{"id":13754,"date":"2014-10-01T00:00:52","date_gmt":"2014-09-30T22:00:52","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13754"},"modified":"2022-07-26T14:12:06","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:06","slug":"eine-box-der-komintern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2014\/10\/eine-box-der-komintern\/","title":{"rendered":"Eine Box der Komintern"},"content":{"rendered":"<p>Auch ein gro\u00dfer Historiker muss klein anfangen. &#8222;Als ich jung                 war&#8220;, erinnert sich Josep Termes in seiner monumentalen <i>Historia                 del anarquismo en Espa\u00f1a (1870-1980) <\/i>[\u201aGeschichte des Anarchismus                 in Spanien (1870-1980)&#8216;], &#8222;und im zerst\u00f6rten Nachkriegsbarcelona                 gerade angefangen hatte, in einer bescheidenen Kneipe im Arbeiter-                 und Handwerkerviertel Gr\u00e0cia zu arbeiten, sangen mir ein paar                 Kunden oft die revolution\u00e4ren Lieder der Anarchisten vor: \u201aS\u00f6hne                 des Volkes, noch binden dich Ketten&#8216;, \u201aAuf die Barrikaden!&#8216;, mit                 solchen Versen wie: \u201aErhebe dich, Arbeitervolk\/ auf zum Kampf\/                 wir m\u00fcssen die Reaktion niederwerfen&#8216; und \u201aFeindliche St\u00fcrme durchtoben                 die L\u00fcfte&#8216; [&#8230;]. All diese Lieder geh\u00f6ren zu meiner jugendlichen                 Vorstellungswelt [&#8230;]. Ich habe bis heute keinen Text und keine                 Melodie vergessen. Und das, obwohl, als ich mit Zwanzig an die                 Universit\u00e4t ging, dort unter meinen jungen Verschw\u00f6rerfreunden                 eigentlich nur die kommunistischen Lieder gesungen wurden: \u201aDie                 Internationale&#8216;, \u201aDie junge Garde&#8216;, \u201aDas Heer vom Ebro&#8216; und \u201aBella                 Ciao'&#8220;. <\/p>\n<p>In dieser Anekdote b\u00fcndeln sich anschaulich Wirkung und Dilemma                 der Lieder des Spanischen B\u00fcrgerkriegs (1936-1939), von denen                 einige bis heute Hymnen der antifaschistischen Linken geblieben                 sind.<\/p>\n<p>Man hat den B\u00fcrgerkrieg, der Spanien von 1936 bis 1939 verw\u00fcstete,                 einen &#8222;Krieg der Dichter&#8220; genannt. Aber er war auch ein Krieg                 der Lieder. <\/p>\n<p>Vor allem aber war er ein Krieg <i>in<\/i> Liedern. Ganz gleich,                 ob nun die Faschisten mit ausgestrecktem Arm &#8222;Cara al Sol&#8220; [\u201aGesicht                 zur Sonne&#8216;] schmetterten, die Internationalen Brigaden zur Melodie                 eines alten Schlachtlieds aus der Zeit der antinapoleonischen                 Kriege drohend rumpelnde Kampfges\u00e4nge &#8211; &#8222;Rumbara Rumbarara&#8220; &#8211;                 \u00fcber die Front sandten oder die Anarchisten zu Tausenden die Hymne                 ihrer Massengewerkschaft <i>Confederaci\u00f3n Nacional del Trabajo<\/i>                 (CNT) [\u201aNationale F\u00f6deration der Arbeit&#8216;], &#8222;\u00a1A las Barricadas!&#8220;                 [\u201aAuf die Barrikaden!&#8216;] sangen: keine politische Gruppe des B\u00fcrgerkriegs                 wollte auf die einigende, Kraft spendende und propagandistisch                 wirksame Macht der Lieder verzichten. Lieder, zumal politische                 Hymnen, sind Symbole kollektiver Identit\u00e4t. Symbole in Aktion                 allerdings, performative Symbole, deren Wirkung sich bei jedem                 (vorzugsweise gemeinsamen) Singen neu erfahren l\u00e4sst. Wer allerdings                 das Augenmerk ganz auf die vereinigende Kraft von Hymnen richtet,                 sollte beachten, dass Vereinigung ohne Abgrenzung nicht denkbar                 ist. <\/p>\n<p>Der Spanische B\u00fcrgerkrieg war einer der letzten gro\u00dfen ideologischen                 Konflikte des 20. Jahrhunderts: Ein Krieg, in dem sich Angeh\u00f6rige                 s\u00e4mtlicher politischer Fraktionen Europas unmittelbar gegen\u00fcberstanden.               <\/p>\n<p>Die Konflikte innerhalb des linkspolitischen Lagers etwa, zwischen                 Kommunisten, Anarchisten und stalinkritischen Sozialisten, waren                 mitunter \u00e4hnlich grausam wie das Kriegsgeschehen an der Front.               <\/p>\n<p>Die proletarisch-revolution\u00e4re Einheit, die viele Lieder des                 B\u00fcrgerkriegs in der republikanischen Zone besangen, war eine Chim\u00e4re,                 oder, schlimmer noch, eine L\u00fcge mit b\u00f6sen Hintergedanken: der                 Versuch, die eigene Dominanz zu festigen und den Gegner aus der                 kulturellen Wahrnehmung zu tilgen. Denn politische Lieder repr\u00e4sentieren                 &#8211; implizit oder explizit &#8211; immer auch eine bestimmte Lesart der                 Geschichte. <\/p>\n<p>Sie vereinheitlichen und emotionalisieren sie, entwickeln dadurch                 gro\u00dfe Wirkungskraft und Langlebigkeit, und h\u00e4ufig ist es nicht                 so sehr ihr <i>Text<\/i> als vielmehr ihr <i>Kontext<\/i> (Wann                 werden sie gesungen? Wo werden sie gesungen? Wer singt sie? <\/p>\n<p>Wer h\u00f6rt zu? Wie werden sie inszeniert? usw.), der ihre politische                 Aussage bestimmt. Wer ein Lied der eigenen Fraktion zum musikalischen                 Monument eines historischen Ereignisses machen kann, beeinflusst                 damit die Deutung dieses Ereignisses oft mehr als eine Horde kritische                 Einw\u00e4nde murmelnder Historiker. <\/p>\n<p>Aufgrund einer schwer zu verstehenden Neigung, k\u00fcnstlerische                 Erzeugnisse (zumal Lieder) als etwas anzusehen, das abseits der                 Politik existiere, kann so zuweilen bis heute ein Kampf um politische                 Hegemonie fortgef\u00fchrt werden. Trotzdem, oder gerade deshalb, sind                 politische Lieder nat\u00fcrlich eine kulturhistorische Quelle ersten                 Ranges. <\/p>\n<p>Lieder aus der Zeit des Spanischen B\u00fcrgerkriegs waren bisher                 schwer zu bekommen.<\/p>\n<p>Historische Originalaufnahmen waren oft nur in Archiven zu h\u00f6ren                 und w\u00e4ren, wenn sie tats\u00e4chlich einmal in Spanien oder anderswo                 auf einer Plattenb\u00f6rse aufgetaucht w\u00e4ren, praktisch unbezahlbar                 gewesen. <\/p>\n<p>Einzelne Lieder fanden sich auf obskuren Samplern mit winziger                 Auflage, tauchten verstreut im Programm politischer Liedermacher                 oder Folks\u00e4nger auf, und auch in gedruckter Form war die Ausbeute                 lange Zeit mager: eine Reihe oft zweitklassiger Anthologien, bei                 denen man sich nie sicher sein konnte, ob dieser oder jener Text                 auch wirklich korrekt und vollst\u00e4ndig wiedergegeben worden sei.                 Historische Zusammenstellungen politischer Liedtexte und Partituren                 dagegen lagen wiederum meist in den Archiven und sind au\u00dferdem                 f\u00fcr gew\u00f6hnlich strikt nach politischer Zugeh\u00f6rigkeit getrennt.                 Es bestand also Bedarf nach einer umfassenden, gut erarbeiteten,                 solide recherchierten und sinnvoll zusammengestellten Sammlung                 (vor allem) historischer Originalaufnahmen aus der Zeit des B\u00fcrgerkriegs.<\/p>\n<p>Bei aller Kritik, die im Folgenden noch ge\u00e4u\u00dfert werden soll:                 In dieser Hinsicht ist das monumentale Box-Set &#8222;Spanien im Herzen&#8220;,                 das das Berliner Bear Family-Label dieses Jahr auf den Markt gebracht                 hat, ein gro\u00dfer Schritt vorw\u00e4rts. <\/p>\n<p>Auf sieben CDs versammeln die Herausgeber mehr als 120 Lieder,                 allerdings zum Teil die gleichen Lieder in unterschiedlichen Versionen.                 Die achte CD enth\u00e4lt den Dokumentarfilm &#8222;300 Juden gegen Franco&#8220;,                 eine ebenso aufschlussreiche, wie schwer zu beschaffende, Quelle.                 Einige der CDs sind zweigeteilt: Sie beginnen mit aktuellen Versionen                 bekannter Lieder aus der Zeit des B\u00fcrgerkriegs, die zum Teil erst                 lange nach dessen Ende aufgenommen wurden, nicht selten wiederentdeckt                 und interpretiert von politischen K\u00fcnstlerInnen des sogenannten                 <i>Folk-Revivals<\/i> der sechziger und siebziger Jahre. Andere                 Aufnahmen sind echte Entdeckungen, wie beispielsweise das Album                 des US-amerikanischen ehemaligen Interbrigadisten Max Parker,                 der 1981 eine Reihe von spanischen Liedern (mit grausigem englischem                 Akzent) aufnahm, die er w\u00e4hrend des B\u00fcrgerkrieges und (vor allem)                 w\u00e4hrend seiner Haft im ber\u00fcchtigten Kloster San Pedro de la Carde\u00f1a                 gelernt hatte. Im zweiten Teil finden sich historische Originalaufnahmen:                 knarrende, knirschende und rumpelnde Shellac-Sch\u00e4tzchen, die vom                 Label mithilfe digitaler Technik h\u00f6rbar bearbeitet und in ihrer                 Klangqualit\u00e4t verbessert wurden. Manchmal vielleicht sogar ein                 bisschen zu sehr: einige Lieder klingen fast schon klinisch, als                 h\u00e4tte man sie akustisch unter eine antibakterielle Gaze-Decke                 geschoben. <\/p>\n<p>Nach 78 Jahren darf eine historische Originalaufnahme aber ruhig                 ein wenig L\u00e4rm machen&#8230; <\/p>\n<p>Das Begleitbuch kommt \u00e4hnlich beeindruckend daher wie die Box:                 318 Seiten in Hochglanz, s\u00e4mtliche Liedtexte in drei Sprachen                 (Spanisch\/Englisch\/Deutsch), reich illustriert, ein Gesamtgewicht                 von fast zwei Kilo. Wer &#8222;Spanien im Herzen&#8220; in der Hand hielt,                 h\u00e4tte leicht meinen m\u00f6gen, die definitive Sammlung zur Musik des                 Spanischen B\u00fcrgerkriegs endlich gefunden zu haben.<\/p>\n<p>Bei aller N\u00fctzlichkeit des dargebotenen Materials &#8211; uneingeschr\u00e4nkt                 zutreffend ist diese Wahrnehmung leider nicht.<\/p>\n<p>Problematisch bei &#8222;Spanien im Herzen&#8220; ist vor allem das Begleitbuch:                 Zun\u00e4chst einmal ist nicht recht einzusehen, warum gleich zu Beginn                 desselben 23 Seiten f\u00fcr Reproduktionen von Ank\u00fcndigungsplakaten,                 Textausz\u00fcgen und <i>Filmstills<\/i> [Standfotos] der Hollywood-Version                 von Ernest Hemingways ber\u00fchmtem B\u00fcrgerkriegsroman &#8222;Wem die Stunde                 schl\u00e4gt&#8220; geopfert werden. <\/p>\n<p>Was, bitte sch\u00f6n, hat dieser Film mit den Liedern des Spanischen                 B\u00fcrgerkriegs zu tun? Seltene und begehrte Sammlerst\u00fccke m\u00f6gen                 solche Filmsch\u00e4tze ja sein. Aber sonst? Als Lehrer h\u00e4tte man ver\u00e4rgert:                 &#8222;Thema!&#8220; an den Rand geschrieben. <\/p>\n<p>Die Sammlerleidenschaft der Herausgeber geht noch ein weiteres                 Mal mit ihnen durch: Denn die letzten 42 Seiten des Begleitbuchs                 haben wieder nichts mit den Liedern des Spanischen B\u00fcrgerkriegs                 zu tun. Hier finden sich, prachtvoll aufgemacht, farbige Nachdrucke                 der ber\u00fchmten &#8222;Estampas de la Revoluci\u00f3n Espa\u00f1ola. 19 de julio                 de 1936&#8220; [\u201aDrucke der Spanischen Revolution. 19. Juli 1936&#8242;],                 die die Propagandaabteilung der CNT im gleichen Jahr in Auftrag                 gegeben hatte. Auf zahllosen B\u00fcchern und Brosch\u00fcren zum Spanischen                 B\u00fcrgerkrieg waren diese &#8222;Estampas&#8220; im Laufe der folgenden Jahrzehnte                 immer wieder als Titelillustrationen zu sehen gewesen. <\/p>\n<p>Die vollst\u00e4ndige Sammlung galt lange als verschollen und ist                 ein wertvoller k\u00fcnstlerischer Schatz. Aber wiederum: Was hat er                 hier verloren? Das Begleitbuch gleicht an diesen Stellen einem                 unaufger\u00e4umtem Antiquit\u00e4tenladen. Mit etwas gr\u00f6\u00dferer thematischer                 Disziplin h\u00e4tte man es bequem um 65 Seiten (!) k\u00fcrzen k\u00f6nnen &#8211;                 bei einem Kaufpreis von 173 Euro m\u00f6glicherweise keine schlechte                 Idee. Die Energie, die bei der Jagd nach seltenen B\u00fcrgerkriegsartefakten                 vergeudet wurde, w\u00e4re zudem f\u00fcr die inhaltliche Erarbeitung des                 Themas, sinnvoller zu nutzen gewesen. Denn auch hier ist manches                 in &#8222;Spanien im Herzen&#8220; mehr goldschimmernde Patina auf Gips als                 solider Unterbau. Dies betrifft insbesondere die (sp\u00e4rlichen)                 Informationen \u00fcber die Anarchistinnen und Anarchisten. <\/p>\n<p>Der verantwortliche Herausgeber des Begleitbuchs, J\u00fcrgen Schebera,                 ist ein ausgewiesener Kenner des musikalischen Schaffens des S\u00e4ngers                 Ernst Busch und des Komponisten Hanns Eisler. <\/p>\n<p>So dominieren in &#8222;Spanien im Herzen&#8220; denn auch, wenig \u00fcberraschend,                 die Lieder der Internationalen Brigaden, zumal jene, die Busch                 1937 unter den Bomben der franquistischen Luftwaffe in Barcelona                 einsang und die &#8211; auf mehrere Schallplatten gepresst &#8211; so etwas                 wie ein internationales Hit-Album des B\u00fcrgerkriegs wurden. Was                 dagegen fast v\u00f6llig fehlt, sind die Lieder der spanischen AnarchistInnen.                 Diese waren jedoch oft die Hauptakteure und -akteurinnen der revolution\u00e4ren                 Ereignisse, und ihre kulturelle Produktivit\u00e4t \u00fcbertraf jene der                 anderen politischen Fraktionen bei weitem.Ganze drei Lieder (!)                 sind in die Sammlung aufgenommen worden, und zwei davon sind auch                 noch die zentralen Hymnen der Bewegung: &#8222;Hijos del Pueblo&#8220; [\u201aS\u00f6hne                 des Volkes&#8216;] und &#8222;\u00a1A las Barricadas!&#8220;. Lieder also, die man wirklich                 schlecht h\u00e4tte auslassen k\u00f6nnen, die aber naturgem\u00e4\u00df auch wenig                 neue (Er)Kenntnisse \u00fcber die Musik des B\u00fcrgerkriegs vermitteln.               <\/p>\n<p>Wie d\u00fcrftig Scheberas Kenntnisse \u00fcber die anarchistische Bewegung                 Spaniens und ihre Lieder tats\u00e4chlich sind, offenbaren seine auff\u00e4llig                 knappen Anmerkungen. So soll &#8222;Hijos del Pueblo&#8220; zum Beispiel &#8222;1931                 f\u00fcr den Gewerkschaftsverband CNT&#8220; entstanden sein. Tats\u00e4chlich                 stammt das Lied aus dem 19. Jahrhundert. Es wurde erstmals auf                 dem <i>Segundo Certamen Socialista<\/i>, einer kulturellen Gro\u00dfveranstaltung                 der Bewegung in Barcelona im Jahre 1889, \u00f6ffentlich vorgef\u00fchrt,                 wurde quasi \u00fcber Nacht ber\u00fchmt und spiegelt in seinem Text das                 damals dominierende &#8222;kulturalistische&#8220; Politikverst\u00e4ndnis der                 sogenannten &#8222;Anarchokollektivisten&#8220; wieder. Die CNT wurde erst                 21 Jahre sp\u00e4ter gegr\u00fcndet. <\/p>\n<p>Ein Ausrutscher? Eher nicht.<\/p>\n<p>Denn auch Scheberas Informationen zu &#8222;\u00a1A las Barricadas!&#8220;, einem                 der ber\u00fchmtesten anarchistischen Lieder \u00fcberhaupt, sind eher kurios.                 Dessen Text entstand n\u00e4mlich nicht, wie der Herausgeber behauptet,                 &#8222;unmittelbar nach Beginn des Franco-Putsches&#8220;, sondern wurde im                 November 1933 &#8211; also volle drei Jahre zuvor! &#8211; im Supplement der                 Zeitschrift der <i>Federaci\u00f3n Anarquista Ib\u00e9rica<\/i> (FAI), <i>Tierra                 y Libertad<\/i> [\u201aLand und Freiheit&#8216;] ver\u00f6ffentlicht. <\/p>\n<p>Was tats\u00e4chlich &#8222;unmittelbar nach Beginn des Franco-Putsches&#8220;                 entstand, war eine kriegerische Umdichtung des Textes von &#8222;Hijos                 del Pueblo&#8220; f\u00fcr die (bis zum Jahr 2010) letzte gro\u00dfe Aufnahme                 beider Lieder mit vollem Orchester. Zwar stellt Schebera richtig                 fest, dass Text und Musik von &#8222;\u00a1A las Barricadas!&#8220; ein altes polnisches                 Arbeiterlied zugrunde liegt. Dessen Titel jedoch &#8211; &#8222;Waszawianka&#8220;                 &#8211; kann er noch nicht einmal richtig schreiben. Eine solche Auflistung                 von Fehlern w\u00e4re nichts weiter als besserwisserische Erbsenz\u00e4hlerei,                 wenn &#8222;Spanien im Herzen&#8220; nicht gleichzeitig bis weit \u00fcber die                 Ellenbogen in die Wundert\u00fcte kommunistischer B\u00fcrgerkriegsmythisierung                 greifen w\u00fcrde und sich alle M\u00fche g\u00e4be, diese &#8211; im wahrsten Sinne                 des Wortes &#8211; in leuchtenden Farben auszumalen. <\/p>\n<p>Alle sind sie vertreten, die traditionellen Helden der Komintern:                 Hans Beimler, Ilja Ehrenburg, Arthur Koestler (sp\u00e4ter kommunistischer                 Dissident), Erich Weinert, Dolores Ib\u00e1rruri, Ludwig Renn, Alfred                 Kantorowicz. Zum Teil werden sie im Begleitbuch mit seitenlangen                 Zitaten gew\u00fcrdigt, und im Falle der <i>Pasionaria <\/i>Dolores<i>                 <\/i>Ib\u00e1rruri, der Madonna der Kommunisten im B\u00fcrgerkrieg, wird                 der ganze Text auch noch in grellem Rot unterlegt. Miss zu verstehen                 ist hier wenig: Dies ist keine wertfreie Darstellung, dies ist                 ein heroisches Pantheon. Die exklusive Dominanz kommunistischer                 B\u00fcrgerkriegsdeutung ist nahezu bruchlos. <\/p>\n<p>Vergleicht man dar\u00fcber hinaus die pr\u00e4zisen und oft aufschlussreichen                 Informationen, die Schebera \u00fcber Lieder und K\u00fcnstlerInnen des                 kommunistischen Lagers zu bieten hat, mit seinen sp\u00e4rlichen, schlampigen                 und fehlerhaften Bemerkungen \u00fcber die AnarchistInnen, so kann                 man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier ein weiteres                 Mal, wissentlich oder unwissentlich, politische Dominanzen festgeklopft                 werden &#8211; so aberwitzig dies nach 75 Jahren auch erscheinen mag.               <\/p>\n<p>&#8222;Spanien im Herzen&#8220; h\u00e4tte bei seiner politischen Gewichtung auch                 m\u00fchelos in der DDR ver\u00f6ffentlicht werden k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>Die gesamte kritische B\u00fcrgerkriegsforschung der vergangenen Jahrzehnte                 scheint an den Herausgebern der Box vorbeigegangen zu sein. <\/p>\n<p>Die einzigen Autoren, die Schebera als Grundlage seiner Ausf\u00fchrungen                 zum B\u00fcrgerkrieg nennt, sind denn auch Brihuega und Bernecker &#8211;                 wichtige Autoren zweifellos, aber doch so etwas wie das kleine                 Einmaleins der B\u00fcrgerkriegsforschung. <\/p>\n<p>Wer derartig lustlos die historischen Hintergr\u00fcnde seines Themas                 erarbeitet, l\u00e4uft in der Tat Gefahr, parteiische Heldenmythen                 f\u00fcr die Wirklichkeit zu verkaufen. Angesichts des betr\u00e4chtlichen                 Kaufpreises und des lobenswerten Aufwands, den das Bear Family-Label,                 wie gewohnt, f\u00fcr seine Ver\u00f6ffentlichung betrieben hat, sind solche                 Schw\u00e4chen \u00e4rgerlich. Weil sie, schlicht und ergreifend, nicht                 n\u00f6tig gewesen w\u00e4ren. <\/p>\n<p>So ist &#8222;Spanien im Herzen&#8220; leider nicht das erhoffte Referenzwerk                 zu den Liedern des Spanischen B\u00fcrgerkriegs geworden.<\/p>\n<p>Was man vor sich hat, ist eine n\u00fctzliche Sammlung politischer                 Lieder mit sp\u00fcrbar parteiischem Einschlag. Auf eine wissenschaftlich                 solide erarbeitete Materialsammlung mit verl\u00e4sslichen Hintergrundinformationen                 wird man weiter warten m\u00fcssen. Es sei denn, es gibt eine zweite                 Auflage.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auch ein gro\u00dfer Historiker muss klein anfangen. &#8222;Als ich jung war&#8220;, erinnert sich Josep Termes in seiner monumentalen Historia del anarquismo en Espa\u00f1a (1870-1980) [\u201aGeschichte des Anarchismus in Spanien (1870-1980)&#8216;], &#8222;und im zerst\u00f6rten Nachkriegsbarcelona gerade angefangen hatte, in einer bescheidenen Kneipe im Arbeiter- und Handwerkerviertel Gr\u00e0cia zu arbeiten, sangen mir ein paar Kunden oft die &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2014\/10\/eine-box-der-komintern\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Eine Box der Komintern - graswurzelrevolution","description":"Auch ein gro\u00dfer Historiker muss klein anfangen. \"Als ich jung war\", erinnert sich Josep Termes in seiner monumentalen Historia del anarquismo en Espa\u00f1a (1870-19"},"footnotes":""},"categories":[756,44,45,1042],"tags":[],"class_list":["post-13754","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-392-oktober-2014","category-bucher","category-concert-for-anarchy","category-ohne-chef-und-staat"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13754","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13754"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13754\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13754"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13754"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13754"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}