{"id":13775,"date":"2014-11-01T00:00:41","date_gmt":"2014-10-31T22:00:41","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13775"},"modified":"2022-07-26T14:22:17","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:17","slug":"massenmord","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2014\/11\/massenmord\/","title":{"rendered":"Massenmord"},"content":{"rendered":"<p>Nach Recherchen von <i>Report Mainz<\/i> und des <i>SPIEGEL<\/i>                 ist es m\u00f6glicherweise zu einem Streit unter konkurrierenden Schmugglergruppen                 gekommen, so legen es die Interviews mit den wenigen \u00dcberlebenden                 nahe. <\/p>\n<p>Die \u00f6ffentliche Debatte konzentrierte sich ganz auf diesen Verdacht.                 Die Schlepper werden f\u00fcr das Massensterben im Mittelmeer verantwortlich                 gemacht.<\/p>\n<p>Und nicht nur bezogen auf diesen in infrage stehenden Fall ist                 von Massenmord die Rede. <\/p>\n<p>Jedoch, was f\u00fcr eine durchsichtige mediale Debatte! Dass Menschen                 beim Versuch zu \u00dcberleben zur profitablen Handelsware von Verbrechern                 werden, liegt allein an den europ\u00e4isch erst hergestellten Bedingungen,                 unter denen sie ihren Fluchtweg nach Europa \u00fcber das Mittelmeer                 einschlagen m\u00fcssen. Da es keinen offenen Zugang nach Europa gibt,                 m\u00fcssen sie sich notgedrungen den Schleusern anvertrauen. Das von                 der EU installierte Grenz- und Visaregime schottet Europa seit                 nunmehr \u00fcber einem Jahrzehnt todbringend von den Fluchtmigrationen                 ab. Dadurch erst konnte das Schleusen von Fl\u00fcchtlingen zu einem                 kommerziellen und eintr\u00e4glichen Gesch\u00e4ft f\u00fcr Schlepperorganisationen                 werden. Seit Jahresbeginn sind nach UNHCR-Angaben schon \u00fcber 3.000                 im Mittelmeer ertrunkene Menschen aus allen Krisenregionen der                 Welt zu beklagen. <\/p>\n<p>Jedoch die Abschottung Europas vor jenen Menschen, die gewaltsam                 aus ihren Lebensr\u00e4umen vertrieben werden, ist das eigentliche                 Verbrechen. Daf\u00fcr steht das martialische Akronym FRONTEX, die                 Europ\u00e4ische Agentur f\u00fcr das Management der operativen Zusammenarbeit                 an den Au\u00dfengrenzen. <\/p>\n<h3>Seenotrettung ist m\u00f6glich<\/h3>\n<p>Nach den Schiffskatastrophen vor Lampedusa\/Malta im Oktober 2013,                 bei der mehr als 500 Menschen ertrunken sind, startete die italienische                 Regierung eine \u00dcberwachungs- und Rettungsoperation mit dem Titel                 &#8222;Mare Nostrum&#8220;, an der sich italienische Marine-, Heeres- und                 K\u00fcstenschutzeinheiten beteiligten. \u00dcber 100.000 Fl\u00fcchtlingen konnte                 aufgenommen und sicher an Land gebracht werden. <\/p>\n<p>Diese italienische Seenotrettungsaktion hat vielen Menschen das                 Leben gerettet. Der italienische Ministerpr\u00e4sident Matteo Renzo                 monierte \u00f6ffentlich, Italien werde von der EU im Stich gelassen.                 Skandal\u00f6s sei es, dass die EU zwar Staaten und Banken rette, aber                 M\u00fctter mit ihren Kindern sterben lie\u00dfe (NZZ, 14. Mai 2014). <\/p>\n<p>In den Medien wurde breit dar\u00fcber diskutiert, dass die Rettungsaktionen                 der italienischen Marine geradewegs eine &#8222;Sogwirkung&#8220; auf Fl\u00fcchtlinge                 und Schlepper aus\u00fcbten. Rechtspopulistisch wird die organisierte                 Seenotrettung der italienischen Marine europaweit als &#8222;F\u00e4hrbetrieb                 f\u00fcr Armutsmigranten&#8220; verspottet. <\/p>\n<p>Ende August 2014, nachdem die italienische Regierung nicht mehr                 bereit war, die immensen Kosten der &#8222;Seenotrettung&#8220; und der Fl\u00fcchtlingsaufnahme                 zu finanzieren, vereinbarten der italienische Innenminister und                 die EU-Kommissarin Malmstr\u00f6m, dass eine zus\u00e4tzliche &#8222;FRONTEX-Mission&#8220;                 die Aufgabe \u00fcbernehmen werde. <\/p>\n<p>Die EU-Kommission verf\u00fcgt jedoch noch nicht \u00fcber die notwendigen                 zus\u00e4tzlichen finanziellen Mittel und die technische Ausr\u00fcstung,                 die f\u00fcr diese &#8222;Triton&#8220; genannte Operation ben\u00f6tigt werden und                 die erst aus den 28 EU-Mitgliedsstaaten bereitgestellt werden                 m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Der FRONTEX-Einsatz sei auf \u00dcberwachungs- und Seenotrettungsoperationen                 an der europ\u00e4ischen Seegrenze beschr\u00e4nkt. Patrouillen in internationalen                 Gew\u00e4ssern, wie sie bei der Aktion &#8222;Mare Nostrum&#8220; \u00fcblich waren,                 seien nicht vorgesehen.<\/p>\n<p>Dadurch werden die Sterberaten im Mittelmeer nachweislich wieder                 ansteigen. Nach Angaben der NZZ-Online (7. Oktober 2014) ((1)),                 die sie aus Zahlen des italienischen Innenministeriums und der                 Datenbank &#8222;The Migrant&#8217;s Files&#8220; errechnet hat, starben im Jahr                 2012 erschreckende 39 von eintausend Fl\u00fcchtlingen, die sich auf                 dem Seeweg nach Italien aufgemacht hatten.<\/p>\n<p>Im Jahr 2013 waren es immer noch 15 ertrunkene Fl\u00fcchtlinge, die                 auf eintausend gerettete kamen. In der ersten H\u00e4lfte des Jahres                 2014 sank die Zahl auf vier Ertrunkene je tausend der in Italien                 angekommenen Fl\u00fcchtlinge. <\/p>\n<p>Im Zuge der kontroversen Diskussionen, der \u00dcberforderung der                 italienischen Regierung und Gesellschaft, immer mehr Fl\u00fcchtlinge                 aufzunehmen, die nach der europ\u00e4ischen Asylzust\u00e4ndigkeitsregelung                 (Dublin-System) in Italien bleiben m\u00fcssten, und der europ\u00e4ischen                 Zur\u00fcckhaltung, die italienische Seenotrettungsaktion zu unterst\u00fctzen,                 stieg die Sterberate wieder an: im Juli 29\/1000; August 13\/1000                 und im September 50\/1000. <\/p>\n<p>Es ist abzusehen, dass mit einer finanziell und geographisch                 eng ausgelegten FRONTEX-Mission, das Massensterben an Europas                 Grenzen weitergehen wird. Es ist europ\u00e4isch akzeptiert und als                 Abschreckung konzipiert. Man l\u00e4sst Menschen nun wieder wohlkalkuliert                 ertrinken.<\/p>\n<h3>Legitimationsprobleme<\/h3>\n<p>Die organisierte Seenotrettung der italienischen Marine legt                 hingegen das Legitimationsproblem der europ\u00e4ischen Fl\u00fcchtlings-                 und Migrationspolitik unter der wohlfeilen europ\u00e4ischen Menschenrechtsrhetorik                 mitsamt ihren proklamierten humanit\u00e4ren Werten wie mit einem Seziermesser                 frei: Die Grenzen der Europ\u00e4ischen Union lassen sich vor illegalisierter,                 vor unerw\u00fcnschter Einwanderung, drohnen- und satteliten\u00fcberwacht                 sowie mit milit\u00e4rischen Grenzpatrouillen nur dann engmaschig abschotten,                 wenn man politisch und moralisch gleichzeitig bereit ist, das                 absehbare Sterben von Fl\u00fcchtlingen und MigrantInnen im Mittelmeer                 und in anderen Grenzregionen hinzunehmen. Der europ\u00e4isch gef\u00fchrte                 Kampf gegen die &#8222;illegale Migration&#8220;, wie es offiziell hei\u00dft,                 kann nur um den Preis von unz\u00e4hligen Menschenopfern gef\u00fchrt werden.                 Die milit\u00e4rische Operation &#8222;Mare Nostrum&#8220; hat unterdessen eindeutig                 gezeigt: Eine konsequent und vordringlich auf Seenotrettung ausgerichtete                 Grenz\u00fcberwachung h\u00e4tte in den letzten zwei Jahrzehnten und in                 der Gegenwart viele Bootfl\u00fcchtlinge vor dem Ertrinken retten k\u00f6nnen.               <\/p>\n<p>Seit der Jahrhundertwende sind inzwischen weit \u00fcber 20.000 Menschen                 im Mittelmeer ers\u00e4uft worden. Was f\u00fcr ein Blutzoll f\u00fcr Europas                 Abschottung vor den Habenichtsen der Welt. Eine konsequente Lebensrettung                 ist europ\u00e4isch offensichtlich nicht gewollt. <\/p>\n<h3>Existenzrecht contra Staatensouver\u00e4nit\u00e4t<\/h3>\n<p>Allein im Jahr 2013 betrug die Anzahl der gewaltsam vertriebenen                 und zur Flucht gezwungenen Menschen weltweit bereits \u00fcber 50 Millionen.                 So viele, wie seit Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr. <\/p>\n<p>Etwa 80 % der Fl\u00fcchtlinge und Vertriebenen verbleiben in den                 \u00e4rmeren Nachbarregionen. Die Zahl der Binnenfl\u00fcchtlinge betrug                 im gleichen Jahr nach Angaben des UNHCR und des International                 Displacement Monitoring Centre (IDMC) mehr als 33 Millionen Menschen.<\/p>\n<p>Damit seien so viele Menschen innerhalb ihres Herkunftsstaates                 auf der Flucht wie nie zuvor seit 1945. Die aktuell westlich mitgef\u00fchrten                 Kriege im Irak und Syrien treiben erneut Millionen zur Flucht.                 Die meisten finden Schutz in den Anrainerstaaten. <\/p>\n<p>W\u00e4hrend also Millionen klima-, kriegs- oder armutsbedingt aus                 ihren existenzsichernden Lebensr\u00e4umen vertrieben werden und ihr                 Existenzrecht in der Migration zu behaupten versuchen, behauptet                 die europ\u00e4ische Staatengemeinschaft ihr Recht auf territoriale                 Souver\u00e4nit\u00e4t in der t\u00f6dlichen Abschottung ihrer Grenzen, die zu                 Fronten aufger\u00fcstet werden. Die Entscheidung eines jeden einzelnen                 Fl\u00fcchtlings zur Migration, um das existenzielle \u00dcberleben zu sichern,                 kollidiert mit dem Staatenrecht, den Zugang zum eigenen Territorium                 zu beschr\u00e4nken und demnach zu kontrollieren. Dabei kann die politische                 Verantwortung der Europ\u00e4ischen Union nicht mehr ausschlie\u00dflich                 auf die national je eigenen Staatsb\u00fcrgerinnen und Staatsb\u00fcrger                 begrenzt werden, da vor allem die reichen Industriestaaten die                 weltweiten wirtschaftlichen, klimabedingten und kriegerischen                 Verwerfungen im Zuge der Globalisierung zu verantworten haben.                 Zudem: Nur ein Bruchteil der weltweit Entwurzelten sucht tats\u00e4chlich                 den Weg nach Europa, aber auch dieser kleine Anteil ist dem wohlhabenden                 Europa schon zu viel. Ihr Recht auf Freiz\u00fcgigkeit kann nur menschenrechtswidrig                 abgestritten werden. Mit t\u00f6dlichem Ausgang, wie die neuen Bootstrag\u00f6dien                 im Mittelmeer zeigen. <\/p>\n<p>J\u00fcrgen Dahlkamp bringt in einem mitleidlosen Essay unter dem                 Titel &#8222;Die Erbs\u00fcnde&#8220;, also ein Unheilszusammenhang, in den wir                 alle verstrickt sind, das europ\u00e4ische Dilemma in der Asylpolitik                 auf den Punkt: &#8222;Der Ansturm auf ihre Grenzen zwingt die Europ\u00e4er,                 sich eine Entscheidung, die sie l\u00e4ngst gef\u00e4llt haben, auch vor                 Augen zu f\u00fchren. T\u00e4glich sterben Menschen, weil Europ\u00e4er ihr besseres                 Leben behalten wollen. \u2026 Aber so sind wir nun mal.&#8220; (Der Spiegel                 39\/2014, S. 24 u. 25) <\/p>\n<p>Die EU-Migrations- und Grenzpolitik sind Teil der internationalen                 Bem\u00fchungen, die weltweite kapitalistische Ungleichheitsordnung,                 nach der die Lebenschancen nicht nur ungleich verteilt, sondern                 in der die Menschen zuhauf entwurzelt werden und zugrunde gehen,                 aufrechtzuhalten, notfalls mit Gewalt. Im Zuge der Globalisierung                 wird die Welt mehr und mehr in Zonen des Lebens und denen des                 Todes aufgeteilt. <\/p>\n<h3>Todeszonen und Massenm\u00f6rder<\/h3>\n<p>Menschenrechtlich und human allein angemessen w\u00e4re jedoch, einen                 offenen Zugang nach Europa f\u00fcr alle Schutzsuchenden zu schaffen.                 Auch wenn Seenotrettung keine Alternative zum menschenrechtlich                 Gebotenen darstellt, w\u00e4re zumindest aber die hochaufger\u00fcstete                 Grenz\u00fcberwachung in ein effizientes Seenotrettungssystem zu \u00fcberf\u00fchren.                 In der bereits angesprochenen &#8222;Report Mainz&#8220;-Sendung vom 23. September                 2014 sagt der innenpolitische Sprecher der SPD, Ralf Stegner:                 &#8222;Wer Menschen ertrinken l\u00e4sst, der macht sich nicht nur der unterlassenen                 Hilfeleistung schuldig, sondern das ist Mitwirkung an einem Verbrechen.&#8220;                 Die Frage ist gestellt: Wollen wir unsere Grenzen in Todeszonen                 verwandeln? Alles andere sind Scheindebatten und billige Scheinemp\u00f6rungen.                 Nicht die Schlepper sind das eigentliche Problem, sondern eine                 \u00fcber Leichen gehende europ\u00e4ische Migrationspolitik &#8211; f\u00fcr unseren                 Wohlstand.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach Recherchen von Report Mainz und des SPIEGEL ist es m\u00f6glicherweise zu einem Streit unter konkurrierenden Schmugglergruppen gekommen, so legen es die Interviews mit den wenigen \u00dcberlebenden nahe. Die \u00f6ffentliche Debatte konzentrierte sich ganz auf diesen Verdacht. Die Schlepper werden f\u00fcr das Massensterben im Mittelmeer verantwortlich gemacht. 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