{"id":13843,"date":"2014-12-01T00:00:45","date_gmt":"2014-11-30T22:00:45","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13843"},"modified":"2022-07-26T14:22:17","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:17","slug":"auge-um-auge-zank-um-zank","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2014\/12\/auge-um-auge-zank-um-zank\/","title":{"rendered":"Auge um Auge, Zank um Zank"},"content":{"rendered":"<p>Nahezu t\u00e4glich wird noch auf dem Donezker Flughafen gek\u00e4mpft. Trotz der offiziellen Waffenruhe wird hier weiterhin geschossen und gestorben, erobert und zur\u00fcckerobert.<\/p>\n<p>Hier geht es nicht um eine Landebahn und auch nicht um einen m\u00f6glicherweise strategisch wichtigen Knotenpunkt. Es geht um die Deutungshoheit \u00fcber die Geschichte, gro\u00dfe Emotionen und Symbole, die nicht ohne die wechselseitige Historie der ukrainisch-russischen Beziehungen zu verstehen sind.<\/p>\n<h3>Das umstrittene Erbe des Kiewer Rus<\/h3>\n<p>Als \u00e4ltester ostslawischer Staat gilt die im 9. Jahrhundert gegr\u00fcndete Kiewer Rus. Das Kerngebiet dieses Gro\u00dfreiches erstreckte sich in etwa \u00fcber die heutigen Territorien von Belarus, der Ukraine und Westrusslands.<\/p>\n<p>Das Erbe der Kiewer Rus wird bis heute insbesondere in Russland und der Ukraine kontrovers diskutiert, wobei selten valide historische Fakten ausgetauscht werden, sondern politisch motivierte Interpretationen der Geschichte miteinander konkurrieren.<\/p>\n<p>Die russische Interpretation der Kiewer Rus geht von der Existenz eines &#8222;Altrussischen Volkes&#8220; aus, welches sich aus der multikulturellen Bev\u00f6lkerung ((1)) der Rus entwickelt hat. Vereinigende Elemente dieses Volkes waren die dominante slawische Kultur und seit 988 das Bekenntnis zum christlich-orthodoxen Glauben. Das Altrussische Volk bestand dieser Lesart nach aus drei miteinander verwobenen Str\u00e4ngen: den Russen, den Wei\u00dfrussen und den Kleinrussen ((2)).<\/p>\n<p>Da die Hauptstadt des Rus&#8216; anfangs das heute in Russland liegende Nowgorod war, wird &#8222;Kiewer Rus&#8220; als irref\u00fchrend wahrgenommen und die Bezeichnung &#8222;Altrussischer Staat&#8220; bevorzugt. Nach dem Auseinanderfallen des Reiches sahen sich Moskauer F\u00fcrsten als einzig legitime Nachfolgeherrscher und begr\u00fcndeten das Gro\u00dff\u00fcrstentum Moskau, aus dem im Laufe der Geschichte die heutige Russische F\u00f6deration hervorging.<\/p>\n<p>Der ukrainische Diskurs verweist dagegen, dass das Machtzentrum des Reiches in Kiew lag. Falls es einen legitimen Rechtsnachfolger des Gro\u00dfreiches g\u00e4be, w\u00fcrde dieser demzufolge die Ukraine sein.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zur russischen These, dass die Ukrainer Partikularteilchen der Altrussen seien, versuchte der ukrainische Historiker und sp\u00e4tere Pr\u00e4sident der kurzlebigen Ukrainischen Volksrepublik Mychajlo Hruschuewskyj jeglichen Zusammenhang dieser Identit\u00e4ten zu widerlegen. Ihm zufolge h\u00e4tten sich Ukrainer und Russen seit jeher getrennt voneinander entwickelt und die Russen keinen nennenswerten Einfluss auf die Kiewer Rus gehabt.<\/p>\n<p>Es verwundert daher nicht, dass seit der Unabh\u00e4ngigkeit der Ukraine 1991 die Kiewer Rus h\u00e4ufig als rein ukrainisches Reich ausgewiesen wird.<\/p>\n<h3>Erinnerungen an Sowjetunion, Holodomor und Weltkrieg<\/h3>\n<p>Unter sowjetischer Herrschaft stand die formal unabh\u00e4ngige Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik de facto unter dem Einfluss Moskaus.<\/p>\n<p>Um dem theoretischen Rahmen der sowjetischen Vielv\u00f6lkerrepublik ((3)) zu gen\u00fcgen, wurde die russische These, dass Ukrainer, Russen und Wei\u00dfrussen Subidentit\u00e4ten der Altrussen waren, offiziell verworfen und diese drei Gruppen als sich jeweils eigenst\u00e4ndig aus den Altrussen entwickelte V\u00f6lker ausgewiesen.<\/p>\n<p>Die Unterordnung Kiews unter Moskau wurde gemeinhin nicht begr\u00fc\u00dft, jedoch mit dem Blick auf das Schicksal der anderen &#8222;autonomen&#8220; Sowjetrepubliken als nicht direkt gegen die Ukrainer gerichtetes Unternehmen interpretiert. Anders verh\u00e4lt es sich bei der sowjetischen Hungersnot 1932-1933, die in der Ukraine als Holodomor ((4)) bezeichnet wird.<\/p>\n<p>Diese durch wirtschaftliche Fehlplanungen hervorgebrachte Hungerkatastrophe kostete Millionen Menschen in der Ukraine das Leben. Die Schuld wird in der Ukraine der Zentralmacht in Russland zugeschrieben, w\u00e4hrend diese darauf verweist, dass in der Hungersnot auch viele Nicht-Ukrainer starben.<\/p>\n<p>Bis heute bem\u00fcht sich der ukrainische Staat darum, dass der Holodomor als V\u00f6lkermord an den Ukrainern international anerkannt wird. Umgekehrt bildeten sich unter deutscher Besatzung im Westen der Ukraine antisowjetische Partisanenverb\u00e4nde, die f\u00fcr eine unabh\u00e4ngige Ukraine k\u00e4mpften und dabei zeitweise mit den Nazis kollaborierten.<\/p>\n<p>Zwischen 1924 und 1954 wurden der Ukraine immer wieder Gebiete der Nachbarstaaten zugeschlagen oder aberkannt. Die 1954 von Chruschtschow an die Ukraine &#8222;\u00fcbergebene&#8220; Krim ist daf\u00fcr das wohl prominenteste Beispiel.<\/p>\n<p>Durch die h\u00e4ufige Verschiebung von de facto bedeutungslosen Grenzen innerhalb der Sowjetunion und der regional gezielten Ansiedlung von Russen in der Ukraine, bildeten sich zwischen Russen und Ukrainern Verwandtschaften \u00fcber Staatsgrenzen hinweg aus.<\/p>\n<p>Nach dem Kollaps des realexistierenden Sozialismus und der Unabh\u00e4ngigkeit der Ukraine 1991 wurden die Menschen durch Grenzen getrennt, denen pl\u00f6tzlich wieder eine Bedeutung zukam.<\/p>\n<p>Die Geschichte der ukrainisch-russischen Beziehungen liefern allerhand Material, um das jeweilige Gegen\u00fcber als feindlich wahrnehmen zu k\u00f6nnen &#8211; wenn man sich denn grunds\u00e4tzlich auf das Konstrukt der Nation als &#8222;imaginierte Gemeinschaft&#8220; ((5)) einl\u00e4sst.<\/p>\n<p>Bei diesem Konflikt geht es nicht nur um abstrakte Gebilde wie Staatlichkeit oder Rechtsnachfolgen, sondern auch um sehr handfeste Dinge: Gl\u00fchende Nationalisten beider Lager zanken sich bis heute darum, ob nun Russen oder Ukrainer Wodka, Borschtsch oder Kwas zuerst erfanden.<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang sind auch die Streitigkeiten \u00fcber die Grenzziehung zwischen den Staaten zu verstehen.<\/p>\n<p>Der stark emotionalisierte Streit um die kulturellen, rechtlichen oder identit\u00e4ren Zugeh\u00f6rigkeiten bestimmter Regionen im ukrainisch-russischen Grenzgebiet ist daher nichts Neues.<\/p>\n<p>Die Geschichte liefert dabei einen umfangreichen Fundus an Untaten, die der Gegenseite vorgehalten werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<h3>Separatisten, Soldaten, Rechtsradikale<\/h3>\n<p>Nachdem die Menschen vergangenen Winter auf dem Maidan Viktor Janukowitsch verjagt hatten, konstituierte sich eine \u00dcbergangsregierung, der neben pro-westlichen Parteien mit Swoboda auch eine offen rechtsradikale und russophobe Gruppierung angeh\u00f6rte.<\/p>\n<p>Im \u00fcberwiegend russisch gepr\u00e4gten Osten der Ukraine rief diese Entwicklung \u00c4ngste vor wirtschaftlichem Niedergang der Region und Diskriminierung durch ukrainische Rechtsradikale hervor.<\/p>\n<p>Im Anschluss riefen bewaffnete separatistische Gruppen die Volksrepubliken Luhansk und Donezk aus, welche sich zusammen als &#8222;F\u00f6derativer Staat Neurussland&#8220; bezeichnen und etwa 10% der Fl\u00e4che der Ukraine ausmachen.<\/p>\n<p>Der Begriff &#8222;Neurussland&#8220; kn\u00fcpft an die im 18. Jahrhundert so bezeichnete Grenzregion zwischen der S\u00fcdostukraine und Russland an. Nicht zuf\u00e4llig ist Pawel Gubarew, seines Zeichens &#8222;Volksgouverneur&#8220; von Donezk und Chef der &#8222;Volkswehr des Donbass&#8220;, Vorsitzender der &#8222;Partei Neurussland&#8220;, die u.a. vom russischen rechtsintellektuellen Alexander Dugin ((6)) gegr\u00fcndet wurde.<\/p>\n<p>Vor seinem Posten in der Separatistenrepublik durchlief Gubarew zahlreiche politische Organisationen, darunter auch offen neo-nationalsozialistische Parteien wie der &#8222;Allrussischen Nationalen Einheit&#8220;.<\/p>\n<p>Gubarews Schicksal als politischer F\u00fchrer ist jedoch ungewiss: Seit Oktober 2014 liegt er nach einer schweren Verletzung im Koma.<\/p>\n<p>Die beliebte rhetorische Figur der Separatisten, dass in Kiew eine &#8222;faschistische Junta&#8220; regieren w\u00fcrde und man mit den Separatistenverb\u00e4nden lediglich eine antifaschistische Gegenwehr aufgebaut h\u00e4tte, l\u00e4uft zumindest mit der Personalie Gubarew ins Leere.<\/p>\n<p>Sowohl aus der Westukraine, als auch aus dem Kernland der Russischen F\u00f6deration reisen nationalistisch orientierte junge M\u00e4nner gezielt in die Krisenregion, um mit der Waffe f\u00fcr ihre historische Wahrheit zu k\u00e4mpfen und im Zweifel auch zu sterben.<\/p>\n<p>Dabei wird das &#8222;Engagement&#8220; der Freiwilligen gezielt daf\u00fcr genutzt, besonders heikle Operationen zu unternehmen. Eventuelle Menschenrechtsverst\u00f6\u00dfe k\u00f6nnen so schwieriger geahndet werden und menschliche Opfer fallen aus der offiziellen Statistik der Armee heraus. Der Tod der Freiwilligen wird auch billigend in Kauf genommen, da es f\u00fcr beide Zentralregierungen unvorteilhaft w\u00e4re, milit\u00e4rische Formationen im Nacken zu haben, die nicht nur bewaffnet und kampferprobt sind, sondern sich auch mit propagandistisch ausschlachtbaren &#8222;Erfolgen&#8220; r\u00fchmen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Schon jetzt stehen Putin und Poroschenko innenpolitisch unter Druck. Ultrarechte Gruppen, die sich den Kampf bzw. die Verteidigung der Grenzregion auf die Fahne geschrieben haben, kritisieren das milit\u00e4rische Vorgehen der &#8222;eigenen&#8220; Seite als zu nachsichtig. Eine totale milit\u00e4rische Eskalation des Konflikts d\u00fcrfte jedoch nicht im Interesse der Zentralregierungen sein.<\/p>\n<p>Ein f\u00fcr die offiziellen F\u00fchrungen m\u00f6gliches Zukunftsszenario, w\u00e4re ein eingefrorener Konflikt mit weitgehenden Autonomiezugest\u00e4ndnissen an die Volksrepubliken, bei offiziellem Verbleib in der Ukraine.<\/p>\n<h3>Eine gewaltfreie Perspektive?<\/h3>\n<p>Die eigentlichen Probleme w\u00e4ren damit selbstredend nicht gel\u00f6st. Man wird sich selbst mit viel gutem Willen sehr schwer damit tun, eine Einigung \u00fcber die Zugeh\u00f6rigkeit der einzelnen Gebiete zu finden.<\/p>\n<p>An dieser Stelle offenbart sich einmal mehr die Dysfunktionalit\u00e4t des Konzepts des Nationalstaats, der f\u00fcr sich beansprucht mit einer Zentralregierung alle Belange der als homogen angenommenen Bev\u00f6lkerung regeln zu m\u00fcssen &#8211; unabh\u00e4ngig ob das neue &#8222;Neurussland&#8220; der Ukraine oder Russland zugestanden wird.<\/p>\n<h3>Wie kann eine gewaltfreie Perspektive in diesem kriegerischen Szenario aussehen?<\/h3>\n<p>Als erster Schritt muss an den Verhandlungstisch zur\u00fcckgekehrt werden. Ein mit der Waffe erzwungener Siegfrieden hat noch nirgendwo einen ernsthaft demokratischen Neustart herstellen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Langfristig muss der Mythos der Nation dekonstruiert werden, bis sich langj\u00e4hrige Nachbarn nicht mehr als &#8222;imperialistische Russen&#8220; oder &#8222;faschistische Ukrainer&#8220;, sondern als Mitmenschen, KollegInnen oder sogar PartnerInnen verst\u00e4ndigen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Gewaltfreie AnarchistInnen sowohl in Russland, als auch in der Ukraine, lehnen das Vorgehen beider Konfliktparteien ab.<\/p>\n<p>Anarchistische Bewegungen k\u00f6nnen in der Region ebenfalls auf eine eigene Geschichte verweisen. ((7))<\/p>\n<p>Eine eigenst\u00e4ndige anarchistische Position, die alle Menschen prim\u00e4r als Menschen und nicht als Mitglied eines homogenen Volkskollektivs begreift, ist in der Region vorhanden. Leider ist sie viel zu leise, um den L\u00e4rm der Gefechte \u00fcbert\u00f6nen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nahezu t\u00e4glich wird noch auf dem Donezker Flughafen gek\u00e4mpft. Trotz der offiziellen Waffenruhe wird hier weiterhin geschossen und gestorben, erobert und zur\u00fcckerobert. Hier geht es nicht um eine Landebahn und auch nicht um einen m\u00f6glicherweise strategisch wichtigen Knotenpunkt. 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