{"id":13829,"date":"2014-11-01T00:00:46","date_gmt":"2014-10-31T22:00:46","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13829"},"modified":"2022-07-26T14:12:06","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:06","slug":"applaus-dem-dingsda","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2014\/11\/applaus-dem-dingsda\/","title":{"rendered":"Applaus dem Dingsda"},"content":{"rendered":"<p>Das \u00c4rgerliche an einem Missverst\u00e4ndnis ist, dass f\u00fcr gew\u00f6hnlich alle Beteiligten in dem sicheren Bewusstsein auseinandergehen, sie h\u00e4tten sich verstanden. Wer eine der mittlerweile in erstaunlicher Zahl auch auf dem deutschen Markt erscheinenden US-amerikanischen Ver\u00f6ffentlichungen zum Thema Anarchismus aufschl\u00e4gt, sollte sich auf ein solches Missverst\u00e4ndnis gefasst machen: Denn der Begriff Anarchismus bezeichnet in der (zumal akademischen) Kulturlandschaft der Vereinigten Staaten f\u00fcr gew\u00f6hnlich etwas ziemlich anderes als in Europa. Wir reden hier immerhin von einem Land, in dem sich einmal eine &#8222;Libert\u00e4re Partei&#8220; zu nationalen Wahlen stellte, bestehend aus Reichen und Superreichen, deren Programm einzig darin bestand, keine Steuern mehr zahlen zu wollen.<\/p>\n<p>So manch breitschultriger texanischer Truckdriver nennt sich in bester \u00dcberzeugung einen &#8222;revolution\u00e4ren Anarchisten&#8220;, schlicht, weil er sich an keine Geschwindigkeitsbegrenzungen h\u00e4lt. Und tats\u00e4chlich gibt es bis heute viele in Europa lebende Amerikanerinnen und Amerikaner, die ihren Landsleuten jenseits des gro\u00dfen Teichs eine genetische Affinit\u00e4t zum Anarchismus nachsagen, eine Art angeborenen Freiheitsdrang und eine nat\u00fcrliche Neigung zu staatsferner Selbstorganisation, die sie gerne mit dem Erbe des American Frontier, der Cowboys, Trapper und Self-made-men erkl\u00e4ren. Anarchismus wird in diesem Zusammenhang zu \u00fcbersteigertem Individualismus, der auch noch zum nationalen Identit\u00e4tszeichen hochgejubelt wird: zu einer Art Cowboyhut mit gro\u00dfem, schwarzem Stern.<\/p>\n<h3>\u00dcber die Pflicht zum Ungehorsam gegen\u00fcber dem Staat<\/h3>\n<p>Die politisch belesenen unter solchen Autorinnen und Autoren berufen sich f\u00fcr ihre wunderliche Nationalpathologie gerne (im Stillen oder ausdr\u00fccklich) auf einen Klassiker der anarchistischen Weltliteratur: Henry David Thoreaus &#8222;\u00dcber die Pflicht zum Ungehorsam gegen\u00fcber dem Staat&#8220;. In diesem Text, der einen gro\u00dfen Einfluss auf das Politik- und Aktionsverst\u00e4ndnis sowohl Mahatma Gandhis als auch Martin Luther King Jr. hatte, schildert ein Ich-Erz\u00e4hler (vermutlich Thoreau), wie man ihn in den USA Mitte des 19. Jahrhunderts f\u00fcr einige Tage ins Gef\u00e4ngnis wirft, weil er sich weigert, eine neu erhobene Steuer zu bezahlen. Wer diese Verweigerung f\u00fcr sich genommen schon f\u00fcr anarchistisch h\u00e4lt, sollte den Text lieber noch einmal lesen. Denn das, was Thoreaus Aktion tats\u00e4chlich zu einem Akt des gewaltfreien, anarchistischen Widerstands macht, ist nicht seine Weigerung, Steuern zu zahlen, sondern seine Begr\u00fcndung dieser Weigerung und das politische Ziel, das er damit verfolgt &#8211; n\u00e4mlich die Abschaffung der Sklaverei und der Widerstand gegen einen imperialistischen Krieg der USA gegen Mexiko. Der politische Gehalt einer Aktion ergibt sich aus ihrer Zielsetzung &#8211; und aus sonst gar nichts. Andernfalls m\u00fcsste man wohl mit Fug und Recht die rechtsextreme Tea Party f\u00fcr ebenso anarchistisch halten wie Thoreau. Wer freilich glaubt, mit tausenden wohlhabenden Steuerbetr\u00fcgern eine gerechtere, solidarische Gesellschaft aufbauen zu k\u00f6nnen, dem sollte man viel Gl\u00fcck w\u00fcnschen &#8211; und ihm vielleicht noch rasch den Weg zur n\u00e4chsten Nervenheilanstalt erl\u00e4utern.<\/p>\n<p>Thoreau mag so etwas wie der Stammvater des US-amerikanischen Individualanarchismus sein. Die Politik jedoch ist aus seinen Ausf\u00fchrungen &#8222;\u00dcber die Pflicht zum Ungehorsam gegen\u00fcber dem Staat&#8220; keineswegs gewichen. Die in der US-Amerikanischen Diskussion zurzeit wissenschaftlich dominierenden individualistischen und anthropologischen Str\u00f6mungen dagegen drohen, den Anarchismus in aller \u00d6ffentlichkeit zu entpolitisieren.<\/p>\n<p>Diesen Vorwurf muss sich &#8211; leider &#8211; auch James C. Scott gefallen lassen. Dabei ist sein Buch &#8222;Applaus dem Anarchismus&#8220; eigentlich eine \u00fcberaus erfreuliche Erscheinung.<\/p>\n<p>Es ist witzig, geistvoll, anregend, angenehm zu lesen und voller interessanter Fakten und Ideen. Scott arbeitet als Professor f\u00fcr Politologie und Anthropologie an der US-amerikanischen Eliteuniversit\u00e4t Yale, einer konservativen Kaderschmiede, die erst vor einigen Jahren den anarchistischen Anthropologen David Graeber vom Hof gejagt hat. Vielleicht hat dieses Ereignis Scott vorsichtig werden lassen.<\/p>\n<p>Nach eigener Aussage hat er die Skizze zu seinem Buch zwanzig Jahre lang (!) in der Schublade liegen lassen, ehe er sich dazu durchringen konnte, sie zu ver\u00f6ffentlichen. Es kommt in letzter Zeit ja auff\u00e4llig h\u00e4ufig vor, dass sich vor allem in W\u00fcrden ergraute Emeriti, also ordentlich pensionierte Professorinnen und Professoren, pl\u00f6tzlich zum Anarchismus bekennen.<\/p>\n<p>Warum sie ihre revolution\u00e4re Gesinnung zu ihrer aktiven Zeit im H\u00f6rsaal so schamhaft verborgen hielten, er\u00f6rtern sie freilich nur selten. Mag sein, dass eine privilegierte Stellung auf Lebenszeit nicht unbedingt die politische Courage steigert. Aber das nur nebenbei.<\/p>\n<p>Scotts Buch ist episodisch aufgebaut und geht im Grunde der Frage nach, was geschehen m\u00fcsste (und historisch zuweilen auch geschah), um einen radikalen gesellschaftlichen Umbruch zu bewirken. Revolution bedeutet f\u00fcr Scott dabei vor allem einen Wandel der Perspektive.<\/p>\n<p>Ein wichtiges Konzept, das er bereits im Rahmen seiner zu Recht viel beachteten Forschungen zu b\u00e4uerlichen Widerstandspraktiken auf dem asiatischen Kontinent in die wissenschaftliche Diskussion eingebracht hat, ist dabei das der &#8222;Infrapolitik&#8220;.<\/p>\n<p>Mit Infrapolitik bezeichnet Scott Praktiken des Regelbruchs oder der Regeldehnung, deren Akteure gerade kein Interesse haben an einer wie auch immer gearteten \u00d6ffentlichkeit. Vor allem die schw\u00e4chsten Mitglieder einer Gesellschaft bedienten sich, so Scott, infrapolitischer Praktiken, nicht selten aus purer \u00dcberlebensnotwendigkeit: &#8222;Unter Infrapolitik verstehe ich Aktionen wie Verz\u00f6gerung, Wildern, Stibitzen, Verstellung, Sabotage, Desertion, Fernbleiben, Besetzung und Flucht&#8220; (S. 18).<\/p>\n<p>Wer an postkolonialer Theorie geschult ist, insbesondere an den wegweisenden, aber sprachlich garstigen Arbeiten Gayatri Chakravorty Spivaks, wird beim Lesen von Scotts Darlegungen des \u00d6fteren in sich hinein schmunzeln: Die Subalterne kann also doch sprechen! Nur will sie es meistens gar nicht.<\/p>\n<p>Denn infrapolitische Praktiken funktionieren nur so lange, wie ihre Akteurinnen und Akteure unentdeckt bleiben.<\/p>\n<p>Sie sind daher, weit mehr noch als Formen des \u00f6ffentlichen, politischen Protestes oder des offenen Widerstands, auf solidarische Netzwerke angewiesen, die sie st\u00fctzen, decken oder auch von ihnen profitieren: &#8222;Man k\u00f6nnte sagen, dass historisch gesehen das Ziel von Bauern und subalternen Klassen darin besteht, in den Archiven nicht pr\u00e4sent zu sein. Wenn sie in Erscheinung treten, dann kann man ziemlich sicher sein, dass irgendetwas schrecklich schiefgegangen ist&#8220; (S. 37).<\/p>\n<p>Man hat es also letztlich mit einer Verdopplung der sozialen Ordnung zu tun: Auf der einen Seite gibt es die sichtbare, offizielle, nicht selten \u00e4sthetisierte Ordnung, die sich in Gesetzen niederschl\u00e4gt, von Lehrern vermittelt und von Polizisten gesch\u00fctzt werden soll. Auf der anderen Seite jedoch gibt es auch die funktionale Ordnung, die das (\u00dcber)Leben einer Gesellschaft in Wahrheit sicherstellt.<\/p>\n<p>Diese Duplizit\u00e4t der Ordnungen, so Scott, verschafft den niederen Schichten ihr politisches Gestaltungspotential: &#8222;[der] Grundrespekt f\u00fcr die Handlungsf\u00e4higkeit der Nicht-Eliten scheint nicht nur staatlicherseits, sondern auch durch die sozialwissenschaftliche Praxis verraten worden zu sein [&#8230;] Je besser ein soziales oder wirtschaftliches Ordnungssystem geplant, geregelt und formalisiert ist, desto wahrscheinlicher ist es von informellen Prozessen abh\u00e4ngig, die das formale System nicht anerkennt, ohne die es aber nicht weiterexistieren k\u00f6nnte, Prozessen n\u00e4mlich, die das formale System allein nicht hervorbringen und erhalten kann&#8220; (S. 21, 69).<\/p>\n<p>Scott macht \u00fcberzeugend deutlich, dass infrapolitische Eingriffe nicht selten verantwortlich waren f\u00fcr den Ausgang gro\u00dfer politischer Konflikte. Etwa w\u00e4hrend des Amerikanischen B\u00fcrgerkriegs: Die Niederlage der S\u00fcdstaaten sei in dem Moment besiegelt gewesen, als tausende von Soldaten desertierten, um sich an der Erntearbeit auf ihren kleinen Farmen zu beteiligen.<\/p>\n<p>Sklaven konnten sich ohnehin nur die reichen Gro\u00dfgrundbesitzer leisten. Eine m\u00f6gliche Aufhebung der Sklaverei ber\u00fchrte die einfachen Soldaten daher \u00fcberhaupt nicht. Ohne die Jahresernte jedoch h\u00e4tte das \u00dcberleben ihrer Familien auf dem Spiel gestanden. Diese Massendesertion sei, so Scott, gewiss kein bewusster, politischer Protest gewesen. Den Ausgang des Kriegs (mit)entschieden habe sie aber trotzdem. Auch die Differenz von sichtbarer und funktionaler Ordnung illustriert Scott an einer ganzen Reihe von Beispielen. Besonders erheiternd ist sein Bericht \u00fcber einen &#8222;Streik&#8220;, der nur dadurch die Produktion lahmgelegt habe, dass die Arbeiter die Anweisungen ihrer Ingenieure bis aufs i-T\u00fcpfelchen befolgt h\u00e4tten. Sie wussten genau, dass die Regularien der sichtbaren Ordnung das Werk ins Chaos st\u00fcrzen w\u00fcrden. Scott versteht die politische Entwicklung der letzten Jahrzehnte als gro\u00dfangelegten Versuch des Staates und der gesellschaftlichen Eliten, diese funktionalen Ordnungen zugunsten einer immer straffer und technischer werdenden zentralisierten, \u00e4sthetischen Ordnung zur\u00fcckzudr\u00e4ngen. Hier setzt auch seine Forderung nach einem Wandel der Perspektive an: &#8222;[wir] machen alle gerne den Fehler, sichtbare Ordnung mit funktionaler Ordnung und sichtbare Komplexit\u00e4t mit Unordnung gleichzusetzen&#8220; (S. 71).<\/p>\n<p>Man kann Scotts Position mit einem recht banalen Beispiel verdeutlichen: Ein Paragraphenreiter, der nicht bereit ist, auch nur ein Jota vom formellen Gesetzestext abzuweichen, obwohl es daf\u00fcr gute Gr\u00fcnde g\u00e4be, ma\u00dft sich im Grunde eine Perspektive an, die ihm gar nicht zukommt. Denn eine sichtbare, \u00e4sthetische Ordnung erkennt man in ihrer Gesamtheit immer nur von oben &#8211; und von au\u00dfen. Er sieht sich, dieweil er seine Mitb\u00fcrgerinnen und Mitb\u00fcrger schikaniert, also gewisserma\u00dfen auf dem Balkon des K\u00f6nigs, Pr\u00e4sidenten oder Industriekapit\u00e4ns stehen. Dass er in Wahrheit nur ein Kraut im Garten der Herrschaft ist, kann er f\u00fcr den Moment vergessen.<\/p>\n<p>Da die Nicht-Eliten in Scotts Modell die Kraft zur politischen Gestaltung bereits &#8222;von Natur aus&#8220; haben, liegt ihr Problem somit vor allem in einer mangelnden Bewusstwerdung. &#8222;Applaus dem Anarchismus&#8220; beginnt denn auch folgerichtig mit einer Episode, in der sich der junge Scott, zu Besuch im deutschen Osten, belehren lassen muss, er k\u00f6nne nicht einfach so bei Rot \u00fcber die Ampel gehen, auch wenn weit und breit kein Auto zu sehen sei. &#8222;Warum eigentlich nicht?&#8220;, fragt er sich. Infrapolitische Regelverletzungen &#8211; wie etwa, bei Rot \u00fcber die Ampel zu gehen &#8211; nennt Scott &#8222;anarchistische Frei\u00fcbungen&#8220; (S. 29).<\/p>\n<p>Er h\u00e4lt sie f\u00fcr einen unverzichtbaren Beitrag zur Bewusstwerdung der eigenen M\u00f6glichkeiten, alternative Ordnungen zu verwirklichen. Denn Ideen und politische Strukturen entwickeln sich nach Scotts \u00dcberzeugung aus Handlungen, nicht umgekehrt: &#8222;[&#8230;] die gro\u00dfen emanzipatorischen Zugewinne f\u00fcr die menschliche Freiheit [sind] nicht das Ergebnis ordnungsgem\u00e4\u00dfer institutioneller Vorg\u00e4nge, sondern [verdanken] sich den unordentlichen, unvorhersehbaren, spontanen Aktionen [&#8230;], die die Sozialordnung von unten her aufgesprengt haben&#8220; (S. 163). Also: Wenn wir von nun an alle brav bei Rot \u00fcber die Ampel laufen, dann kommt die Anarchie, richtig?<\/p>\n<h3>Kinder, Kinder, Kinder.<\/h3>\n<p>Das Problem an Scotts auf den ersten Blick durchaus ansprechender Argumentation ist, dass er sein Augenmerk einzig und allein auf die Formen sozialer Aktionen richtet, und nicht auf deren Ziele. Fast m\u00f6chte man meinen, die gesamte (durchaus anspruchsvolle) anarchistisch-anthropologische Forschung der letzten Jahrzehnte h\u00e4tte sich zur Aufgabe gemacht, das alte Graffiti: &#8222;Anarchie ist machbar, Herr Nachbar&#8220; wissenschaftlich zu untermauern. Nun ist es ja gewiss sehr sch\u00f6n zu wissen, dass es schon in weit zur\u00fcckliegender Zeit herrschaftsfreie Strukturen, sagen wir, innerhalb der Kleinbauernschaft Indonesiens gab, oder dass in einer armen Kleinstadt auf Madagaskar die Bev\u00f6lkerung chronisch an ihrem B\u00fcrgermeister vorbei entscheidet.<\/p>\n<h3>Bleibt nur die Frage: Was n\u00fctzt das alles?<\/h3>\n<p>Die blo\u00dfe Tatsache, dass Menschen sich zusammenschlie\u00dfen und sich etablierten Ordnungssystemen phantasievoll wiedersetzen k\u00f6nnen, sagt n\u00e4mlich nicht das Geringste dar\u00fcber aus, warum sie so etwas tun. Auch Scott ist nat\u00fcrlich klar, dass die funktionale Ordnung in der \u00fcberwiegenden Mehrzahl der F\u00e4lle die sichtbare Ordnung st\u00fctzt, anstatt sie zu gef\u00e4hrden. Anarchistisch ist an ihrer blo\u00dfen Existenz gar nichts. Freie Zusammenschl\u00fcsse und infrapolitische Praktiken k\u00f6nnen ebenso gut dazu dienen, die Einrichtung von Fl\u00fcchtlingsheimen zu verhindern, Arme aus wohlhabenden Stadtvierteln zu verjagen oder ausl\u00e4ndische Gem\u00fcsel\u00e4den in Brand zu stecken, wenn die eigene Fu\u00dfballnationalmannschaft verloren hat. Mit fortgesetzten Verweisen auf eine vorgebliche kulturanthropologische Konstante des Anarchismus in der Menschheitsgeschichte lassen sich die dr\u00e4ngenden politischen Probleme der Gegenwart weder l\u00f6sen noch vern\u00fcnftig angehen. Im Gegenteil: B\u00fccher wie &#8222;Applaus dem Anarchismus&#8220; erwecken &#8211; sicherlich, ohne es zu wollen &#8211; den Eindruck, als h\u00e4tte Anarchismus mit Politik gar nichts zu tun; als g\u00e4be es eine unerkannte, verdeckte, naturnotwendige Gemeinschaftlichkeit unter den Menschen, die man mit ein paar \u00dcbertretungen der Verkehrsregeln ins Bewusstsein locken kann &#8211; so man beim \u00dcberqueren der Ampel nicht doch \u00fcberfahren wird. Es ist schon merkw\u00fcrdig, dass Scott sich zu Recht gegen die Entpolitisierung wichtiger gesellschaftlicher Prozesse durch ihre Standardisierung, Technisierung und Quantifizierung wendet, aber nicht bemerkt, wie sehr er selber zur Entpolitisierung einer revolution\u00e4ren Idee beitr\u00e4gt. Wenn ein im Sinne Scotts, Graebers und anderer verstandener Anarchismus tats\u00e4chlich schon immer zur nat\u00fcrlichen Lebenswirklichkeit der Menschheit geh\u00f6rte &#8211; wieso sieht dann die Welt so aus, wie sie aussieht?<\/p>\n<p>Die Schwierigkeiten liegen l\u00e4ngst nicht mehr darin, den Menschen bewusst zu machen, dass sie auf ihr Schicksal grunds\u00e4tzlich Einfluss nehmen k\u00f6nnen. Die Schwierigkeiten liegen darin, Kriterien f\u00fcr eine w\u00fcnschenswerte soziale Ordnung zu entwickeln und zu vermitteln, die das \u00dcberleben auf diesem Planeten vielleicht noch sicherstellen kann.<\/p>\n<p>Dass so etwas nur in einem weiten, offenen, extrem konfliktbeladenen Diskussionsprozess \u00fcber einen sehr langen Zeitraum hinweg (wenn \u00fcberhaupt) m\u00f6glich ist, wei\u00df jeder, der sich auch nur einmal in ein Stadtviertelkomitee gesetzt hat. Die Entideologisierung des Anarchismus hat seiner sozialen Wirksamkeit gut getan. Seine drohende Entpolitisierung allerdings wird ihn von der soziokulturellen Landkarte verschwinden lassen.<\/p>\n<p>Analytisch bietet &#8222;Applaus dem Anarchismus&#8220; ohne Zweifel n\u00fctzliche und originelle Geisteswerkzeuge (auch wenn Scotts &#8222;zweifaches Hoch auf die Kleinb\u00fcrger&#8220; (S. 106-123), die er unbedenklich mit den Kleinbauern zusammenwirft, eher albern ist).<\/p>\n<p>Es finden sich sogar literarische Perlen, etwa Scotts bei\u00dfende Satire \u00fcber eine zuk\u00fcnftige Reform an seiner Universit\u00e4t Yale, in der die Quantifizierung menschlicher Leistungen endg\u00fcltig Amok l\u00e4uft und der Zitationsindex auf einem an der Stirn der Professoren angebrachten Minibildschirm permanent ablesbar sein wird. Politisch aber ist sein Buch, wieder einmal, ein eher tr\u00fcbes Produkt US-Amerikanischer Individualismusverherrlichung.<\/p>\n<p>Applaudiert wird in &#8222;Applaus dem Anarchismus&#8220; nicht dem Anarchismus als politischer Idee, sondern einem ungreifbaren, obskuren, anscheinend naturw\u00fcchsigen, unverbindlichen, weitgehend konfliktfreien Geistergebilde. Einem extrapolitischen Dingsda.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das \u00c4rgerliche an einem Missverst\u00e4ndnis ist, dass f\u00fcr gew\u00f6hnlich alle Beteiligten in dem sicheren Bewusstsein auseinandergehen, sie h\u00e4tten sich verstanden. 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