{"id":13821,"date":"2014-11-01T00:00:27","date_gmt":"2014-10-31T22:00:27","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13821"},"modified":"2022-07-26T13:31:00","modified_gmt":"2022-07-26T11:31:00","slug":"mani-stenner","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2014\/11\/mani-stenner\/","title":{"rendered":"Mani Stenner"},"content":{"rendered":"<p>Auf Mani traf das zu, was Emma Goldmann mit dem Satz &#8222;Wenn ich nicht tanzen darf, m\u00f6chte ich an Eurer Revolution nicht beteiligt sein&#8220; zugeschrieben wird: Ein Leben, bei dem intensives politisches Engagement kein Widerspruch zu Lebens- und Sinnesfreude war. Seine FreundInnen werden Mani f\u00fcr immer in Erinnerung behalten, wie er mit der Selbstgedrehten in der Hand bei Treffen in der Pause vor die T\u00fcr ging, und als Beteiligter an einer Kneipe in der Bonner S\u00fcdstadt, als leidenschaftlicher Koch, als Segler und als regelm\u00e4\u00dfiger Urlauber in Irland. ((1))<\/p>\n<p>Mani war nicht nur Friedensbewegter, sondern hat sich auch in anderen Feldern eingebracht, z.B. bei der Organisation der Blockupy-Proteste in Frankfurt\/Main. Als einer der Polizeisprecher trug er 2013 dazu bei, dass aus dem Polizeikessel, mit dem die Demonstration zum Stoppen gebracht worden war, keine Stra\u00dfenschlacht wurde, sondern sich die Demonstrierenden gewaltfrei gegen\u00fcber der Polizei behaupteten. Als Mitbegr\u00fcnder der Friedenskampagne &#8222;Kurdistan: Schweigen t\u00f6tet, Frieden jetzt!&#8220; setzte er sich seit 1993 f\u00fcr die Situation in T\u00fcrkisch-Kurdistan ein. Mahnwachen, Kundgebungen und Hungerstreiks in Berlin organisierte die Kampagne ebenso wie Aktionen f\u00fcr die Gleichstellung der in der Bundesrepublik lebenden KurdInnen mit anderen Migrantengruppen. Regelm\u00e4\u00dfige Reisen zu Newroz-Feiern erbrachten 1994 Fotos von NVA-Panzern in der T\u00fcrkei, was zu einem zeitweiligen Stopp der R\u00fcstungslieferungen an die T\u00fcrkei f\u00fchrte. Auch Widerstand gegen das Wiedererstarken rechtsextremen Gedankenguts und Mitarbeit in Bonner Nord-S\u00fcd-Initiativen geh\u00f6rte zu den von ihm beackerten Bereichen.<\/p>\n<p>Sein Hauptbet\u00e4tigungsfeld war aber die Friedensbewegung. Die Anf\u00e4nge der Bewegung gegen die Raketenstationierung k\u00f6nnen auf 1978\/79 datiert werden, als Pl\u00e4ne der USA bekannt wurden, eine Neutronenbombe in Europa zu stationieren. Diese Waffe, von der es hie\u00df, dass sie unbelebte Materie weitgehend schonen, Leben aber vernichten w\u00fcrde, rief gro\u00dfe Emp\u00f6rung hervor. Der &#8222;Nachr\u00fcstungsbeschluss&#8220;, als die NATO ank\u00fcndigte, als Antwort auf sowjetische SS 20-Raketen ihrerseits Mittelstreckenraketen in Westeuropa zu stationieren, wirkte dann als Katalysator. Es entstanden in Deutschland zahlreiche neue B\u00fcrgerInneninitiativen &#8211; in den St\u00e4dten oftmals auf Stadtteil-Basis -, die zusammen mit den schon vorher bestehenden Friedensorganisationen und mit Organisationen aus dem Umfeld der Kirchen und Parteien Unterschriften gegen die Stationierung atomarer Mittelstreckenraketen sammelten und ab 1981 f\u00fcr gro\u00dfe Demonstrationen mobilisierten.<\/p>\n<p>In Deutschland gab es eine erste gro\u00dfe Demonstration bereits im Juni 1981 auf dem Ev. Kirchentag in Hamburg. Im Herbst 1981 demonstrierten 300.000 Menschen im Bonner Hofgarten, 100.000 in Br\u00fcssel, 250.000 in London. Der Koordinierungsausschuss war 1981 aus einer sog. &#8222;Fr\u00fchst\u00fccksrunde&#8220; hervorgegangen, die diese ersten Demonstrationen auf dem Bonner Hofgarten vorbereitete. 1982 waren es schon 400.000 Menschen in Bonn. Die Proteste erreichten ihren H\u00f6hepunkt im Oktober 1983, als die NATO sich anschickte, die neuen Raketen zu stationieren. Insgesamt protestierten in ganz Europa mindestens drei Millionen gegen die Stationierung, darunter in Den Haag fast eine Million. In Deutschland fand ab dem 15. Oktober 1993 eine Aktionswoche statt, deren einzelne Tage bestimmten Themen oder gesellschaftlichen Gruppen (z. B. Kirchen, Frauen, Betriebe, Bildungseinrichtungen) gewidmet waren. Zu den Protesten geh\u00f6rte auch eine 108 km lange Menschenkette zwischen Stuttgart und Neu-Ulm. An Gro\u00dfdemonstrationen in Berlin, Hamburg und Bonn am 22.10.1983 nahmen 1,3 Millionen Menschen teil.<\/p>\n<p>1983 war auch das Jahr, in dem Mani begann, zun\u00e4chst ehrenamtlich im KA mitzuarbeiten. 1985 wurde er dann sein Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer. Der KA war streng nach &#8222;Spektren&#8220; aufgeteilt (SPD und SPD-nahe, DKP und DKP-nahe (KOFAZ), Unabh\u00e4ngige (mit der F\u00f6deration Gewaltfreier Aktionsgruppen-Graswurzelrevolution), christliche Gruppen wie Aktion S\u00fchnezeichen-Friedensdienste, Gr\u00fcne und Gr\u00fcn-nahe und &#8222;Sonstige&#8220; wie der BBU. Als Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des KA musste Mani das Vertrauen aller Spektren haben, um zwischen ihnen vermitteln zu k\u00f6nnen, was ihm auch gelang. Das hinderte ihn aber nicht daran, auch selbst Stellung zu beziehen. So setzte er sich z.B. f\u00fcr Demonstrationen an den Stationierungsorten und f\u00fcr Aktionen Zivilen Ungehorsams ein. Und auch seine regelm\u00e4\u00dfigen Polizeigespr\u00e4che, die er mit der Bonner Polizei f\u00fchrte und die in der Gr\u00fcndung des Bonner Forums B\u00fcrgerInnen und Polizei e. V. f\u00fchrte, und die ihm Kritik von vielen Seiten einbrachten &#8211; war das nicht Verrat, mit der Polizei zu reden? &#8211; dokumentieren, dass Mani seinen eigenen Weg zu gehen wusste.<\/p>\n<p>Nach der Stationierung der Raketen gingen die Proteste zahlenm\u00e4\u00dfig zur\u00fcck. Es waren aber bis 1986 immer noch viele Zehntausende, die sich weiter gegen die Atomraketen engagierten, wobei in Deutschland auch Aktionen Zivilen Ungehorsams, insbesondere Blockaden der Atomwaffenst\u00fctzpunkte, eine wichtige Rolle spielten. Blockaden wurden f\u00fcr einige Jahre zu &#8222;der&#8220; Aktionsform der Friedensbewegung. Die Kampagne &#8222;Ziviler Ungehorsam bis zu Abr\u00fcstung&#8220; mobilisierte mehrere Tausend Menschen zu Sitzblockaden in Mutlangen, was zu rund 3.000 Festnahmen f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Eine neue Gro\u00dfdemonstration, an der sich \u00fcber 180.000 Menschen beteiligten, fand 1986 im deutschen Dorf Hasselbach im Hunsr\u00fcck, dem geplanten Stationierungsort von Cruise Missiles, statt. 1988 kamen zu einer Demonstration an einer geplanten NATO-Zentrale in Linnich-Glimbach in der N\u00e4he von Aachen immerhin noch einige Zehntausende.<\/p>\n<p>Als die Sowjetunion unter Gorbatschow und die USA sich auf die Abr\u00fcstung der Mittelstreckenraketen verst\u00e4ndigten und diese abgezogen wurden, war auch das Ende dieser Phase der Friedensbewegung gekommen. In den 1990er Jahren und bis heute dominierten verschiedene, wechselnden Themen ihre Aktivit\u00e4ten &#8211; Abwehr neuer Kriege, die die NATO oder &#8222;Koalitionen der Willigen&#8220; in aller Welt f\u00fchrten, die Entwicklung von Alternativen der zivilen Konfliktbearbeitung, R\u00fcstungsexporte usw. Aus dem KA wurde das Netzwerk Friedenskooperative, das seine Bedeutung als Koordinierungsstelle der b\u00fcrgerlich-kirchlich-gewaltfreien Gruppen schlie\u00dflich an die 2003 gegr\u00fcndete Kooperation f\u00fcr den Frieden abgeben musste. Eine Entwicklung, die nach Aussagen von an der Gr\u00fcndung ma\u00dfgeblich Beteiligten von Mani mit Skepsis gesehen wurde. Das Netzwerk mit seinem B\u00fcro in der R\u00f6merstra\u00dfe 88 mit zuletzt drei Mitarbeitern &#8211; hier habe ich nicht das \u201agendern&#8216; vergessen: Frauen gab es in dem B\u00fcro nie -, ist aber weiterhin \u00fcber seine Website eine wichtige Rolle als Informationsquelle f\u00fcr Aktivit\u00e4ten der Friedensbewegung, wurde und wird als Organisationsmanager f\u00fcr Konferenzen und Treffen der Kooperation, und stellt die Infrastruktur f\u00fcr die Zeitschrift Friedensforum zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n<p>Mani sah man zuletzt nur noch selten im B\u00fcro und auch nur gelegentlich bei Treffen der Kooperation. Er zog es vor, seine Aufgaben &#8211; Website und Finanzen &#8211; von zu Hause aus als \u201ahome office&#8216; zu erledigen. Sein Herz hing wohl in der letzten Zeit mehr an den oben erw\u00e4hnten Aktivit\u00e4ten in anderen Bewegungen und in seiner Heimatstadt Bonn.<\/p>\n<p>Ich habe Mani in den letzten zwanzig Jahren nur wenige Male im Jahr pers\u00f6nlich getroffen &#8211; meistens nur bei den j\u00e4hrlichen Treffen der Friedensforum-Redaktion und gelegentlich bei Treffen der Kooperation f\u00fcr den Frieden. Aber wir waren st\u00e4ndig in Email-Austausch miteinander, und oftmals rief ich ihn in Bonn an. Seine letzte Mail an mich hat er am Nachmittag seines Todes geschrieben. Wie sicherlich auch manche andere aus seinem Umfeld, die nicht zu seinem engsten Freundeskreis geh\u00f6rten, habe ich nach seinem Tode viel mehr \u00fcber ihn erfahren, als ich zu seinem Lebzeiten wusste. Wir stellen als Friedensforum eine Sondernummer zu seinem Leben zusammen, und viele der hier in diesem Beitrag aufgef\u00fchrten Fakten entstammen aus den Beitr\u00e4gen, die seine FreundInnen f\u00fcr dieses Heft geschrieben haben. Mani wird uns sehr fehlen. Mit ihm hat die Friedensbewegung, aber nicht nur sie, einen ganz wichtigen Mitstreiter verloren. Er stand nicht so im Rampenlicht, war kein Prominenter wie Horst Eberhard Richter oder Wolfgang Jungk oder Dorothee S\u00f6lle, aber das wollte er auch nicht sein. Mani war Mani &#8211; seine Aufgaben m\u00fcssen jetzt andere wahrnehmen, aber die L\u00fccke wird bleiben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf Mani traf das zu, was Emma Goldmann mit dem Satz &#8222;Wenn ich nicht tanzen darf, m\u00f6chte ich an Eurer Revolution nicht beteiligt sein&#8220; zugeschrieben wird: Ein Leben, bei dem intensives politisches Engagement kein Widerspruch zu Lebens- und Sinnesfreude war. 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