{"id":13909,"date":"2015-01-01T00:00:47","date_gmt":"2014-12-31T22:00:47","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13909"},"modified":"2022-07-26T14:22:16","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:16","slug":"menschenverachtende-politik-der-atommafia","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2015\/01\/menschenverachtende-politik-der-atommafia\/","title":{"rendered":"Menschenverachtende Politik der Atommafia"},"content":{"rendered":"<p><b>Graswurzelrevolution (GWR): Wie bist du auf die Arbeit in der Uranraffinerie gekommen?<\/b><\/p>\n<p><i>Michel Leclerc: <\/i>Ich bin durch Zufall in die Fabrik gekommen. Ich hatte nach einem Streit eine Arbeitsstelle gek\u00fcndigt.<\/p>\n<p>Ein Freund, der arbeitete in Malv\u00e9si f\u00fcr ein Subunternehmen, sagte mir dann: &#8222;Hey Michel, die stellen f\u00fcr einen Monat ein, willst du als Industriemechaniker arbeiten?&#8220; Ich bin schlie\u00dflich 4 Jahre geblieben.<\/p>\n<p><b>GWR: Was war das f\u00fcr eine Arbeitsstelle? Warst du Atomarbeiter?<\/b><\/p>\n<p><i>Michel Leclerc: <\/i>Ja, irgendwie Atomarbeiter ohne es zu wissen. Wir verf\u00fcgten weder \u00fcber eine Ausbildung noch \u00fcber Informationen. Das ist von Bedeutung, denn wenn ich etwas wei\u00df, dann passe ich auch auf, aber wenn ich gar nicht Bescheid wei\u00df&#8230; Wir montierten Bauteile f\u00fcr die Revision ab, F\u00f6rderb\u00e4nder, Pumpen, \u00d6fen.<\/p>\n<p>Dies mussten wir auch erledigen, als die Teile ausfielen und zum Teil noch mit uranhaltiger L\u00f6sung beladen waren. Es war sehr staubig, die Schutzmaske war ohne Bel\u00fcftung, so dass wir sie nicht l\u00e4nger tragen konnten. Wir waren sehr schlecht ausger\u00fcstet.<\/p>\n<p><b>GWR: Wie sah die medizinische Versorgung und Betreuung aus? Wurdet ihr \u00fcber die Strahlungsbelastung informiert?<\/b><\/p>\n<p><i>Michel Leclerc: <\/i>Wir, die Arbeiter der Subunternehmen, wurden wie auch die Angestellten der Firma Comurhex medizinisch betreut. Es gab eine Blutuntersuchung alle 6 Monate und eine Urinprobe alle 15 Tage. Einmal im Jahr haben wir den Werksarzt gesehen, der hat uns einfach gesagt, alles geht gut. \u00dcber die Ergebnisse der Untersuchungen wurden wir nie in Kenntnis gesetzt. Ich habe auch nicht gefragt. Ich ging nicht davon aus, dass wir Strahlung ausgesetzt werden. Ich war naiv, aus Mangel an Ausbildung. Die Kollegen haben sich auch keine Fragen gestellt. Es gab Menschen, die nur zwei, drei Tage vor Ort gearbeitet haben. Die wurden weder informiert, noch medizinisch betreut.<\/p>\n<p>Ein Mensch wie Serge Beli, der den Auftrag hatte, Bohrungen in den Abklingbecken, die 2004 durch einen Dammbruch undicht wurden, durchzuf\u00fchren, ist danach an Leuk\u00e4mie erkrankt. Aber die Anerkennung als Berufskrankheit scheiterte daran, dass er nur zwei Tage vor Ort gearbeitet hat. Das ist absurd, weil man nicht 6 Monate vor Ort sein muss, um verstrahlt zu werden. Einmal reicht. In den Becken, das haben die Untersuchungen ergeben, wurden Spuren von Plutonium gefunden!<\/p>\n<p><b>GWR: Die Anlage verarbeitet aber nur Uranerzkonzentrat, darin ist kein Plutonium enthalten.<\/b><\/p>\n<p><i>Michel Leclerc: <\/i>Der Haken ist, dass von 1959 bis 1983 Uran verarbeitet wurde, das bereits in Reaktoren eingesetzt worden war. Das ist kein Yellow cake mehr, das ist mit anderen Isotopen verseuchtes Uran. Aus diesem Grund sind in den Abklingbecken Spuren von Plutonium zu finden.<\/p>\n<p><b>GWR: Du hast vier Jahre in der Anlage gearbeitet und diese dann 1984 verlassen. Wie ging es dann weiter?<\/b><\/p>\n<p><i>Michel Leclerc: <\/i>Ich wei\u00df nicht, ob ich Zweifel hatte, aber ich f\u00fchlte mich dort unwohl und bin gegangen. Wenn eine Sache mir nicht gef\u00e4llt, dann gehe ich. Ich habe mich als Handwerker niedergelassen. Ich hatte immer wieder Phasen gro\u00dfer M\u00fcdigkeit, das konnte ich mir nicht erkl\u00e4ren. 1983 als ich noch in der Uranfabrik gearbeitet habe, hatte ich mir schon Fragen gestellt, ich wurde da auch sehr m\u00fcde, ohne zu verstehen woher es kam. Ich wurde f\u00fcr drei Tage ins Krankenhaus geschickt, zum Gesundheitscheck. Es hat aber nicht geholfen, ich kam nicht voran. Ich habe erst sp\u00e4ter erfahren, dass die gro\u00dfe M\u00fcdigkeit zu den Anzeichen einer Kontamination mit Radioaktivit\u00e4t geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Als ich dann 1991 auf Grund einer epigastrischen Hernie operiert wurde, schaffte ich es nicht wieder auf die Beine zu kommen. Der Arzt sagte: &#8222;Du bist wehleidig&#8220;. Das bin ich aber nicht, ich habe gesagt: &#8222;Es l\u00e4uft irgendwas schief&#8220;. Sie haben nach der Ursache gesucht und es wurde eine myelogene Leuk\u00e4mie diagnostiziert. Diese Art von Leuk\u00e4mie ist daf\u00fcr bekannt, dass eine Kontamination mit Uran sie ausl\u00f6sen kann. Ich habe eine Studie \u00fcber Leuk\u00e4mief\u00e4lle im Zusammenhang mit den Bombenabw\u00fcrfen in Hiroschima und Nagasaki gelesen, diese wurde durch das Krankenhaus in Bordeaux in Auftrag gegeben. Im Ergebnis wurden \u00fcberwiegend chronische myelogene Leuk\u00e4mie festgestellt.<\/p>\n<p><b>GWR: Was ging dir durch den Kopf, als die Nachricht kam?<\/b><\/p>\n<p><i>Michel Leclerc: <\/i>Ich habe versucht zu verstehen, der Arzt hat mich gefragt, wo ich denn in der Vergangenheit gearbeitet habe.<\/p>\n<p>Als ich die Uranraffinerie der Firma Comurhex erw\u00e4hnt habe, da hat er sofort gesagt, sie m\u00fcssen in dieser Richtung nach der Ursache suchen. Er sagte, es muss was passiert sein. Ich habe daraufhin einen Termin mit dem Werksarzt Gibert vereinbart. Ich war nicht w\u00fctend, ich wollte aber verstehen.<\/p>\n<p>Da sagt mir der Werksarzt, dass im April 1983 Grenzwerte \u00fcberschritten wurden. Aber das sei nicht weiter schlimm, sagte er. Ich habe sp\u00e4ter festgestellt, nachdem ich meine Krankenakte gestohlen habe, dass es mehrere \u00dcberschreitungen gegeben hat und dass in der Akte Ergebnisse von Blutproben nach April 1983 g\u00e4nzlich fehlen. Entweder wurde einfach keine Blutentnahme mehr durchgef\u00fchrt, oder die Verantwortlichen haben die Ergebnisse verschwinden lassen.<\/p>\n<p>Egal wie es gekommen ist, in beiden F\u00e4llen tragen sie meiner Meinung nach die Verantwortung. Ich habe damals auf Eigeninitiative Untersuchungen machen lassen, weil ich mich sehr m\u00fcde f\u00fchlte. Meine wei\u00dfen Blutk\u00f6rperchen vermehrten sich immer weiter. Der Kontakt mit Uran, das ist nicht ohne. Es gibt keine ungef\u00e4hrliche Niedrigstrahlungsdosis. Insbesondere, wenn es um interne Kontamination geht. Das Uran siedelt sich in den Knochen an und strahlt im K\u00f6rper weiter.<\/p>\n<p><b>GWR: Du hast juristische Schritte gegen die Verantwortlichen der Anlage unternommen. Wie ist es gelaufen?<\/b><\/p>\n<p><i>Michel Leclerc: <\/i>Die Leuk\u00e4mie wurde 1993 als Berufskrankheit anerkannt und ich werde auch entsprechend entsch\u00e4digt.<\/p>\n<p>Das ging mir aber nicht weit genug. Ich habe mich gefragt, wer hier f\u00fcr die Fehler verantwortlich ist. Ich wollte an meine Akte ran. Ich wurde am 1. November 1993 f\u00fcr eine Knochenmarktransplantation im Krankenhaus aufgenommen.<\/p>\n<p>Ich habe Gl\u00fcck gehabt, ich habe die Transplantation \u00fcberstanden und kam zwei Monate sp\u00e4ter raus. Dann habe ich versucht an meine Akte ran zu kommen. Ich werde keine Einzelheiten nennen, der Vorgang ist unglaublich, aber ja ich habe schlie\u00dflich meine Akte gestohlen. Ich habe daraufhin einen Anwalt gesucht, das war nicht einfach, sie sagten, dass sie das tun k\u00f6nnen, wollten aber zuvor Geld sehen. Ich habe schlie\u00dflich Maitre Faro aus Paris kennengelernt &#8211; er verteidigt oft Greenpeace AktivistInnen &#8211; er war damit einverstanden, den Fall zu \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p>Wir haben vor dem Arbeitssozialgericht auf Feststellung eines unentschuldbaren Fehlverhaltens geklagt. Das Gericht hat uns Recht gegeben. Ich hatte die Serci, das Subunternehmen bei der ich angestellt war, sowie die Comurhex als Drittunternehmen verklagt. Es wurde festgestellt, dass der Serci selbst kein Fehlverhalten vorgeworfen werden kann, weil die Comurhex und nicht die Serci die medizinischen Untersuchungen durchf\u00fchrte. Der Haken ist, dass der Vertrag zwischen Serci und Comurhex unauffindbar ist.<\/p>\n<p>Schon wieder ein verschwundenes Dokument. Aus diesem Grund konnte die Comurhex f\u00fcr ihr unentschuldbares Fehlverhalten nicht verurteilt werden, Dritte k\u00f6nnen nicht verurteilt werden. Das Gericht stellte bei der Comurhex ein schweres unentschuldbares Fehlverhalten fest und verwies die Sache 1999 zur Kl\u00e4rung der H\u00f6he eines Schmerzensgelds an die zivile Gerichtsbarkeit.<\/p>\n<p>Nur&#8230; die zivile Gerichtsbarkeit das ist was anderes als das Sozialgericht. Die Schuld des Arbeitgebers muss eindeutig feststehen. Wir haben die Sache 2000 vors Zivilgericht gebracht. Wir haben in erster Instanz gewonnen, das unentschuldbare Fehlverhalten der Comurhex wurde festgestellt. Ein Sachverst\u00e4ndiger wurde zur Evaluation der Schmerzensgeldh\u00f6he durch das Gericht bestellt, eine Summe wurde im Urteil nicht genannt.<\/p>\n<p>Die Comurhex ging in Montpellier in Berufung und wir haben verloren. Es gibt das Ger\u00fccht, dass man in der Berufungsinstanz in Montpellier immer verliert. Das Verfahren ist seit nun \u00fcber einem Jahr vor dem Cassassionsgericht (franz\u00f6sischer Bundesgerichtshof) anh\u00e4ngig.<\/p>\n<p><b>GWR: Hast du da Aussicht auf Erfolg?<\/b><\/p>\n<p><i>Michel Leclerc: <\/i>Ich bin immer optimistisch. Selbst wenn ich verliere, kann ich mich im Spiegel anschauen, ich habe gek\u00e4mpft. Ich k\u00e4mpfe seit 20 Jahren. Ich mache die Menschen auf die Probleme aufmerksam, bringe sie zum nachdenken, das ist wichtig. Auch wenn ich vielleicht nicht gewinne. Es geht nicht nur um das Geld. Wenn ich gewinne, das ist die Kr\u00f6nung. Wenn ich verliere, dann ist es halt so. Ich will dann noch vor dem Europ\u00e4ischen Gerichtshof f\u00fcr Menschenrechte klagen. Allein wegen der \u00fcberlangen Verfahrensdauer. Das Verfahren dauert schon 20 Jahre. Das widerspricht Artikel 6 der Menschenrechtskonvention.<\/p>\n<p><b>GWR: Du k\u00e4mpfst dich heute nicht nur durch die M\u00fchlen der Justiz.<\/b><\/p>\n<p><i>Michel Leclerc: <\/i>Nein. Die Krankheit hat mein Leben ver\u00e4ndert. Ich bin geschieden und hatte das Sorgerecht f\u00fcr meine beiden ersten Kinder, meine Tochter war 14 Jahre, mein Sohn 19, als die Krankheit ausgebrochen ist. Die beiden haben sehr gelitten. Ich gelte heute als geheilt, aber es gibt schwerwiegende Folgen. Die Therapie mit Ciclosporine hat Diabetes ausgel\u00f6st. Vor der Transplantation wurden mir fast alle Z\u00e4hne gezogen. Die Strahlentherapien waren schwer zu ertragen. Ich bin heute \u00fcber 60 und muss immer noch viele Medikamente zu mir nehmen. Mein Kampf hat dazu gef\u00fchrt, dass ich noch am Leben bin. Ich w\u00fcrde allen Betroffenen empfehlen zu k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p><b>GWR: Bist du anderen ArbeiterInnen der Comurhex begegnet, die \u00e4hnlich wie du erkrankt sind?<\/b><\/p>\n<p><i>Michel Leclerc: <\/i>Ja. Monsieur Fran\u00e7ois Gambard war der Hausmeister der Anlage, er ist an Leuk\u00e4mie gestorben. Hugues Arendo ist an Leuk\u00e4mie erkrankt, ich glaube diese wurde als Berufskrankheit anerkannt. Ihm wurde aber offensichtlich etwas versprochen, \u00f6ffentlich will er n\u00e4mlich nichts sagen. Es wurde ihm m\u00f6glicherweise ein Arbeitsplatz in der Anlage f\u00fcr die Zeit danach versprochen. Die Comurhex ist f\u00fcr solche Praktiken bekannt. Er braucht keine Arbeit, sondern eine Entsch\u00e4digung. Auch Docteur G., der Werksarzt, ist an Leuk\u00e4mie gestorben. Als ich ihn Ende 1992 getroffen habe, um \u00fcber meine Krankenakte zu sprechen, da hat er von der \u00dcberschreitung eines Grenzwertes im April 1983 gesprochen. Er hat aber betont, dass man wegen einer Anlage wie der Uranraffinerie der Comurhex, nicht an Leuk\u00e4mie erkranken k\u00f6nne.<\/p>\n<p><b>GWR: Ist dein Kampf auch ein Kampf gegen die Atomkraft geworden?<\/b><\/p>\n<p><i>Michel Leclerc: <\/i>Anlagen wie die in Narbonne-Malv\u00e9si gibt es weltweit nur f\u00fcnf. Die Anlage in Narbonne ist die gr\u00f6\u00dfte. 25 bis26 % des weltweit gef\u00f6rderten Urans l\u00e4uft \u00fcber diese riesige Anlage.<\/p>\n<p>Seitdem die Anti-Atom-Gruppe <i>Sortir du nucl\u00e9aire<\/i> Aktionen gegen die Anlage durchgef\u00fchrt hat, interessieren sich die Medien mehr f\u00fcr das Thema. Ich versuche die \u00d6ffentlichkeit wach zu r\u00fctteln, indem ich meine Geschichte erz\u00e4hle. Ich habe meinem Anwalt gesagt, wenn sie einen Journalisten haben, der ist f\u00fcr mich! Es ist wichtig diese Anlage zu beleuchten. <i>Sortir du nucl\u00e9aire<\/i> hat mit der Blockade eines mit Urantetrafluorid beladenen LKW im September 2013 effektiv dazu beigetragen ((2)). Das ist wichtig, das l\u00e4uft im Fernsehen, die Menschen fangen an nachzudenken. Was z\u00e4hlt ist die Legitimit\u00e4t des Kampfes, die Legalit\u00e4t ist f\u00fcr uns nicht so wichtig. Aktionen sind oft illegal, zum Beispiel wenn Greenpeace in ein AKW eindringt. Der Kampf ist aber legitim. Wenn sie eindringen k\u00f6nnen, k\u00f6nnen es auch andere. Es lebe die Sicherheit&#8230;<\/p>\n<p>Ungehorsam ist eine Pflicht, das sollten wir nicht vergessen. Ich habe meine Krankenakte gestohlen, das war nicht legal, aber gerecht. Ich wollte wissen. Wir sind Menschen, wir d\u00fcrfen uns nicht alles gefallen lassen!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Graswurzelrevolution (GWR): Wie bist du auf die Arbeit in der Uranraffinerie gekommen? 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