{"id":13823,"date":"2014-11-01T00:00:35","date_gmt":"2014-10-31T22:00:35","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13823"},"modified":"2022-07-26T13:45:05","modified_gmt":"2022-07-26T11:45:05","slug":"fuck-the-world-ist-tot","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2014\/11\/fuck-the-world-ist-tot\/","title":{"rendered":"Fuck the World ist tot"},"content":{"rendered":"<p>\u00dcber die 90er dichtete Funny van Dannen einmal:&#8220;Die Arbeitslosenzahlen stiegen weiter und es ging um Gentechnologie &#8211; die grauen St\u00e4dte k\u00e4mpften tapfer gegen Graffiti&#8220; und wer den Song &#8222;Jan Ulrich&#8220;, aus dem dieser Vers stammt, heute noch einmal h\u00f6rt, wird sich wundern, wie wenig sich in der kapitalistisch deformierten und domestizierten menschlichen Gesellschaft in den letzten zehn bis zwanzig Jahren ge\u00e4ndert hat.<\/p>\n<p>Wo Nietzsche noch von der ewigen Wiederkunft des Gleichen philosophierte, scheint heute gar nichts mehr wiederkehren zu k\u00f6nnen, da ein Gleiches das letzte stetig abl\u00f6st, also nicht einmal eine ringf\u00f6rmige Prozesshaftigkeit, die fr\u00fcher oder sp\u00e4ter zu ihrem Anfang zur\u00fcckkehren muss, mehr stattfinden kann, da auch der, der im Kreis laufen will, mindestens einmal losgehen muss.<\/p>\n<p>Die wievielte Meisterschaft Bayern M\u00fcnchen gewonnen hat und mit wie vielen Punkten Vorsprung, ist weder einen Gedanken, noch eine Emotion wert. Keiner wei\u00df mehr, wie die Spieler, S\u00e4nger, Maler, Musiker, Schriftsteller hei\u00dfen, was einen vom anderen unterscheidet, wozu Tausende t\u00e4glich neu produzierte &#8222;Werke&#8220; der (Pop)Kultur \u00fcberhaupt da sind, beitragen oder f\u00fchren sollen.<\/p>\n<p>Bezeichnender als die Austauschbarkeit der Kulturprodukte ist letztlich nur noch das Gemaule dar\u00fcber, das &#8222;Fr\u00fcher war es besser&#8220; und &#8222;Es geht alles den Bach runter&#8220; derer, die im warmen Strom der kulturellen Verwertungsmaschine immer schon mitgeschwommen sind wo sie konnten und es f\u00fcr eine subversive Gro\u00dftat halten, hin und wieder ein paar Meter R\u00fcckenschwimmen einzulegen, um zu zeigen, wie nonkonformistisch sie doch sind.<\/p>\n<p>Jeder gierige Bankmanager, der das System nutzt, um sich daran zu bereichern ohne dabei vorzugeben, irgendwie links oder progressiv zu sein, ist im Vergleich zu all den pseudorebellischen Million\u00e4ren von Campino bis Jan Delay oder Jonathan Meese geradezu eine ehrliche Haut.<\/p>\n<p>Eine Kunst, die nicht frei ist von betriebswirtschaftlichen Beschr\u00e4nkungen, ist beschr\u00e4nkt und sie hat diese von au\u00dfen, von den Umst\u00e4nden und Verh\u00e4ltnissen diktierte Beschr\u00e4nktheit gemein mit dem Leben an sich.<\/p>\n<p>Die Erfordernisse der Wertverwertung machen vor dem Kulturbetrieb nicht halt und verwandeln jede freie Kunst ebenso wie jede lebendige Regung des Menschenmaterials in Ware, in tote, abstrakte Arbeit.<\/p>\n<p>Das Gem\u00e4lde hinter dem Million\u00e4rsschreibtisch ist so tot wie eines der Smartphones, das von der Firma hergestellt wird, die er leitet.<\/p>\n<p>Der menschliche Drang nach Spiel und Ausprobieren, nach Sexualit\u00e4t, Genuss und Verwirklichung wird zu einer Funktion, zugunsten derer alle menschlichen T\u00e4tigkeiten nicht nur der Erzeugung von akkumulierbarem Mehrwert untergeordnet, sondern letztlich nur noch allein zu diesem Zweck angewendet werden, beziehungsweise in der so genannten Freizeit zwar ausgelebt werden k\u00f6nnen, aber eben immer unter der Bedingung, dass die eigene Arbeitskraft nicht darunter leidet und der Spa\u00df nicht zu viel kostet. Diese Bedingung ist eine existenzielle und damit unhintergehbar. Wer unter solchen Bedingungen &#8222;als K\u00fcnstler arbeitet&#8220;, unterscheidet sich nur hinsichtlich seines verwertbaren Outputs noch vom Versicherungskaufmann oder Kredithai.<\/p>\n<p>Oz wusste das. Seine wenigen &#8222;legalen&#8220; Werke malte er einzig, um die horrenden Anwaltskosten, die ihm seine eigentliche Kunst einbrachte, bezahlen zu k\u00f6nnen. Ins falsche Leben wechselte OZ nur, wenn die falsche Welt mal wieder mit Gef\u00e4ngnis drohte.<\/p>\n<p>Doch selbst auf diesen Zwang, auf die Notwendigkeit Anw\u00e4lte, Gerichtskosten und Geldbu\u00dfen zahlen zu m\u00fcssen, um sein richtiges Leben \u00fcberhaupt au\u00dferhalb von Gef\u00e4ngnismauern f\u00fchren zu k\u00f6nnen, pfiff er lange und wurde daf\u00fcr von der bourgeoisen Justiz mit insgesamt acht Jahren Haft belegt. F\u00fcr Oz war alles besser als Kooperation.<\/p>\n<p>Von der BILD-Zeitung bis zur Hamburger Morgenpost, von Polizei bis Justiz hatten sich die Organe des B\u00fcrgertums l\u00e4ngst auf ihn eingeschossen. Ein gewisser vom Hamburger Volk ins Amt gew\u00e4hlter Innensenator namens Ronald Schill erkl\u00e4rte wenige Tage nachdem Oz von Mitarbeitern der Hamburger S-Bahnwache krankenhausreif gepr\u00fcgelt worden war: &#8222;Ich habe mit mehreren Menschen gesprochen, und keiner konnte eine gewisse Schadenfreude verbergen.<\/p>\n<p>Das partielle Versagen der Justiz fordert Selbstjustiz also geradezu heraus.&#8220; Die BILD-Zeitung sekundierte: &#8222;Wann wird dieser Mann endlich eingesperrt?&#8220; Und meinte damit nicht einen der pr\u00fcgelnden Bahnw\u00e4chter, sondern selbstverst\u00e4ndlich das halbtote Opfer.<\/p>\n<p>Oz errregte Hass und im Umgang mit ihm zeigte sich das rachs\u00fcchtige, das unbarmherzige, das wahre Gesicht einer Gesellschaft, die ihre eigenen Triebe, ihre erste Natur, ihr Wesen nicht zwecks eines vern\u00fcnftigen, humanen Umgangs miteinander unterdr\u00fcckt, welcher die entgangene Befriedigung in sozialer Freiheit aufheben k\u00f6nnte, sondern nur um sich am n\u00e4chsten Tag wieder mit Haut und Haaren der Anh\u00e4ufung toter Arbeit widmen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Er bringt das intuitiv auf den Punkt, als er w\u00e4hrend eines Prozesses zu Protokoll gibt, er sei Jude und ein anderes Mal mit einem Pappschild im Gerichtssaal erscheint, auf das er &#8222;Ich OZ&#8220; gemalt hat &#8211; mit einem &#8222;K&#8220; im &#8222;O&#8220;:<\/p>\n<p>Oz war ein Mann, der in seinem ganzen Leben jede &#8222;anst\u00e4ndige&#8220;, also bezahlte Arbeit zur eigenen Bereicherung verweigert hat. Einer, der, wo immer m\u00f6glich, den Kontakt zum falschen Leben, zur kapitalistischen Gesellschaft gemieden und auf ihre Honorare, Anerkennungen und Preise geschissen hat, genauso wie darauf, dass diese Gesellschaft die Tatsache, dass er die h\u00e4sslichen grauen W\u00e4nde einer h\u00e4sslichen grauen Gro\u00dfstadt mit Smileys, Tags und manchmal sch\u00f6nen, bunten Bildern verziert hat, als Straftat bezeichnet und aburteilt. Selbst als man ihm Geld und Ruhm anbot, ihn zum K\u00fcnstler machen und in den Kulturbetrieb integrieren wollte, lehnte er dankend ab und sprayte weiter.<\/p>\n<p>Ein Richter, der ihn f\u00fcr \u00fcber zwei Jahre ins Gef\u00e4ngnis schickte, belehrte OZ: &#8222;Ihre Steuerungsf\u00e4higkeit ist tats\u00e4chlich eingeschr\u00e4nkt, das vermitteln Sie mit Ihrem Verhalten.&#8220; Die Steuerungsf\u00e4higkeit eines sozialen Gef\u00fcges, das sich eine solche Sprache schafft, wirft zwar mehr Fragen auf, als die eines Mannes, der bunte, l\u00e4chelnde Gesichter an Hausw\u00e4nde malt. Der Weltgeist jedoch zeigte sich in diesem Zusammenhang von seiner grinsenden Seite: Der Vertreter der Staatsmacht, der hier sprach, tr\u00e4gt den folgerichtigen Namen Graue.<\/p>\n<p>Der Hamburger Galerist Christoph Tornow indes erkl\u00e4rte OZ einmal so: &#8222;Die Studententypen, die &#8211; ohne sie jetzt anmachen zu wollen &#8211; noch eine Zukunft vor sich haben mit Frau, Auto, Kindern und am besten einem Job als K\u00fcnstler, die haben einen anderen Mindset als der alte Typ, der einfach nichts zu verlieren hat. Er hat keine Frau, kein Auto, keine Kinder, keine Wertgegenst\u00e4nde, vielleicht auch gar keine Zukunft. Der Typ ist fuck the world. Er versucht einfach nur so lange durchzumachen, bis er irgendwann alle Viere von sich streckt. Das ist tough. Das ist Kampf. (\u2026) Er ist auf alle F\u00e4lle der Ritter der Dunkelheit und nicht der Ritter des Lichts. Er kann einem auch Angst machen. Das wei\u00df er und das will er auch. Diese Angst ist ja auch das Heilsame f\u00fcr seine Adressaten. Weil er durch sein Handeln einfach unser gesamtes System in Frage stellt. (\u2026) Er hinterfragt die Sinnhaftigkeit unserer Sozialisation.&#8220; ((1))<\/p>\n<p>Fuck the world wurde am 25. September 2014 gegen 22:30 Uhr von einer S-Bahn erfasst und im Alter von 64 Jahren get\u00f6tet. &#8222;Die Bundespolizei stellte ein frisches Graffito auf der Abdeckung einer Stromschiene fest und fand dort eine Dose und einen Rucksack&#8220;, meldet Wikipedia.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber die 90er dichtete Funny van Dannen einmal:&#8220;Die Arbeitslosenzahlen stiegen weiter und es ging um Gentechnologie &#8211; die grauen St\u00e4dte k\u00e4mpften tapfer gegen Graffiti&#8220; und wer den Song &#8222;Jan Ulrich&#8220;, aus dem dieser Vers stammt, heute noch einmal h\u00f6rt, wird sich wundern, wie wenig sich in der kapitalistisch deformierten und domestizierten menschlichen Gesellschaft in den &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2014\/11\/fuck-the-world-ist-tot\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Fuck the World ist tot - graswurzelrevolution","description":"\u00dcber die 90er dichtete Funny van Dannen einmal:\"Die Arbeitslosenzahlen stiegen weiter und es ging um Gentechnologie - die grauen St\u00e4dte k\u00e4mpften tapfer gegen Gr"},"footnotes":""},"categories":[757,1035],"tags":[],"class_list":["post-13823","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-393-november-2014","category-wunderkammer"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13823","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13823"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13823\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13823"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13823"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13823"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}