{"id":13961,"date":"2014-04-25T17:35:47","date_gmt":"2014-04-25T15:35:47","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13961"},"modified":"2018-08-05T15:27:10","modified_gmt":"2018-08-05T13:27:10","slug":"graswurzelrevolution-dafuer-stehe-ich-bernd-druecke","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2014\/04\/graswurzelrevolution-dafuer-stehe-ich-bernd-druecke\/","title":{"rendered":"Graswurzelrevolution \/ Daf\u00fcr stehe ich: Bernd Dr\u00fccke"},"content":{"rendered":"<p>Stuttgart. &#8222;Man muss sich Sisyphos als gl\u00fccklichen Menschen vorstellen&#8220;, zitiert Bernd Dr\u00fccke den franz\u00f6sischen Philosophen und Schriftsteller Albert Camus. F\u00fcr den Anarchisten aus M\u00fcnster geh\u00f6rt der Weg zum Ziel, ist der gelebte Alltag Teil der Revolution. Er beurteilt sein politisches Wirken in den letzten, eigentlich von so vielen Niederlagen in sozialen K\u00e4mpfen gepr\u00e4gten Jahrzehnten durchaus als erfolgreich: &#8222;Es kommt nicht nur darauf an, was man erreicht.&#8220;<\/p>\n<p>Und zumindest auf lokaler Ebene ging es tats\u00e4chlich voran. So gelang es, mitten im teuren Spekulationsgebiet von M\u00fcnster ein selbst verwaltetes Wohnprojekt f\u00fcr sechzig Menschen zu erhalten, an dem Dr\u00fccke beteiligt ist. Und dann ist da noch die Zeitschrift Graswurzelrevolution, deren Redakteur der 48-J\u00e4hrige seit 1998 ist und die ihre Wirkung entfaltet. Seit 1972 erscheint die Monatszeitung f\u00fcr eine gewaltlose und herrschaftsfreie Gesellschaft. Der Verfassungsschutz stuft sie als linksextremistisch ein.<\/p>\n<p>Dr\u00fccke engagierte sich schon als Jugendlicher in Unna in der Friedensbewegung und war Sch\u00fclersprecher. 1984 gr\u00fcndete er seine erste Sch\u00fclerzeitung mit Namen &#8222;Splash&#8220;. Nichts Gro\u00dfes, winkt er heute ab, doch immerhin so politisch und pazifistisch, dass einige Eltern ihren Kindern verboten, sie zu kaufen. Pers\u00f6nliche Gr\u00fcnde, Zufall &#8211; so erkl\u00e4rt er sich, dass einige seiner Generation aufbegehrten, w\u00e4hrend andere konservativ oder unpolitisch blieben.<\/p>\n<p>&#8222;Ich bin das schwarz-rote Schaf der Familie&#8220;, sagt Dr\u00fccke, ein sanfter und eher intellektueller Typ, und l\u00e4chelt. Seine Eltern und Geschwister sind G\u00e4rtner, er schlug als einziger aus der Art. Eigentlich steuerte er auf eine wissenschaftliche Karriere als Soziologe zu, doch sie endete 2003 mit einem Berufsverbot, auch wenn das heute nicht mehr so hei\u00dft. Wie stark sich jemand radikalisiert, vermutet Dr\u00fccke, komme auf seine pers\u00f6nlichen Erfahrungen an. Wer bei Demonstrationen Polizeigewalt erlebt, verliert schnell seine Illusionen \u00fcber Staat und Demokratie. Dann sei es wichtig, nicht in ein schwarzes Loch zu fallen.<\/p>\n<p>Als Bernd Dr\u00fccke zum Studieren nach M\u00fcnster zog, fand er schnell Anschluss an die libert\u00e4re Szene. Wegen eines Aufrufs zum Volksz\u00e4hlungsboykott musste er vor Gericht. Er erlebte Repression, aber auch Solidarit\u00e4t: &#8222;Es ist wichtig, dass man nicht allein dasteht und aufgefangen wird.&#8220;<\/p>\n<p>Der Anarchist bekennt sich zur Gewaltfreiheit. Dennoch betrachtet er sich nicht als wehrlos. &#8222;Ich w\u00fcrde niemals einen Stein auf jemanden werfen oder einen Menschen verletzen&#8220;, stellt Dr\u00fccke klar. Doch Sabotageaktionen bewertet er nicht als Gewalt. Das Wort kommt vom franz\u00f6sischen Sabot, Holzschuh. Es erinnert daran, dass franz\u00f6sische Arbeiter w\u00e4hrend der industriellen Revolution bei Protestaktionen ihre Holzschuhe in Maschinen warfen, um deren Mechanismus zu zerst\u00f6ren.<\/p>\n<p>Dr\u00fccke bekennt sich zu zivilem Ungehorsam, Blockaden oder Sabotageaktionen. Als Beispiel beschreibt er, wie in Mecklenburg-Vorpommern ein gentechnisches Versuchsfeld besetzt wurde. Aktivisten schleuderten in einer spektakul\u00e4ren, von den Medien dokumentierten Aktion ganz normale Biokartoffeln auf das Feld und zerst\u00f6rten so die Versuchsanordnung. Dr\u00fccke findet &#8222;eine solche Aktion extrem effektiv und sympathisch&#8220;. Der Konzern Monsanto wurde als T\u00e4ter \u00f6ffentlich angeprangert und war blamiert. \u00c4hnlich laufe es, wenn Atomtransporte behindert werden. Der Graswurzel-Redakteur ist bei solchen Anl\u00e4ssen mit Presseausweis als Berichterstatter vor Ort &#8211; auch, um den Aktivisten einen gewissen Schutz vor Polizei\u00fcbergriffen zu bieten. Antimilitarismus und Antifaschismus sind weitere Bereiche, in denen er sich engagiert.<\/p>\n<p>Im Mai 1989 beteiligte er sich an seiner ersten Hausbesetzung. Zu seiner eigenen gelebten Utopie geh\u00f6rt jenes alternative Wohnprojekt in der Altstadt von M\u00fcnster. 1991 wurde das Gel\u00e4nde teilbesetzt. Die 60 Menschen, die in den H\u00e4usern wohnten, bildeten im Grund eine Zwangsgemeinschaft. Unter ihnen waren nicht nur politisch Interessierte, doch sie hatten nur die Alternative, sich entweder gegen ihren Vermieter zusammenzuschlie\u00dfen oder auszuziehen.<\/p>\n<p>Der Eigent\u00fcmer versuchte, die Hausbewohner als Chaoten hinzustellen. Doch als sie beim R\u00e4umungsprozess mit Kind und Kegel im Gericht erschienen, fand sie eine Richterin offenbar sympathisch und gab ihnen Recht. Nach langem Hin und Her konnten die Besetzer den Zustand legalisieren, zumal sich die Mehrheitsverh\u00e4ltnisse im Rathaus \u00e4nderten. Sie zogen f\u00fcr anderthalb Jahre in ein Schulhaus und renovierten am Wochenende die H\u00e4user. Daf\u00fcr erhielten sie zwei Millionen Mark vom Land Nordrhein-Westfalen. Es gibt auch ein Blockheizkraftwerk, und das Projekt bekam einen Preis f\u00fcr \u00f6kologisches und selbst verwaltetes Bauen.<\/p>\n<p>Inzwischen leben mehrere Generationen in verschiedenen Wohnformen in den H\u00e4usern. Noch immer werden alle Entscheidungen basisdemokratisch und einvernehmlich getroffen. Dr\u00fccke spricht von gelebter Nachbarschaft. Ob so etwas geht, ist nach seiner Erfahrung eine Frage der Hierarchie. Entscheidungen im Konsens gibt es nur unter Gleichen. Und zwischen Herrschern und Beherrschten, etwa an einem normalen Arbeitsplatz, kann es keine Gleichheit geben. Auch bei der Zeitschrift Graswurzelrevolution l\u00f6sen die vierzig Beteiligten Meinungsverschiedenheiten im Konsens.<\/p>\n<p>Obwohl ihm seine Arbeit Freude macht, bedauert es Dr\u00fccke, nicht mehr an der Universit\u00e4t unterrichten zu d\u00fcrfen. Er hatte mit &#8222;summa cum laude&#8220; \u00fcber anarchistische Presse promoviert &#8211; ein Pr\u00e4dikat, das ihm normalerweise eine wissenschaftliche Karriere er\u00f6ffnet h\u00e4tte. Doch sein letztes Seminar hielt er 2003 zum Afghanistan-Krieg: &#8222;Terror, Krieg und Medien.&#8220; Vorausgegangen war ein Konflikt mit dem Gr\u00fcnen-Bundestagsabgeordneten Winfried Nachtwei, der noch 1998 gegen Auslandseins\u00e4tze der Bundeswehr agitierte, dann jedoch einen Sinneswandel vollzog. Weil Dr\u00fccke einen scharfen Kommentar ver\u00f6ffentlichte, in dem stand, dass Nachtwei beim Gro\u00dfen Zapfenstreich in M\u00fcnster gesehen worden war, stellte ihn der Gr\u00fcne als L\u00fcgner hin, der wissenschaftliche und politische Arbeit nicht auseinander halte. Zwar konnte Dr\u00fccke nachweisen, im Recht gewesen zu sein, doch die Behauptung war in der Welt. Hinzu kam, dass ein Generationswechsel in der Professorenschaft konservativere Kr\u00e4fte ans Ruder brachte. Drei linke Wissenschaftler wurden damals von der Uni entfernt, erinnert sich Dr\u00fccke: &#8222;Schade, es hatte mir gro\u00dfen Spa\u00df gemacht.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Anne Hilger<\/strong><\/p>\n<h4>Zur Person<\/h4>\n<p>Bernd Dr\u00fccke<br \/>\nan Heiligabend 1965 in Unna geboren<br \/>\nab 1986 Studium der Soziologie, Politikwissenschaft und P\u00e4dagogik in M\u00fcnster<br \/>\n1998 Promotion, bis 2003 Lehrbeauftragter an der Universit\u00e4t M\u00fcnster<br \/>\nseit 1998 Koordinationsredakteur der &#8222;Graswurzelrevolution&#8220;<br \/>\nDer Autor und freiberufliche Journalist hat zwei Kinder und lebt in einem alternativen Wohnprojekt in M\u00fcnster<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stuttgart. &#8222;Man muss sich Sisyphos als gl\u00fccklichen Menschen vorstellen&#8220;, zitiert Bernd Dr\u00fccke den franz\u00f6sischen Philosophen und Schriftsteller Albert Camus. 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