{"id":13873,"date":"2014-12-01T00:00:04","date_gmt":"2014-11-30T22:00:04","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13873"},"modified":"2022-07-26T14:12:05","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:05","slug":"offene-arbeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2014\/12\/offene-arbeit\/","title":{"rendered":"Offene Arbeit"},"content":{"rendered":"<p>Die R\u00e4ume der &#8222;Offenen Arbeit&#8220; in der Erfurter Allerheiligenstra\u00dfe waren \u00fcberf\u00fcllt, als am 30. Oktober die Buchgruppe der OA das gerade gedruckte Werk &#8222;Alles ver\u00e4ndert sich, wenn wir es ver\u00e4ndern&#8220; vorstellte. Alte Verb\u00fcndete und fr\u00fchere Erfurter waren z.T. weit gereist, aus Halle, aus der Schweriner Gegend, aus Berlin.<\/p>\n<p>Wolfgang Musigmann erinnerte an das 1991 erschienene Buch &#8222;Offene Arbeit &#8211; Selbstausk\u00fcnfte&#8220;, lange vergriffen. Zuerst war eine \u00dcberlegung, das Buch neu herauszugeben, aber die Entscheidung fiel dann, lieber die heutigen Probleme, Erfahrungen seit dieser Zeit in den Mittelpunkt eines ganz anderen Buches zu stellen.<\/p>\n<p>Denn die Opposition der Offenen Arbeit gegen Hierarchien, Ausgrenzungen und Gewalt ist weiterhin notwendig, und so hat die Projektgruppe (Bernd L\u00f6ffler, Renate L\u00fctzkendorf, Karl Meyerbeer, Wolfgang Musigmann und Matthias Wei\u00df) aus dem Selbstausk\u00fcnfte-Buch nur einige charakteristische Zitate \u00fcbernommen und neben dem R\u00fcckblick eine problemorientierte Festschrift zum 35j\u00e4hrigen Bestehen der OA im Verlag Graswurzelrevolution ver\u00f6ffentlicht. Es ist ein sch\u00f6nes Buch geworden, mit vielen Fotos, Reproduktionen alter Plakate und der Titelseiten von Untergrundzeitschriften.<\/p>\n<h3>Zum Inhalt<\/h3>\n<p>Den Anfang macht ein langer und viele Aspekte der DDR-Gesellschaft, der Opposition, der kulturellen Umbr\u00fcche und jugendlichen Subkulturen behandelnder Artikel von Bernd Gehrke (1989 Mitbegr\u00fcnder der Vereinigten Linken und der Gr\u00fcnen Liga).<\/p>\n<p>Wie kam es \u00fcberhaupt, dass unter dem Dach der evangelischen Kirche in der etatistischen DDR ein solcher kritischer Freiraum f\u00fcr eine politisch-kulturelle Gegengesellschaft entstehen konnte, die sonst tabuisierte Themen aufgriff? Nach der milit\u00e4rischen Unterdr\u00fcckung des Arbeiteraufstands vom 17. Juni 1953 war es zu einem dauerhaften Bruch zwischen der Bev\u00f6lkerungsmehrheit, besonders der Arbeiterschaft, die offiziell die Legitimationsbasis der SED-Herrschaft bildete, mit der Diktatur gekommen (S. 24), die Milieus des proletarischen Widerstands wurden zerst\u00f6rt, dem Staat stand eine atomisierte und resignierte Mehrheit gegen\u00fcber; in der DDR beendete das Jahr 1968 (Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in die CSSR) kollektive betriebliche Proteste. Gleichzeitig trugen Modernisierungsprozesse dazu bei, dass die Verbesserung des individuellen Lebensstandards als individueller Ausweg er\u00f6ffnet wurde.<\/p>\n<p>Zum b\u00fcrokratisch-tayloristischen Modernisierungsschub geh\u00f6rt auch, dass die SED-Herrschaft verst\u00e4rkt auf Pr\u00e4vention statt Repression setzte: Das expandierende Spitzelwesen sollte abweichendes Verhalten fr\u00fch erkennen; dieses Verhalten wurde dann durch organisierte Misserfolgserlebnisse entmutigt, w\u00e4hrend Konformismus belohnt wurde, auch materiell. Von nun an waren es oft Jugendliche, die protestierten und vor allem einen subkulturell-transnationalen Lebensstil suchten; erste Ans\u00e4tze dazu hatte die Beatkultur der 60er Jahre gezeigt, vom Regime noch durch &#8222;gewaltsames Haareschneiden, Schulrelegationen oder durch die Verurteilung zu \u201asechs Wochen Tagebau'&#8220; (S. 33) geahndet.<\/p>\n<p>Jugendliche, die noch nicht der sozialen Kontrolle in Betrieben unterlagen (und in der DDR war das soziale Leben weitgehend \u00fcber die Betriebe vermittelt) erlebten die Widerspr\u00fcche der DDR-Gesellschaft noch intensiver als die schon geschlagenen Eltern. Sie wagten Abweichungen und eine offene, manchmal demonstrative Identit\u00e4tssuche, die sie oft auch nach &#8222;westlichen&#8220; Medien und Modellen des &#8222;Aussteigens&#8220; blicken lie\u00df.<\/p>\n<p>Vergleichbare Problemlagen entfremdeter Industriegesellschaften legten auch Protestformen und Fluchtversuche nahe, die manches gemeinsam hatten. Seit 1978 genoss die Evangelische Kirche in der DDR erweiterte Autonomierechte, in diesen Schutzraum dr\u00e4ngten jene, die gegen Wehrkundeunterricht, Umweltzerst\u00f6rung und individualistischen Konsum eingestellt waren, es entstanden auch in der DDR &#8222;neue soziale Bewegungen&#8220;. Vom Regime ausgegrenzte Gruppen der Intelligenz verbanden sich mit den jugendlichen Aussteigern und nicht integrierten Arbeiterjugendlichen zu den Bewegungen, die dann eine begrenzte \u00d6ffentlichkeit oppositioneller Str\u00f6mungen erreichten und 1989 in einem kurzen Herbst der Anarchie ihre Forderungen nach einem repressionsfreien Leben auf die Stra\u00dfen trugen.<\/p>\n<p>Zuvor galt f\u00fcr gro\u00dfe Teile der DDR-Gesellschaft, dass man \u00f6ffentlich angepasst war und mitmachte was gefordert wurde, alles fassadenhaft: Man geht zur Wahl, man leistet Lippenbekenntnisse zur offiziellen Ideologie, das wirkliche Leben beginnt irgendwo jenseits davon in privaten Konsumsph\u00e4ren.<\/p>\n<p>Ist es nicht heute in den Betrieben und \u00f6ffentlichen Diskussionen \u00e4hnlich?<\/p>\n<p>Einzelne Nonkonformisten, mutige Protestanten wie Walter Schilling, dessen Eltern der Bekennenden Kirche angeh\u00f6rt hatten, der nicht in der DDR studieren konnte, sondern als Werkstudent nach Westdeutschland gegangen war, ein Nichtw\u00e4hler, ein Anh\u00e4nger Martin Luther Kings, der 1973 einen Deserteur auf Kirchengel\u00e4nde versteckte (alle Informationen aus Bernd Gehrkes Text \u00fcber ihn im besprochenen Band S.225 ff), hielten der Repression stand und lie\u00dfen f\u00fcr die unangepassten Jugendlichen &#8222;R\u00fcstzeitheime&#8220; wie in Braunsdorf zu einem Freiraum werden.<\/p>\n<p>So wurde eine Jugendarbeit, die nicht missionieren oder reglementieren wollte, allm\u00e4hlich durchgesetzt und schlie\u00dflich als &#8222;Offene Arbeit&#8220; in Kirche und Gesellschaft geduldet, eine zwar &#8222;kirchlich angebundene, aber eigenst\u00e4ndige und selbstorganisierte Bewegung&#8220; (S. 54).<\/p>\n<p>Offenheit bedeutete zunehmend: Die Marginalisierten nicht anpassen wollen, sondern eine Gesellschaft ver\u00e4ndern, die ausgrenzt. Und so ging es bald nicht mehr um Jugendliche allein, diese wurden \u00e4lter, blieben aber unangepasst. Von Th\u00fcringen aus verbreitete sich ein Netzwerk, das sich mit der &#8222;Kirche von unten&#8220; in der Endphase der DDR sehr verbreitet hatte und Keimzelle vieler anderer Oppositionsgruppen war.<\/p>\n<p>Heute existieren Gruppen der &#8222;Offenen Arbeit&#8220; noch in Berlin, Erfurt und Jena, aber immerhin &#8211; die anderen Str\u00f6mungen der DDR-Opposition sind verschwunden. &#8222;Nicht gedacht soll ihrer werden&#8220; scheint der heimliche Lehrplan der Gedenktage zu sein; auch die BRD versteht sich gut darauf, die Opposition durch Mi\u00dferfolgserfahrungen zu entmutigen. Und Kohl l\u00e4\u00dft verlauten, die gesellschaftlichen Str\u00f6mungen und Gorbatschows Politik seien ohnehin egal, die Staaten des Warschauer Pakts seien einfach \u00f6konomisch &#8222;Am Arsch&#8220; gewesen.<\/p>\n<p>Das Buch l\u00e4\u00dft verschiedene MitstreiterInnen auf ihren Weg zur OA zur\u00fcckblicken, fragt ob 1989 eine &#8222;Wende&#8220; oder eine &#8222;friedliche Revolution&#8220; (oder was sonst? Die Ansichten, wie die Erfahrungen seit 1989 zu beschreiben sind, gehen auseinander: Was ist der soziale Kern und welche Erfahrungen h\u00e4lt ein Begriff fest, welche schlie\u00dft er aus?) stattgefunden hat, welche kritischen Punkte und positive Erfahrungen seitdem gemacht worden sind, erinnert an die Spitzel, die Besetzung der Stasi-Geb\u00e4ude. Ein Kapitel voller Spannungen bildet auch das Verhalten der Punker in der eher von &#8222;Hippies&#8220; gepr\u00e4gten Offenen Arbeit.<\/p>\n<p>Der Band enth\u00e4lt viele programmatische und selbstkritische Texte, die den Begriff der &#8222;Offenheit&#8220; mit neuem Inhalt f\u00fcllen und sich den Problemen des Jahres 2014 (und weiter!) stellen. So diskutiert Matthias Wei\u00df Probleme der Basisdemokratie, die Gefahr, dass Entscheidungsprozesse sich auf die Hauptamtlichen verlagern, Renate L\u00fctzkendorf fragt nach den Frauen und frauenspezifischen Themen, Bernd L\u00f6ffler behandelt das Spannungsverh\u00e4ltnis AnarchistInnen &#8211; Kirche. \u00dcberraschend und erfreulich fand ich, wie positiv sich wichtige VertreterInnen der Kirche zur Offenen Arbeit \u00e4u\u00dfern, etwa Elfriede Teresa Begrich: Sie sei &#8222;das Festhalten am ureigentlichsten Auftrag der Kirche&#8220; (S.188).<\/p>\n<p>Oder Heino Falcke, der mit Bonhoeffers Theologie kl\u00e4rt, was &#8222;Kirche f\u00fcr andere&#8220; bedeuten kann und &#8222;ein paternalistisches, dirigistisches F\u00fcrsein von oben nach unten&#8220; (S. 217) ausschlie\u00dft. Kein Gottesglaube wird vorausgesetzt, aber auch der &#8222;Gewohnheitsatheismus&#8220; mu\u00df sich mit Levinas in Frage stellen lassen.<\/p>\n<p>Heutige Schwerpunkte sind: Antifaschismus, Antirassismus, Widerstand gegen Atomenergie und Krieg: &#8222;Die Offene Arbeit geh\u00f6rt zu jenen Gruppen in der Evangelischen Kirche, die nach wie vor f\u00fcr Konfliktl\u00f6sungen ohne Gewalt und Milit\u00e4r stehen. Es geht um die Aufl\u00f6sung aller Armeen und die Abr\u00fcstung aller Waffen.&#8220; (S. 130)<\/p>\n<p>Aber es gibt immer auch ein konstruktives Programm: Bildungsarbeit, Angebote f\u00fcr Kinder, Jugendliche, alle, &#8222;die sonst keiner so richtig haben will. Die kein Geld haben f\u00fcr R\u00e4ume, deren Ideen aus dem gesellschaftlichen Rahmen fallen, die bunt und anders sind.&#8220; (Susann Hagen S.199).<\/p>\n<p>Wie die Texte wurde auch der Abend der Buchvorstellung stark von der Frage nach den n\u00e4chsten 35 Jahren bestimmt, die HerausgeberInnen hatten durch Lesungen und kurze Statements auch Probleme und m\u00f6gliche Fehlentwicklungen zwischen Selbstbeschr\u00e4nkung und Hochglanzmarketing benannt, wie schwierig es ist, f\u00fcr neue Leute offen zu bleiben. Ihre Fragen, wie aus Konflikten zwischen verschiedenen \u00dcberzeugungen und Lebensstilen und Generationen etwas Produktives entstehen kann, zwischen politischen Anspr\u00fcchen und W\u00fcnschen nach einem Schonraum als Lebensmittelpunkt, sind auch f\u00fcr andere Gruppen wichtig. &#8222;Achtsame und antiautorit\u00e4re Spontaneit\u00e4t&#8220; benennt etwa Karl Meyerbeer als politische Perspektive, mit Widerspr\u00fcchen emanzipatorisch umzugehen.<\/p>\n<p>Es wurde viel von den Rolling Stones gespielt an dem Abend, und obwohl ich sie f\u00fcr Betriebswirte halte, hat mir das gut gefallen, denn es hat mich an alte Zeiten erinnert. Und es gibt ja auch Zeilen in den Liedern, die immer passen: &#8222;You can&#8217;t always get what you want &#8230;&#8220;.<\/p>\n<p>&#8222;Frei wie noch nie&#8220; ist das Jahresthema der &#8222;Offenen Arbeit&#8220;; es geht um die Frage, wie Freiheit mehr sein\/werden kann als die Wahl zwischen Konsumg\u00fctern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die R\u00e4ume der &#8222;Offenen Arbeit&#8220; in der Erfurter Allerheiligenstra\u00dfe waren \u00fcberf\u00fcllt, als am 30. Oktober die Buchgruppe der OA das gerade gedruckte Werk &#8222;Alles ver\u00e4ndert sich, wenn wir es ver\u00e4ndern&#8220; vorstellte. Alte Verb\u00fcndete und fr\u00fchere Erfurter waren z.T. weit gereist, aus Halle, aus der Schweriner Gegend, aus Berlin. 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