{"id":13802,"date":"2014-11-01T00:00:23","date_gmt":"2014-10-31T22:00:23","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13802"},"modified":"2022-07-26T14:12:06","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:06","slug":"ist-anarchie-radikale-demokratie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2014\/11\/ist-anarchie-radikale-demokratie\/","title":{"rendered":"Ist Anarchie radikale Demokratie?"},"content":{"rendered":"<p>Unter dem Eindruck der zusammenbrechenden Sowjetunion verfasste                 Mouffe zusammen mit ihrem Ehemann Ernesto Laclau 1985 das mittlerweile                 zum Klassiker avancierte Buch &#8222;Hegemonie und radikale Demokratie&#8220;.                 Damit wollten sie den orthodoxen Marxismus mit seinen &#8222;unzweifelhaften                 Wahrheiten&#8220; des putschistischen Revolutionsmodells und der Arbeiter_innenklasse                 als einzigem Bezugspunkt reformieren.<\/p>\n<p>An ihre Stelle tritt das Konzept vom Ringen um Hegemonie des                 italienischen Kommunisten Antonio Gramsci (1891-1937), der nicht                 zuletzt aufgrund des Werkes von Laclau und Mouffe einen regelrechten                 Hype erfuhr. <\/p>\n<p>Gramsci war Mitbegr\u00fcnder der Kommunistischen Partei Italiens                 und widmete den Gro\u00dfteil seines Denkens deren strategischer Entwicklung.                 In seinem Versuch, \u00fcber den marxistischen \u00d6konomismus hinauszugelangen                 und die zentrale Rolle von Alltagsk\u00e4mpfen und Kultur herauszustellen,                 entwarf er das Konzept der Hegemonie. <\/p>\n<p>Damit meinte er einen Typus von Herrschaft, der sich in parlamentarischen                 Demokratien entfaltet. Dieser basiert darauf, dass eine gesellschaftliche                 Gruppe, ihre Interessen mit einer Mischung aus Konsens und Zwang                 als Allgemeininteressen definiert und durchsetzt. Das Ringen um                 Hegemonie verstand er als ein &#8222;st\u00e4ndiges Sich-Bilden und \u00dcberwunden-Werden                 instabiler Gleichgewichte&#8220; ((1)).                 Das Erreichen dieser Hegemonie, also die Repr\u00e4sentation der gesamten                 Bev\u00f6lkerung durch die Gruppe des Proletariats, ist das Ziel, das                 Gramsci vorschwebte. <\/p>\n<p>Bei Gramsci bleibt, trotz seiner Anerkennung der Wichtigkeit                 sozialer bzw. kultureller Revolution, die Eroberung des Staatsapparates                 wesentlicher Bestandteil der sozialistischen Strategie: &#8222;[D]er                 Kommunismus [ist] nicht gegen den \u201aStaat&#8216; gerichtet, im Gegenteil,                 er widersetzt sich erbittert den Feinden des Staates, den Anarchisten                 und den Anarchosyndikalisten, indem er ihre Propaganda als utopisch                 und gef\u00e4hrlich f\u00fcr die proletarische Revolution entlarvt.&#8220; ((2))               <\/p>\n<p>F\u00fcr die Revolution, so Gramsci &#8222;wird die Organisierung eines                 sehr fest gef\u00fcgten sozialistischen Staates notwendig sein, der                 so schnell wie m\u00f6glich der Zersetzung und der Disziplinlosigkeit                 Einhalt gebietet, der dem sozialen Gef\u00fcge eine konkrete Form gibt                 und der die Revolution gegen die \u00e4u\u00dferen Angriffe und die inneren                 Rebellionen verteidigt. Im Interesse ihrer Existenz und ihrer                 Entwicklung mu\u00df die Proletarische Diktatur einen betont milit\u00e4rischen                 Charakter annehmen.&#8220; ((3)) <\/p>\n<h3>Die Sozialdemokratie der Frau Mouffe<\/h3>\n<p>Mouffe und Laclau betonen im Gegensatz zu Gramsci die Heterogenit\u00e4t                 der Menschen aufgrund derer sie nicht weltweit durch eine einzige                 Organisation repr\u00e4sentiert werden k\u00f6nnten. Selbst wenn diese Repr\u00e4sentation                 durch ein gew\u00e4hltes Weltparlament vonstatten gehen w\u00fcrde, so wie                 es die Vertreter_innen einer &#8222;Cosmopolitan Democracy&#8220; vorschlagen,                 k\u00f6nne das niemals den unaufl\u00f6slich widerspr\u00fcchlichen Interessen                 verschiedener Gruppen gerecht werden. &#8222;W\u00fcrde dieses Projekt jemals                 verwirklicht&#8220;, folgert sie, &#8222;so k\u00f6nnte es nur die weltweite Hegemonie                 einer beherrschenden Macht bezeichnen, der es gelungen w\u00e4re, dem                 ganzen Planeten ihre Weltsicht zu oktroyieren, einer Macht, die                 ihre Interessen mit den Interessen der Menschheit identifizieren                 [\u2026] w\u00fcrde.&#8220; ((4))<\/p>\n<p>So weit, so vern\u00fcnftig. Genauso wie die totale globale Demokratie                 lehnen Laclau und Mouffe aber auch das v\u00f6llige Aufgeben einer                 Politik der Repr\u00e4sentation (also der Parteien) ab. Hierarchische                 Repr\u00e4sentation ist f\u00fcr ihre Politik nicht nur notwendig, sondern                 w\u00fcnschenswert, da nur durch sie ein &#8222;hegemonialer Block&#8220; gebildet                 werden k\u00f6nne, der gesellschaftliche Transformation m\u00f6glich macht.                 Wie sie zu dieser \u00dcberzeugung kommen, die angesichts einer jahrhundertelangen                 Geschichte nichtstaatlicher und nichthierarchischer Sozialer Bewegungen,                 in der sich deren Sprengkraft immer wieder offenbart hat, als                 recht realit\u00e4tsresistent gelten muss, teilen uns Laclau und Mouffe                 nicht mit. Wie in der Schule m\u00fcssen wir einfach glauben, dass                 es keine Alternative zur Demokratie gibt. <\/p>\n<p>So pl\u00e4diert Mouffe f\u00fcr die Beibehaltung und &#8222;Radikalisierung&#8220;                 einer liberalen parlamentarischen Demokratie auf Nationalstaatenebene.               <\/p>\n<p>Im Zentrum steht das Konzept des &#8222;Agonismus&#8220;, in dem verschiedene                 Gruppen, in einer &#8222;geregelten Arena&#8220; (also einem Parlament) kontr\u00e4re                 Interessen vertreten. In ihren neuen B\u00fcchern wird sie expliziter                 und versteht diese Gruppen mit Carl Schmitt (ja, dem &#8222;Kronjurist-des-Dritten-Reiches&#8220;-Schmitt)                 als &#8222;V\u00f6lker&#8220; mit einer geschlossenen &#8222;kulturellen Identit\u00e4t&#8220;,                 die souver\u00e4n agieren sollen, und zwar vor allem gegeneinander,                 in einem klaren Freund\/Feind-Schema. ((5))<\/p>\n<h3>Die Vereinheitlichung der Welt<\/h3>\n<p>Hier haben wir den springenden Punkt: w\u00e4hrend Mouffe auf internationaler                 Ebene die unaufl\u00f6sbare Mannigfaltigkeit menschlicher Existenzweisen                 zugibt, vergisst sie diese auf lokaler Ebene pl\u00f6tzlich wieder.<\/p>\n<p>Genau diese Vorstellung von in sich einheitlichen &#8222;Bl\u00f6cken&#8220; (Gramsci)                 und &#8222;V\u00f6lkern&#8220; (Mouffe) ist der Moment, in dem sich der Herrschaftscharakter                 der Demokratie offenbart: Um jeden Preis muss dieses Volk (der                 demos der Demokratie) als einheitliche Masse hergestellt werden.                 Das funktioniert durch allerlei willk\u00fcrliche Grenzziehungen: Um                 ein bestimmtes Gebiet werden ein paar Linien gezogen, voil\u00e1: ein                 Land. Einigen Menschen darin wird ein St\u00fcck Papier in die Hand                 gedr\u00fcckt, weil sie Geld, einen bestimmten Stammbaum oder \u00e4hnliches                 vorweisen k\u00f6nnen, voil\u00e1: ein Volk. Von der Gruppe mit Papieren                 werden alle abgezogen, die unter einer Mindestzahl von Lebensjahren                 liegen, die sich auf eine Weise verhalten, die als &#8222;krank&#8220; definiert                 wird, oder die gegen Regeln versto\u00dfen haben, die sich ein paar                 (nat\u00fcrlich gew\u00e4hlte!) Herrscher_innen ausgedacht haben: voil\u00e1:                 m\u00fcndige B\u00fcrger_innen. Pech gehabt hat, wer sich nicht innerhalb                 dieser Grenzen befindet. Zum Beispiel wer nicht innerhalb des                 Staatsterritoriums, sondern auf der Insel lebt, auf der gerade                 (nat\u00fcrlich demokratisch legitimiert) eine Atombombe getestet werden                 soll. Oder wer zwar innerhalb des Territoriums lebt, aber von                 diesem (nat\u00fcrlich demokratisch legitimiert) in ein anderes deportiert                 werden soll, weil sie nicht die richtigen Papiere hat.<\/p>\n<p>Aber was w\u00e4re, wenn wir uns nicht die demokratischen Polizeistaaten                 der Gegenwart vorstellen, die auch nach ihren eigenen Prinzipien                 gemessen nicht wirklich als demokratisch bezeichnet werden k\u00f6nnen,                 sondern eine &#8222;partizipative Demokratie&#8220;? Auch dann w\u00e4re es n\u00f6tig,                 dass das gesamte Volk eine einheitliche Entscheidung trifft, in                 der Fiktion, es w\u00fcrde einheitliche Interessen verfolgen. Jede                 Gruppe, die dann noch selbstst\u00e4ndig, ohne das gesamte &#8222;Volk&#8220; eine                 Entscheidung trifft, und diese selbstorganisiert durchf\u00fchrt, m\u00fcsste                 dann als antidemokratisch bek\u00e4mpft werden. Dieser Logik entspringt                 auch die Extremismusthese, die linke, rechte und religi\u00f6se &#8222;Extremist_innen&#8220;                 in einen Topf wirft. Niemand muss sich mehr mit Inhalten auseinandersetzen,                 zur Delegitimierung reicht die Feststellung einer zu gro\u00dfen Distanz                 zur gesellschaftlichen &#8222;Mitte&#8220;, die selbst nat\u00fcrlich inhaltsleer                 bleibt. <\/p>\n<p>Das Problem wird auch nicht viel kleiner, wenn die Einheit nicht                 als Volk, sondern, wie bei Gramsci, als Klasse bezeichnet wird.                 (&#8222;Wer Herr der Geschichte ist und ihr den Rhythmus des Fortschritts                 aufzwingt [\u2026], das sind nicht die Bohemiens, die Dilettanten,                 die langhaarigen und frenetischen Romantiker, sondern das sind                 die gro\u00dfen Massen der klassenbewu\u00dften Arbeiter, die st\u00e4hlernen                 Bataillone des bewu\u00dften und disziplinierten Proletariats.&#8220; ((6)))               <\/p>\n<p>Sogar Lenin hielt die Diktatur des Proletariats f\u00fcr die Vollendung                 der Demokratie, die in der &#8222;Sowjetunion&#8220; verwirklicht sei, die                 &#8222;einen Bruch mit der b\u00fcrgerlichen Demokratie und den Aufstieg                 eines neuen bahnbrechenden Typs der Demokratie darstellt: proletarische                 Demokratie oder die Diktatur des Proletariats.&#8220; ((7))                 Da nach der Revolution alle Proletarier_innen sind, geh\u00f6ren auch                 alle zur herrschenden Einheit. Laut Engels w\u00fcrde diese Herrschaft                 &#8222;ihren politischen Charakter verlieren&#8220; und nur noch &#8222;die wahren                 sozialen Interessen h\u00fcten.&#8220; ((8))                 Es gibt dann also nur noch ein bestimmtes fixiertes Set von &#8222;wahren                 Interessen&#8220;, das durch den proletarischen Staat verk\u00f6rpert wird.                 Alle, die mit diesen nicht \u00fcbereinstimmen, begehen &#8222;Verrat an                 der Bewegung des Proletariats&#8220; ((9))                 Das Problem dabei dr\u00e4ngt sich von selbst auf.<\/p>\n<p>Ein spezifisches Problem dieser klassenbasierten Form der Einheits-                 bzw. Identit\u00e4tspolitik ist, dass ihre Identit\u00e4t sich genau auf                 das System bezieht, dem ihre Unterdr\u00fcckung entspringt, n\u00e4mlich                 der ihr vom Kapitalismus zugewiesenen Rolle der Arbeiter_innen.                 Diese Konzeption f\u00fchrte zu mehreren Problemen des Marxismus: Erstens                 zu der Annahme, dass alle Menschen, die sich in einem Lohnarbeitsverh\u00e4ltnis                 befinden, potentielle Revolution\u00e4r_innen sind, was sich immer                 wieder als Irrtum erwiesen hat. Zweitens f\u00fchrte es zu Forderungen,                 die den Kapitalismus nicht \u00fcberwinden, sondern reproduzieren.                 Insbesondere trifft das auf die Forderung nach einem &#8222;Recht auf                 Arbeit&#8220; zu.<\/p>\n<p>Kropotkin und andere Anarchist_innen stellten dem ein Recht auf                 Wohlstand gegen\u00fcber: &#8222;Das Recht auf Wohlstand bedeutet die M\u00f6glichkeit,                 als menschliche Wesen zu leben [&#8230;], w\u00e4hrend das \u201aRecht auf Arbeit&#8216;                 das Recht bedeutet, ewig Lohnsklave zu bleiben, ein Arbeitstier,                 das geleitet und ausgebeutet wird durch den Bourgeois von morgen.                 Das Recht auf Wohlstand ist die soziale Revolution, das Recht                 auf Arbeit ist g\u00fcnstigstenfalls ein industrielles Arbeitshaus.&#8220;                  ((10))<\/p>\n<p>Klassenkampf k\u00f6nnte vor diesem Hintergrund mit John Holloway                 verstanden werden als Kampf darum, nicht klassifiziert zu werden.<\/p>\n<p>Auch die &#8222;emanzipatorischen&#8220; Konzeptionen der Einheit begr\u00fcnden                 sich stets auf der simplen Behauptung, dass nur (hierarchisch                 organisierte) einheitliche Organisationen politisch wirksam werden                 k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>So sind f\u00fcr Mouffe nichthierarchische Bewegungen &#8222;nur der Anfang;                 f\u00fcr eine tats\u00e4chliche Ver\u00e4nderung der Machtverh\u00e4ltnisse bedarf                 es institutioneller Bahnen.&#8220; ((11))<\/p>\n<p>&#8222;Politik&#8220; hei\u00dft bei Mouffe offensichtlich Parteipolitik. Das                 hei\u00dft, Bewegungen, deren Ziel es nicht ist, das politische Feld                 in ihrem Sinne zu beherrschen und zu vereinheitlichen, k\u00f6nnen                 \u00fcberhaupt nicht als politisch verstanden werden. &#8222;Horizontalistischen&#8220;                 Protestbewegungen und anarchistischen Theoretiker_innen zugleich                 unterstellt sie: &#8222;Indem sie den Staat beharrlich als monolithische                 Einheit sehen und nicht als komplexes, dynamisches Zusammenspiel                 von Beziehungen voller Widerspr\u00fcche, verkennen sie die vielf\u00e4ltigen                 M\u00f6glichkeiten [\u2026] die aus der Kontrolle \u00fcber die staatlichen Institutionen                 erwachsen w\u00fcrden.&#8220; ((12)) (Mouffe                 2014: 175 f) <\/p>\n<p>Angesichts der Tatsache, dass sich Anarchist_innen seit \u00fcber                 einhundertf\u00fcnfzig Jahren mit dem Wesen des Staates besch\u00e4ftigen,                 muss diese Darstellung jedoch mehr als verk\u00fcrzt erscheinen. Ein                 Beispiel daf\u00fcr sind die \u00dcberlegungen des Anarcho-Pazifisten Gustav                 Landauer (1870-1919).<\/p>\n<h3>Der liberale und der proletarische Leviathan<\/h3>\n<p>Landauer steht dem Staat, wie alle Anarchist_innen, mit radikaler                 Ablehnung gegen\u00fcber. Gleichzeitig erkennt er jedoch an, dass der                 Staat keineswegs gleich einer fremden Macht sich \u00fcber die Menschheit                 zu deren Unterdr\u00fcckung herabsenkt, sondern in t\u00e4glichen Machtbeziehungen                 reproduziert wird.<\/p>\n<p>&#8222;Einen Tisch kann man umwerfen und eine Fensterscheibe zertr\u00fcmmern&#8220;,                 schreibt er, &#8222;aber die sind eitle Wortmacher und gl\u00e4ubige Wortanbeter,                 die den Staat f\u00fcr so ein Ding halten, den man zertr\u00fcmmern kann,                 um ihn zu zerst\u00f6ren. Der Staat ist ein Verh\u00e4ltnis, ist eine Beziehung                 zwischen den Menschen, ist eine Art, wie Menschen sich zueinander                 verhalten; und man zerst\u00f6rt ihn, indem man andere Beziehungen                 eingeht, indem man sich anders zueinander verh\u00e4lt.Der absolute                 Monarch konnte sagen: \u201aIch bin der Staat&#8216;. Wir, die wir im absoluten                 Staat uns selbst gefangen gesetzt haben, wir m\u00fcssen die Wahrheit                 erkennen: Wir sind der Staat &#8211; und sind es so lange, als wir nichts                 andres sind, als wir die Institutionen nicht geschaffen haben,                 die eine wirkliche Gemeinschaft und Gesellschaft der Menschen                 sind.&#8220; ((13))<\/p>\n<p>Offensichtlich trifft also das Gegenteil von Mouffes Behauptung,                 dass Anarchist_innen den Staat nur als monolithischen Block verstehen                 w\u00fcrden, zu: Gerade weil sie im Gegensatz zu den staatssozialistischen                 Ans\u00e4tzen den Staat nicht einfach als neutrales Instrument fassen,                 sondern eben als komplexes, dynamisches Zusammenspiel von Beziehungen,                 sehen sie die Kontrolle \u00fcber die staatlichen Institutionen nicht                 als Teil einer emanzipatorischen Politik.<\/p>\n<p>In einer solchen antistaatlichen Politik sah Gramsci in seinen                 Auseinandersetzungen mit den italienischen Anarchist_innen nur                 eine Spielart des Liberalismus: &#8222;Die gesamte liberale Tradition                 ist gegen den Staat. [&#8230;] Die politische Geschichte des Kapitalismus                 wird durch einen st\u00e4ndigen und st\u00fcrmischen Kampf zwischen dem                 B\u00fcrger und dem Staat gekennzeichnet.&#8220; ((14))                 Auch Mouffe hat sich ein Jahrhundert sp\u00e4ter keine kl\u00fcgere Diffamierung                 einfallen lassen als die, dass der Anarchismus &#8222;mit seiner D\u00e4monisierung                 des Staates [\u2026] die liberale Ethik der Verherrlichung von Vielfalt                 und Toleranz auf die Spitze&#8220; treibe. ((15))<\/p>\n<p>Es ist schwer vorzustellen, dass Gramsci und Mouffe sich nicht                 dar\u00fcber im Klaren sind, dass der Staat f\u00fcr den (Neo-)Liberalismus                 keineswegs D\u00e4mon, sondern Voraussetzung ist. <\/p>\n<p>Die Institutionen der Kommodifizierung sind ganz und gar vom                 Staat und dessen Regulations- und Repressionspotential abh\u00e4ngig.                 Die Lohnarbeit h\u00e4tte, ganz zu schweigen vom Privateigentum, ohne                 staatlichen Zwang nicht durchgesetzt k\u00f6nnen. Das stellte schon                 Thomas Hobbes, der Begr\u00fcnder der liberalen Staatstheorie, fest.                  ((16))<\/p>\n<p>Es ist eher Mouffe, die dem seit Hobbes in den politischen Theorien                 fast aller Richtungen herumgeisternden liberalen Irrtum aufsitzt,                 dass Staat und Zivilgesellschaft zwei v\u00f6llig voneinander getrennte                 Dinge seien.<\/p>\n<p>Daraus resultieren zwei falsche Annahmen, die den Staats-Marxismus                 von seiner leninistischen Version bis zu Mouffe pr\u00e4gen: Erstens,                 der Staat sei eine neutrale Struktur, die erobert werden k\u00f6nne,                 um die Gesellschaft umzustrukturieren. Zweitens, in einem demokratischen                 Staat repr\u00e4sentiere der Staatsapparat die Bev\u00f6lkerung (ohne eigene                 Interessen zu verfolgen) und k\u00f6nne so unmittelbar deren Willen                 ausf\u00fchren.<\/p>\n<h3>Anarchistische Mannigfaltigkeit<\/h3>\n<p>Anarchismus dagegen ist keine Form der Demokratie, auch keine                 &#8222;radikale&#8220;. Demokratie hei\u00dft immer Vereinheitlichung in einer                 Struktur, die \u00fcber den Individuen steht und mit ihnen selbst nichts                 zu tun hat. <\/p>\n<p>Anarchie ist stattdessen die organisierte Mannigfaltigkeit, die                 jede Vereinheitlichung sprengt. <\/p>\n<p>Sie ist das, was geschieht, wenn sich Individuen f\u00fcr emanzipatorische                 K\u00e4mpfe zusammenschlie\u00dfen. Sie besteht nicht aus einer Repr\u00e4sentation                 der politischen Gruppen auf einer anderen Ebene, sondern nur aus                 dem, was im Hier und Jetzt pr\u00e4sent ist. Somit ist sie, im Gegensatz                 zur Demokratie auch keine fixierte Struktur, sondern immer nur                 unmittelbar vor Ort im Prozess der Organisierung und des Kampfes                 anwesend. <\/p>\n<p>Landauers Vision der Kommunen, mit denen er die Gesellschaft                 strukturell erneuern wollte, k\u00f6nnte in diesem Sinne erweitert                 werden: Die Kommune w\u00e4re dann anwesend, wenn Menschen sich in                 ihren K\u00e4mpfen um Emanzipation in einer Weise zusammenschlie\u00dfen,                 die ihre Ziele bereits andeutet.<\/p>\n<p>Wenn sie also keine Forderungen an eben jene Institutionen stellen,                 die f\u00fcr ihre Unterdr\u00fcckung verantwortlich sind (und damit bei                 Demokrat_innen wie Mouffe f\u00fcr Emp\u00f6rung sorgen: &#8222;Tats\u00e4chlich lehnen                 einige Aktivisten allein das Ansinnen, Forderungen zu formulieren                 rundheraus ab.&#8220; ((17))). Wenn                 sie nicht Herrschaft im Namen der Freiheit aus\u00fcben, sondern ein                 Geflecht von nichthierarchischen Beziehungen entwickeln, aus denen                 direkte Aktionen hervorgehen, also Handlungen, die nicht darauf                 abzielen, dass eine externe Instanz eine Forderung erf\u00fcllt, sondern                 die Forderung selbst erf\u00fcllen. <\/p>\n<p>Typische Formen der Direkten Aktion waren in der Geschichte der                 anarchistischen Bewegung vor allem der Generalstreik, aber auch                 Sabotageaktionen (beispielsweise die Zerst\u00f6rung von Produktionsmaschinen                 oder Milit\u00e4rger\u00e4t) und praktische Solidarit\u00e4t (beispielsweise                 das Aufbauen von kollektiven Lebensformen oder Hilfe f\u00fcr Fl\u00fcchtende                 bei der \u00dcberwindung von Nationalgrenzen).<\/p>\n<p>Eine solche Form der Politik ist bereits das, was sie fordert,                 n\u00e4mlich mit Landauer gesprochen &#8222;ein Bund von B\u00fcnden von B\u00fcnden                 von B\u00fcnden; ein Gemeinwesen von Gemeinschaften von Gemeinden,                 eine Republik von Republiken von Republiken.&#8220; ((18))<\/p>\n<p>Im Gegensatz zur Demokratie ist Anarchie deshalb auch kein Zustand,                 der irgendwann erreicht sein kann, sondern ein permanenter Prozess                 des Kampfes gegen Herrschaftsstrukturen.<\/p>\n<p>Ein solcher Kampf geht \u00fcber die blo\u00dfe Kritik hinaus und bedeutet                 ein nie abgeschlossenes Experimentieren mit Formen des Politischen,                 in denen die begehrte Emanzipation sich bereits andeutet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unter dem Eindruck der zusammenbrechenden Sowjetunion verfasste Mouffe zusammen mit ihrem Ehemann Ernesto Laclau 1985 das mittlerweile zum Klassiker avancierte Buch &#8222;Hegemonie und radikale Demokratie&#8220;. Damit wollten sie den orthodoxen Marxismus mit seinen &#8222;unzweifelhaften Wahrheiten&#8220; des putschistischen Revolutionsmodells und der Arbeiter_innenklasse als einzigem Bezugspunkt reformieren. 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