{"id":13987,"date":"2009-06-07T18:11:58","date_gmt":"2009-06-07T16:11:58","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13987"},"modified":"2018-10-13T19:17:30","modified_gmt":"2018-10-13T17:17:30","slug":"graswurzelrevolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2009\/06\/graswurzelrevolution\/","title":{"rendered":"Graswurzelrevolution"},"content":{"rendered":"<p>F\u00fcr alle, die bei dem Wort Graswurzelrevolution zuerst an Gartenarbeit denken, gibt&#8217;s zu Beginn noch eine kleine Erkl\u00e4rung: Mit Graswurzelrevolution wird eine tief greifende gesellschaftliche Umw\u00e4lzung bezeichnet, in der durch Macht von unten alle Formen von Gewalt und Herrschaft abgeschafft werden sollen. Mit Graswurzel sind eben die Menschen an der Basis gemeint, die gesellschaftliche Ver\u00e4nderung soll von dort aus, und nicht von oben durch irgendwelche PolitikerInnen erreicht werden. &#8222;Graswurzelrevolution&#8220; ist aber auch der Name einer Zeitung. Wie sie selbst sagen, sind sie das einflussreichste und \u00e4lteste Organ des Anarchismus im deutschsprachigen Raum. Tats\u00e4chlich erscheint das Blatt schon seit 1972. Dabei blieben die HerausgeberInnen stets ihren Prinzipien treu. Sie haben sich nicht wie viele andere linke Publikationen in den Mainstream integriert, sondern arbeiten noch immer nach einem basisdemokratischen Prinzip. Das hei\u00dft, einen Chef oder eine Chefin gibt es nicht und alle Entscheidungen, die die Zeitung betreffen, werden vom HerausgeberInnenkreis gemeinsam getroffen. Ca. 30 Leute, fast alle ehrenamtlich, sorgen daf\u00fcr, dass die Zeitung einmal im Monat erscheint und die AnarchistInnen von heute mit geistiger Nahrung versorgt.<\/p>\n<p>\u00dcber sich selbst sagen sie: &#8222;Wir k\u00e4mpfen f\u00fcr eine Welt, in der die Menschen nicht l\u00e4nger wegen ihres Geschlechtes oder ihrer geschlechtlichen Orientierung, ihrer Sprache, Herkunft, \u00dcberzeugung, wegen einer Behinderung, aufgrund rassistischer oder antisemitischer Vorurteile diskriminiert und benachteiligt werden. Wir streben an, da\u00df Hierarchie und Kapitalismus durch eine selbstorganisierte, sozialistische Wirtschaftsordnung und der Staat durch eine f\u00f6deralistische, basisdemokratische Gesellschaft ersetzt werden.&#8220;<\/p>\n<h3>Gewaltfreiheit, NATO und Anti-AKW<\/h3>\n<p>Die Themen der Artikel sind vielf\u00e4ltig: Internationales, aber auch die K\u00e4mpfe von AktivistInnen hier an der Basis werden vorgestellt, wobei eine kr\u00e4ftige Portion anarchistische Theorie nicht fehlen darf. Wie ein rotes Band ziehen sich die beiden Schwerpunkte der Zeitung durch die Ausgaben: Umweltschutz und Antimilitarismus. Die Zeitung bezieht eindeutig f\u00fcr einen pazifistischen Anarchismus Position. Eine herrschaftsfreie Gesellschaft soll durch gewaltfreie Aktionsformen erreicht werden, Gewalt gegen Sachen ist aber ok. Wenn man nun der Meinung ist, im Kampf f\u00fcr eine andere Welt sollte man sich besser alle T\u00fcren offen halten, zumal die Gegenseite ja auch nicht gerade zimperlich ist, wird man nicht alle Artikel m\u00f6gen. Es ist nichts Schlechtes, wenn eine Zeitung konsequent ihre Position vertritt, da wei\u00df man auch gleich, woran man ist. Es sollte aber klar sein, dass es nicht DEN Anarchismus gibt, sondern viele Formen und Wege, Anarchie zu leben. Nat\u00fcrlich spiegelt sich die anti-militaristische Haltung in der Berichterstattung wider. Daher finden sich viele Artikel zur Situation von Kriegsdienstverweigerern, zur Milit\u00e4rpolitik von BRD und EU, aber auch Berichte von Aktionen gegen die Kriegspolitik wie z.B. Artikel \u00fcber die Proteste gegen den allj\u00e4hrlichen NATO-Gipfel in M\u00fcnchen. Aus aktuellem Anlass wurde auch viel zu den Ereignissen rund um die Proteste gegen 60 Jahren NATO berichtet. Ein gro\u00dfes Thema ist auch die Situation in Israel und Pal\u00e4stina. Hierzu bringt die GWR nicht erst seit dem letzten Krieg ausf\u00fchrliche Berichte. Dabei werden nat\u00fcrlich die Aktionen der israelisch-pal\u00e4stinensischen Gruppe &#8222;Anarchists Against The Wall&#8220; besonders aufmerksam verfolgt.<\/p>\n<p>Wie schon erw\u00e4hnt ist der Umweltschutz ein weiteres Anliegen der &#8222;Graswurzelrevolution&#8220;. Dabei konzentrieren sie sich in alter Tradition besonders auf die Anti-Atom-Bewegung. An deren Entstehung waren Graswurzelgruppen schlie\u00dflich ma\u00dfgeblich beteiligt.<\/p>\n<p>Die GWR berichtet aber nicht nur \u00fcber die Anti-AKW-Proteste vor ihrer Haust\u00fcr, sondern informiert \u00fcber die Aktionen von AtomkraftgegnerInnen auf der ganzen Welt. Auch Gentechnik, Umweltzerst\u00f6rung durch Staud\u00e4mme und Tierbefreiung werden in der GWR aus einer anarchistischen Perspektive beleuchtet.<\/p>\n<h3>Graswurzelrevolution auf T\u00fcrkisch<\/h3>\n<p>Mit der zweisprachigen Beilage &#8222;otk\u00f6k\u00fc&#8220;, was auf t\u00fcrkisch &#8222;Graswurzel&#8220; bedeutet, wurde von den ZeitungsmacherInnen der Versuch gestartet, T\u00fcrkInnen und KurdInnen im deutschsprachigen Raum zu erreichen. Kein einfaches Unterfangen, sind viele von ihnen doch eher in orthodox-kommunistischen Strukturen organisiert und selten anti-militaristisch eingestellt. Und die unpolitisierten Leute erreicht man eben auch kaum \u00fcber eine anarchistische Zeitung. Deshalb gab es den Plan, die &#8222;otk\u00f6k\u00fc&#8220; zus\u00e4tzlich in der T\u00fcrkei selbst zu vertreiben. Dort wurde aber schon die erste Ausgabe fast komplett vom Zoll beschlagnahmt. Darin wurde auch \u00fcber den V\u00f6lkermord an den ArmenierInnen geschrieben, was vom t\u00fcrkischen Staat geleugnet und unter Strafe gestellt wird. Deshalb mussten die MitarbeiterInnen der GWR in der T\u00fcrkei mit ernsten Folgen rechnen. Auch mit Themen wie Kriegsdienstverweigerung oder der Schwulen-Lesben-Bewegung in der T\u00fcrkei war die &#8222;otk\u00f6k\u00fc&#8220; f\u00fcr den Staat unbequem. Die Repression war sicher ein Hauptgrund, warum die &#8222;otk\u00f6k\u00fc&#8220;-Beilage nach acht Ausgaben wieder eingestellt wurde.<\/p>\n<h3>Zensur und staatliche Repression<\/h3>\n<p>Aber auch in Deutschland blieb die GWR in ihrer \u00fcber 35-j\u00e4hrigen Geschichte nicht von Repressionen verschont. Regelm\u00e4\u00dfig wird sie im Verfassungsschutzbericht erw\u00e4hnt. Ein Ermittlungsverfahren wegen &#8222;Aufforderung zu Straftaten&#8220; wurde in den 80ern eingestellt. Ein Aktivist hatte in der GWR \u00fcber seine Erfahrungen beim Abs\u00e4gen von Strommasten berichtet, eine in der Anti-Atom-Bewegung \u00fcbliche, gewaltfrei Aktionsform. Weil er das guthie\u00df wurde der Artikel als Aufruf zur Sabotage ausgelegt. Ein Appell an Bundeswehrsoldaten, w\u00e4hrend des Golfkriegs zu desertieren, brachte der Zeitung ein weiteres Verfahren ein. Auch das wurde eingestellt, obwohl die Redaktion durchsucht und Druckvorlagen beschlagnahmt wurden. Mit einer anderen Form von Zensur muss sich die GWR heute herumschlagen. In tausenden Schulen in Deutschland kann n\u00e4mlich nicht auf die Internetseite der GWR zugegriffen werden. Wie viele sicher aus eigner Erfahrung wissen, kann man von Schulcomputern bestimmte Seiten nicht \u00f6ffnen. Man sollte meinen, das hat damit zu tun, dass die Kids nicht w\u00e4hrend des Unterrichts irgendwelche Ballerspiele zocken. Aber nein, der Staat verhindert so auch, dass die aufm\u00fcpfige Jugend mit anarchistischen Ideen in Ber\u00fchrung kommt. Nicht nur die GWR ist von diesem Filter betroffen, auch viele andere anarchistische Webseiten. Wenn ihr nun Lust bekommen habt, selbst mal in eine GWR hinein zu schm\u00f6kern, eure bl\u00f6de Schule das aber verbieten will, kann ich euch beruhigen. Die Zeitung gibt&#8217;s nicht nur bei Demos und politischen Veranstaltungen, auch in jedem halbwegs vern\u00fcnftigen Bahnhofskiosk sollte sie zu finden sein. Trotzdem lohnt es sich, einen Blick auf die Homepage zu werfen. Neben den alten Ausgaben der GWR findet ihr dort auch aktuelle Infos zu Aktionen und viele Links zu anderen anarchistischen Seiten.<\/p>\n<p>Lasst euch nicht von RTL und BILD-Zeitung verbl\u00f6den. Aber glaubt auch nicht alles, was in den &#8222;seri\u00f6sen&#8220; Zeitungen steht. Kritische Informationen k\u00f6nnen f\u00fcr die M\u00e4chtigen ganz sch\u00f6n unbequem werden. Alternative Lebensentw\u00fcrfe, wie die Anarchie einer ist, k\u00f6nnen den Leuten die Augen \u00f6ffnen. Um das zu verhindern bombardieren uns die Medien stattdessen mit Angst-Meldungen \u00fcber Terrorismus und Krisen aller Art. Um zu sehen, was au\u00dferhalb des kleinen Bereichs passiert, den uns die vom Staat und Wirtschaft beeinflussten Medien vorsetzen, ist es wichtig, sich andere Informationen zu beschaffen. Ein Blick in die GWR zeigt dir jedenfalls ein anderes Bild der Welt als es die Tagesschau tut. Hier wird angesichts der Krise schon laut \u00fcber Sabotage nachgedacht. Und obwohl deutlich gemacht wird, in welchem kranken System wir leben, zeigt die GWR immer wieder, dass auf der ganzen Welt Menschen dagegen k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p><strong>Bettina (www.plastic-bomb.de)<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr alle, die bei dem Wort Graswurzelrevolution zuerst an Gartenarbeit denken, gibt&#8217;s zu Beginn noch eine kleine Erkl\u00e4rung: Mit Graswurzelrevolution wird eine tief greifende gesellschaftliche Umw\u00e4lzung bezeichnet, in der durch Macht von unten alle Formen von Gewalt und Herrschaft abgeschafft werden sollen. 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