{"id":1379,"date":"1997-10-01T00:00:01","date_gmt":"1997-09-30T22:00:01","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=1379"},"modified":"2022-07-26T13:34:13","modified_gmt":"2022-07-26T11:34:13","slug":"die-produktion-von-gehorsam","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1997\/10\/die-produktion-von-gehorsam\/","title":{"rendered":"Die Produktion von Gehorsam"},"content":{"rendered":"<p>Disziplin und Gehorsam werden als Innenseite der heroisch ausgerichteten Milit\u00e4rgeschichte oft wenig beachtet. Aber sind sie f\u00fcr das Milit\u00e4r nicht von ebensolcher Bedeutung wie die gro\u00dfen Triumphe oder die verheerenden Niederlagen auf Schlachtfeldern? Fixiert auf das Spektakel der Gewalt geraten die f\u00fcr das organisatorische Ger\u00fcst der milit\u00e4rischen Operationen ausschlaggebenden Betriebsgr\u00f6\u00dfen zu Fragen f\u00fcr Fachleute und die rekrutierten Soldaten. Ulrich Br\u00f6cklings Ziel ist es, die L\u00fccke der sozialwissenschaftlichen Anstrengungen zur Disziplinierung hinsichtlich milit\u00e4rischer Gehorsamsproduktion systematisch zu schlie\u00dfen. Kloster, Schule, Fabrik und Gef\u00e4ngnis sind als &#8222;Labore der Disziplinierung&#8220; sehr viel genauer untersucht, obgleich die milit\u00e4rische Disziplin aufgrund des Widerspruchs zwischen allgemeinem Gewaltverbot und der auf staatliche Organe bzw. Soldaten beschr\u00e4nkten Befugnis zur Gewaltanwendung hohe und ganz besonders strikte Anforderungen an Gehorsam stellt.<\/p>\n<p>Br\u00f6ckling sieht die Soldatenfabrikation zwar als eine besondere Sozialtechnologie, aber betrachtet sie nicht, wie es von Treiber\/Steinert in Anlehnung an Goffman bekannt ist, als relativ statische totale Institution, die ohne Beziehung zu den zugeh\u00f6rigen Kriegsbildern oder Staats- und Heeresverfassungen dasteht. Die Strategien des Gehorsams werden von den verschiedenen historischen Umfeldern wesentlich bestimmt und sind weniger einheitlich als die Disziplin im Rationalisierungsproze\u00df bei Max Weber, im fortgesetzten Zivilisationsproze\u00df bei Norbert Elias oder in der staatlichen Disziplinierung bei Gerhard Oestreich konzipiert. Diese gro\u00dfen soziologischen Theorien der Disziplinierung dr\u00fccken sich vor der milit\u00e4rischen Praxis. Michel Foucaults wissenschaftliche Erkenntnisse von Disziplin als einer bis in die K\u00f6rper wirkenden Macht werden in die Analyse integriert. Nur d\u00fcrfen diese K\u00f6rper nicht ohne patriotisch zu lockenden Geist gedacht werden, auf den die Disziplin zur Steigerung der soldatischen Leistung und vor allem zu deren Maschinisierung angewiesen ist. Br\u00f6ckling findet seine Belege in den Strategien der Disziplinierung, die er aus den Quellen zu Rekrutierungsweisen, Dienstordnungen, Exerzierreglements erschlie\u00dft, in Kombination mit den jeweils verbreiteten Praktiken des Ungehorsams gegen Milit\u00e4r und den allgemeinen Diskursen zu Heeres- und Staatsverfassung bzw. Widerstand und Gehorsamspflicht. Dahinter steht die Vorstellung einer Verschr\u00e4nkung der Gehorsams- mit den Ungehorsamsstrategien, die auch aufgrund der zu findenden Texte die administrativ-strategische Seite sehr betont. Ferner spielen die milit\u00e4rtechnologische Entwicklung als zentraler Einflu\u00dffaktor und das zivil-milit\u00e4rische Verh\u00e4ltnis eine wichtige Rolle.<\/p>\n<p>Obgleich Ulrich Br\u00f6ckling keine Geschichte der Disziplin erz\u00e4hlt, geht er in Einzelstudien, die er &#8222;Plateaus&#8220; nennt, chronologisch von der Heeresreform der Oranier im niederl\u00e4ndisch-spanischen Krieg noch vor dem Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg aus und endet bei einem Ausblick auf die Ver\u00e4nderungen seit 1989. N\u00e4her betrachtet werden die deutschen Verh\u00e4ltnisse des preu\u00dfischen Milit\u00e4rreglements, die dortigen Reformdiskussionen im Zeitalter Napoleons, die innenpolitische Aufstandsbek\u00e4mpfung im Vorm\u00e4rz, der sozialdemokratisch &#8222;gehorsame Antimilitarismus&#8220; vor 1914, die Milit\u00e4rpsychatrie im ersten Weltkrieg, der totalisierte zweite Weltkrieg und das Zeitalter der Abschreckung im Anschlu\u00df. Bei diesem Programm ist Vollst\u00e4ndigkeit nicht zu erwarten, aber die anschaulichen Schilderungen geben in ihrer Verdichtung einen guten \u00dcberblick und zeigen die Vielgestaltigkeit der Gehorsamspraktiken, die gleicherma\u00dfen auf dem Patriotismus, dem Unbewu\u00dften oder der Technik basieren kann.<\/p>\n<p>Aber so selektiv diese Zugriffe anmuten, f\u00fcgen sie sich zu einer These \u00fcber die Entwicklungstendenz der Disziplinierung, die zun\u00e4chst die k\u00f6rperliche Abrichtung der Soldaten f\u00fcr das neuzeitliche Milit\u00e4r betrafen, dann auf die ideologische Mobilisierung setzten und sich sp\u00e4ter durch die Technisierung immer st\u00e4rker f\u00fcr funktionale Imperative \u00f6ffneten oder sich ihnen in der Industrialisierung des Krieges und schlie\u00dflich seiner Automatisierung gar unterordnen mu\u00dften. Im Gestaltwandel der Disziplinierung relativiert die technisch funktionalistische Umstrukturierung der Kriegf\u00fchrung den Gehorsam, aber verringert sie damit auch die Abh\u00e4ngigkeit des Milit\u00e4rs von ziviler Gesellschaft?<\/p>\n<p>Dem letzten Plateau, gekennzeichnet von der durch Abschreckung bewirkten technisch-milit\u00e4rischen Substitution der Menschen, kommt daf\u00fcr ein besonderes Gewicht zu. Br\u00f6ckling best\u00e4tigt dessen Schl\u00fcsselstellung, indem er die technisch-funktionalistische Aufhebung des soldatischen Gehorsams detailliert nachzeichnet.<\/p>\n<p>Die Disziplin \u00e4ndert sich qualitativ und quantitativ, weil Massenheere angesichts atomarer, d.h. totaler Waffen mit ihrem automatisierten Potential, das zudem in Echtzeit operiert, obsolet werden. F\u00fcr den umgekrempelten Krieg sind nur ganz wenige Soldaten n\u00f6tig, da die eingesetzten Waffen automatisch wirksam vernichten, und statt Gehorsam technisch-zivile F\u00e4higkeiten immer wichtiger werden. Die Bundeswehr als Armee in der Abschreckungs\u00e4ra unterliegt dem Paradox einer Truppe, deren Kampfauftrag Kriegsverhinderung ist. Die &#8222;Innere F\u00fchrung&#8220; und das Selbstverst\u00e4ndnis vom &#8222;Staatsb\u00fcrger in Uniform&#8220; bel\u00e4\u00dft zivile Praktiken an prominenter Stelle und forciert die funktionale Integration beruflicher Qualifikationen, was soldatischen Gehorsam einschr\u00e4nken mu\u00df. Auch die Verankerung der Kriegsdienstverweigerung im Grundgesetz pa\u00dft in diese Phase, die wohl auch f\u00fcr Br\u00f6ckling mit dem Niedergang des Staatssozialismus nun schon selbst Geschichte geworden ist.<\/p>\n<p>Die R\u00fcckkehr des Krieges nach der au\u00dfer Kurs gesetzten Abschreckung scheint eine reale Bedrohung und neue Ma\u00dfgabe f\u00fcr Gehorsamsstrategien zu werden. Konventionelle Kriege werden wieder f\u00fchrbar. Br\u00f6ckling gibt da nur wenige Hinweise, denn die technischen Potentiale bleiben ja, doch scheinen trotz Substitution nun wieder Menschen ben\u00f6tigt zu werden. Welche Schl\u00fcsse aus dieser Entwicklung gezogen werden k\u00f6nnen, scheint offen zu bleiben: &#8222;Mehr als f\u00fcr andere Bereiche milit\u00e4rischer R\u00fcstung gilt f\u00fcr die Gehorsamsproduktion: Friktionen zeigen sich erst im Krieg&#8220;.<\/p>\n<p>Sind Ungehorsam und Milit\u00e4rkritik nun keines strategisch eigenst\u00e4ndigen Zugriffs mehr f\u00e4hig? Die Schlu\u00dfthese zur Milit\u00e4rkritik empfiehlt statt der \u00fcberholten Selbstbilder vom Sand im Getriebe oder des &#8222;Stell dir vor es gibt Krieg und keiner geht hin!&#8220;, den Computervirus, &#8222;der den Rechner bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag auf Hochtouren laufen l\u00e4\u00dft, ohne da\u00df ein Ergebnis herauskommt.&#8220; Ich will meine Phantasie nicht strapazieren, wie das auszusehen h\u00e4tte und was das bewirken k\u00f6nnte. Aber widerspricht diese Bewertung der Kritik nicht der von Br\u00f6ckling selbst beobachteten Gleichzeitigkeit differierender Gehorsamsstrategien? Und ist der krasse Kontrast der \u00c4ra der Abschreckung f\u00fcr die Disziplin \u00fcberhaupt zutreffend? Ist die Remilitarisierung jenseits des Etiketts der Anti-Kriegs-Armee nicht die bisher an Umfang gr\u00f6\u00dfte Militarisierungsphase in Deutschland gewesen, was Rekrutierung, infrastrukturelle, waffentechnische und finanzielle Aufwendungen betrifft? Und geht der &#8222;totalen Waffe&#8220; Atombombe nicht die &#8222;totale Mobilmachung&#8220; eines technisch- wissenschaftlichen, milit\u00e4rischen und finanziellen Gro\u00dfprojektes voraus, die der Hinweis auf den alles entscheidenden Knopfdruck f\u00fcr ihren Einsatz nur verfehlen kann?<\/p>\n<p>Hierf\u00fcr sind funktionsf\u00e4hige und gehorsame Arbeitsheere verst\u00e4rkt vonn\u00f6ten. Sozio- \u00f6konomische und infrastrukturelle Voraussetzungen, also das zivil-milit\u00e4rische Verh\u00e4ltnis, wird kriegswichtig, auch wenn es nicht mehr wie bisher militarisiert und von Soldaten getragen wird. Die Zivilisierung des Milit\u00e4rs darf nicht dar\u00fcber t\u00e4uschen, wie anspruchsvoll die Bereitstellung der zivilen Voraussetzungen f\u00fcr das Milit\u00e4r mit seiner funktionalistischen Eingliederung in einer hochdifferenzierten Gesellschaft werden. Nicht umsonst wurden sie in Man\u00f6vern trainiert. Das w\u00e4re eine wichtige Erg\u00e4nzung, die das Bild von der Substitution der Menschen relativiert und vor allem die Rolle von Disziplin und Gehorsam in der ganzen Gesellschaft als Aufgabe erweiterter Gehorsamsproduktion entschl\u00fcsselt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Disziplin und Gehorsam werden als Innenseite der heroisch ausgerichteten Milit\u00e4rgeschichte oft wenig beachtet. Aber sind sie f\u00fcr das Milit\u00e4r nicht von ebensolcher Bedeutung wie die gro\u00dfen Triumphe oder die verheerenden Niederlagen auf Schlachtfeldern? 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