{"id":13963,"date":"2013-03-01T00:00:16","date_gmt":"2013-02-28T22:00:16","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13963"},"modified":"2018-08-05T15:27:52","modified_gmt":"2018-08-05T13:27:52","slug":"muensteraner-graswurzeln","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/03\/muensteraner-graswurzeln\/","title":{"rendered":"M\u00fcnsteraner Graswurzeln"},"content":{"rendered":"<p>Das gerne gepflegte Understatement der Metropolis Westfaliae verstellt schnell den Blick auf die geistigen und kulturellen Potenziale der Domstadt. Kaum jemand vermutet hier ein Zentrum des deutschen Anarchismus. Dabei arbeitet mit Dr. Bernd Dr\u00fccke der Koordinationsredakteur der Zeitschrift &#8222;Graswurzelrevolution&#8220; am Breul. Mit dem sympathischen Soziologen unterhielt sich drau\u00dfen-Redakteur Michael He\u00df \u00fcber Biografie, Ideale und Zeitschrift.<\/p>\n<p>Dem 47-j\u00e4hrigen Soziologen war sein Werdegang nicht unbedingt in die Wiege gelegt. In Unna in eine G\u00e4rtnerfamilie hineingeboren, besucht er nach der Grundschule ein Gymnasium. Erste Weichenstellungen aus dem eher konservativen Milieu seiner Jugend heraus erfolgen mit der Gr\u00fcndung einer Sch\u00fclerzeitung und sozialer Emphase f\u00fcr Mitsch\u00fcler als Sch\u00fclervertreter. So ungef\u00e4hr mit 15 Jahren habe er begonnen, sich ernsthaft mit der Welt des Anarchismus zu besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p>Der Blick f\u00fcr Andere schlie\u00dft das Interesse f\u00fcr Musik fernab des Mainstreams ein.<\/p>\n<p>Ton Steine Scherben oder Cochise hei\u00dfen die Rockbands seiner Wahl. Damals wie heute gelten sie Insidern als eine Klasse f\u00fcr sich. Immer mehr verfestigt sich das egalit\u00e4re Weltbild auf gewaltfreier Grundlage. Nach dem Abitur verst\u00e4rkt sich Dr\u00fcckes Engagement &#8222;gegen Krieg und Militarismus, f\u00fcr eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft&#8220;. Nein, er mochte nicht gern f\u00fcr billiges \u00d6l sterben, wie es ein Plakatklassiker der Graswurzelwerkstatt aus der Zeit des Golfkriegs 1991 ironisch formuliert. Besser ein Studium, n\u00e4mlich das der Soziologie, Politik und P\u00e4dagogik an der M\u00fcnsteraner Universit\u00e4t. &#8222;Eigentlich wollte ich Geschichte studieren, aber da war damals der Numerus Clausus vor&#8220;, erinnert sich der Redakteur. Er nimmt die Herausforderung an, studiert und promoviert 1998 passend \u00fcber das Thema &#8222;Anarchistische Presse in Ost- und Westdeutschland&#8220;. Die heutige T\u00e4tigkeit k\u00fcndigt sich fr\u00fch an und im Privaten kommt eine Familie dazu. Der erste Sohn ist 20 Jahre alt, der zweite acht.<\/p>\n<p>Die Familie lebt mit 60 Mitstreitern im selbstverwalteten Wohnprojekt am Breul.<\/p>\n<p>Irgendwie passt hier alles zusammen. Der frisch promovierte Soziologe mit dem anarchistischen Weltbild hat das Gl\u00fcck des T\u00fcchtigen. Denn die Zeitschrift &#8222;Graswurzelrevolution&#8220;, auf die noch zu kommen sein wird, sucht 1998 einen neuen Koordinationsredakteur alias Verantwortlichen im Sinne des Presserechts, im K\u00fcrzel als V.i.S.d.P. bekannt. Der Jungakademiker und Doktor bewirbt sich kurz entschlossen neben zehn weiteren Kandidaten, bekommt den Zuschlag und erinnert sich vierzehn Jahre sp\u00e4ter: &#8222;Meine Dissertation war gerade erschienen und hatte in der Zeitschrift eine hervorragende Rezension erhalten.&#8220; Das konnte keiner der Mitbewerber toppen und seitdem sind er und die Zeitschrift nicht eben eins, aber fast. Der Erfolg schlie\u00dft die Eltern in Unna mit ein. &#8222;Heute lesen auch sie die Zeitschrift&#8220;, lacht Bernd Dr\u00fccke, aber nein, Anarchisten seien sie deshalb nicht. Dennoch: Mehr Anerkennung und Respekt kann man von seinen Eltern kaum erwarten.<\/p>\n<p>Nur \u00fcber wenige Denkfiguren herrscht so viel Unkenntnis wie \u00fcber den zeitgen\u00f6ssischen Anarchismus. Zwar bef\u00fcrworteten manche der Urv\u00e4ter im 19. Jahrhundert Gewalt gegen den Staat bzw. dessen Vertreter. Die herrschaftsfreie Gesellschaft sollte nach Ansicht von Proudhon oder Bakunin notfalls herbeigebombt werden &#8211; es war schon damals ein Widerspruch in sich, der allenfalls zu noch mehr staatlicher Repression f\u00fchrte. Manches gekr\u00f6nte und gew\u00e4hlte Haupt fiel Bomben und Pistolen zum Opfer. Zar Alexander II. 1881 und 1901 der US-amerikanische Pr\u00e4sident William McKinley (nebenbei: der Prototyp eines Imperialisten) seien stellvertretend genannt. Solche Aktionen pr\u00e4gen in vielen K\u00f6pfen bis heute das Bild des bombenverliebten Anarchisten, bef\u00f6rdert durch die b\u00fcrgerliche Journaille.<\/p>\n<p>Mit dem heutigen Anarchismus hat das nichts mehr zu tun. Schon lange hat er seinen gewaltt\u00e4tigen Schrecken verloren und entfaltet als &#8222;New Anarchism&#8220; bemerkenswerte Attraktivit\u00e4t f\u00fcr Andersdenkende und Sinnsucher. Die Ausformungen sind in Theorie und Praxis derart vielf\u00e4ltig, dass eine alles umfassende Definition unm\u00f6glich ist. Es gibt diverse Str\u00f6mungen und Kontakte zu weiteren linken Subkulturen wie Hardcoremusikern, Tierrechtlern, Vegetariern und Veganern, zur Drogen ablehnenden Straight Edge-Bewegung. Occupy ist zu nennen (tats\u00e4chlich ist der Occupy-\u00dcbervater David Graeber bekennender Anarchist, vgl. auch die Rezension zu seinem Buch &#8222;Schulden&#8220;; in: ~ Nr. 10\/2012) und nat\u00fcrlich der Pazifismus selbst. Die Schnittmenge beider Ideenwelten ist so gro\u00df, dass Anarchismus als eine treibende Kraft der Friedensbewegung gelten darf. Anarchisten wie Sacco und Vanzetti, Erich M\u00fchsam, Willy Holtz und Willi Jelinek gingen f\u00fcr ihre \u00dcberzeugung in den Tod. Die einen in den USA der Zwanziger Jahre, die anderen unter den Nazis, in der stalinistischen Sowjetunion und in der fr\u00fchen DDR. Egal ob b\u00fcrgerliche Demokratie, Terrordiktatur oder R\u00e4tesystem &#8211; verfolgt wurden sie \u00fcberall und waren doch nicht tot zu kriegen. Die heutige Bewegung unterh\u00e4lt auch Kontakte zu kommunistischen und sozialistischen Gruppen sowie als Freie Arbeiter Union (FAU) ins gewerkschaftliche Milieu. In einer Welt, die von Afghanistan bis Zypern milit\u00e4rische Gewalt zur Durchsetzung imperialer Interessen akzeptiert, entfaltet die konsequent friedliche Ideenwelt des zeitgen\u00f6ssischen Anarchismus au\u00dferparlamentarische Attraktivit\u00e4t bis ins b\u00fcrgerliche Lager hinein. Denn Anarchisten und Autonome sind zwei verschiedene Paar Schuhe, ebenso wie ein unreflektiertes Gutmenschentum im Zeichen der Sonnenblume. Dass David Graeber mittlerweile als Gast in Talk Shows brilliert, ist kein Zufall.<\/p>\n<p>Stimmt schon, es gibt L\u00e4nder wie die in S\u00fcdeuropa oder die USA mit einer deutlich st\u00e4rkeren anarchistischen Tradition als Deutschland.<\/p>\n<p>Aus der hiesigen Ideologiengeschichte ist sie gleichwohl nicht zu eliminieren.<\/p>\n<p>Aus M\u00fcnsters Stadtgesellschaft ebenso wenig. Das im September 2010 am Servatiiplatz aufgestellte Standbild des Anarchisten Paul Wulf avancierte zuvor zum Stadtgespr\u00e4ch und Publikumsliebling der 2007er Skulpturenausstellung und mit ihm die Zeitumst\u00e4nde des solcherart Geehrten, der 1999 verstarb. Im August 2012 wird der n\u00f6rdlich des Schlossparks liegende J\u00f6ttenweg in Paul Wulf-Weg umbenannt (siehe dazu auch &#8222;Ehre, wem Ehre geb\u00fchrt&#8220; in: drau\u00dfen Nr. 10\/2012). Treibende Kraft hinter Aufstellung und Umbenennung war der Freundeskreis Paul Wulf um Bernd Dr\u00fccke, der Wulf noch pers\u00f6nlich kannte und sch\u00e4tzte. Die Skulptur am Servatiiplatz dient zugleich als Infotr\u00e4ger; Spenden f\u00fcr die weitere Plakatierung sind immer willkommen (siehe Infokasten).<\/p>\n<p>Mag die Szene in der Bundesrepublik \u00fcberschaubar sein, aktiv ist sie allemal.<\/p>\n<p>Und bestens vernetzt. Unter anderem \u00fcber die Zeitschrift &#8222;Graswurzelrevolution&#8220;, f\u00fcr die Dr. Bernd Dr\u00fccke seit 1998 als Koordinationsredakteur verantwortlich zeichnet. In einem B\u00fcro im Haus der Evangelischen Studentengemeinde entsteht kein Zentralorgan (bitte keine Hierachien!), wohl aber ein zentrales, wenn auch nicht einziges Printmedium der Szene. Als &#8222;herrschaftsfreies Sammelbecken&#8220; gilt die bereits 1972 gegr\u00fcndete<\/p>\n<p>Zeitschrift mit dem 40-k\u00f6pfigen Herausgeberkreis (von 20 bis 84 Jahren) und als Sprachrohr sozialer Bewegungen zwischen Friedensengagement, \u00d6ko, Atom und Gentech in lebhafter Debatte. Dabei sei das auf seine 400ste Ausgabe hin arbeitende Blatt weder Flugblattsammlung noch klassische Szenezeitung. Am Breul sorgf\u00e4ltig redigiert und layoutet, werden in den zehn Ausgaben per anno allein Erstdrucke ver\u00f6ffentlicht. Honorarfrei, versteht sich. L\u00f6st ein eingereichter Beitrag Kontroversen aus, entscheidet der Herausgeberkreis basisdemokratisch \u00fcber den Abdruck. Im Einzelfall ein aufw\u00e4ndiges Procedere, ist der Kreis doch \u00fcbers Land verteilt. Vertrieb und Buchhaltung ebenfalls und die Redaktion halt am Breul in M\u00fcnster. Vernetzt ist man auch international \u00fcber die 1921 gegr\u00fcndete War Resisters ? International (WRI) mit ihren 90 Friedensorganisationen in 45 L\u00e4ndern. Unterm Strich h\u00e4lt das Blatt bei einer stabilen Auflage von etwa 4.000 Exemplaren bis zu 20.000 Empf\u00e4nger auf der anarchischen H\u00f6he der Zeit. F\u00fcr 3 Euro pro Ausgabe. Zuweilen gelingen echte Husarenst\u00fccke. Wie mit dem sog. Utopia-Projekt. Aus einer Schnapsidee im Wortsinne entwickelte sich die gr\u00f6\u00dfte anarchistische Jugendbeilage in Deutschland seit den 20er Jahren. Mit einer Auflage von 25.000 Exemplaren, verteilt in Jugendzentren, auf Schulh\u00f6fen und so weiter. Respekt! Derzeit wird das Projekt neu konzipiert. &#8222;Die Graswurzelrevolution ist ein Blatt, mit dem der Anarchismus in W\u00fcrde altern kann&#8220;, schmunzelt der verantwortliche Redakteur und meint, die Abgekl\u00e4rtheit des Alters erg\u00e4nze sich doch bestens mit dem Ungest\u00fcm der Jugend. Klar, der Anarchismus macht da keine Ausnahme.<\/p>\n<p>Auch mit dem Graswurzeltouch bleibt der M\u00fcnsteraner Breul Teil einer Gesellschaft, in der trotz verbaler Gleichheit subtile Gewalt und Hierarchien bestimmen. Was treibt zum Weitermachen?<\/p>\n<p>&#8222;Anarchismus kann die Menschen ver\u00e4ndern, auch durch seine Aktionsformen, die von unten kommen&#8220;, sagt Bernd Dr\u00fccke nach einigen Sekunden nachdenklich. Es ist die Nachdenklichkeit der Art, die um ihre Widerst\u00e4ndigkeit und Vitalit\u00e4t wei\u00df.<\/p>\n<p><strong>Michael He\u00df<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das gerne gepflegte Understatement der Metropolis Westfaliae verstellt schnell den Blick auf die geistigen und kulturellen Potenziale der Domstadt. Kaum jemand vermutet hier ein Zentrum des deutschen Anarchismus. Dabei arbeitet mit Dr. Bernd Dr\u00fccke der Koordinationsredakteur der Zeitschrift &#8222;Graswurzelrevolution&#8220; am Breul. 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