{"id":1385,"date":"1997-10-01T00:00:33","date_gmt":"1997-09-30T22:00:33","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=1385"},"modified":"2022-07-26T14:17:05","modified_gmt":"2022-07-26T12:17:05","slug":"unbegriffene-facetten-der-anarchie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1997\/10\/unbegriffene-facetten-der-anarchie\/","title":{"rendered":"Unbegriffene Facetten der Anarchie"},"content":{"rendered":"<p>Das &#8222;Lexikon der Anarchie&#8220; ben\u00f6tigt nun bereits einen zweiten Ringbuchordner und wird als Nachschlagewerk vollst\u00e4ndiger. Die 4. Erg\u00e4nzungslieferung enth\u00e4lt folgende Biographien: Bakunin von Wolfgang Eckhardt, Carl Einstein von Marianne Kr\u00f6ger, Ernst Friedrich von Ulrich Klemm, Bernard Lazare von Chaim Seeligmann, John Henry Mackay von Uwe Timm, Pierre Ramus von Adi Rasworschegg, Wilhelm Reich von Bernd A. Laska und Rudolf Rocker von Hartmut R\u00fcbner. Besonders der Beitrag \u00fcber Lazare mit seinen zahlreichen Hinweisen auf weiterf\u00fchrende Literatur ist geeignet, vernachl\u00e4ssigte und unbekannte Aspekte der Geschichte des Anarchismus neu anzusprechen (bisher wurde Lazare nur wahrgenommen, wo es tats\u00e4chlich unvermeidlich ist, auf ihn aufmerksam zu werden, n\u00e4mlich im Zusammenhang mit der Dreyfus-Affaire, vgl. GWR 193, S. 16). Zusammen mit Chaim Seeligmanns Beitrag \u00fcber j\u00fcdische anarchistische Bewegungen und dem \u00fcber die Kibbuz-Bewegung, beide ebenfalls in dieser Lieferung erschienen, wird an die Tradition der jiddischen anarchistischen Zeitungen erinnert, die wechselseitigen Affinit\u00e4ten anarchistischer und j\u00fcdischer Au\u00dfenseiter- Erfahrung. Au\u00dferdem werden auch Aspekte der wechselvollen Beziehung zwischen Anarchismus und Zionismus angesprochen, die gerade im deutschsprachigen Raum sehr viel mehr Beachtung als bisher verdienen.<\/p>\n<p>Auch andere \u00dcberlegungen k\u00f6nnen durch solche Beitr\u00e4ge angesto\u00dfen werden: In dem Text \u00fcber die Kibbuzim kann man\/frau &#8211; jenseits der konkreten, in israelische nationale Politik verstrickten Entwicklungen und die auch hier einzubeziehende verh\u00e4ngnisvolle Rolle der Gewaltbereitschaft und Verkriegung von sozialen Gruppen, die ihrem Selbstverst\u00e4ndnis nach sozialistisch sind &#8211; einige der Probleme erkennen, von denen ich meine, da\u00df die AnarchistInnen sich nicht ausreichend mit ihnen auseinandersetzen: B\u00fcrokratisierung, Privatisierung, Professionalisierung und Wiederanschlu\u00df an kapitalistische \u00d6konomie. Die sozialistischen Ideale der Gr\u00fcnderInnengeneration (wie sehr auch diese oft schon nationalistisch \u00fcberformt waren) werden zur\u00fcckgedr\u00e4ngt, sicher zum Teil durch die geistige Dominanz und materielle Zw\u00e4nge der kapitalistisch-nationalistischen Umwelt. Aber die inneren Probleme der Lebensweise in selbstverwalteten Gemeinschaften, wie sie immer wieder und \u00fcberall aufgetaucht und theoretisch noch kaum erfa\u00dft sind, w\u00e4ren in ihrer Wechselwirkung mit der kapitalistisch-etatistischen Gesellschaft noch zu bearbeiten (am vorl\u00e4ufigen Ende langer Diskussionen k\u00f6nnte auch daraus ein Lexikonartikel werden). Die Reich\u2019sche Frage nach den Bedingungen, unter denen der Kampf um Freiheit &#8222;nicht mehr, wie bisher stets, in eine neue Art Unfreiheit m\u00fcnde&#8220; (S. 7 des Stichworts in dieser Lieferung) hat viele unbegriffene Facetten.<\/p>\n<p>Die Abwehrbewegungen gegen Gewalt kommen in den Texten des Lexikons gut zur Sprache; in dieser Lieferung ist ein 10seitiger Beitrag von unserem Genossen Wolfram Beyer \u00fcber Anti-Militarismus besonders erw\u00e4hnenswert. Da\u00df im anarchistischen Lexikon auch Sozialbewegungen und Reformprojekte mit Schlagworten vertreten sind, die nur teilweise anarchistisch beeinflu\u00dft sind oder eine Wirkung auf anarchistische Aktivit\u00e4ten hatten, wie die Kibbuzim oder die von Ulrich Klemm behandelten Weltlichen Schulen, ist wichtig, weil es die Unabgeschlossenheit und wechselseitige Einflu\u00dfnahme sozialer Bewegungen dokumentiert. Dies ist auch beim &#8222;F\u00f6deralismus&#8220; der Fall, der keineswegs immer anarchistisch begr\u00fcndet ist, wie Lutz Roemheld zeigt. Es ist besonders schwer, \u00fcber Konzepte einer anderen Vergesellschaftung zu schreiben, ohne diese immer blo\u00df vor der Negativfolie des Bek\u00e4mpften darzustellen. So ist auch der F\u00f6deralismus als Alternative zum Zentralismus in der anarchistischen Literatur immer wieder beschworen worden, aber es verbinden sich damit durchaus unterschiedliche und nur mit Vorsicht &#8222;positiv&#8220; zu beschreibende Konzepte. Gerade im Hinblick auf die oben angesprochene Frage, wie B\u00fcrokratisierung, ein spontan und von unten immer wieder neu entstehender Entfremdungsproze\u00df von &#8222;Zentren&#8220; gegen\u00fcber ihrer &#8222;Basis&#8220; behindert oder aufgel\u00f6st werden k\u00f6nnte, ist das F\u00f6deralismus- Thema eine zentrale Frage unserer Theorie und Praxis. In ihrer Verbindung zu anderen Themen wie der Gr\u00f6\u00dfe von sozialen Gruppen und deren Beschlu\u00dffassung, der Abgrenzung von in die Verantwortung von Einzelnen oder von verschiedenen Gruppen fallenden Aufgaben und Entscheidungen wird \u00fcber viele Aspekte des Themas in der GWR seit langem diskutiert. Konsensverfahren, Gruppenautonomie contra effektives, gemeinsames Handeln haben uns das Spannungsfeld zwischen Separatismus und zentralistischer Vereinheitlichung auch praktisch, oft schmerzhaft erfahren lassen. K\u00fcrzlich gab es in der GWR eine Diskussion \u00fcber &#8222;anarchistisches Recht&#8220;, deren Gegenstand auch Formen der Vereinbarung und der Trennung waren, und die Frage nach angemessenen Begriffen, um die &#8222;Verfassung&#8220; einer anarchistischen Gesellschaft zu beschreiben. Die Schwierigkeiten sehe ich alle. Dennoch (deshalb?) ist der F\u00f6deralismus-Text des Lexikons der Beitrag, der mich am st\u00e4rksten entt\u00e4uscht hat: zu geistesgeschichtlich, teilweise verschwimmt geradezu, was mit &#8222;F\u00f6deralismus&#8220; gemeint ist. Besonders bei dem Abschnitt \u00fcber die historisch-politische Entwicklung erscheint mir an vielen Stellen zweifelhaft, ob ein beschriebenes Ph\u00e4nomen sinnvoll &#8222;f\u00f6deralistisch&#8220; genannt werden kann (anarchistisch schon gar nicht). Ein Problem, das ich mit dem Text habe, ist auch seine Sprache. Auch andere Artikel sind in ihrer Ausdrucksweise und Satzkonstruktion nicht ohne zweifelhafte oder zu allgemeine Wendungen. Aber hier wird, sei es unter dem Zwang gedr\u00e4ngter Zusammenfassung und notwendiger Verk\u00fcrzung, sei es durch ein bestimmtes Verst\u00e4ndnis von &#8222;Wissenschaftlichkeit&#8220; in sehr langen S\u00e4tzen oft sehr unklar ausgedr\u00fcckt, was der Verfasser meint. St\u00f6rend ist etwa, da\u00df er den Begriff &#8222;politisch&#8220; immer (mindestens 5mal im vorliegenden Text) mit einem vorangestellten &#8222;i.w.S.d.W.&#8220; begleitet, was im Abk\u00fcrzungsverzeichnis aufgel\u00f6st ist als &#8222;im weitesten Sinne des Wortes&#8220;. Da\u00df man den Begriff &#8222;politisch&#8220; verschieden gebrauchen kann und es einen weiter gefa\u00dften Inhalt als Parteipolitik, Haupt- und Staatsaktionen geben kann, w\u00fcrden die LeserInnen wahrscheinlich anders auch und besser begreifen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das &#8222;Lexikon der Anarchie&#8220; ben\u00f6tigt nun bereits einen zweiten Ringbuchordner und wird als Nachschlagewerk vollst\u00e4ndiger. Die 4. 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