{"id":13911,"date":"2015-01-01T00:00:28","date_gmt":"2014-12-31T22:00:28","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13911"},"modified":"2022-07-26T14:22:16","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:16","slug":"der-aufstand-der-regenschirme","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2015\/01\/der-aufstand-der-regenschirme\/","title":{"rendered":"Der Aufstand der Regenschirme"},"content":{"rendered":"<p>Alles begann am 16.1.2013, als Benny Tai Yiu-ting, Professor an der Uni Hongkong, in einem Zeitungsartikel zu zivilem Ungehorsam und zur Besetzung der Innenstadt aufrief.<\/p>\n<p>Gegen bekannt gewordene Pl\u00e4ne zur k\u00fcnftigen Dominanz Pekings forderte er dabei auch die freie Wahl des Hongkonger Regierungschefs f\u00fcr 2017 (bisher existierten keineswegs allgemeine Wahlen in Hongkong, sondern Wahlberechtigte und Gew\u00e4hlte des Stadtparlamentes stammten aus einer Wirtschafts- und Verwaltungselite, dem Besitzb\u00fcrgertum).<\/p>\n<p>Die Bewegung nannte sich &#8222;Occupy central with love and peace&#8220; (OCLP). Peking ver\u00f6ffentlichte im M\u00e4rz 2013 eine erste Warnung an diese Demokratiebewegung und proklamierte, der Hongkonger Regierungschef m\u00fcsse &#8222;China ebenso lieben wie Hongkong&#8220;.<\/p>\n<p>Darauf riefen die Gr\u00fcnder von OCLP, neben Benny Tai sind das Chang Kin-Man und Reverend Chu, zu einem offenen Dialog mit den B\u00fcrgerInnen Hongkongs \u00fcber die Zukunft der Stadt auf. Die Kampagne entwickelte einen Vier-Stufen-Plan: B\u00fcrgerdialog, Beratung, Referendum, ziviler Ungehorsam.<\/p>\n<p>Am 1. Juli 2013, dem 16. Jahrestag der Unabh\u00e4ngigkeit von Gro\u00dfbritannien, demonstrierten 430.000 Menschen f\u00fcr mehr Demokratie und das Recht Hongkongs, ihre eigenen KandidatInnen bestimmen zu k\u00f6nnen. Nach einer Generalprobe f\u00fcr ein selbst durchgef\u00fchrtes Referendum am 1. Januar 2014, an der bei einer elektronischen Abstimmung 62.000 Menschen teilnahmen, organisierte die Bewegung im Juni 2014 tats\u00e4chlich ein selbstorganisiertes Referendum gegen die Auflagen des Pekinger Nationalen Volkskongresses. 22 % aller Hongkonger EinwohnerInnen nahmen teil; 88 % davon sprachen sich gegen die Pekinger Pl\u00e4ne aus. Peking erkl\u00e4rte das Referendum f\u00fcr illegal, in Hongkong trat eine Pro-China-Fraktion gegen die Occupy-Central-Bewegung mit einer Unterschriftenliste auf den Plan.<\/p>\n<p>Die &#8222;Big Four&#8220;, die vier gr\u00f6\u00dften Wirtschaftspr\u00fcfungsunternehmen Hongkongs, stellen sich, ebenfalls im Juni 2014, auf Druck Pekings gegen die Occupy-Bewegung: Es wurde dadurch klar, dass es in der Auseinandersetzung zwar (noch?) nicht um Kapitalismus versus Sozialismus geht, aber um Formen eines demokratischen Anti-Trust-Kapitalismus versus des diktatorischen Kapitalismus Pekinger Machart, der mittlerweile die \u00d6konomen in ganz Asien fasziniert und auch in Europa mehr und mehr als zukunftstr\u00e4chtiges, autorit\u00e4res Modell gepriesen wird. Doch die soziale Bewegung verfolgte ihre Strategie gewaltfreier Aktion weiter, es gelang ihr immer wieder, Sympathien in der Bev\u00f6lkerung zu wecken, sodass sie sich kontinuierlich ausweiten konnte.<\/p>\n<p>Im Juli 2014 veranstaltete Occupy-Central zum 17. Jahrestag der R\u00fcckgabe von Gro\u00dfbritannien eine Massendemo mit anschlie\u00dfender Sitzblockade des Finanzzentrums in der Innenstadt. Im August 2014 versuchte eine Anti-Occupy-Gruppe &#8222;Silent Majority&#8220;, bestehend aus regierungsnahen Wirtschaftsverb\u00e4nden und WissenschaftlerInnen, gegen die Bewegung zu demonstrieren, konnte aber nur ein paar tausend TeilnehmerInnen mobilisieren.<\/p>\n<p>Peking k\u00fcndigte am 31. August einerseits an, dass ab 2017 tats\u00e4chlich erstmals nach allgemeinem Wahlrecht die gesamte Bev\u00f6lkerung w\u00e4hlen k\u00f6nne, andererseits aber die w\u00e4hlbaren KandidatInnen durch von Peking bestimmtes Nominierungskomitee anerkannt werden m\u00fcssten. Dagegen forderte Benny Tai am 9. September 2014 zu erneuten Massenprotesten auf.<\/p>\n<p>Die hei\u00dfe Phase der Massenbewegung begann dann am 22. September 2014 mit einem einw\u00f6chigen Streik von Sch\u00fclerInnen und StudentInnen. J\u00fcngere gewaltfreie Aktivisten nahmen nun den Protest verk\u00f6rpernde Funktionen als Sprecher ein und erfuhren mediale Aufmerksamkeit, durchaus mit Unterst\u00fctzung der \u00e4lteren OCLP-Gr\u00fcnder, die darin einen unterst\u00fctzenswerten Generationenwechsel sahen: Alex Chow Yong-kang, der schon bei Occupy Central dabei war, gleichzeitig Vorsitzender der Hongkonger Studentenvereinigung (HK-Federation of Students; HKFS); Lester Shum ebenfalls von der HKFS oder auch der Student Joshua Wong von der Studentengruppe &#8222;Scholarism&#8220;.<\/p>\n<p>Mehr als 100.000 HongkongerInnen waren in dieser Streikwoche auf den Stra\u00dfen, ganze Stra\u00dfenz\u00fcge wurden besetzt, der \u00f6ffentliche Nahverkehr kam zum Erliegen, die Polizei f\u00fchrte erste Massenfestnahmen durch.<\/p>\n<p>Am 26. September 2014 durchbrachen StudentInnen vor allem von Scholarism eine Polizeireihe und wollten eine Sitzblockade vor dem Regierungssitz abhalten. Es kam zu starker Polizeigewalt und Massenfestnahmen, wodurch HKFS und OCLP ihre Pl\u00e4ne \u00e4nderten und zur Fortsetzung des zivilen Ungehorsams aufriefen.<\/p>\n<p>Was als &#8222;gewaltsame&#8220; Auseinandersetzungen in den BRD-Medien kolportiert wurde, waren in dieser Zeit vor allem Polizeieins\u00e4tze mit Pfefferspray und Tr\u00e4nengas sowie direkte Angriffe von B\u00fcrgerInnen auf die Protestierenden, die versuchten, von DemonstrantInnen errichtete Absperrungen oder Barrikaden einzurei\u00dfen.<\/p>\n<p>Die DemonstrantInnen vermuten, dass diese &#8222;Aktivb\u00fcrger&#8220; zu den &#8222;Triaden&#8220; geh\u00f6ren, der chinesischen Mafia. In der Streikwoche vom 22. bis 27. September 2014 regnete es heftig.<\/p>\n<p>So wurde der Alltagsgegenstand des Regenschirms zum Symbol des Aufstands, denn neben Schutz vor Regen eignete sich ein aufgespannter Regenschirm bestens dazu, sich unmittelbar vor Pfefferspray und Tr\u00e4nengas von Seiten der Polizei zu sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>Anfang Oktober 2014 rief Joshua Wong zu Langzeitprotesten auf: &#8222;Bringt eure Schlafs\u00e4cke mit auf die Stra\u00dfen, wir werden bis zum Ende bleiben.&#8220;<\/p>\n<p>In den Stra\u00dfen Admiralty, Causeway Bay und im Gesch\u00e4ftsviertel Mongkok wurden Zeltst\u00e4dte errichtet, die im Verlauf des November mehrfach von der Polizei angegriffen und ger\u00e4umt, danach aber von den BesetzerInnen oft wiederbesetzt und wiedererrichtet wurden.<\/p>\n<p>Zwischenzeitlich gelang es der gewaltfreien Massenbewegung, die Polizei nach \u00f6ffentlichkeitswirksamer Dokumentation von Polizeimisshandlungen so sehr zu entlegitimieren, dass sich die Lokalregierung ab dem 16. Oktober zu Gespr\u00e4chen und Verhandlungen bereit erkl\u00e4rte.<\/p>\n<p>Diese wurden im Verlauf der K\u00e4mpfe dann mehrfach angek\u00fcndigt, aufgenommen und wieder abgebrochen, nachdem deutlich wurde, dass eine Ann\u00e4herung nicht erkennbar blieb.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alles begann am 16.1.2013, als Benny Tai Yiu-ting, Professor an der Uni Hongkong, in einem Zeitungsartikel zu zivilem Ungehorsam und zur Besetzung der Innenstadt aufrief. 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