{"id":13811,"date":"2014-11-01T00:00:07","date_gmt":"2014-10-31T22:00:07","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13811"},"modified":"2022-07-26T14:22:17","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:17","slug":"arundhati-roys-angriff-trifft-den-falschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2014\/11\/arundhati-roys-angriff-trifft-den-falschen\/","title":{"rendered":"Arundhati Roys Angriff trifft den Falschen!"},"content":{"rendered":"<p>Arundhati Roy hatte selbst im Rahmen der mit gewaltfreien Aktionsformen                 k\u00e4mpfenden Anti-Staudamm-Bewegung am Fluss Narmada an Bauplatzbesetzungen                 teilgenommen. ((1))<\/p>\n<p>Fast zwei Jahrzehnte lang hat die Autorin des Romans &#8222;Der Gott                 der kleinen Dinge&#8220; als eine der Stimmen der weltweiten Antiglobalisierungsbewegung                 die gewaltfreie Aktion propagiert und dabei gerade auf die Radikalit\u00e4t                 Gandhis hingewiesen. Gandhis Kampagnen, vor allem den Salzmarsch,                 erhob sie bei ihrer Aufsehen erregenden Rede im Januar 2004 auf                 dem Weltsozialforum in Mumbai\/Indien gar zum Vorbild eines materiell                 sch\u00e4digenden, eben nicht nur symbolischen gewaltfreien Widerstands:<\/p>\n<p>&#8222;Gandhis Salzmarsch war nicht einfach politisches Theater. Als                 in einem simplen Akt des Ungehorsams Tausende Inder zum Meer marschierten                 und dort ihr Salz gewannen, brachen sie das Salzsteuergesetz.                 Das war ein direkter Schlag gegen den \u00f6konomischen Unterbau des                 britischen Empires. Er war real.&#8220; ((2))<\/p>\n<p>Gegen damalige Angriffe und billige Versuche u.a. der taz, ihr                 Eintreten f\u00fcr ein radikales Verst\u00e4ndnis gewaltfreier Aktion durch                 eine fehlerhafte \u00dcbersetzung zu kaschieren, hat die GWR Arundhati                 Roy verteidigt. ((3))<\/p>\n<h3>Und heute? <\/h3>\n<p>Bereits bei ihrem Besuch 2011 bei der marxistisch-leninistischen                 Guerilla CPI-Mao (Kommunistische Partei Indiens \/ maoistisch)                 kamen Zweifel und Ambivalenzen auf, die in der GWR ausf\u00fchrlich                 dargestellt wurden. ((4))<\/p>\n<p>Mehrfach in indischen Medien, dann in einem Vorwort zu einer                 Neuauflage des erstmals 1936 ver\u00f6ffentlichten Buches Annihilation                 of Caste (Abschaffung der Kasten) von Bhimrao Ramji (B.R.) Ambedkar                 (1891-1956), des intellektuellen Verteidigers der von ihm in Dalits                 (Ausgesto\u00dfene) umbenannten sogenannten &#8222;Unber\u00fchrbaren&#8220; (im Folgenden                 werden Dalits und Gandhis Benennung Harijans, &#8222;Kinder Gottes&#8220;,                 abwechselnd je nach Person und Kontext verwendet; d.A.), und nun                 auch im &#8222;Stern&#8220;-Interview vom 25.9.2014 (S. 78-83) greift sie                 Gandhi direkt an:<\/p>\n<p>&#8222;Er war ein bedingungsloser (sic!; d.A.) Verfechter einer der                 widerw\u00e4rtigsten, gewaltt\u00e4tigsten Gesellschaftsformen der Welt:                 der indischen Kastenordnung, eines Systems, schlimmer als die                 Apartheid. Es verdammt bis heute Millionen Menschen dazu, die                 Schei\u00dfe der anderen wegzuputzen.&#8220; (S. 78) <\/p>\n<p>Und: &#8222;Er war der Bewahrer, der Heilige des Status quo&#8220;, &#8222;ein                 Mann des Establishments&#8220;, in S\u00fcdafrika vor 1914 gar &#8222;ein entschiedener                 Verfechter der Rassentrennung&#8220; (S. 79), in Indien dann B\u00fcttel                 des Gro\u00dfkapitals und der Feudalherrn (ebenda).<\/p>\n<\/p>\n<h3> Evolution der Positionen Gandhis &#8211; ein Streit der Interpretationen<i><\/i><\/h3>\n<p>F\u00fcr all jene, die Gandhi nie gelesen und ihn nun in dieser Form                 durch A. Roy erstmals kennengelernt haben, muss ich bestimmte                 Voraussetzungen der internationalen Gandhi-Rezeption angesichts                 eines kulturell anders gelagerten Umfelds wie dem Indiens erl\u00e4utern.                 Zun\u00e4chst ist Gandhi f\u00fcr gewaltfreie AnarchistInnen nat\u00fcrlich nicht                 &#8222;heilig&#8220;, er hat Fehler gemacht und ist kritikw\u00fcrdig. F\u00fcr ihn                 als weltweit bedeutenden Charismatiker der gewaltfreien Aktion                 gilt das ganz genauso wie etwa f\u00fcr Bakunin als weltweit bedeutenden                 Charismatiker des Anarchismus. Es kommt dabei sehr auf die Zeit,                 den historischen und kulturellen Kontext an, in dem Gandhi zitiert                 wird. Er sagte selbst: &#8222;Meine Sprache ist aphoristisch, ihr mangelt                 es an Pr\u00e4zision. Sie ist deshalb offen f\u00fcr mehrere Interpretationen.&#8220;                 Genau mit dieser Sprache fand er aber Zugang zu den hinduistischen                 und auch muslimischen Massen im Rahmen der indischen Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung.                 In der Tat gibt es, vor allem im anglophonen Sprachraum, eine                 bereits Jahrzehnte bestehende Str\u00f6mung der anarchistischen Gandhi-Interpretation.                  ((5)) Auch im Falle der Kritik                 A. Roys und der Auseinandersetzung Gandhis mit Ambedkar \u00fcber die                 \u00dcberwindung des Kastensystems haben wir es also mit einem Interpretationsstreit                 zu tun. <\/p>\n<p>Eine weitere entscheidende Voraussetzung f\u00fcr eine realistische                 Wahrnehmung Gandhis ist die best\u00e4ndige Evolution seiner Ansichten                 hin zu libert\u00e4ren Anschauungen, wie das im \u00dcbrigen ja auch f\u00fcr                 Bakunin typisch war, der erst einen langen Weg hinter sich brachte,                 bevor er Anarchist wurde. &#8222;Eine Durchsicht seiner Ansichten w\u00fcrde                 ergeben, dass er nicht an seinen alten Anschauungen hing, wenn                 er sie als unvereinbar mit der Ethik begriff, die er als grundlegend                 betrachtete. Dies zeigt, dass seine sozialen, wie auch seine wirtschaftlichen                 oder politischen Ansichten einem Prozess der Evolution unterlagen&#8220;,                 so schreibt der indische libert\u00e4r-marxistische Gandhi-Forscher                 Buddhadeva Bhattacharyya. ((6))<\/p>\n<p>Diese Evolution wird am deutlichsten bei einem Vergleich des                 Aktivismus Gandhis in seiner Fr\u00fchphase in S\u00fcdafrika (1893-1914)                 und dann in Indien (1915-1947), als er insofern Revolution\u00e4r wurde,                 als er den britischen Kolonialismus abschaffen wollte. Einen H\u00f6hepunkt                 dieser Evolution kann man durchaus in seiner Aussage von 1946                 sehen, die Unabh\u00e4ngigkeit bedeute &#8222;Freiheit von bewaffneten Verteidigungskr\u00e4ften.                 Meine Konzeption (&#8230;) schlie\u00dft die Ersetzung der britischen Besatzungsarmee                 durch eine nationale Besatzungsarmee aus. Ein Land, das durch                 eine Armee regiert wird, und sei es eine nationale, kann nie moralisch                 frei sein.&#8220; ((7)) Man zeige mir                 irgendeine pr\u00e4gende Person des Antikolonialismus, die ein Jahr                 vor der Unabh\u00e4ngigkeit solches von sich gab. <\/p>\n<p>Es ist richtig, wie ihm A. Roy (S. 79) vorwirft, dass er sich                 in S\u00fcdafrika noch als &#8222;Untertan der britischen Kolonialmacht&#8220;                 f\u00fchlte, als er f\u00fcr die Minderheit indischer Vertragsarbeiter und                 ihrer Familien (diese und ihre aktive Unterst\u00fctzung seien erw\u00e4hnt,                 weil A. Roy von Gandhi behauptet, er habe ArbeiterInnen nur bevormundet)                 f\u00fcr gleiche Rechte innerhalb des britischen Empire k\u00e4mpfte. Roys                 direkt folgender Vorwurf, Gandhi sei durch diesen Kampf f\u00fcr eine                 Minderheit &#8222;ein entschiedener Verfechter der Rassentrennung&#8220; geworden,                 ist allerdings ein Widerspruch zu sich selbst: Sie wirft Gandhi                 in S\u00fcdafrika genau das vor, was sie dann in Indien f\u00fcr die Position                 der Dalit-Minderheit (1931 z\u00e4hlten Dalits ca. ein F\u00fcnftel der                 hinduistischen Bev\u00f6lkerung), angef\u00fchrt von Ambedkar, gerade unterst\u00fctzen                 will, n\u00e4mlich einen identit\u00e4ren Separatismus. <\/p>\n<p>Gandhi wandelte seine Position in Indien ab 1915 hin zu einer                 revolution\u00e4ren, antikolonialistischen Haltung. ((8))                 Nun war er allerdings kein &#8222;Bewahrer des Status quo&#8220; mehr und                 auch kein &#8222;Mann des Establishments&#8220; (Roy).<\/p>\n<p>Ebenso essentiell wie die Perspektive der Evolution ist eine                 zweiteilige Sicht auf die Strategie Gandhis innerhalb der Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung.                 Es ging ihm nie nur um den nach au\u00dfen gerichteten Kampf gegen                 den britischen Kolonialismus, sondern immer auch um innere Radikalreform                 des Hinduismus und um ausgleichende Gerechtigkeit zwischen den                 Religionsgemeinschaften, besonders zwischen Hinduismus und Islam.                 Dem dienten vor allem seine &#8222;Ashrams&#8220;, Kommunen, in denen er auch                 selbst als Gleicher unter Gleichen lebte. Die Ashrams waren eine                 Art Modell, wie nach dem Kampf das freie Indien aussehen sollte.                 F\u00fcr die antikolonialen Massenkampagnen konzentrierte sich Gandhi                 allerdings immer auf einen symboltr\u00e4chtigen Kern der inneren Reform,                 um die patriarchalen und hierarchischen Aspekte des Hinduismus                 St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck zur\u00fcckzudr\u00e4ngen, um keine abrupte Gegenreaktion                 zu provozieren, wie sie ja nach seinem Tod und insbesondere seit                 den Achtzigerjahren in Form der heutigen, von Brahmanen und h\u00f6heren                 Kasten dominierten Regierungspartei BJP (Volkspartei Indiens,                 hindu-nationalistisch) entstanden ist. Dies zeigte sich nacheinander                 bei gezielten Kampagnen gegen Kinderheirat von M\u00e4dchen (damals                 ab 9 (!) Jahren), dann 1933\/34 bei der Massenkampagne f\u00fcr den                 Tempelzutritt, f\u00fcr Brunnennutzung und den Zugang zu \u00f6ffentlichen                 Pl\u00e4tzen f\u00fcr die Harijans. ((9))               <\/p>\n<h3>Praxis der evolution\u00e4ren Kasten\u00fcberwindung in den Gandhi-Kommunen<\/h3>\n<p>F\u00fcr die Ashrams waren Gandhis Praktiken jedoch schon fr\u00fch radikal:                 &#8222;In den ersten ashram in Ahmedabad, den er nach seiner R\u00fcckkehr                 in Indien 1915 gr\u00fcndete, nahm er eine Familie von Unber\u00fchrbaren                 auf; diese Aktion brachte die reichen H\u00e4ndler von Ahmedabad auf,                 die f\u00fcr den Erhalt des ashram gespendet hatten. Auch mehrere Freiwillige                 verlie\u00dfen den ashram aus Protest. Ohne Beitragszahler und mit                 nur noch wenigen Freiwilligen im ashram, die zu ihm hielten, dachte                 Gandhi daran, in die Slums von Ahmedabad umzuziehen. Ein anonymer                 Geldgeber jedoch machte dann diesen Schritt unn\u00f6tig.&#8220; ((10))<\/p>\n<p>Der anonyme Retter war \u00fcbrigens S. A. Sarabhai, ein reicher Textilh\u00e4ndler,                 der dann aber die finanzielle Unterst\u00fctzung einstellte, als Gandhi                 als Vertreter der Vollversammlung von TextilarbeiterInnen in Sarabhais                 Firma Streiks gegen ihn organisierte, und zwar nicht als alleiniger                 Chef, wie A. Roy behauptet (S. 79), sondern zusammen mit den einflussreichen                 AktivistInnen Shankarlal Banker und Anasujabehn Sarabhai, die                 ihrem Unternehmer-Ehemann in den R\u00fccken fiel. ((11))                 Dies sind Gegenbeispiele und Gegendarstellungen zu A. Roys Behauptungen,                 Gandhi sei ein B\u00fcttel der Gro\u00dfindustriellen gewesen.<\/p>\n<p>Die Evolution der Praxen innerhalb der &#8222;Ideal&#8220;-Ashrams sah zuerst                 so aus, dass mit Aufnahme von &#8222;Harijan&#8220;-Familien alle Freiwilligen                 im Ashram ebenfalls die Latrinen zu reinigen verpflichtet waren,                 und eben nicht nur die daf\u00fcr per Kastensystem vorgesehenen Harijans.                 Daraus resultierte der oft zu schnell als patriarchal interpretierte                 Streit Gandhis mit seiner Ehefrau Kasturba, die als H\u00f6herkastige                 nicht die Arbeit von &#8222;Unber\u00fchrbaren&#8220;, das Latrinenreinigen, verrichten                 wollte. Doch genau das geh\u00f6rte zu Gandhis Konzept der &#8222;Brotarbeit&#8220;,                 das hei\u00dft, dass alle Menschen aus allen Kasten zu ihrem Lebensunterhalt                 eine bestimmte Zeit lang alle Arbeiten, auch m\u00fchevolle und &#8222;niedrige&#8220;                 Arbeiten verrichten sollten. B. Bhattacharyya schreibt dazu: &#8222;Die                 Einf\u00fchrung des Konzepts der Brotarbeit in einer hierarchischen                 und autorit\u00e4ren Gesellschaft war von gro\u00dfer Bedeutung, weil es                 die Grundlage der sozialen Distanz unterminierte, die das Kastensystem                 institutionalisiert hatte.&#8220; ((12))               <\/p>\n<p>In den Ashrams wurde gemeinsam gegessen, auch mit Harijans, und                 Hochzeiten untereinander wurden erlaubt. &#8222;Das Bef\u00fcrworten von                 interdining (gemeinsames Essen von Kasten und \u201aKastenlosen&#8216;) und                 intermarriage (kasten\u00fcbergreifende Heirat), sogar interreligious                 marriage (Heirat von Paaren verschiedener Religionen, vor allem                 Hindus und MuslimInnen) innerhalb der autorit\u00e4ren Hindu-Gesellschaft                 zeugt zweifellos von einer Frische und Durchschlagskraft im Denken.&#8220;                  ((13))<\/p>\n<p>Joan Bondurant schreibt dazu: &#8222;Gandhi unterst\u00fctzte selbst viele                 kasten\u00fcbergreifende Hochzeiten und seine Ashram-Gesellschaft wurde                 g\u00e4nzlich ohne Kastenunterschiede organisiert.&#8220; ((14))                 Die Evolution innerhalb der Ashrams endete im Jahre 1946 mit der                 radikalen Einf\u00fchrung einer Form der positiven Diskriminierung                 von Harijans, als Gandhi die Maxime pr\u00e4gte: &#8222;Wir m\u00fcssten heutzutage                 alle zu Harijans werden oder wir werden nicht dazu f\u00e4hig sein,                 uns vollst\u00e4ndig vom Makel der Unber\u00fchrbarkeit zu befreien. Ich                 sage deshalb allen heiratswilligen Jungen und M\u00e4dchen, dass sie                 im Sevagram Ashram nicht heiraten k\u00f6nnen, wenn nicht wenigstens                 ein Teil des Hochzeitspaares Harijan ist.&#8220; ((15))<\/p>\n<h3>Evolution der Positionen Gandhis zum Kastensystem bei den Massenkampagnen<\/h3>\n<p>Bei seinen Massenkampagnen au\u00dferhalb der Ashrams ging es Gandhi                 nach Bhattacharyya um &#8222;einen langsamen, aber kontinuierlichen                 Ansatz, um Kastenunterschiede zu beseitigen. (&#8230;) Sein Sinn f\u00fcr                 Praktische hat ihn dazu gef\u00fchrt, erst den Boden zu bereiten und                 dann an die Wurzel zu gehen.&#8220; ((16))                 Dabei &#8222;riss er die Tradition an sich, um sie gleichzeitig zu transformieren.&#8220;                  ((17)) Zun\u00e4chst, in den Zwanzigerjahren,                 hantierte Gandhi mit zwei traditionellen Begriffen f\u00fcr das Kastensystem,                 varna, urspr\u00fcnglich &#8222;Farbe&#8220;, das er sofort in &#8222;Klasse&#8220; (nicht                 marxistisch verstanden, sondern als Klasse von Berufen) umwandelte,                 und jati, &#8222;Kaste&#8220;, das er als Perversion von varna ablehnte. Als                 kritischer Traditionalist, sanatani (so sieht ihn Ashis Nandy),                 setzte er eine Art altes, goldenes Zeitalter voraus, in dem varna                 eine horizontale, vierteilige, einfache Arbeitsteilung bedeutet                 habe (Brahmane: Denker, Interpret der Schriften, bei Gandhi auch                 Karmayogi, handelnder, aktivistischer Denker; Kshatriya: die Kriegerkaste,                 die Gandhi als androgyner Anti-Krieger (Ashis Nandy) komplett                 uminterpretierte in gewaltfreie Aktion mit femininer Grundenergie,                 shakti, die zugleich die nicht-kriegerische, &#8222;weiche&#8220; Seite des                 Mannes anspricht ((18)); Vaishya:                 Handwerker, H\u00e4ndler; Shudra: Arbeiter, zu der nach Gandhi die                 Harijans als Sanit\u00e4rarbeiter geh\u00f6rten). Die &#8222;Unber\u00fchrbaren&#8220; als                 Kastenlose habe es damals nicht gegeben. Bei jeder Erkl\u00e4rung legte                 Gandhi auf den horizontalen Charakter dieses Ideals besonderen                 Wert, der sich erst im Laufe der historischen Entwicklung in eine                 Hierarchie pervertiert habe. Hier eine typische Erkl\u00e4rung Gandhis                 aus dem Jahr 1925: &#8222;Die heutigen Vorstellungen von Kaste sind                 eine Perversion des Originals. Die Frage der \u00dcberordnung oder                 Unterordnung gibt es f\u00fcr mich nicht.&#8220; <\/p>\n<p>Diese einfache Arbeitsteilung sei stabil gewesen, weil die Kinder                 &#8222;qua Geburt&#8220; den &#8222;Beruf ihrer Vorv\u00e4ter&#8220; weiterf\u00fchrten. Trotzdem                 war das System durchl\u00e4ssig, &#8222;Geburt&#8220; war religi\u00f6s-hinduistisch                 zu verstehen und ohne die Reinkarnation (Wiedergeburt) nicht zu                 denken, Gandhi: &#8222;Es ist zum Beispiel m\u00f6glich f\u00fcr einen shudra,                 ein vaishya zu werden. (&#8230;) Wer die Pflichten eines brahman erf\u00fcllt                 (aber qua Geburt kein Brahmane ist; d.A.), wird im n\u00e4chsten Leben                 einer werden.&#8220; (1925; ((19)))                 Mit dem aktuellen Verhalten im Leben, unabh\u00e4ngig davon, in welcher                 Berufsklasse (varna) man geboren wurde, wird eine neue Berufstradition                 der Vorv\u00e4ter begr\u00fcndet, in deren Fu\u00dfstapfen die Kinder dann treten,                 so ist das zu verstehen. Das System schuf so &#8222;ererbte berufliche                 F\u00e4higkeiten; es begrenzte den Wettbewerb. Es war das beste Mittel                 gegen Verarmung. Und es hatte alle Vorteile der Handelsgilden.&#8220;                 (1921; ((20))) <\/p>\n<p>Der Vergleich mit den mittelalterlichen Z\u00fcnften und Gilden ist                 treffend, es ist die Konzeption einer vorkapitalistischen Berufsgemeinschaft,                 die den Lebensunterhalt sichert und aus der zwar prinzipiell,                 aber nicht so einfach, vor allem nicht ohne Risiko des Verhungerns                 ausgetreten werden kann. <\/p>\n<p>In seiner gro\u00dfen Massenkampagne f\u00fcr die Abschaffung der Unber\u00fchrbarkeit                 1933\/34 und unmittelbar danach propagierte Gandhi dieses Konzept                 der Uminterpretation des historisch pervertierten, hierarchischen                 Kastensystems in das urspr\u00fcngliche, horizontale varna. Dem dienten                 Aufs\u00e4tze \u00fcber die berufliche Anerkennung, den Respekt und die                 Wertsch\u00e4tzung f\u00fcr den Beruf des Latrinenreinigers, den Gandhi                 in dem f\u00fcr A. Roy &#8222;schockierenden Essay&#8220; (S. 78) von 1936, &#8222;The                 ideal Bhangi&#8220; (Der ideale Sanit\u00e4rarbeiter) aufwertete und als                 shudra beschrieb. W\u00e4hrend allerdings alle Bhangis ihre Arbeit                 unter schlimmsten Bedingungen immer korrekt ausgef\u00fchrt h\u00e4tten,                 sei die Hygiene Indiens immer noch in \u00fcblem, krankheitsf\u00f6rderndem                 Zustand, aber nicht wegen der Bhangis, sondern weil Brahmanen                 und andere Kasten nicht auch Arbeiten der Bhangis ausf\u00fchrten &#8211;                 ein klarer Verweis auf die &#8222;Brotarbeit&#8220;, die quer durch alle Kasten                 geleistet werden sollte. Gandhi fordert in dem Artikel f\u00fcr Bhangis                 eine gute Ausbildung und Studienm\u00f6glichkeiten, n\u00e4mlich &#8222;wissenschaftliche                 Kenntnis von den Notwendigkeiten dieses Berufs&#8220;. In dem Artikel                 stehen diese S\u00e4tze: &#8222;Unsere zynische Gesellschaft hat den Bhangi                 als sozialen Paria auf die unterste Stufe der Gesellschaft gestellt                 und hielt ihn nur daf\u00fcr gut, Fu\u00dftritte und Misshandlungen einzustecken.                 (&#8230;) Erst wenn die undankbare Unterscheidung zwischen Brahmane                 und Bhangi verschwindet, wird unsere Gesellschaft Gesundheit,                 Wohlstand und Frieden erleben.&#8220; ((21))               <\/p>\n<p>A. Roy las das ohne jedes Verst\u00e4ndnis und Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen                 f\u00fcr den kritischen Traditionalisten Gandhi, dabei ist seine Kritik                 genau dieselbe, die sie an der gewaltt\u00e4tigen indischen Gesellschaft                 und am Umgang mit den Dalits hat. <\/p>\n<p>Mensch mag bei Gandhi eine mythische, etwas naive, nicht mehr                 zeitgem\u00e4\u00dfe R\u00fcckw\u00e4rtsgewandtheit kritisieren, aber es ist falsch,                 ihn als &#8222;bedingungslosen Verfechter&#8220; der Kastenordnung zu diffamieren.                 Zur Evolution Gandhis bei seinen Massenkampagnen geh\u00f6rt aber auch                 die Tatsache, dass er gegen Anfang der Vierzigerjahre nicht mehr                 an eine m\u00f6gliche R\u00fcckkehr zum urspr\u00fcnglichen varna-Ideal glaubte                 und nun, mehr zukunftsorientiert, ohne Umschweife etwa 1945 meinte:                 &#8222;Das Kastensystem ist ein Anachronismus.&#8220; ((22))<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Arundhati Roy hatte selbst im Rahmen der mit gewaltfreien Aktionsformen k\u00e4mpfenden Anti-Staudamm-Bewegung am Fluss Narmada an Bauplatzbesetzungen teilgenommen. ((1)) Fast zwei Jahrzehnte lang hat die Autorin des Romans &#8222;Der Gott der kleinen Dinge&#8220; als eine der Stimmen der weltweiten Antiglobalisierungsbewegung die gewaltfreie Aktion propagiert und dabei gerade auf die Radikalit\u00e4t Gandhis hingewiesen. 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