{"id":13806,"date":"2014-11-01T00:00:22","date_gmt":"2014-10-31T22:00:22","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13806"},"modified":"2022-07-26T14:12:06","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:06","slug":"anarchistisch-aelter-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2014\/11\/anarchistisch-aelter-werden\/","title":{"rendered":"Anarchistisch \u00e4lter werden"},"content":{"rendered":"<p>In einer Veranstaltung auf dem anarchistischen Sommercamp 2014 wollten wir der Frage nachgehen, warum doch anscheinend meist relativ wenig angegraute Menschen im anarchistischen Milieu sichtbar sind ((2)). Folgende Thesen dienten zun\u00e4chst der Veranstaltungsvorbereitung, sie wurden dann von mir erg\u00e4nzt um Aspekte, die im Rahmen der Diskussion angeschnitten wurden ((3)).<\/p>\n<p>1. Anarchismus ist historisch keine &#8222;Jugendbewegung&#8220;<\/p>\n<p>Auch aktuell ist die anarchistische Bewegung an den weltweit wenigen Orten, wo es eine lange durchg\u00e4ngige anarchistische Tradition gibt (z.B. Carrara\/ Italien), erkennbar generationsgemischt. Jedoch scheint der Anarchismus weltweit m\u00e4nnerdominiert zu sein &#8211; ein bislang ebenfalls zu wenig reflektierter Umstand.<\/p>\n<p>2. Im deutschsprachigen Raum ist das, jedenfalls nach der optischen Wahrnehmung, anders.<\/p>\n<p>Hier wirkt offenbar noch die Geschichte des Nationalsozialismus nach: st\u00e4rker noch als z.B. in Italien wurde im deutschen Faschismus (2.Weltkrieg) eine ganze Generation &#8222;verheizt&#8220;.<\/p>\n<p>Nach 1945 gab es in der BRD nur wenige \u00fcberlebende &#8222;Alt-Anarchisten&#8220;, die Organisationen aufzubauen versuchten, bis auf wenige Ausnahmen jedoch den Kontakt zur heranwachsenden Jugend nicht (mehr) fanden. So gingen auch diese Versuche langsam ein, bis es ab 1968 eine gewisse Renaissance gab, jedoch als Neuorganisierung im Zuge der StudentInnenbewegung, wiederum ohne Kontakte zu den NS-\u00dcberlebenden. Aufgrund des Faschismus wurden zudem \u00e4ltere Menschen vielfach pauschal der N\u00e4he zum NS-System bezichtigt. Folge war ein starkes Abgrenzungsbed\u00fcrfnis.<\/p>\n<p>Erst die Geschichtswerkst\u00e4tten in den 1980er Jahren versuchten vor Ort wieder in gr\u00f6\u00dferem Umfang \u00fcberlebende (antifaschistische) AugenzeugInnen aufzutun, die nun allerdings nach und nach wegstarben.<\/p>\n<p>3. Eine weitere anarchistische &#8222;Welle&#8220; gab es im deutschsprachigen Raum (\u00d6sterreich, Deutschland, Schweiz) ab 1980, vor allem im Zuge der HausbesetzerInnenbewegung. Diese setzte sich vielfach vom &#8222;Habitus&#8220; (Kleidung, Sprachgebrauch, \u00e4sthetische Gestaltung der Treffpunkte etc.) stark von den &#8222;\u00c4lteren&#8220; ab, so dass dies wiederum eine &#8222;Jugendbewegung&#8220; blieb. Lange Jahre wirkte ein &#8222;linksradikaler Dresscode&#8220; ausgrenzend.<\/p>\n<p>4. Die starke &#8222;subkulturelle Inszenierung&#8220; hatte zur Folge, dass es vielen im Zuge des \u00c4lterwerdens nicht mehr attraktiv schien, an der &#8222;Szene&#8220; teilzuhaben (z.B. schm\u00e4lerten Beruf, Kinder etc. auch die zeitlichen M\u00f6glichkeiten, an z\u00e4hen, oft zeitlich ausufernden Plena und n\u00e4chtlichen Konzerten etc. teilzunehmen. Der stark informelle &#8222;Touch&#8220; der Szene (wer nicht &#8222;gesehen&#8220; wird bei den einschl\u00e4gigen Demos und Veranstaltungen ist nicht richtig &#8222;dabei&#8220;, vom Informationsfluss ausgenommen etc.) tat ein \u00dcbriges. Anarchismus wurde daher nicht mehr als eine Praxis angesehen, die \u00fcber das Ende des Studiums bzw. den Eintritt ins Berufsleben hinaus lebbar ist.<\/p>\n<p>5. Demgegen\u00fcber f\u00e4llt bei Gespr\u00e4chen auf, dass viele \u00c4ltere die anarchistische Theorie bis in die Gegenwart richtig finden.<\/p>\n<p>Punktuell sind diese Menschen dann durchaus mobilisierbar (etwa bei Kampagnen gegen Gentrifizierung und Atomkraft, Themen also, die die Lebenswelt \u00fcber die Generationen hinweg ber\u00fchren), allerdings scheinen die &#8222;\u00c4lteren&#8220; oft nicht mehr an vielen Punkten zugleich aktiv sein zu k\u00f6nnen\/ zu wollen, sondern suchen sich eher f\u00fcr sie zentrale spezifische Themen\/ Aktionsfelder aus.<\/p>\n<p>In den wenigen Orten, wo es relativ kontinuierliche und gr\u00f6\u00dfere von anarchistischen Gedanken mit getragene Zusammenh\u00e4nge gibt (z.B. Hamburg, Berlin) sind noch vergleichsweise viele \u00dc40er\/50er aktiv, Menschen also, die sich in den Bewegungen der 80er Jahre politisiert hatten.<\/p>\n<p>6. Welche Beispiele zumindest zeitweise erfolgreicher anarchistischer Bewegungen fallen uns ein (ein sporadisches Beispiel wie das St\u00f6ren eines Gipfels oder eine Nazi-Aufmarsch-Blockade z\u00e4hlt nicht!)?<\/p>\n<p>Wenn wir zur Beantwortung dieser Frage mal locker drei Generationen in die Vergangenheit schauen m\u00fcssen, dann ist klar, dass der Anarchismus ein ewiger Verlierer in der Geschichte ist. Kein Wunder, sind wir doch die ewigen &#8222;nat\u00fcrlichen&#8220; Feinde jeder Macht, und ist herrschaftsf\u00f6rmiges Denken als vermeintlich &#8222;alternativlos&#8220; doch in den allermeisten Hirnen fest verankert. Im Alltag m\u00fcssen wir kleine Br\u00f6tchen backen &#8211; eine starke Kluft zu den hohen Zielen und Idealen. Eine gro\u00dfe Frustrationstoleranzgrenze ist da n\u00f6tig. Nicht alle haben die psychische Struktur, &#8222;singend mit der Pfeife im Mund Niederlagen zu ertragen&#8220; ((4)), ohne daran zu verzweifeln. Da ist es wenig erstaunlich, dass sich viele nach einigen Jahren der Aktivit\u00e4t resigniert oder ausgebrannt zur\u00fcckziehen.<\/p>\n<p>Unter diesen Umst\u00e4nden ist die &#8222;Szene&#8220; von hoher Fluktuation gekennzeichnet. Kontinuierlichere Strukturen gibt es kaum.<\/p>\n<p>7. Aufgrund von Unverbindlichkeit und Frust, allzu wenigen Aktiven (die sich oft zu viel aufb\u00fcrden), Erfolglosigkeit und Perspektivlosigkeit etc. \u00fcberfordern sich viele derer, die sich \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum in der anarchistischen Bewegung engagieren &#8211; physisch, psychisch, finanziell. Ein &#8222;Ausstieg&#8220; erscheint vielen als einzig m\u00f6gliche Konsequenz. Ein blinder Fleck ist auch der hohe Anteil jener Menschen in linken und alternativen Bewegungen die regelm\u00e4\u00dfig Drogen konsumieren, Psychiatrieerfahrungen haben etc. &#8211; auch wenn es daf\u00fcr nat\u00fcrlich mehr Ursachen gibt als die latente \u00dcberforderung, so sollte dies allein schon Grund genug sein, \u00fcber Auswege und Perspektiven nachzudenken, die aus einer offenkundig verfahrenen Situation hinausf\u00fchren.<\/p>\n<p>8. In eine zus\u00e4tzliche Falle scheinen wir oft mit einem unreflektierten Autonomie-Begriff selbst zu tapsen: wenn Menschen soziale Wesen sind, so beinhaltet dies auch, dass sie voneinander abh\u00e4ngig und mit zunehmendem Alter hilfsbed\u00fcrftig werden.<\/p>\n<p>Diese Tatsache wird oft von AnarchistInnen ignoriert, Freiheit und Unabh\u00e4ngigkeit werden auf eine Weise idealisiert, die an das vom Marlboro-Cowboy in der Zigarettenwerbung verk\u00f6rperte Bild denken l\u00e4sst &#8211; und so nebenbei gesagt so auch leicht durch neoliberale Praxen der Individualisierung integrierbar ist.<\/p>\n<p>\u00c4lterwerden (wie auch generell eine anarchistische Perspektive) erforderte also einen Freiheitsbegriff, der Autonomie nicht als Selbstzweck in den Mittelpunkt stellt, sondern stets in den Zusammenhang n\u00f6tiger &#8211; und erstrebenswerter! &#8211; tragf\u00e4higer sozialer Bez\u00fcge stellt. Mit anderen Worten: das zugrunde liegende Menschenbild braucht eine zentrale Stellung in Diskussionen um anarchistische Perspektiven.<\/p>\n<p>9. Gemeinschaft f\u00e4llt nicht vom Himmel, das bekommen gerade diejenigen zu sp\u00fcren, die versuchen, mal mehrere jener Menschen an einen Tisch zu bekommen, die sich anarchistisch nennen. Generell scheinen gegenw\u00e4rtig gerade die bestehenden anarchistischen Strukturen im deutschsprachigen Raum einen stark individualistischen Touch zu haben. Aufeinander zuzugehen und dabei Kompromisse einzugehen scheint keine St\u00e4rke der Menschen im anarchistischen Spektrum zu sein &#8211; einer Szene, die zwar schnell von Solidarit\u00e4t, gegenseitiger Hilfe etc. redet, diese Begriffe aber selten definiert und f\u00fcllt: von &#8222;freiwilliger Vereinbarung&#8220; bleibt oft nur noch &#8222;freiwillig&#8220; \u00fcbrig, und so schafft sich jede\/r ganz postmodern und &#8222;bed\u00fcrfnisorientiert&#8220; seine\/ ihre eigene Welt und muckelt vor sich hin (Theorie ist ja ohnehin vielfach &#8222;verd\u00e4chtig&#8220;). Gemeinschaftlichkeit jenseits der Klein- oder Patchworkfamilie muss heutzutage offenbar ge\u00fcbt &#8211; aber auch erlebt &#8211; werden, die Bereitschaft dazu scheint aber gering.<\/p>\n<p>10. Um stabile anarchistische Strukturen zu bilden, die auch biographisch eine Einbindung \u00fcber die Jahrzehnte hinweg erm\u00f6glichen w\u00e4re also n\u00f6tig:<\/p>\n<ul>\n<li>es als Bereicherung wahrzunehmen, sich (wechselseitig!) zwischen den Generationen auszutauschen und so von den unterschiedlichen Erfahrungen zu profitieren.<\/li>\n<li>Begriffe wie Freiheit und Autonomie nicht zu verabsolutieren, sondern zu hinterfragen und um Aspekte wie Gegenseitigkeit, Sozialit\u00e4t, Bed\u00fcrftigkeit etc. zu erg\u00e4nzen.<\/li>\n<li>unterschiedliche Aktions- und Interventionsformen als gleichberechtigt anzusehen (wie dies z.B. im Wendland bei den Protesten gegen die Castor-Transporte gelingt) &#8211; wer eine H\u00fcft-Operation hinter sich hat, kann vielleicht nicht mehr an jeder Aktion auf der Stra\u00dfe teilnehmen, doch eine gute Infrastruktur bereitzuhalten und f\u00fcr Schlafpl\u00e4tze und warme &#8211; oder kalte, je nach Jahreszeit &#8211; Getr\u00e4nke zu sorgen ist nicht minder wichtig. Ebenso legitim muss es sein, sich &#8222;Auszeiten&#8220; zu g\u00f6nnen.<\/li>\n<li>einen &#8222;identit\u00e4ren Anarchismus&#8220; (\u00fcber Lifestyle-Attribute wie z.B. Kleidung nach au\u00dfen getragen, weniger \u00fcber Positionen\/ sichtbare Aktionen) in einen &#8222;inhaltlichen Anarchismus&#8220; zu \u00fcberf\u00fchren, in dem sich Menschen unterschiedlichen Alters wohlf\u00fchlen und bei dem es nicht auf das Aussehen, k\u00f6rperliche Agilit\u00e4t etc. ankommt.<\/li>\n<li>generell Praxen nicht-ausgrenzender Verhaltensweisen und gegenseitiger Akzeptanz sowie eines wohlwollenden Miteinanders zu entwickeln, in denen &#8222;Detailfragen&#8220; vielleicht nicht ganz so wichtig sind und eine hundertprozentige \u00dcbereinstimmung auch nicht erforderlich ist, ohne deshalb entweder Widerspr\u00fcche zu ignorieren oder sich gleich wieder zu spalten.<\/li>\n<li>die vorangestellten Aspekte als Voraussetzung f\u00fcr den Aufbau tragf\u00e4higer Strukturen zu nehmen, die sowohl psychologische Perspektiven (&#8222;ich f\u00fchle mich in diesen Strukturen wohl, wei\u00df, dass ich gesch\u00e4tzt werde wie ich bin, und es ist nicht so schlimm, wenn ich es nicht schaffe, immer \u00fcberall dabei zu sein&#8220;) und pers\u00f6nliche\/ soziale Perspektiven (z.B. Mehrgenerationen-Wohnprojekte, Kommunen) wie auch \u00f6konomische Perspektiven (z.B. selbstverwaltete Betriebe, Genossenschaften\/ solidarische \u00d6konomie, &#8222;Projekte-Anarchismus&#8220;) beinhalten.<\/li>\n<\/ul>\n<p>&#8222;Emp\u00f6rung alleine reicht nicht. Sie muss konstruktiv werden&#8220;, schrieben die GenossInnen vom A-Laden Berlin mal. Stimmt.<\/p>\n<p>Denn eine politische Perspektive, die diese genannten Aspekte nicht als Grundlage hat, scheint mir eine Kopfgeburt zu sein. Die zentrale Frage ist also, wie aus den bisherigen gesellschaftlich wenig relevanten anarchistischen Fragmenten eine Bewegung entstehen k\u00f6nnte, die diesen hohen Anspr\u00fcchen Rechnung tr\u00e4gt, ohne angesichts oft trister Realit\u00e4ten vorschnell wieder in Resignation umzuschlagen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einer Veranstaltung auf dem anarchistischen Sommercamp 2014 wollten wir der Frage nachgehen, warum doch anscheinend meist relativ wenig angegraute Menschen im anarchistischen Milieu sichtbar sind ((2)). Folgende Thesen dienten zun\u00e4chst der Veranstaltungsvorbereitung, sie wurden dann von mir erg\u00e4nzt um Aspekte, die im Rahmen der Diskussion angeschnitten wurden ((3)). 1. Anarchismus ist historisch keine &#8222;Jugendbewegung&#8220; &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2014\/11\/anarchistisch-aelter-werden\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Anarchistisch \u00e4lter werden - graswurzelrevolution","description":"In einer Veranstaltung auf dem anarchistischen Sommercamp 2014 wollten wir der Frage nachgehen, warum doch anscheinend meist relativ wenig angegraute Menschen i"},"footnotes":""},"categories":[757,1042],"tags":[],"class_list":["post-13806","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-393-november-2014","category-ohne-chef-und-staat"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13806","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13806"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13806\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13806"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13806"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13806"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}