsteilig                 mit anderen Gruppen in Austausch zu treten, um eine (\u00fcber-)kollektive                 Selbstversorgung zu erreichen. Die politische Frage, die wir stellten,                 war die, wie eine \u00fcberindividuelle, gesellschaftliche Form der                 Selbstversorgung aussehen k\u00f6nnte, die der Bed\u00fcrfnisbefriedigung                 dient und nicht nur auf sich selbst bezogen bleibt. <\/p>\n<p>Was heraus kam, hatte zwei Seiten &#8211; Theorie und Praxis: Diskurslandwirtschaft!                 Nichtsdestotrotz war es uns ein ernsthaftes Anliegen, eine Landwirtschaft                 aufzubauen, um Menschen zu ern\u00e4hren und einen Beitrag zu einer                 gemeinsamen solidarischen Versorgung zu leisten. Dabei wollten                 wir Menschen Zug\u00e4nge bieten, die sie in der Gesellschaft nicht                 haben und erm\u00f6glichen Grenzen zwischen Menschen zu \u00fcberwinden.               <\/p>\n<p>Die Verbindung von Theorie und Praxis hatte zwar eine gro\u00dfe Anziehungskraft,                 in ihr lag aber auch einer der sp\u00e4teren zentralen Konflikte begr\u00fcndet.                 Viele unserer Diskussionen und Konflikte waren von der Macht des                 Diskurses und von politisch-ideologischen Differenzen, sowie von                 identit\u00e4tspolitischen Anspr\u00fcchen gepr\u00e4gt, anstatt sich an der                 Praxis zu orientieren. <\/p>\n<p>Erstaunlicherweise hat es trotzdem besser funktioniert, als wir                 zun\u00e4chst dachten. Wir hatten zum einen den Hintergrund der &#8222;Projektwerkstatt                 auf Gegenseitigkeit&#8220;, einen Hof mit 50 ha Land, d.h. 23 ha Acker,                 18 ha Gr\u00fcnland, 6 ha Wald und eine gro\u00dfe Hoffl\u00e4che, viele Geb\u00e4ude                 (in eher erb\u00e4rmlichem Zustand) und wir waren motiviert. <\/p>\n<p>Es zeigte sich, dass diese Idee viele Menschen ansprach. Das                 Sch\u00f6ne daran: Es waren nicht nur Menschen mit explizit linkem                 Szenehintergrund, sondern ein wirklich breites soziales Spektrum.                 Vielleicht war es gerade der Versuch, mit einem utopischen Ziel                 etwas Praktisches und Solides zu entwickeln, was f\u00fcr viele attraktiv                 war. <\/p>\n<p>Es ist erstaunlich, wie Landwirtschaft eine starke Faszination                 auf Menschen aus\u00fcbt. R\u00fcckwirkend betrachtet war das vielleicht                 auch einer der Gr\u00fcnde, der zu unserem Scheitern beigetragen hat.                 Unser Projekt war so konzipiert, dass viele Menschen ihre Ideen,                 Visionen, W\u00fcnsche, Utopien eines besseren Lebens und einer besseren                 Gesellschaft in unsere Projektidee und -praxis hineininterpretieren                 konnten &#8211; sowohl innerhalb unserer Projektgruppe als auch nach                 au\u00dfen. Das f\u00fchrte zu gro\u00dfen Interessenunterschieden und Konflikten.               <\/p>\n<p>Angesichts der Unw\u00e4gbarkeiten der Projektidee und unserer Gruppengr\u00f6\u00dfe                 haben wir die Projektidee im ersten Jahr als Experiment formuliert.               <\/p>\n<p>Wir haben gesagt: Wir produzieren Kartoffeln und wir m\u00f6chten,                 dass die Menschen in unserem erweiterten Bekanntenkreis sagen,                 wie viele Kartoffeln sie f\u00fcr ein Jahr im Voraus zur Lagerung und                 f\u00fcr den Eigenverbrauch ben\u00f6tigen. Ich glaube, wir kamen auf ca.                 2-3 Tonnen. Wir warben um Unterst\u00fctzung unseres Experimentes und                 fanden Menschen, die die ersten Anschaffungen an Maschinen und                 f\u00fcr die Sicherung der Produktionskosten zu finanzieren bereit                 waren. <\/p>\n<p>Davon haben wir die entsprechenden Ger\u00e4tschaften und das Pflanzgut                 gekauft bzw. diese \u00fcber unsere Netzwerke organisiert. Wir versuchten                 die Arbeitsschritte f\u00fcr den Anbau transparent darzustellen und                 Menschen mitzunehmen. <\/p>\n<p>Wir luden ein zum Mitmachen, zur Auseinandersetzung, zur Zukunftsplanung                 und zum Ideenaustausch. Zur ersten Kartoffelernte kamen \u00fcber 60                 Menschen und wir konnten 4,5 Tonnen Kartoffeln ernten. Wir organisierten                 die Verteilung und die Lagerung in verschiedenen befreundeten                 Gemeinschaften, Projekten und St\u00fctzpunkten in der Stadt, und wir                 forderten andere Menschen auf, sich mit uns zusammen zu organisieren.<\/p>\n<p>Nach dem ersten Jahr war der R\u00fccklauf und die Best\u00e4tigung so                 gro\u00df, dass wir beschlossen, weiterzumachen. Es ging uns nicht                 nur um die uneigenn\u00fctzige Belieferung eines Netzwerkes von KartoffelkonsumentInnen,                 sondern auch um unsere eigene Lebensperspektive auf dem Hof, die                 weit mehr war als die nichtkommerzielle Landwirtschaft &#8211; eben                 bed\u00fcrfnisorientiert, sowohl pers\u00f6nlich als auch politisch. <\/p>\n<p>In den folgenden zwei Jahren wuchs die Gruppe: Begonnen hatten                 wir zu viert. Anfang 2007 waren wir sieben Erwachsene und zwei                 Kinder und bis 2008 wuchsen wir auf zehn Personen und vier Kinder                 an. Landwirtschaftlich steigerte sich die Menge der produzierten                 Kartoffeln. Wir bauten aber nach und nach die Landwirtschaft auch                 mit weiteren Fr\u00fcchten auf. Dabei arbeiteten wir mit alten Sorten                 und beteiligten uns an einer b\u00e4uerlichen Saatguterhaltung.<\/p>\n<p>Die Produktionskosten konnten wir durch die Unterst\u00fctzung innerhalb                 unseres Netzwerkes decken. Wir organisierten eine Patenschafts-Kampagne,                 um wenigstens auch Teile unserer Lebenserhaltungskosten zu decken.                 Wir engagierten uns zu verschiedenen landwirtschaftspolitischen                 und anderen Themen. Z.B. gegen den Bau einer Biogasanlage in unserer                 Region.<\/p>\n<p>(Das war noch zu Zeiten, in denen die energetische Nutzung von                 Biomasse als L\u00f6sung der Energiekrise gesehen wurde, aber die globale                 Fl\u00e4chenkonkurrenz zu Nahrungsmitteln mit ihren katastrophalen                 Folgen schon absehbar war.) <\/p>\n<p>Wir besuchten andere kollektive Projekte in Europa, die sich                 landwirtschaftlich engagierten, und vernetzten uns. <\/p>\n<p>Im Laufe der Jahre entwickelte sich eine starke Dynamik. Es kamen                 viele Menschen auf den Hof und der Austausch und die Freundschaften                 mit anderen Projekten wurden zunehmend intensiver. Aber auch das                 politische Interesse an dem Konzept der NKL entwickelte sich.                 F\u00fcr einige Gruppen war die NKL ein Anregungspunkt, der zur Entwicklung                 eigener Projekte f\u00fchrte. F\u00fcr andere war es eher ein politisches                 Identifikationsmoment zur Definition eines nichtkommerziellen                 Raumes. <\/p>\n<p>In meiner Wahrnehmung hat sich im zweiten Fall die Verbindung                 einer konkreten Praxis mit einer fundamental gedachten Kritik                 teilweise verloren und wurde durch eine eher identit\u00e4tspolitische                 Adaption ersetzt. <\/p>\n<p>Der erste Fall aber war eine Quelle f\u00fcr viele interessante Kontakte,                 Freundschaften und Kooperationen. Insbesondere mit den Longo-mai<i>&#8211;<\/i>Kooperativen                 (vgl. GWR 391) in Deutschland und Frankreich verband uns eine                 enge Freundschaft. <\/p>\n<p>Neben der Landwirtschaft entwickelten sich die notwendigen Baustellen                 auf dem Hof zwangsl\u00e4ufig zu einem Fokus unserer Aktivit\u00e4ten. Das                 Kollektiv der Lokomotive wuchs im Laufe des Jahres 2009 nochmals                 auf insgesamt zw\u00f6lf Erwachsene und sechs Kinder an. Landwirtschaftlich                 entwickelte sich eine gewisse Routine. Wir entwickelten eine Maschinenkampagne                 und akquirierten finanzielle Mittel, um einen gro\u00dfen Schlepper                 und Technik f\u00fcr die schwere Bodenbearbeitung zu kaufen. <\/p>\n<p>Durch verschiedene Kooperationen konnten wir auch einen M\u00e4hdrescher                 und weitere Ger\u00e4tschaften bekommen. Die Einbindung in Netzwerke                 funktionierte in dieser Hinsicht sehr gut. Wir hatten aus den                 franz\u00f6sischen Longo-mai-Kooperativen eine Anlage zur Produktion                 von Pflanzen\u00f6l bekommen, die wir versuchsweise bei uns installierten.                 Wir experimentierten mit dem Anbau von Sonnenblumen zur Produktion                 von Pflanzen\u00f6l. Zu den von uns angebauten Fr\u00fcchten z\u00e4hlten auch                 Getreide wie Dinkel, Roggen, Weizen, Emmer, und auch mit dem Anbau                 von Hartweizen f\u00fcr die Produktion von Nudeln machten wir 2010                 erste Versuche. Dazu kamen Leguminosen wie Lupinen und Erbsen                 f\u00fcr die Ern\u00e4hrung und der Anbau von Kleegras und Zwischenfr\u00fcchten                 f\u00fcr die Bodenfruchtbarkeit, sowie die Vermehrung von Saatgut f\u00fcr                 die Autonomie. Mittlerweile hatten wir eine funktionierende Infrastruktur                 f\u00fcr Anbau, Aufbereitung und Lagerung aufgebaut und auch die Beteiligung                 an gemeinsamen Arbeiten, wie die Kartoffelernte, funktionierte.               <\/p>\n<p>Schwieriger war das Verst\u00e4ndnis der NKL und die Rolle des Netzwerkes                 bzw. die Frage: Wer oder was ist \u00fcberhaupt dieses Netzwerk? Ab                 dem zweiten Jahr haben wir w\u00e4hrend der Kartoffelsaison von Herbst                 bis Fr\u00fchjahr die Organisierung von Kartoffelcaf\u00e9s in Berlin angeregt.<\/p>\n<p>Diese dienten dem Austausch, der Information, der Anregung und                 Diskussion. Sowohl innerhalb des Hofkollektivs als auch unter                 den Menschen, die au\u00dferhalb des Hofs an einer Entwicklung der                 nichtkommerziellen Landwirtschaft interessiert waren, war umstritten,                 welche Rolle ein solches Kartoffelcaf\u00e9 oder ein Netzwerk einnehmen                 soll, welche Autonomie beim Hof liegen soll, wer welche Entscheidungen                 f\u00e4llt und in welchem Ausma\u00df. Dadurch, dass diese Fragen auch bei                 uns im Hofkollektiv kontrovers diskutiert wurden, gab es in vielerlei                 Hinsicht eine Unklarheit der Kommunikation gegen\u00fcber dem &#8222;Au\u00dfen&#8220;.                 In unserer programmatischen Formulierung der NKL war durch die                 &#8222;Abgabe der Produkte an jede*n ohne konkretere Vorbedingung&#8220; nicht                 gekl\u00e4rt, wer dieses &#8222;Gegen\u00fcber&#8220; oder wie dieses &#8222;Miteinander&#8220;                 sein sollte. Es sollte ja jede*r ohne Gegenleistung oder Bedingung                 die Produkte bekommen k\u00f6nnen. Wer aber sollte welche Dinge entscheiden?               <\/p>\n<h3>Auf Augenh\u00f6he<\/h3>\n<\/p>\n<p>Das Verh\u00e4ltnis zu anderen Hofgemeinschaften und Kollektiven war                 meist relativ einfach zu gestalten. Es gab ein Verh\u00e4ltnis auf                 gleicher Augenh\u00f6he. Man konnte sich gegenseitig mit dem unterst\u00fctzen,                 was man produzierte oder hatte. Was z\u00e4hlte, waren die pers\u00f6nlichen                 Freundschaften und Kontakte untereinander. Gegen\u00fcber einem diffusen                 Berliner Netzwerk war das schwieriger zu definieren. Es gab einen                 gro\u00dfen Kreis von pers\u00f6nlichen Freundschaften, aber dieser \u00fcberschnitt                 sich nur bedingt mit den Menschen, die ein Interesse an einer                 intensiveren Diskussion und Organisierung hatten. <\/p>\n<p>Das Kartoffelcaf\u00e9 und die Abgabe der Produkte in Berlin wurden                 \u00fcber lange Zeit im Wesentlichen von einem kleinen Kreis in Berlin                 getragen. Zwar gab es ein gro\u00dfes Interesse an Teilhabe und Teilnahme,                 aber die Fluktuation war gro\u00df und die Verbindlichkeit und Kontinuit\u00e4t                 gering. Ein weiteres Ungleichgewicht kam hinzu, n\u00e4mlich das zwischen                 Diskurs und Praxis. <\/p>\n<p>Aufgrund von unterschiedlichen Ansichten und Konflikten auf dem                 Hof und aus Angst, zu viel vorzugeben, hielten wir uns als Hofgruppe                 &#8222;Lokomotive Karlshof&#8220; innerhalb der Diskussionen in Berliner Zusammenh\u00e4ngen                 stark zur\u00fcck. Aus meiner Perspektive mit der schwerwiegenden Konsequenz,                 dass der theoretische Diskurs in Berliner Zusammenh\u00e4ngen eher                 gepr\u00e4gt war von Projektionen, W\u00fcnschen und teilweise identit\u00e4tspolitischen                 Vorstellungen. <\/p>\n<p>Die Folge war, dass die materiellen Erfordernisse auf dem Hof                 und die konkreten Bed\u00fcrfnisse von Menschen, die die Landwirtschaft                 auf dem Hof gestalteten, in diesem Diskurs eine Nebenrolle spielten.               <\/p>\n<p>F\u00fcr mich spiegelte sich darin einerseits das hohe Identifikationspotential                 der Idee der NKL wider, andererseits aber eben auch der Interessengegensatz                 zwischen Stadt und Land bzw. Theorie und Praxis. <\/p>\n<p>Eine erfrischende und erfolgreiche Ausnahme bildete die Backgruppe,                 die sich in Berlin auf Initiative des Hofes gebildet hatte und                 die eine einfach funktionierende, daf\u00fcr aber umso effektivere                 Ausrichtung hatte. Diese Gruppe hat einmal im Monat vor den Kartoffelcaf\u00e9s                 in einer befreundeten Kollektivb\u00e4ckerei das Getreide vom Hof zu                 jeweils 100 bis 150 Broten verbacken. Sie war in sich selbst organisiert,                 hat das erforderliche Wissen an jeweils neue Menschen weitergegeben,                 den Bedarf an Getreide kommuniziert und den Transport und die                 Lagerung des Getreides in Berlin weitgehend selbst geregelt. F\u00fcr                 mich war das eine positive Erfahrung einer weitgehend gleichberechtigten                 Kooperation innerhalb des Berliner Netzwerkes. <\/p>\n<p>In dem Ma\u00dfe, in dem die Landwirtschaft besser funktionierte,                 wuchsen die Auseinandersetzungen um die Ausrichtung, die Vorstellungen                 und die Definition der nichtkommerziellen Landwirtschaft auf dem                 Hof. Das f\u00fchrte so weit, dass aufgrund der Konfliktkonstellationen                 irgendwann weder Anbauplanung noch Budgetformulierung oder anstehende                 Arbeiten gekl\u00e4rt werden konnten. In zunehmendem Ma\u00dfe wurden die                 Auseinandersetzungen und pers\u00f6nlichen Interessen politisch-ideologisch                 begr\u00fcndet. Im Dezember 2011 formulierten wir, dass die Konflikte                 in der Gruppe so gro\u00df waren, dass eine Fortf\u00fchrung der Landwirtschaft                 im folgenden Jahr nicht m\u00f6glich sein w\u00fcrde, da die Vertrauensbasis                 f\u00fcr die Durchf\u00fchrung der notwendigen Arbeiten und die Kommunikation                 mit dem Netzwerk nicht mehr gegeben waren. <\/p>\n<p>Im Laufe der Projektzeit gab es immer wieder verschiedene Ans\u00e4tze,                 die Konflikte zu bearbeiten und zu l\u00f6sen. Mit unterschiedlichen                 Methoden und in unterschiedlicher Zusammensetzung haben wir auf                 Begleitung und Mediation von au\u00dfen zur\u00fcckgegriffen. Zun\u00e4chst waren                 es Konflikte innerhalb der Lokomotive Karlshof, die sich an unterschiedlichen                 Vorstellungen zur NKL und zahlreichen pers\u00f6nlichen Konflikten                 festmachen lie\u00dfen. <\/p>\n<p>Gegen Ende wurden diese Konflikte zus\u00e4tzlich noch durch einzelne                 externe Personen innerhalb der Projektwerkstatt versch\u00e4rft, die                 ebenfalls ihre eigenen Vorstellungen von der weiteren Entwicklung                 auf dem Hof hatten und auf die Entwicklung Einfluss nahmen. <\/p>\n<p>Genau diese Grenze zwischen ProjektnutzerInnengruppe und Besitz                 geh\u00f6rt eigentlich zu den Grundprinzipien der Projektwerkstatt.                 In dieser Hinsicht ist mindestens kritisch zu hinterfragen, inwieweit                 die Projektwerkstatt ihre selbstgesetzten Ziel erf\u00fcllt hat oder                 nicht. Mich pers\u00f6nlich besch\u00e4ftigt es, dass diese Interessendurchmischung                 auch die Reflexion und Aufarbeitung des Projektes Lokomotive Karlshof                 und der Erfahrungen mit einer nichtkommerziellen Landwirtschaft                 bis jetzt weitgehend verhindert hat. Entt\u00e4uschend ist, dass f\u00fcr                 diese Aufarbeitung und Reflexion kein Raum existiert, dass die                 Darstellung des alten Projektes innerhalb der neuen Initiative                 dadurch eine abgrenzende und verzerrende bleibt und sich der Platz                 f\u00fcr Wertsch\u00e4tzung und Respekt f\u00fcr die geleistete Arbeit innerhalb                 der alten Konfliktlinien verliert. <\/p>\n<p>Nach der Aufl\u00f6sung der gemeinsamen \u00d6konomie und der Lokomotive                 Karlshof wird der Hof nun \u00fcbergangsweise durch die &#8222;April-April&#8220;-Initiative                 genutzt, die in Teilen aus dem Konflikt innerhalb der Lokomotive                 hervorgegangen ist. \u00dcber die weitergehende Perspektive und Nutzung                 des Hofes zu entscheiden ist selbstgesetzte Aufgabe der Projektwerkstatt.                 Wie diese Nutzung aussieht, wird die Zukunft entscheiden. <\/p>\n<p>F\u00fcr mich war das Projekt der Lokomotive Karlshof und der NKL                 aufgrund seiner fundamental und gleichzeitig praktisch gestellten                 Frage nach der konkreten Umsetzung einer gesellschaftlichen Utopie                 eines der ambitioniertesten und interessantesten politischen Projekte                 der letzten zehn Jahre.<\/p>\n<p>Auch die Offenheit, Vielfalt und teilweise Gegens\u00e4tzlichkeit                 der Menschen, die auf dem Hof zusammen kam, hat mich erf\u00fcllt.<\/p>\n<p>Es war f\u00fcr mich ein seltenes und positives Beispiel f\u00fcr die \u00dcberwindung                 unterschiedlichster Grenzen und auch der oft beobachteten szeneinternen                 Selbstbezogenheit. Dieses Projekt hat mein Leben gepr\u00e4gt und es                 wird noch einige Zeit brauchen, davon Abschied zu nehmen. <\/p>\n<p>Die gro\u00dfe positive Resonanz und vielfache Best\u00e4tigung durch die                 Menschen, zu denen sich im Laufe der Jahre pers\u00f6nliche Beziehungen                 und Freundschaften entwickelten, waren wunderbar. Daf\u00fcr m\u00f6chte                 ich mich an dieser Stelle bedanken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vom Herbst 2005 bis zum Fr\u00fchjahr 2012 existierte das kollektive Projekt der Lokomotive Karlshof in der Uckermark als Versuch, eine nicht-warenf\u00f6rmige landwirtschaftliche Produktion jenseits des Marktes in die Praxis umzusetzen. Ich versuche, die Ideen und die Praxis dieses ambitionierten Projektes r\u00fcckblickend darzustellen und zu reflektieren. Der Schmerz \u00fcber das Scheitern ist noch frisch. 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