{"id":13839,"date":"2014-12-01T00:00:29","date_gmt":"2014-11-30T22:00:29","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13839"},"modified":"2022-07-26T13:31:00","modified_gmt":"2022-07-26T11:31:00","slug":"waffen-fuer-rojava","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2014\/12\/waffen-fuer-rojava\/","title":{"rendered":"Waffen f\u00fcr Rojava?"},"content":{"rendered":"<p>Die Menschen in Koban\u00ea\/Rojava w\u00e4hlen die Formen der Verteidigung ihres Experimentes der demokratischen Selbstverwaltung selbst.<\/p>\n<p>Allerdings werden sie von vielen Linken hierzulande oft f\u00fcr eigene politische Phantasien instrumentalisiert. Dabei \u00e4ndern auch Besuche vor Ort kaum etwas, denn jede\/r BesucherIn der deutschsprachigen Linken stellt die Situation gem\u00e4\u00df der eigenen politischen Wunschwahrnehmung dar.<\/p>\n<p>So schreibt etwa der Wiener Thomas Schmidinger zur Forderung nach alliierten Bodentruppen aus Koban\u00ea: &#8222;Es bleibt unklar, ob diese nun von Seiten der kurdischen VerteidigerInnen der Stadt erw\u00fcnscht sind oder nicht.&#8220; ((1))<\/p>\n<p>Schmidinger ist seit Jahren kompromissloser Kriegspropagandist f\u00fcr alliierte Milit\u00e4rinterventionen im Nahen und Mittleren Osten. Deren bisheriges fatales Scheitern scheint ihn nicht zu bek\u00fcmmern. Er ist Autor des soeben im Mandelbaum Verlag erschienen Buches &#8222;Krieg und Revolution in Syrisch-Kurdistan&#8220; und hat dieses am 22.10.2014 in Wien vorgestellt. Dabei forderte er explizit den Einmarsch von NATO-Bodentruppen in Rojava. Die Lieferung von Waffen hielt er nicht f\u00fcr sinnvoll, da sich KurdInnen damit ob ihrer inneren Konflikte dann nur gegenseitig t\u00f6ten w\u00fcrden. ((2))<\/p>\n<p>Trotz dieser Positionen wurde sein Text als Leitartikel im ak abgedruckt und Schmidinger dadurch als seri\u00f6ser Journalist der Linken anerkannt. Dem Artikel von Schmidinger widersprach in einer Presseerkl\u00e4rung vehement und in mehreren Punkten Ercan Ayboga von der Informationsstelle Kurdistan in Hamburg: &#8222;Die demokratische Selbstverwaltung von Koban\u00ea hat nie internationale Bodentruppen verlangt, sondern Waffen und insbesondere einen dauerhaften Korridor von der T\u00fcrkei aus nach Koban\u00ea. Der Korridor wird immer mehr zur Hauptforderung der Menschen von Koban\u00ea.&#8220; ((3))<\/p>\n<p>Sowohl Schmidinger f\u00fcr seine Buchrecherchen und viele Interviews mit regionalen BewohnerInnen als auch Ercan Ayboga als Beteiligter einer Besuchsgruppe im Mai 2014 in der Region Ciz\u00eer\u00ea waren also vor Ort. Und sie widersprechen sich diametral.<\/p>\n<h3>Die Widerspr\u00fcchlichkeit linker Aufrufe als Legitimierung der R\u00fcstungsindustrie<\/h3>\n<p>In dieser Kritik geht es jedoch ausschlie\u00dflich um die deutschsprachige Linke bzw. libert\u00e4re Gruppen.<\/p>\n<p>Die diversen linken oder libert\u00e4ren Aufrufe f\u00fcr Waffenhilfe in Koban\u00ea, ob international oder national, f\u00fcr die Demos vom 1. November oder sp\u00e4ter, sind widerspr\u00fcchlich, wenn man sich die Forderungen genau ansieht: Mal werden die Bundeswehr und deutsche R\u00fcstungsfirmen explizit von der Waffenhilfe ausgeschlossen und deren Lieferungen an die T\u00fcrkei und die Golfstaaten kritisiert, mal ist das nicht der Fall. Mal werden Bodentruppen explizit gefordert, mal zumindest durch die Lagebeschreibung und die Logik der Argumentation nahe gelegt. Dabei ist oft ein Umschlag um 180 Grad in der Lagebeschreibung noch gegen\u00fcber grunds\u00e4tzlichen kriegskritischen Positionen vor ca. einem halben Jahr zu beobachten. Pl\u00f6tzlich werden nicht mehr die Milit\u00e4rinterventionen der &#8222;internationalen Koalition&#8220; (und damit auch der Bundeswehr) im Mittleren Osten kritisiert, sondern nun wird, ganz im Gegenteil, dazu aufgefordert, gerade &#8222;effektiver&#8220; als bisher milit\u00e4risch einzugreifen.<\/p>\n<p>F\u00fcr diesen Zweck werden f\u00fcr Koban\u00ea\/Rojava die alliierten Luftschl\u00e4ge in ihrer Wirksamkeit drastisch herabgesetzt &#8211; ganz im Gegensatz zu einigen Verlautbarungen der VerteidigerInnen von Koban\u00ea w\u00e4hrend der Zeit, als die Stadt in die H\u00e4nde des IS zu fallen drohte. So hie\u00df es etwa schon im Internationalen Aufruf f\u00fcr die Demos am 1. November: &#8222;Die sogenannte internationale Koalition im Kampf gegen den IS hat dem kurdischen Widerstand nicht effektiv geholfen.&#8220; ((4))<\/p>\n<p>Im Aufruf zur Solidarit\u00e4tsdemo w\u00e4hrend der Linken Literaturmesse in N\u00fcrnberg am 1. November hie\u00df es: &#8222;Die internationale Staatengemeinschaft verweigert ihnen [den \u201aVolksverteidigungskr\u00e4ften&#8216; der YPG] nicht nur humanit\u00e4re Hilfe, sondern auch die dringend ben\u00f6tigten modernen Waffen.&#8220; ((5))<\/p>\n<p>Fakt ist aber, dass die US-Armee w\u00e4hrend der Tage des Kampfes sowohl Nahrungsmittel wie Waffen \u00fcber dem kurdischen Teil der Stadt abgeworfen hat, was Erdogan scharf kritisiert hat. ((6))<\/p>\n<p>In einem Rostocker Aufruf hei\u00dft es: &#8222;Die multiethnischen und multireligi\u00f6sen Selbstverwaltungsstrukturen im Kanton Koban\u00ea und Rojava m\u00fcssen endlich anerkannt und auf allen Ebenen &#8211; auch mit effektiven Waffen &#8211; unterst\u00fctzt werden.&#8220; ((7))<\/p>\n<p>Und Schmidinger meint nur lapidar, die IS-Banden seien &#8222;nicht mit einigen kosmetischen Luftangriffen aufzuhalten.&#8220; ((8))<\/p>\n<p>Diese Denunziation angeblicher Ineffizienz dient immer nur einer Logik der Argumentation f\u00fcr Bodentruppen, ob sie nun explizit gefordert werden oder nicht.<\/p>\n<p>Die Widerspr\u00fcchlichkeit der Aufrufe zeigt die gro\u00dfe Schw\u00e4che der Argumentation dieser &#8222;militaristischen&#8220; Teile der Linken, die auch die Waffenhilfe nicht immer konsequent und durchweg direkt als Zahlung an Koban\u00ea\/Rojava verstanden wissen will. Doch auch wenn die Spenden f\u00fcr Waffen direkt an Koban\u00ea\/Rojava geleitet werden, bleibt der Grundwiderspruch: Die Waffen m\u00fcssen ja gekauft werden, auf dem Schwarzmarkt gibt es nur veraltete Waffen, wer &#8222;moderne Waffen&#8220; kaufen will, und darunter tun es Forderungen aus der deutschsprachigen Linken nie, fordert damit notwendig staatliche R\u00fcstungsexporte und kurbelt die Profitmaximierung deutscher und internationaler R\u00fcstungsfirmen an. Indem sie etwas nicht explizit ausschlie\u00dft; indem sie an existierende Herrschaftsstrukturen Forderungen herantr\u00e4gt, die nur auf vorhersehbare Weise darauf reagieren k\u00f6nnen, tr\u00e4gt diese Bewegung dann allerdings zur Konfusion und zur m\u00f6glichen Instrumentalisierung der Forderung nach Waffenhilfe f\u00fcr Rojava bei.<\/p>\n<p>Die herrschenden Medien, die Parteien, Gr\u00fcne, Linke, SPD bis hin zur Bundesregierung f\u00fchlen sich nun auch von linker Seite generell zu weiteren Waffenlieferungen durch deutsche R\u00fcstungsfirmen (seien das nun Diehl, Heckler &amp; Koch, EADS, MAN, Krauss-Maffei, Messerschmitt usw.) in alle Welt und zu weiteren potentiellen Bundeswehreins\u00e4tzen legitimiert, denn die Begrenzung auf Rojava machen sie nie mit.<\/p>\n<h3>Die Verwirrung unter autonomen AntimilitaristInnen<\/h3>\n<p>Seit Jahren gibt es die antimilitaristischen Sommercamps &#8222;War Starts Here!&#8220; gegen das Gefechts\u00fcbungs-Zentrum der Bundeswehr (G\u00dcZ) in der Colbitz-Letzlinger Heide, zuletzt mit einem Camp gewaltfreier Aktionsgruppen und einem Camp autonomer AntimilitaristInnen (vgl. GWR 390 ff.). In Letzterem wurde bei der Volksk\u00fcche ein Banner mit dem Bild eines Peschmerga-K\u00e4mpfers mit MG aufgespannt, das zwar kritisiert, aber auch nicht abgeh\u00e4ngt wurde. Vor allem \u00e4ltere Autonome auf dem Camp wollten eine Pressemitteilung ver\u00f6ffentlichen, in der explizit Waffenlieferungen der Bundeswehr nach Koban\u00ea abgelehnt wurden.<\/p>\n<p>Sie ahnten wohl, dass sie den Widerstand gegen ein \u00dcbungszentrum der Bundeswehr gleich lassen k\u00f6nnen, wenn gutgehei\u00dfen wird, dass die Bundeswehr nun nicht mehr nur Peschmerga-K\u00e4mpferInnen an modernen Waffen ausbilden soll, sondern alsbald auch K\u00e4mpferInnen aus Koban\u00ea. Obwohl es intern viel Zustimmung daf\u00fcr gab, wurde die Pressemitteilung schlie\u00dflich doch nicht ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p>In der Orga-Gruppe und bei Nachbereitungstreffen sind es vor allem j\u00fcngere Autonome zwischen 20 und 30 Jahren, die sich einerseits antimilitaristisch nennen, gleichzeitig aber auch f\u00fcr &#8222;Waffen f\u00fcr Rojava&#8220; spenden. Sie diskutieren emphatisch die Unterschiede zwischen Milit\u00e4r, Miliz, Guerilla und Partisanenverb\u00e4nden. Sie sehen dabei in der Regel das Problem, was Krieg aus Menschen macht, bleiben aber trotzdem bei ihrer Position. ((9))<\/p>\n<p>Dieselben Probleme und Widerspr\u00fcche d\u00fcrften sich bei der kommenden Mobilisierung f\u00fcr die jedes Jahr stattfindenden Proteste gegen die milit\u00e4rische Sicherheitskonferenz in M\u00fcnchen auftun, die urspr\u00fcnglich ebenfalls von antimilitaristischen autonomen Gruppen initiiert worden sind. Sie alle stehen in dem Dilemma, einerseits die Bundeswehr als Waffenlieferer f\u00fcr die T\u00fcrkei und via t\u00fcrkische Waffenlieferungen f\u00fcr den IS als mitverantwortlich f\u00fcr den m\u00f6rderischen IS-Krieg zu erkl\u00e4ren und gleichzeitig an diese Bundesregierung, diese Bundeswehr und die deutschen R\u00fcstungsfirmen Lieferungen &#8222;moderner&#8220; und &#8222;effektiver&#8220; Waffen herantragen zu m\u00fcssen. Aus diesem Widerspruch gibt es kein Entkommen und daraus resultiert notwendig eine \u00f6ffentlichkeitswirksame Legitimierung von Bundeswehr und Waffenindustrie von linksradikaler Seite.<\/p>\n<p>Es zeigt sich hier \u00fcberhaupt das Dilemma eines bestimmten Verst\u00e4ndnisses von Antimilitarismus &#8211; und gleichzeitig der Grund daf\u00fcr, warum gewaltfreie AktivistInnen den eindeutigen Begriff gewaltfreier Anarchismus vorziehen. Schon in der Geschichte sozialrevolution\u00e4rer Bewegungen war mit antimilitaristischer Kritik zun\u00e4chst nur die b\u00fcrgerliche, zaristische oder franquistische Armee mit klaren Befehlsstrukturen und Offizieren gemeint. Partisanen, Guerilla, Milizen konnten demnach als &#8222;antimilitaristisch&#8220; gelten, obwohl sowohl die Russische Revolution 1917 wie auch die Spanische Revolution 1936 zeigten, dass die wechselnde Wahl der Befehlshaber bei jedem Angriff nie lange durchzuhalten war, sich milit\u00e4risch als nicht &#8222;effektiv&#8220; zeigte und binnen k\u00fcrzester Zeit einer &#8222;Militarisierung der Milizen&#8220; notwendig weichen musste. Die benannten Widerspr\u00fcche des heutigen autonomen Antimilitarismus sind nur ein Spiegelbild dieser mehrfach belegten historischen Erfahrung.<\/p>\n<h3>Die schiefen Vergleiche mit der Spanischen Revolution von 1936<\/h3>\n<p>In nahezu allen Aufrufen wird ein Vergleich gezogen zwischen der milit\u00e4rischen Verteidigung der Spanischen Revolution (manchmal auch &#8222;Republik&#8220;) von 1936 und der Verteidigung von Koban\u00ea\/Rojava. Auch wenn die sozialen Errungenschaften von Koban\u00ea gerade im Vergleich mit IS unzweifelhaft vorzuziehen und verteidigenswert sind, gibt es bei diesem Vergleich doch mehrere Schieflagen:<\/p>\n<p>Die Militarisierung der Milizen in Spanien f\u00fchrte zum Verlust jedes revolution\u00e4ren und emanzipativen Inhalts, l\u00e4ngst vor dem Sieg Francos. Es war der Krieg, der damals die Revolution zunichte machte. Revolution kann sich in einem dauerhaften B\u00fcrgerkrieg nicht entwickeln und wird immer wieder durch milit\u00e4rische Imperative zur\u00fcckgedr\u00e4ngt und hierarchisiert! Die Form bestimmt \u00fcber den Inhalt.<\/p>\n<p>Dies best\u00e4tigt eine Bemerkung von Ercan Ayboga in seiner Antwort auf den Schmidinger-Artikel. Schmidinger hatte kritisiert, dass der parteiunabh\u00e4ngige Premierminister von Ciz\u00eer\u00ea zu den &#8222;reichsten Unternehmern und Landbesitzern Syriens&#8220; geh\u00f6rte. Ayboga konnte hier faktisch nicht widersprechen, verteidigte aber die kleinb\u00e4uerliche Struktur, nach der nur 20 % des Landes Gro\u00dfgrundbesitzern geh\u00f6rten, sowie dass von syrischen Truppen verlassenes staatliches Land verteilt worden sei und die aufgebauten Kooperativen Fortschritte machten. Dennoch gab er zu: &#8222;Die ungerechte Landverteilung ist dem MRGK [Volksrat Westkurdistans, andernorts auch DSV, demokratische Selbstverwaltung, genannt] bewusst. Aus diversen und verst\u00e4ndlichen (Krieg, Embargo, Bewusstsein in der Gesellschaft etc.) Gr\u00fcnden wird diese Frage zun\u00e4chst nach hinten gestellt.&#8220; ((10))<\/p>\n<p>In Spanien war das &#8222;Bewusstsein in der Gesellschaft&#8220; am Anfang verbreitet, der Landbesitz und die kapitalistischen Betriebe bis hin zu Kleinbetrieben wurden aktiv kollektiviert, hier hingegen wird diese Absicht &#8222;nach hinten gestellt&#8220;. Erst soll der Krieg gewonnen werden.<\/p>\n<p>Das aber muss gerade Spanien-KennerInnen bekannt vorkommen: In Spanien bedeutete, dem Krieg Vorrang vor der Kollektivierung zu geben, das Ende der Revolution und die Zerst\u00f6rung der Kollektive. Der milit\u00e4rische Imperativ des Krieges dr\u00e4ngt die Kollektivierung in Koban\u00ea sofort nach hinten, in Spanien war sie das sp\u00e4tere Opfer dieses Imperativs.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem haben die Westm\u00e4chte trotz aller Aufrufe aus Spanien nie auf Seiten der Republik\/Revolution eingegriffen oder Waffen geliefert und die Waffenhilfe der Sowjetunion andererseits diente der milit\u00e4rischen Durchsetzung der stalinistischen KP im republikanischen Lager.<\/p>\n<p>Was aber kann im Irak seit 1991 bis heute und seit den Waffenlieferungen seit Ende 2011 auch an Oppositionelle in Syrien beobachtet werden? Permanente westliche Milit\u00e4rinterventionen seit 25 Jahren, die genau dazu gef\u00fchrt haben, wof\u00fcr heute der IS steht. Siehe gleichfalls die bezeichnende Entwicklung in Libyen, das von Anfang der Revolte 2011 von der internationalen Waffenindustrie mit Waffen geradezu vollgestopft worden ist und wo nun militaristisch-islamistische Warlords dominieren.<\/p>\n<p>So \u00e4hnelt bei diesen Konstellationen kaum etwas Spanien 1936.<\/p>\n<p>Wie so oft bei historischen Bez\u00fcgen und herbeizitierten Parallelen handelt es sich um eine Projektion, um den Versuch, momentane Stellungnahmen und Interessen durch historische Bezugspunkte mit scheinbar eindeutigen Botschaften plausibel erscheinen zu lassen.<\/p>\n<h3>Militaristische Propaganda: Frauen mit Knarre all\u00fcberall<\/h3>\n<p>Militarismus definiert sich dadurch, milit\u00e4rische Kampfformen, Kampfanz\u00fcge, Normen, Ikonographien, Filme und Fotos auf die gesamte Gesellschaft auszudehnen. Genau das geschieht in der derzeitigen Kampagne &#8222;Waffen f\u00fcr Rojava&#8220; vor allem bei der linken Propaganda mit Frauen an der Knarre, die fast zu einem ikonographischen Fetisch wird. Es wird suggeriert, bewaffnet k\u00e4mpfende Frauen seien der Gipfel der Emanzipation. Die Gegenbehauptung w\u00e4re, dass Frauen hier durch Linke und Libert\u00e4re aus der BRD f\u00fcr ihre eigenen Phantasien vom bewaffneten Kampf paternalistisch instrumentalisiert werden.<\/p>\n<p>Wieder werden Form und Inhalt verwechselt. Die Form, Frauen an der Knarre, zeigt eben nicht den Inhalt, dass n\u00e4mlich Frauen tats\u00e4chlich \u00fcberproportional an der gesellschaftlichen Selbstorganisation von Rojava beteiligt sind, weil sie dort verantwortliche Positionen \u00fcbernehmen; dass tats\u00e4chlich etwas aufbricht und Frauen auch in der Familie nicht mehr geschlagen werden.<\/p>\n<p>Warum werden gerade von Seiten der Linken nicht haupts\u00e4chlich Fotos mit Frauen in diesen gesellschaftlichen Funktionen und im \u00f6ffentlichen Leben gezeigt? Durch die bewaffnete Ikonographie wird suggeriert, dass nur bewaffnete K\u00e4mpfe und bewaffnete Frauen emanzipatorisch sind. Doch formal gibt es auch in der iranischen Armee separate Frauenbataillone.<\/p>\n<p>Und wie in einer gemischten Milit\u00e4reinheit von Koban\u00ea werden seit Jahrzehnten einige hundert Kilometer westlich dieser Stadt, in der israelischen Armee n\u00e4mlich, seit Jahrzehnten bewaffnete Frauen gleichberechtigt in gemischten Armeeeinheiten eingesetzt. Ist aufgrund dieser Form die israelische Armee qua Biologismus eine Befreiungsarmee &#8211; oder ist sie nicht doch eher eine Besatzungs- und Unterdr\u00fcckungsarmee mit Frauen als Mit-T\u00e4terinnen? Die Frau an der Knarre zeigt eben nicht den spezifischen Inhalt ihrer gesellschaftlichen Stellung.<\/p>\n<p>Abzuwarten bleibt schlie\u00dflich, ob nicht die milit\u00e4rische Notwendigkeit des schieren Mangels an milit\u00e4rischem Personal gewissen Einfluss auf die Frauenmobilisierung in Rojava hatte und nicht doch &#8211; wie in so vielen antikolonialen Befreiungsbewegungen &#8211; nach der Befreiung\/Stabilisierung ein Rollback stattfinden wird.<\/p>\n<h3>F\u00fcr eine Spaltung und Isolierung des IS<\/h3>\n<p>Was m.E. heute in Syrien und im Irak stattfindet, ist ein auf unbegrenzte Zeit propagierter Warlord-Krieg epochalen Ausma\u00dfes. Der IS ist ein Ungeheuer, das im Irak Jahrzehnte des B\u00fcrgerkriegs und Hunderttausende Tote durch die Invasion der alliierten Armeen hervorgebracht haben (trotz der Autonomie in Nord-Kurdistan). Und in Syrien wurde der IS seit dem \u00dcbergang der syrischen Opposition vom monatelangen, bewunderungsw\u00fcrdigen gewaltfreien Kampf zum bewaffneten Kampf durch den jahrelangen B\u00fcrgerkrieg nach oben gesp\u00fclt, von Anfang an befeuert durch die westliche R\u00fcstungsindustrie, Geheimdienste und Waffenh\u00e4ndler, die die Opposition vom Libanon aus bewaffneten. Ist es so undenkbar, dass IS vielleicht nicht einmal das letzte Ungeheuer sein wird, das dieser gro\u00dfregionale Warlord-Krieg produziert, wenn der Abwehrkampf in einen lang andauernden Krieg, mit erweiterten internationalen Interventionen und nicht endenden Lieferungen moderner Waffensysteme \u00fcbergeht?<\/p>\n<p>Damit muss radikal gebrochen werden, gerade durch libert\u00e4re und antimilitaristische Gruppen. Und bedarf es da nicht eines prinzipiellen R\u00fcckgrats, diesen Bruch nicht schon wieder bei der ersten unterst\u00fctzenswerten Entwicklung oder Bewegung, die es immer wieder geben wird, aufzugeben?<\/p>\n<p>Es wird hier nicht behauptet, f\u00fcr jeden Fall und zu jeder Stunde innerhalb dieses gro\u00dfregionalen Krieges eine L\u00f6sung parat zu haben. Koban\u00ea\/Rojava verteidigt sich, wie es das in dieser Situation kann und f\u00fcr sich will.<\/p>\n<p>Aber die Macht des IS muss eher aus dem Innern seines eigenen Herrschaftsbereichs gebrochen werden. Das ist keineswegs unrealistisch: Im Irak 2006\/2007 hat es bereits sunnitische Aufst\u00e4nde gegen Al-Qaida gegeben, als Letztere kein Geld mehr f\u00fcr die Grundversorgung der armen Schichten ihrer tragenden Kernbev\u00f6lkerung hatte.<\/p>\n<p>Erst Ende Oktober 2014 wurde ein sunnitischer Aufstand gegen den IS im westirakischen Anbar brutal niedergeschlagen, aber er beweist zun\u00e4chst, dass es ein Potential f\u00fcr Revolten bei den SunnitInnen im IS-Herrschaftsbereich gibt, nur vorerst keine Gleichzeitigkeit. Wenn die IS-Unterst\u00fctzung durch die T\u00fcrkei, Katar und Saudi-Arabien gestoppt und der Erl\u00f6s aus dem \u00d6lhandel, sowie die internationalen Gesch\u00e4fte des IS abgeschnitten werden, sind weitere solche Aufst\u00e4nde m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Mit der Forderung nach effizienterer Bombardierung, mit vereinzelten Aufrufen f\u00fcr alliierte Bodentruppen in Syrien und mit den Kampagnen f\u00fcr die Lieferung moderner Waffen wird die sunnitische Bev\u00f6lkerung dagegen gerade in die H\u00e4nde des IS getrieben. ((11))<\/p>\n<p>Die Millionen Fl\u00fcchtlinge u.a. aus Syrien, dem Irak und Afghanistan brauchen offene Grenzen, Asyl, Nahrung und warme Kleidung f\u00fcr den anbrechenden Winter.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Menschen in Koban\u00ea\/Rojava w\u00e4hlen die Formen der Verteidigung ihres Experimentes der demokratischen Selbstverwaltung selbst. Allerdings werden sie von vielen Linken hierzulande oft f\u00fcr eigene politische Phantasien instrumentalisiert. Dabei \u00e4ndern auch Besuche vor Ort kaum etwas, denn jede\/r BesucherIn der deutschsprachigen Linken stellt die Situation gem\u00e4\u00df der eigenen politischen Wunschwahrnehmung dar. So schreibt etwa der &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2014\/12\/waffen-fuer-rojava\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Waffen f\u00fcr Rojava? - graswurzelrevolution","description":"Die Menschen in Koban\u00ea\/Rojava w\u00e4hlen die Formen der Verteidigung ihres Experimentes der demokratischen Selbstverwaltung selbst. Allerdings werden sie von vielen"},"footnotes":""},"categories":[760,1025,1030],"tags":[],"class_list":["post-13839","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-394-dezember-2014","category-die-waffen-nieder","category-es-wird-ein-laecheln-sein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13839","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13839"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13839\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13839"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13839"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13839"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}