{"id":13921,"date":"2015-01-01T00:00:54","date_gmt":"2014-12-31T22:00:54","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13921"},"modified":"2022-07-26T14:22:16","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:16","slug":"ohne-gerechtigkeit-kein-frieden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2015\/01\/ohne-gerechtigkeit-kein-frieden\/","title":{"rendered":"Ohne Gerechtigkeit kein Frieden"},"content":{"rendered":"<p>Schreibt man \u00fcber Abraham Johannes (A. J.) Muste, so muss man in verschiedene Lebens- und Schaffensphasen unterteilen, die letztendlich jedoch wiederum ein gro\u00dfes Ganzes ergeben, die also nicht als kleine, unzusammenh\u00e4ngende St\u00fccke behandelt werden k\u00f6nnen. Das zu ber\u00fccksichtigen ist wichtig, wird Muste heute doch eher als Antikriegsaktivist und weniger als gewaltfreier Revolution\u00e4r, Sozialist, Gewerkschafter und Aktivist der B\u00fcrgerrechtsbewegung rezipiert.<\/p>\n<p>Mustes politische Biografie verlief mitunter turbulent und nicht kollisionsfrei. Der rote Faden ist aber trotz vermeintlicher Unterschiede und Widerspr\u00fcche leicht auszumachen und der k\u00f6nnte mit der Formel &#8222;Ohne Gerechtigkeit kein Frieden&#8220; zusammengefasst werden.<\/p>\n<h3>Social Gospel, Sozialismus, Pazifismus<\/h3>\n<p>A. J. Muste wurde im niederl\u00e4ndischen Zierikzee in eine Arbeiterklassenfamilie geboren und kam 1891 als kleiner Junge in die Vereinigten Staaten, als die Familie Muste dorthin auswanderte. Vom kalvinistischen Erbe seiner Heimat und der niederl\u00e4ndischen Exilcommunity gepr\u00e4gt studierte er Theologie und wurde 1909 Pastor in der Fort Washington Collegiate Church in Manhattan\/New York City. Im Zuge seines theologischen Werdegangs n\u00e4herte er sich fr\u00fch schon dem Social Gospel &#8211; einer sozialkritischen und progressiven protestantisch-theologischen Str\u00f6mung &#8211; an. Dementsprechend fiel auch seine Lesart der Bibel aus: In den biblischen Propheten sah er z.B. &#8222;Prediger f\u00fcr soziale Gerechtigkeit, furchtlose Agitatoren, politische Rebellen&#8220;. Dieser Weg f\u00fchrte direkt weiter in die sozialistische Bewegung und bei der Pr\u00e4sidentschaftswahl 1912 w\u00e4hlte er bereits den legend\u00e4ren Sozialisten und Industrial Workers of the World (IWW)-Mitbegr\u00fcnder Eugene V. Debs (wobei er Wahlen zumeist eher kritisch gegen\u00fcber stand). Im Sozialismus sah er keinen Widerspruch sondern vielmehr eine Entsprechung seiner theologischen Ansichten und seines Glaubens. Im Zuge des Ersten Weltkriegs erg\u00e4nzte er die Themenpalette, mit der er sich politisch identifizierte, um einen weiteren Begriff: Pazifismus. 1916 trat er der neu gegr\u00fcndeten christlich-pazifistischen Organisation Fellowship of Reconciliation (FOR) bei, in der er eine wichtige Rolle spielen sollte. AntikriegsaktivistInnen und SozialistInnen wie Muste hatten sich damals mit einer intensiven staatlichen Repression herumzuschlagen.<\/p>\n<p>Der Espionage Act von 1917 und der Sedition Act von 1918 schr\u00e4nkten die freie Meinungs\u00e4u\u00dferung stark ein, Kriegsdienstverweigerer wurden verfolgt, eine FOR-Brosch\u00fcre wurde Opfer der Zensur und in 23 US-Bundestaaten war es verboten, die rote Fahne des Kommunismus sowie die schwarze Fahne des Anarchismus \u00f6ffentlich zur Schau zu stellen. Zudem wurden Gesetze verabschiedet, mit denen der sog. &#8222;kriminelle Syndikalismus&#8220; strafrechtlicher Verfolgung ausgesetzt werden konnte. Als 1919, sieben Jahre nachdem bereits ein von der IWW gef\u00fchrter Streik diese Gegend ersch\u00fctterte, in Lawrence 30.000 TextilarbeiterInnen erneut in den Streik traten, war Muste mit dabei und ein wichtiger Organisator und Agitator.<\/p>\n<p>Er wurde auch zum Vorsitzenden der neu gegr\u00fcndeten Amalgamated Textile Workers of America gew\u00e4hlt und einer seiner engsten Genossen zu dieser Zeit war der Anarchosyndikalist Anthony Capraro. Die Erfahrungen dieses Streiks sollten ihn in seinem politischen Engagement mit und in der Arbeiterbewegung nachhaltig pr\u00e4gen.<\/p>\n<h3>Das Brookwood Labor College<\/h3>\n<p>Nachdem Muste 1921 seinen Gewerkschaftsposten aufgab, wurde er der erste Vorstitzende und Gr\u00fcndungsmitglied des Brookwood Labor College, einer ArbeiterInnen-Universit\u00e4t, finanziert von Gewerkschaften, die ihren breit gef\u00e4cherten inhaltlichen Fokus auf alles rund um Gewerkschaftsarbeit und Sozialismus legte. Unter Muste sollte Brookwood zu einem undogmatischen, progressiven und radikalen Ort der ArbeiterInnen-Bildung werden, wo Leute wie A. Philip Randolph, Roger Baldwin, Elizabeth Gurley Flynn oder Sinclair Lewis vortrugen und mit den Studierenden diskutierten. Vom libert\u00e4ren Basisgewerkschafter, \u00fcber eher reformistisch Ausgerichtete bis hin zum KP-Mitglied war in Brookwood alles zu finden und dezidiert willkommen. Muste war der perfekte Br\u00fcckenbauer um die VertreterInnen unterschiedlicher Sozialismen und politischer Grundhaltungen unter einen Hut zu bringen.<\/p>\n<p>In den 1920ern sahen sich Muste und das College h\u00e4ufig mit Fl\u00fcgelk\u00e4mpfen konfrontiert. Der einflussreichen American Federation of Labor (AFL) wurde Brookwood unter Muste zu radikal. Der AFL war es ein Dorn im Auge, dass hier ohne Scheuklappen \u00fcber revolution\u00e4r-sozialistische, kommunistische und syndikalistische Ideen diskutiert wurde. Paradoxerweise begann zur gleichen Zeit auch die Kommunistische Partei einen Feldzug gegen Brookwood und ver\u00f6ffentlichte derbe Artikel im <i>Daily Worker<\/i>. Muste verteidigte gegen\u00fcber der AFL seinen Zugang der &#8222;Nichtexklusion&#8220; und meinte zu den Angriffen im <i>Daily Worker<\/i>, dass die KP diese loslie\u00df als sie darin scheiterte, Brookwood ideologisch zu \u00fcbernehmen und zu kontrollieren. Muste konnte aber nicht verhindern, dass aufgrund dieser Attacken von zwei Seiten Brookwood in eine Krise schlitterte. Aufgrund dieser Debatten verfassten Muste 1929 ein viel diskutiertes Thesenpapier (positive Erw\u00e4hnung fand es u.a. auch in der anarchistischen <i>Freien Arbeiter Stimme<\/i>) namens &#8222;Challenge to Progressives&#8220;, das in dem Gewerkschaftsmagazins <i>Labor Age <\/i>erstver\u00f6ffentlicht wurde.<\/p>\n<p>Die Anh\u00e4ngerInnen dieses &#8222;dritten Weges&#8220; in der amerikanischen Arbeiterbewegung wurden bald als &#8222;Musteites&#8220; bezeichnet und 1929 nahm diese Str\u00f6mung mit der Gr\u00fcndung der Conference for Progressive Labor Action (CPLA) eine organisatorische Form an.<\/p>\n<h3>Conference for Progressive Labor Action (CPLA)<\/h3>\n<p>Die CPLA wurde im Mai 1929 in New York City im Zuge einer Konferenz gegr\u00fcndet, an der Personen aus dem Brookwood Labor College, Mitglieder von <i>Labor Age<\/i> sowie unabh\u00e4ngige GewerkschafterInnen teilnahmen. <i>Labor Age<\/i>, das damals eine Auflage von 20.000 hatte, wurde zum offiziellen Organ der CPLA. Das prim\u00e4re Ziel war es nicht eine eigenst\u00e4ndige Gewerkschaft zu gr\u00fcnden (<i>dual unionism<\/i>), sondern die Basis existierender Gewerkschaften in der AFL zu radikalisieren. Somit stand die AFL auch im Mittelpunkt der Kritik der CPLA. Muste wollte CPLA zu einer &#8222;Zentrale der Agitation und Bildung&#8220; f\u00fcr die k\u00e4mpfende Arbeiterbewegung machen. Von Anfang an wurde dabei explizit auch auf &#8222;vernachl\u00e4ssigte Gruppen&#8220; R\u00fccksicht genommen wie Arbeitslose, African Americans oder Jugendliche. Auch die Organisation und Einbindung von Frauen war ein zentraler Aspekt, weshalb CPLA auch immer wieder als &#8222;labor feminist&#8220; bezeichnet wurde. In Abgrenzung zu der reformistischen AFL-Praxis und der ideologisch \u00fcberladenen Praxis der ParteikommunistInnen bezeichneten sich CPLA-AktivistInnen als revolution\u00e4re &#8222;Labor Actionists&#8220;. Muste warnte davor, sich &#8222;der Illusionen der parlamentarischen Politik&#8220; hinzugeben. Er propagierte sich stattdessen auf den Arbeitskampf und die direkte Aktion zu konzentrieren. Mehrere fatale politische Fehlentscheidungen lie\u00dfen ihn dieses einzigartige Werk in den Folgejahren jedoch selbst zerst\u00f6ren.<\/p>\n<h3>Marxismus-Leninismus und die trotzkistische Sackgasse<\/h3>\n<p>Zwischen 1933 und 1936 findet man in Mustes Biografie eine untypische und, wie sich herausstellen sollte, auch verh\u00e4ngnisvolle Phase, aufgrund seiner Hinwendung zum Marxismus-Leninismus und sp\u00e4ter zum Trotzkismus. Es war die einzige in seinem Leben, in der er seine christlich-pazifistischen und gewaltfreien Positionen vor\u00fcbergehend aufgab und zusehends autorit\u00e4r agierte. Mit zunehmendem Einfluss marxistischer Intellektueller im CPLA \u00e4nderte sich das Gesicht dieser Organisation. Aus der undogmatischen, progressiven und revolution\u00e4ren Organisation, die Diversit\u00e4t anstelle ideologischer Verbohrtheit setzte, wurden bereits 1932 eine selbst ernannte &#8222;revolution\u00e4re Avantgarde&#8220;, mit Muste an der Spitze. Es wurde versucht eine Theorie zu entwerfen um den Marxismus-Leninismus zu &#8222;amerikanisieren&#8220;. Muste wollte entsprechend seiner neuen politischen Ideen eine Organisation formen und so wurde &#8211; nicht ohne den Widerstand vieler seiner MitstreiterInnen &#8211; 1933 aus dem CPLA die American Workers Party (AWP). 1934 folgte der n\u00e4chste fatale Schritt und Muste initiierte eine Vereinigung der AWP mit der trotzkistischen Communist League of America. Was folgte waren Streit, politische Intrigen, Graben- und Machtk\u00e4mpfe, die Muste auslaugten und desillusionierten, was diese Form der politischen Aktivit\u00e4t anlangte. Tief in der Krise fuhr er mit seiner Frau Anne 1936 auf Urlaub nach Europa. In Norwegen traf er Trotzki und diskutierte mit ihm die Probleme, vor denen er stand. Die Zeit der Reflexion, weit weg von den politischen Grabenk\u00e4mpfen kommunistischer SektiererInnen, bewirkte etwas Wundersames. Muste kehrte dem Trotzkismus und dem Marxismus-Leninismus den R\u00fccken und kam zur\u00fcck als der &#8222;Alte&#8220;: als Basisgewerkschafter, gewaltfreier Revolution\u00e4r, christlicher Pazifist und undogmatischer Sozialist.<\/p>\n<h3>Gewaltfreie Aktion und &#8222;Gandhian revolution&#8220;<\/h3>\n<p>Muste fand nun wieder in die FOR zur\u00fcck und wurden 1941 deren Vorsitzender. Obwohl in seinem weiteren Leben vor allem die Bereiche Antikrieg und Antirassismus gr\u00f6\u00dfere Rollen spielten, verloren seine gewerkschaftlichen und sozialistischen Ideale nicht ihre Bedeutung.<\/p>\n<p>In der FOR, die Ende der 1930er Jahre bis zu 14.000 Mitglieder hatte, wurde nun verst\u00e4rkt begonnen kontrovers \u00fcber gewaltfreien Widerstand und Aktion zu diskutieren. Richard Greggs <i>The Power of Non-violence<\/i> (1934), das eine westliche LeserInnenschaft mit Gandhis Kampfformen vertraut machen sollte, war damals ein viel diskutiertes Buch in diesen Kreisen.<\/p>\n<p>Viele \u00e4ltere PazifistInnen sprachen sich dagegen aus, diese als zu konfrontativ geltende Taktik anzuwenden. Muste war einer jener, die sich f\u00fcr eine Gandhische Gewaltfreiheit aussprachen und fand hier vor allem unter j\u00fcngeren AktivistInnen Zustimmung. Mustes k\u00e4mpferische gewaltfreie Aktion verband Gandhische Konzeptionen und christliche Motive mit seinen Erfahrungen aus Streiks und Arbeitsk\u00e4mpfen. Wie Gandhi stand er dem Nationalstaat skeptisch gegen\u00fcber und seine N\u00e4he zum Syndikalismus lie\u00df ihn stets die (gewaltfreie) direkte Aktion gegen\u00fcber dem reformistisch-parlamentarischen Weg pr\u00e4ferieren.<\/p>\n<p>Deshalb ist es nur logisch, dass Muste auch forderte, die FOR m\u00fcsse &#8222;revolution\u00e4r sein und werden&#8220;.<\/p>\n<p>Er wollte, dass sich (revolution\u00e4re) PazifistInnen verst\u00e4rkt mit Arbeitsk\u00e4mpfen solidarisieren und gegen die rassistische Diskriminierung engagieren &#8211; also \u00fcber ihren &#8222;Tellerrand&#8220; hinaus schauen und K\u00e4mpfe miteinander verbinden sollten. Engagement gegen Krieg war f\u00fcr ihn ohne ein Eintreten f\u00fcr soziale Gerechtigkeit nicht denkbar.<\/p>\n<p>F\u00fcr Muste waren die Probleme der kapitalistischen Ausbeutung, der rassistischen Diskriminierung (speziell aber nicht nur von African Americans in den USA) sowie die Frage des Friedens wider die imperialistische US-Au\u00dfen- und Kriegspolitik untrennbar miteinander verbunden. Muste sprach hier von der &#8222;Dreifachrevolution&#8220; (<i>triple revolution<\/i>), die notwendig sei.<\/p>\n<h3>Mustes K\u00e4mpfe &#8230;<\/h3>\n<p>Muste setzte sich mit seinem Vorhaben, Gandhische Gewaltfreiheit in den USA zum Einsatz zu bringen, immer weiter durch und wir treffen gewaltfreien Widerstand in verschiedenen K\u00e4mpfen an &#8211; haupts\u00e4chlich in jenen Feldern, die Muste in seiner Theorie der &#8222;Dreifachrevolution&#8220; erw\u00e4hnte. So spielte er eine nicht zu untersch\u00e4tzende Rolle in der (fr\u00fchen) B\u00fcrgerrechtsbewegung. Unter anderem gemeinsam mit dem jungen Bayard Rustin, der einer seiner engsten Mitstreiter und Freunde wurde, war er unerm\u00fcdlich aktiv gegen die rassistische Diskriminierung von African Americans anzuk\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Sie waren stark daran beteiligt, eine Basis f\u00fcr die B\u00fcrgerrechtsbewegung zu schaffen, die mit der Southern Christian Leadership Conference (SCLC), aber auch mit weniger bekannten, radikaleren Gruppen wie das Student Nonviolent Coordinating Committee (SNCC), Geschichte schreiben sollte.<\/p>\n<p>Er und seine MitstreiterInnen waren auch ma\u00dfgeblich daran beteiligt, dass aus der B\u00fcrgerrechtsbewegung zunehmend deutliche Worte gegen den Vietnamkrieg zu h\u00f6ren waren und sich auch Martin Luther King letztendlich \u00f6ffentlich gegen den Krieg aussprach.<\/p>\n<p>Mustes Anklagen gegen &#8222;white supremacy&#8220; in der US-Gesellschaft und weltweit hat wenig an Aktualit\u00e4t eingeb\u00fc\u00dft. In diesem Zusammenhang steht auch sein antikoloniales Engagement. Er war ein Unterst\u00fctzer antikolonialer Bewegungen und pflegte intensiven Kontakt mit Verb\u00fcndeten in den diversen Regionen, vor allem in Afrika.<\/p>\n<p>Muste gilt auch als Mentor einer ganzen Generation junger SozialistInnen und AntikriegsaktivistInnen aus der New Left wie Barbara Deming, David McReynolds oder Dave Dellinger. Er unterst\u00fctzte den Widerstand in den Arbeitscamps des Civilian Public Service, in denen Kriegsdienstverweigerer arbeiten mussten und demonstrierte nicht nur in den USA, sondern sp\u00e4ter auch in Vietnam selbst gegen den Vietnamkrieg. Er trug, inspiriert durch Leute wie Dellinger, Diskussionen \u00fcber &#8222;revolution\u00e4ren Pazifismus&#8220; in die FOR und radikalisierte so die pazifistische Bewegung.<\/p>\n<p>Die Politik der USA in der \u00c4ra des Kalten Kriegs beschrieb er als einen &#8222;b\u00fcrokratischen, manipulativen und autorit\u00e4ren Albtraum&#8220;. Das Damoklesschwert der nuklearen Vernichtung durch die beiden Superm\u00e4chte war neben dem Vietnamkrieg eines der Themen, das ihn in seinen letzten Lebensjahren umtrieb.<\/p>\n<p>Sein letztes gro\u00dfes Projekt war seine T\u00e4tigkeit als Vorsitzender des Spring Mobilization Committee to End the War in Vietnam &#8211; sein letzter Kraftakt gegen den Vietnamkrieg. Muste schaffte es eine Allianz zu schmieden, die von Black-Power-AktivistInnen, \u00fcber gewaltfreie Revolution\u00e4rInnen und PazifistInnen, bis hin zu religi\u00f6sen, sozialistischen und feministischen AktivistInnen reichte.<\/p>\n<p>Die Bewegungen, denen Muste angeh\u00f6rte und die er inspirierte, sind auch heute noch beeindruckend. Gemeinsam mit seinen gewaltfrei-revolution\u00e4ren GenossInnen warb er daf\u00fcr, dem &#8222;absolutistischen Staat&#8220; u.a. mittels Kriegsdienstverweigerung und Steuerboykott den Gehorsam zu verweigern &#8211; also ganz im Sinne \u00c9tienne de La Bo\u00e9ties den Tyrannen schlicht und einfach nicht mehr zu st\u00fctzen, damit dieser &#8222;in seiner eigenen Schwere zusammenbricht und in St\u00fccke geht&#8220;. In diesen Kreisen entstand 1948 z.B. das antiautorit\u00e4r-sozialistische (teils anarchistische) und gewaltfrei-revolution\u00e4re Committee for Non-Violent Revolution.<\/p>\n<p>Muste war auch in den Peacemakers aktiv, eine Gruppe, die sich auf gewaltfreie Aktionen wie Sit-ins und zivilen Ungehorsam konzentrierte und aus dem Committee hervorging.<\/p>\n<p>Personen aus diesem Zusammengang (inkl. Muste) gr\u00fcndeten 1956 ihr eigenes Printmedium &#8211; <i>Liberation<\/i> &#8211; das eine zentrale Rolle spielte in den Debatten, der Theoriebildung und der Praxis dieser Bewegung.<\/p>\n<h3>\u2026 und Visionen<\/h3>\n<p>Seine politische Vision kam anarchistischem Gedankengut zeitweise sehr nahe, auch, wenn er sich selbst nicht als Anarchisten verstanden hat.<\/p>\n<p>Die Gesellschaft, die ihm vorschwebte, war eine &#8222;klassenlose [\u2026] in welcher der bewaffnete, nationalistische, h\u00f6chst zentralisierte Staat verschwunden ist&#8220;, eine, in der &#8222;jedes Individuum seine eigenen Talente und Pers\u00f6nlichkeit&#8220; entwickeln k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Diese Gesellschaft sei &#8222;genuin internationalistisch und nicht nationalistisch&#8220; und basierte auf Prinzipien wie &#8222;verantwortungsbewusster Freiheit, Gegenseitigkeit und Frieden&#8220;.<\/p>\n<p>Muste meinte einmal, die Forderung den Krieg abzuschaffen sei schlicht nicht genug. Krieg sei so sehr &#8222;Teil unserer Kultur und unseres \u00f6konomischen und politischen und spirituellen Daseins&#8220;, dass die Forderung nach einem Ende des Krieges gleichbedeutend sei mit der Forderung nach einer &#8222;Revolution [\u2026] in uns selbst und in unserer Welt&#8220;.<\/p>\n<p>Diese gewaltfrei-revolution\u00e4re Perspektive, die in ihrer Analyse tiefer geht und darauf beharrt, dass es nicht gen\u00fcgt &#8222;nur&#8220; gegen den Krieg zu sein, gilt es auch heute noch zu verfolgen &#8211; und A. J. Muste zeigte vor, wie es geht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schreibt man \u00fcber Abraham Johannes (A. J.) Muste, so muss man in verschiedene Lebens- und Schaffensphasen unterteilen, die letztendlich jedoch wiederum ein gro\u00dfes Ganzes ergeben, die also nicht als kleine, unzusammenh\u00e4ngende St\u00fccke behandelt werden k\u00f6nnen. 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