{"id":13861,"date":"2014-12-01T00:00:27","date_gmt":"2014-11-30T22:00:27","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13861"},"modified":"2022-07-26T14:22:17","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:17","slug":"gedanken-zum-mord-an-remi-fraisse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2014\/12\/gedanken-zum-mord-an-remi-fraisse\/","title":{"rendered":"Gedanken zum Mord an R\u00e9mi Fraisse"},"content":{"rendered":"<p>R\u00e9mi ist in die K\u00e4mpfe gegen den etwa 300 Meter langen Damm involviert, der seit Anfang September gebaut wird.<\/p>\n<p>Der Damm soll den Fluss Tescou stauen, um die Bew\u00e4sserung der ungef\u00e4hr 30 dort ans\u00e4ssigen agrarindustriellen Gro\u00dfbetriebe zu sichern. Daf\u00fcr soll ein gesch\u00fctztes Feuchtgebiet von 20 Hektar Gr\u00f6\u00dfe geopfert werden. Die Kosten f\u00fcr das Mammutprojekt von \u00fcber 8 Millionen Euro tr\u00e4gt die \u00f6ffentliche Hand, die Agrarindustrie wird nicht zur Kasse gebeten.<\/p>\n<p>Zwar kam eine Untersuchung, die vom franz\u00f6sischen Umweltministerium in Auftrag gegeben wurde, zu dem Schluss, dass die Kosten und die Umweltzerst\u00f6rung wom\u00f6glich doch untersch\u00e4tzt wurden. Gleichzeitig verk\u00fcndete der Bericht aber auch, dass es nun zu sp\u00e4t sei, den Bau noch zu stoppen.<\/p>\n<p>&#8222;Angesichts der schlechten Argumentationslage haben sich die Autorit\u00e4ten dazu entschieden das Vorhaben mit Druck durchzusetzen&#8220;, stellt das Kollektiv zur Rettung des Testet fest. Nachdem argumentativ kein Stopp des Baus erreicht werden konnte, kam es zur Besetzung des betroffenen Waldst\u00fcckes durch Naturschutzaktivist_innen. Diese Besetzung wurde mit mehreren hundert Polizist_innen ger\u00e4umt, um mit dem Bau zu beginnen. So gr\u00fcndete sich ein neues Kollektiv, die &#8222;Bouilles&#8220;, die mit dezidiert gewaltfreien Mitteln, wie dem Erklettern von B\u00e4umen oder dem Eingraben auf den von den Maschinen genutzten Wegen, gegen das Projekt protestieren.<\/p>\n<p>In dieser Situation kam es, wie schon oft zuvor, am 25.10. zu einer Gro\u00dfdemonstration gegen den Bau, an der sich etwa 7000 Leute beteiligten. Die Organisator_innen hatten zu gewaltfreien Protesten aufgerufen und die Anwesenden darum gebeten, sich nicht durch die Gewalt der Polizei, die in der Vergangenheit bereits brutal gegen die Proteste vorgegangen war, provozieren zu lassen.<\/p>\n<p>Der Pr\u00e4fekt hatte zuvor versichert, am Tag der Demonstration auf die Pr\u00e4senz von Polizeieinheiten im Wald zu verzichten, zumal sich dort am Wochenende keinerlei Maschinen oder Arbeiter_innen befanden. Trotzdem waren 250 Aufstandsbek\u00e4mpfungspolizist_innen der auf der Baustelle verschanzt.<\/p>\n<p>&#8222;Der einzige Grund, der die \u00fcberm\u00e4\u00dfige Anwesenheit von Sicherheitskr\u00e4ften in Sivens an diesem Tag rechtfertigt, ist demnach der Wille der Regionalverwaltung die Situation an diesen zwei Demonstrationstagen eskalieren zu lassen&#8220;, hei\u00dft es von Mitgliedern des Koordinationskreises f\u00fcr die Mobilisierung gegen den Staudamm.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber diskutieren R\u00e9mi und seine Mitstreiter_innen nach der Demonstration am Lagerfeuer wohl auch. Was haben die Gendarmen vor? Wie kann derartigen Provokationen begegnet werden? R\u00e9mi verteidigt in dieser Diskussion die Position, die er auch vorher stets vertreten hatte: Dass auf Gewalt gegen Personen verzichtet werden m\u00fcsse. Wie genau die Diskussion ablief, wissen wir nicht, klar ist nur, dass sich R\u00e9mi gegen Mitternacht einer Gruppe anschlie\u00dft, die gegen die Pr\u00e4senz der Polizei vorgehen will.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu den meisten anderen Personen in dieser Gruppe, tr\u00e4gt er keinerlei Ausr\u00fcstung, um sich vor den Waffen der Aufstandsbek\u00e4mpfungs-Einheiten zu sch\u00fctzen. Der genaue Verlauf der Ereignisse, die dann folgen, ist unklar. Jedenfalls kommt es zu einem Scharm\u00fctzel zwischen den Polizist_innen und den Demonstrierenden, in dem erstere alle verf\u00fcgbaren Waffen von Schlagst\u00f6cken \u00fcber Tr\u00e4nengas bis hin zu Schockgranaten einsetzen.<\/p>\n<p>Diese Schockgranaten werden von verschiedenen Armeen im H\u00e4userkampf zur St\u00fcrmung von R\u00e4umen benutzt. Die Gendarmerie, die Landpolizei in Frankreich, ist organisatorisch und juristisch dem Milit\u00e4r angegliedert, sie untersteht sowohl dem Innen- als auch dem Verteidigungsministerium. Deshalb benutzt sie auch dieselben Waffen, die in milit\u00e4rischen Eins\u00e4tzenbenutzt werden, d.h. Kriegswaffen. Der Einsatz dieser Kriegswaffen ist in Frankreich gegen Protestaktionen und Demonstrationen aller Art \u00fcblich, egal ob diese Gewalt anwenden oder nicht. Bei der Explosion dieser Granaten ist eine extrem laute Detonation von ca. 160 Dezibel zu h\u00f6ren. Bei einigen Granaten verteilen sich Gummigeschosse sowie Splitterteile aus Metall.<\/p>\n<p>Die Splitterteile der Granaten sollen Menschen verletzen und k\u00f6nnen sich mehrere Zentimeter in den K\u00f6rper bohren, wobei auch Arterien oder Nerven getroffen werden k\u00f6nnen. Die operative Entfernung ist gef\u00e4hrlich, die Opfer m\u00fcssen die Splitterteile deshalb oft im K\u00f6rper behalten. Andere Granaten, wie die &#8222;grenade offensive sans \u00e9clats 410&#8220;, haben keine Splitterteile, die Wucht der Explosion kann aber zu schweren Verletzungen oder zum Tod f\u00fchren. Eine solche Granate ist es &#8211; dem TNT nach zu schlie\u00dfen, das an seiner Kleidung gefunden wurde &#8211; die R\u00e9mi an der Schulter trifft. Vermutlich ist er sofort tot.<\/p>\n<p>Seine Mitstreiter_innen k\u00f6nnen das aber nicht mit Sicherheit best\u00e4tigen, denn nachdem R\u00e9mi zu Boden geht, wird er von Polizist_innen hinter deren Reihen geschleift. Erst behaupten sie, er w\u00e4re wohl von seinen eigenen Mitstreiter_innen get\u00f6tet worden, oder h\u00e4tte in seinem Rucksack Sprengstoff getragen, der detoniert sei. Mittlerweile haben die Obduktionsberichte jedoch zweifelsfrei gezeigt: R\u00e9mi wurde am Sonntag, den 26.10.2014, ungef\u00e4hr um zwei Uhr nachts von der Polizei ermordet.<\/p>\n<p>In verschiedenen St\u00e4dten in Frankreich kam es zu gro\u00dfen Spontandemonstrationen gegen diese ultimative Form der Polizeigewalt. &#8222;Die Angst muss die Seite wechseln&#8220;, hie\u00df es. Viele Feuer brannten, Barrikaden wurden errichtet. Der Vater von R\u00e9mi hat inzwischen Anzeige wegen vors\u00e4tzlicher T\u00f6tung gegen einen unbekannten Vertreter der Staatsgewalt eingereicht. Im Fernsehen appellierte er in einer Stellungnahme auch an die Freund_innen und Mitstreiter_innen seines Sohns, ihrer Wut nicht mit Gegengewalt Ausdruck zu verleihen.<\/p>\n<p>Von staatlicher Seite gab es au\u00dfer noch mehr Repression tagelang keine Stellungsnahmen zu R\u00e9mis Tod. Anfang November verbot Innenminister Cazeneuve vorl\u00e4ufig den Einsatz der Schockgranaten durch die Polizei.<\/p>\n<p>Gleichzeitig betonte er jedoch, dass solche Waffen &#8222;schon seit Jahrzehnten zur Aufrechterhaltung der Ordnung eingesetzt&#8220; w\u00fcrden und &#8222;noch nie get\u00f6tet&#8220; h\u00e4tten. Das ist eine L\u00fcge. Bereits 1977 wurde Vital Michalon bei einer Antiatomdemonstration in Malville gegen den &#8222;Schnellen Br\u00fcter&#8220; durch eine solche Schockgranate get\u00f6tet.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich muss der Einsatz derartiger Kriegswaffen durch die Polizei umgehend unterbunden werden. Dabei darf es jedoch nicht darum gehen, sich an einer Diskussion zu beteiligen, die zwischen legitimer und illegitimer Polizeigewalt unterscheidet, nach dem Motto: Schlagstock okay, aber bitte keine Granaten. Straffreie Gewalt ist das zentrale Merkmal der Institution Polizei und sie darf in keiner ihrer Formen hingenommen werden. Unter dem erhobenen Polizeikn\u00fcppel ist kein freies Leben m\u00f6glich, wie auch der Artikel von Michael Sturm in dieser Ausgabe zeigt.<\/p>\n<p>Was den Staudamm betrifft, so k\u00fcndigte der Generalrat des D\u00e9partements Tarn an, dass der Bau vor\u00fcbergehend unterbrochen werden solle. Das Projekt solle jedoch nicht ganz aufgegeben, sondern nur &#8222;verbessert&#8220; werden.<\/p>\n<h3>Wie weiter von diesem Punkt aus?<\/h3>\n<p>Was sagen, was schreiben im Angesicht des Todes? Und vor allem: Was tun? &#8222;Wir stehen unter Schock&#8220;, schreiben die Aktivist_innen vom Koordinationskreis der Demonstration.<\/p>\n<p>Das Wichtigste ist wohl, sich von diesem Schock nicht paralysieren zu lassen. Das hei\u00dft nicht unbedingt, gleich irgendwelche Lehren aus ihr ziehen zu wollen, oder &#8222;das Beste daraus zu machen&#8220;.<\/p>\n<p>Ein erster Schritt k\u00f6nnte stattdessen sein, die Situation erst einmal wahr zu nehmen. Das hei\u00dft, zu sehen, dass wir tats\u00e4chlich, nicht nur abstrakt, in einem System leben, das mordet und, dass davon alle, die Widerstand leisten, betroffen sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dabei ist es offensichtlich egal, ob sie dabei Gewalt anwenden oder nicht. Das hei\u00dft aber auch, wahr zu nehmen, was diese Tatsache mit uns macht.<\/p>\n<p>Der zweite Schritt k\u00f6nnte Solidarit\u00e4t sein. Unmittelbar hei\u00dft das, Solidarit\u00e4t mit den Betroffenen zum Ausdruck zu bringen, und zwar nicht nur in k\u00e4mpferischen Phrasen, sondern auch in den stilleren, weniger heldenhaften Momenten von Trauer und Zweifel. Mittelbar kann das zum Beispiel hei\u00dfen, in eigenen Zusammenh\u00e4ngen \u00fcber \u00c4ngste zu sprechen, die aus der allgegenw\u00e4rtigen Gefahr der Staatsgewalt resultieren, und einen kollektiven Umgang damit zu finden. Damit das gelingt, brauchen aktivistische Strukturen eine Kultur der Achtsamkeit, in der Platz ist f\u00fcr das Teilen von schwierigen Gef\u00fchlen. Damit eine solche Kultur greift, muss sie einge\u00fcbt werden, bevor es zum Notfall kommt.<\/p>\n<p>Ein dritter Schritt w\u00e4re dann, der Wut \u00fcber ein System Ausdruck zu verleihen, das \u00fcber Leichen geht, um Profite abzusichern.<\/p>\n<p>Um eine Spirale von Gewalt zu verhindern, scheint es dabei sinnvoll, auf Gegengewalt zu verzichten. Auch wenn das Bed\u00fcrfnis nach Rache nachvollziehbar ist und &#8211; zumal &#8222;von au\u00dfen&#8220; &#8211; moralisch kaum verurteilt werden kann, muss im Blick behalten werden, dass Gewalt ein Modus der Herrschaft ist und nicht zu einer freien Gesellschaft f\u00fchren wird.<\/p>\n<p>Es gilt also, sich Gedanken zu machen, wie die Institutionen und Strukturen, die f\u00fcr den Tod von R\u00e9mi verantwortlich sind, zerst\u00f6rt werden k\u00f6nnen, ohne dass die Mittel in Widerspruch zu dem Ziel geraten.<\/p>\n<p>Angesichts der in ganz Europa zunehmenden Repression ist dabei vor allem auch die Frage zentral, wie wir uns dabei vor den Repressionsorganen sch\u00fctzen k\u00f6nnen. Denn die Freude \u00fcber &#8222;M\u00e4rtyrer_innen&#8220; oder gar deren bewusste Produktion ist vor allem ein Ausdruck von Zynismus.<\/p>\n<p>Eine \u00dcberlegung in diese Richtung k\u00f6nnte sein, ob Gro\u00dfdemonstrationen oder andere relativ immobile Aktionsformen immer sinnvoll sind. Allzu oft arten sie dazu aus, darauf zu warten, eingekesselt und verpr\u00fcgelt zu werden (wie in Deutschland z.B. bei Blockupy oder der Rote-Flora-Demo). Vielleicht sind in solchen Situationen viele kleinere Direkte Aktionen sinnvoller, bei denen mehrere Gruppen an verwundbaren Punkten Sabotagen oder k\u00fcrzere Blockaden durchf\u00fchren und bereits an einem anderen Ort sind, wenn sich die Gegenseite orientiert und gesammelt hat. Das ist aber nur eine von vielen m\u00f6glichen \u00dcberlegungen. Das Wichtigste ist, nicht zu vergessen und alles daf\u00fcr zu tun, dass es nicht wieder zu einem solchen Mord kommt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>R\u00e9mi ist in die K\u00e4mpfe gegen den etwa 300 Meter langen Damm involviert, der seit Anfang September gebaut wird. Der Damm soll den Fluss Tescou stauen, um die Bew\u00e4sserung der ungef\u00e4hr 30 dort ans\u00e4ssigen agrarindustriellen Gro\u00dfbetriebe zu sichern. 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