{"id":13991,"date":"2007-08-30T18:17:48","date_gmt":"2007-08-30T16:17:48","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=13991"},"modified":"2018-10-13T19:18:17","modified_gmt":"2018-10-13T17:18:17","slug":"wir-sind-kriegsgewinnler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2007\/08\/wir-sind-kriegsgewinnler\/","title":{"rendered":"&#8222;Wir sind Kriegsgewinnler&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><b>35 Jahre Graswurzelrevolution (GWR). Warum sollte man einer Zeitung \u00fcber 30 trauen?<\/b><\/p>\n<p>Weil die GWR immer noch eine Bewegungszeitung ist, ein Sprachrohr f\u00fcr Gruppen, die ansonsten kaum geh\u00f6rt werden, also antimilitaristische, pazifistische, anarchistische, feministische. Es gibt eine kritische Studie \u00fcber die Kriegsberichterstattung w\u00e4hrend des Kosovo-Kriegs 1999, in der die GWR von allen linken Zeitungen am besten abgeschnitten hat, weil sie als einzige die sozialen Bewegungen aus Jugoslawien hat zu Wort kommen lassen. Au\u00dferdem sind wir Kriegsgewinnler. Die Auflage der GWR steigt immer dann, wenn es Kriege gibt. Auf uns ist also Verlass.<\/p>\n<p><b>Ihr habt konsequent sowohl den \u00bbwar on terror\u00ab als auch den terroristischen und repressiven Islamismus kritisiert. Wie verhaltet ihr euch aber beispielsweise gegen\u00fcber Frauenorganisationen aus Kabul, die die Pr\u00e4senz der internationalen Truppen begr\u00fc\u00dfen, weil diese derzeit die einzigen sind, die ansatzweise Schutz vor gewaltt\u00e4tigen \u00dcbergriffen bieten?<\/b><\/p>\n<p>Gruppen wie die afghanischen Feministinnen von \u00bbRawa\u00ab haben wir unterst\u00fctzt, auch weil sie gegen die Bombardierung waren. Aber man kann Feuer nicht mit Benzin l\u00f6schen, das machen die Nato und alle Milit\u00e4rstaaten der Welt. Man kann die Situation nicht aus einer milit\u00e4rischen Perspektive betrachten, sondern muss sich mit den Leuten solidarisieren, die gewaltfreien Widerstand von unten leisten.<\/p>\n<p><b>Aber Organisationen wie der afghanische Frauenverein sind doch Leute von unten. Und auch die Frauen von \u00bbRawa\u00ab fordern mehr internationale Truppen, die die lokalen Warlords entwaffnen.<\/b><\/p>\n<p>Auf diese vermeintlich realpolitische Ebene will ich mich nicht einlassen. Grunds\u00e4tzlich unterst\u00fctzen wir antimilitaristische und pazifistische Gruppen. Was im Irak oder in Afghanistan passiert, ist ein Desaster. Seit dem Einmarsch der Sowjets herrscht dort ein Dauerkriegszustand. Unter solchen Bedingungen kann keine menschengerechte Gesellschaft entstehen. Das ist eine Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Warlords, und eine Fraktion ist gerade an der Macht. Das sind Verbrecher, die andere Menschen vor Panzer gebunden und zu Tode geschleift haben. Als Anarchist muss ich sagen, wer herrscht, muss bek\u00e4mpft werden. Wir schlagen uns nicht auf die Seite einer Verbrecherorganisation. Nato und Taliban sind terroristische Vereinigungen, und die gilt es durch eine Politik von unten zu bek\u00e4mpfen.<\/p>\n<p><b>Gewaltfreiheit ist nicht bei allen Anarchisten ein grundlegendes Element. Warum ist das bei euch so?<\/b><\/p>\n<p>Das hat historische Gr\u00fcnde. Die GWR hat sich 1972 gegr\u00fcndet. Damals wurde Anarchie mit Chaos und Terror gleichgesetzt. Die GWR wollte dazu beitragen, dass die anarchistische Bewegung gewaltfrei und die Gewaltfreien anarchistisch werden. Gewaltfrei bedeutet aber nicht wehrlos. Zum gewaltfreien Anarchismus z\u00e4hlt auch, einen Panzer zu sabotieren. Ich glaube, unser Konzept hat sich bew\u00e4hrt. Die GWR ist die gr\u00f6\u00dfte anarchistische Zeitung in Deutschland.<\/p>\n<p><b>Trotz des Erfolgs hat sich die bundesweite Graswurzelorganisation \u00bbF\u00f6GA\u00ab Ende der Neunziger aufgel\u00f6st, so wie kurz darauf die bundesweite Antifa-Organisation. Hat die GWR nicht \u00e4hnlich wie die Antifa ihre besten Zeiten hinter sich?<\/b><\/p>\n<p>Die Organisation ist suspendiert. Aber es gibt weiterhin ein internationales Netzwerk, das beispielsweise gerade intensiv mit t\u00fcrkischen Graswurzlern an einer Kampagne f\u00fcr den Kriegsdienstverweigerer Osman Murat \u00dclke arbeitet.<\/p>\n<p><b>Seit Franz-Josef Strau\u00df unter der Erde und die \u00bbVorsicht, Anarchisten\u00ab-Fahndungsplakate des BKA verschwunden sind, ist das Feindbild Anarchie ganz sch\u00f6n aus der Mode gekommen. Was tut ihr, damit es wieder auftaucht?<\/b><\/p>\n<p>Gute Frage, aber uns geht es ja gerade darum, das Klischeebild vom bombenlegenden Anarchisten zu entkr\u00e4ften. Anarchismus ist eine Bewegung, die ernst zu nehmen ist, die sich nicht nur auf eine bestimmte Jugendphase, auf bestimmte \u00e4u\u00dfere Erscheinungsmerkmale beschr\u00e4nkt.<\/p>\n<p><b>In der Einleitung zu dem Buch \u00bbJa! Anarchismus. Gelebte Utopie im 21. Jahrhundert\u00ab steht aber, dass der Anarchismus wenig M\u00f6glichkeiten bietet, mit und in dieser Bewegung alt zu werden. Was tut ihr gegen das demographische Problem des Anarchismus?<\/b><\/p>\n<p>Der GWR wird ab September die anarchistische Jugendzeitung utopia beiliegen. Die GWR ist ein bewegungs- und alters\u00fcbergreifendes Projekt, wo Leute zwischen 15 und 89 mitarbeiten.<\/p>\n<p><b>Die Zeiten der gro\u00dfen anarchistischen Theoretiker sind lange vorbei. In einer eurer letzten Ausgaben war von \u00bbPostanarchismus\u00ab die Rede. Was sind die neuen theoretischen Ans\u00e4tze im Anarchismus?<\/b><\/p>\n<p>Der moderne Anarchismus von heute ist nat\u00fcrlich nicht mehr der von Michael Bakunin. Ich halte den Begriff \u00bbPostanarchismus\u00ab f\u00fcr problematisch. Das erste, woran man bei diesem Begriff denkt, sind vielleicht Anarchisten, die sich bei der Telekom organisiert haben. Gemeint ist aber der Anarchismus in der Postmoderne.<\/p>\n<p><b>Im Verfassungsschutzbericht von 2005 steht, dass eure St\u00e4rke unter anderem in \u00bbTrainingskollektiven\u00ab liegt. Ist es nicht deprimierend, wenn schon ein linker Turnverein als staatsgef\u00e4hrdend eingestuft wird?<\/b><\/p>\n<p>Es kommt drauf an. Schon die Stasi hat uns als kleinb\u00fcrgerlich und pseudorevolution\u00e4r bezeichnet. Au\u00dferdem k\u00f6nnte ich Mao zitieren: \u00bbWenn der Feind uns bek\u00e4mpft, ist das gut und nicht schlecht.\u00ab Man kann nachvollziehen, dass der Verfassungsschutz es nicht gut findet, dass wir mit gewaltfreien Mitteln den Staat bek\u00e4mpfen wollen. Aber es ist \u00e4rgerlich. Allein durch die Erw\u00e4hnung im Verfassungsschutzbericht werden Berufskarrieren zerst\u00f6rt. Ich bin Doktor der Soziologie und habe jahrelang an der Universit\u00e4t gearbeitet. Seit vier Jahren habe ich aber de facto Berufsverbot. Da bin ich nicht der einzige. Allein die Mitarbeit in einer anarchistischen Zeitung ist f\u00fcr den Staat schon Grund genug, Verdacht zu sch\u00f6pfen.<\/p>\n<p><b>Eines der Highlights auf eurem Jubil\u00e4umsfest am Wochenende ist der \u00bbSchnupperkletterworkshop Baumbesetzung\u00ab. Muss man damit rechnen, dass die Verfassungssch\u00fctzer schon in der Krone sitzen, w\u00e4hrend ihr versucht, auf den Baum zu klettern?<\/b><\/p>\n<p>Es kann sein, dass bei dem Workshop auch Verfassungssch\u00fctzer dabei sein werden. Aber es gibt Hoffnung. Die DDR war durchsetzt von Spitzeln und ist den Bach runtergegangen, vielleicht geht der Kapitalismus auch den Bach runter. Es stimmt aber, dass dem Verfassungsschutz auf der linken Seite viel Potenzial verloren gegangen ist. Es gibt eine Brosch\u00fcre des Verfassungsschutzes, auf deren Titelseite das Logo der GWR, ein schwarzer Stern mit einem zerbrochenen Gewehr, abgebildet war. Direkt daneben waren das Hakenkreuz und Symbole der Hizbollah zu sehen. Das ist eine demagogische Gleichsetzung des gewaltfreien Anarchismus mit Nazis. Dem Verfassungsschutz fehlt die RAF. Die brauchen einfach neue Feindbilder.<\/p>\n<p><b>Auch die aktuellen Ermittlungen wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung scheinen das Ergebnis der fieberhaften Suche nach einer neuen RAF zu sein.<\/b><\/p>\n<p>Die Vorw\u00fcrfe, die dem Soziologen Andrej H. gemacht werden, sind ein klarer Fall von Gesinnungsjustiz. Das sind Konstruktionen, die an die siebziger Jahre erinnern. Dem Staatsschutzterror muss unbedingt etwas entgegengesetzt werden. Alle Beschuldigten sollten schnellstens freigelassen werden.<\/p>\n<p><b>Hei\u00dft das, die gewaltfreien Anarchisten begr\u00fc\u00dfen das Anz\u00fcnden von Bundeswehrautos?<\/b><\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde so was nicht machen, da bei Feuergeschichten immer Menschen verletzt werden k\u00f6nnen. Aber es ist keine terroristische Aktion, ein Bundeswehrfahrzeug zu zerst\u00f6ren. Im Gegenteil, es kann sogar dazu f\u00fchren, dass mit diesem Fahrzeug keine Menschen umgebracht werden.<\/p>\n<p><strong>Interview: Doris Akrap<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>35 Jahre Graswurzelrevolution (GWR). Warum sollte man einer Zeitung \u00fcber 30 trauen? Weil die GWR immer noch eine Bewegungszeitung ist, ein Sprachrohr f\u00fcr Gruppen, die ansonsten kaum geh\u00f6rt werden, also antimilitaristische, pazifistische, anarchistische, feministische. 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