{"id":14011,"date":"2002-06-01T18:42:48","date_gmt":"2002-06-01T16:42:48","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=14011"},"modified":"2018-08-05T15:41:18","modified_gmt":"2018-08-05T13:41:18","slug":"trau-einer-ueber-dreissig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/06\/trau-einer-ueber-dreissig\/","title":{"rendered":"Trau einer \u00fcber drei\u00dfig!"},"content":{"rendered":"<p>Bernd Dr\u00fccke, hauptamtlicher &#8218;Koordinationsredakteur&#8216; der deutschlandweit in einer Auflage von jeweils 3.500 bis 6.000 Exemplaren erscheinenden <i>Graswurzelrevolution<\/i>, hat eine Menge zu tun. Wer sein kleines, helles B\u00fcro im Dachgescho\u00df der <i>Evangelischen Studierendengemeinde (ESG)<\/i> am Breul 43 betritt, begreift das sofort: B\u00fccher, Papiere, Manuskripte, wohin das Auge blickt. Regale, die sich unter ihrer lesenswerten Last biegen; Kartons, die vor purem, zu bedrucktem Papier gewordenen Wissen nur so \u00fcberquellen; be\u00e4ngstigend hohe Zeitschriftenstapel in akrobatischer Schieflage. &#8222;Nur keine Bange&#8220;, lacht Dr\u00fccke, &#8222;hier ist noch nie jemandem etwas auf den Kopf gefallen!&#8220; Auf den Kopf gefallen ist auch Bernd Dr\u00fccke nicht. Er ist Soziologe und Doktor der Philosophie. Seine 1997 verfa\u00dfte Dissertation besch\u00e4ftigt sich mit dem Thema &#8218;Anarchismus und libert\u00e4re Presse in Ost- und Westdeutschland&#8216;. Sie wird von Kritikern als &#8222;Meilenstein der deutschen Anarchismusforschung&#8220; gew\u00fcrdigt und ist inzwischen auch als Buch erh\u00e4ltlich (&#8218;Zwischen Schreibtisch und Stra\u00dfenschlacht?&#8216;, Verlag Klemm &amp; Oelschl\u00e4ger, 1998).<\/p>\n<p>Unl\u00e4ngst war Dr\u00fccke in Hannover und hielt dort einen Vortrag \u00fcber die Hintergr\u00fcnde und Perspektiven der <i>Graswurzel<\/i>-Bewegung. &#8222;Da&#8220;, erinnert er sich, &#8222;erz\u00e4hlte ein siebzehnj\u00e4hriger Zuh\u00f6rer: Er hatte mein Buch gelesen und so erfahren, da\u00df sein eigener Vater damals bei der &#8218;Direkten Aktion&#8216; mitgemacht hat.&#8220; Damals, das war Mitte der sechziger Jahre. Die &#8218;Direkte Aktion&#8216; mit ihren &#8218;libert\u00e4r-pazifistischen Bl\u00e4ttern&#8216; war der unmittelbare Vorl\u00e4ufer der <i>Graswurzelrevolution<\/i>. Und seinen Vater hatte sich der Siebzehnj\u00e4hrige kurzerhand gegriffen und in Dr\u00fcckes Vortrag mitgeschleppt. &#8222;Das war schon ein tolles Aha-Erlebnis&#8220;, schmunzelt der, &#8222;und es hat mich nochmal mit der Nase darauf gesto\u00dfen, \u00fcber welch langen Zeitraum unser basisdemokratisches Projekt schon funktioniert.&#8220; Die rasanten politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen taten der Kontinuit\u00e4t des <i>Graswurzel<\/i>-Projektes keinerlei Abbruch. Wolfgang Zucht zum Beispiel, ehemals Herausgeber der &#8218;Direkten Aktion&#8216;, ist noch heute im Herausgeberkreis der <i>Graswurzelrevolution<\/i> aktiv. &#8222;Unser Friedens- und Umweltprojekt&#8220;, so Dr\u00fccke, &#8222;ist mit den Generationen gewachsen. Und umgekehrt.&#8220; Von siebzehn bis siebenundsiebzig sind alle Altersgruppen in der Projektarbeit vertreten.<\/p>\n<p>Die erste Augabe der <i>Graswurzelrevolution<\/i> erschien &#8211; inspiriert durch vergleichbare Anti-Atomkraft- und Anti-Kriegsbewegungen in England, Frankreich und den USA &#8211; im Sommer 1972. Die Ziele der Bewegung kann man schwarz auf wei\u00df in ihrer Satzung nachlesen, die in jeder <i>Graswurzel<\/i>-Ausgabe abgedruckt ist: &#8222;Wir k\u00e4mpfen f\u00fcr eine Welt, in der die Menschen nicht l\u00e4nger wegen ihres Geschlechtes oder ihrer geschlechtlichen Orientierung, ihrer Sprache, Herkunft, \u00dcberzeugung, wegen ihrer Behinderung, aufgrund rassistischer oder antisemitischer Vorurteile diskriminiert und benachteiligt werden. Wir streben an, da\u00df Hierarchie und Kapitalismus durch eine selbstorganisierte, sozialistische Wirtschaftsordnung und der Staat durch eine f\u00f6deralistische, basisdemokratische Gesellschaft ersetzt werden.&#8220; Machen sich da nicht &#8211; angesichts der weltweit eskalierenden zwischen- wie innerstaatlichen Kriege und angesichts der enormen normativen Kraft faktischer Globalisierungszw\u00e4nge &#8211; Desillusionierung und Resignation bei den <i>Graswurzel<\/i>-Aktivisten breit? &#8222;Nein&#8220;, antwortet Bernd Dr\u00fccke fest: &#8222;Wir sind uns bewu\u00dft, da\u00df wir mit unseren Idealen einer gewaltfreien und herrschaftslosen Gesellschaft einen sehr langen und steinigen Weg eingeschlagen haben. Und auf langen, steinigen Wegen darf man vor allem eines nicht: sich entmutigen lassen!&#8220;<\/p>\n<p>Die <i>Graswurzelrevolution<\/i> versteht sich als Sprachrohr f\u00fcr Gruppierungen der au\u00dferparlamentarischen Opposition und f\u00fcr soziale oder \u00f6kologische Interessen, die sonst kaum eine Chance haben, sich Geh\u00f6r zu verschaffen. &#8222;W\u00e4hrend des Jugoslawienkrieges beispielsweise haben wir in unserer Zeitung eine antimilitaristische Frauenorganisation aus Jugoslawien, deren Mitglieder dort unter gro\u00dfem Druck standen, mit ihren Forderungen nach einem sofortigen und bedingungslosen Friedensschlu\u00df zu Wort kommen lassen&#8220;, erz\u00e4hlt Bernd Dr\u00fccke. Ein anderes Beispiel ist die alle drei Monate in deutscher und t\u00fcrkischer Sprache als Beilage der <i>Graswurzelrevolution<\/i> erscheinende &#8218;Otk\u00f6k\u00fc&#8216;, die neben sozialen und \u00f6kologischen Mi\u00dfst\u00e4nden in Deutschland und der Welt eben auch die verquere Menschenrechtssituation in der T\u00fcrkei auf&#8217;s Korn nimmt. Prompt wurde die erste &#8218;Otk\u00f6k\u00fc&#8216;-Lieferung vom t\u00fcrkischen Sicherheitsdienst beschlagnahmt. Dr\u00fccke wei\u00df um die Gefahren f\u00fcr Leib und Leben, denen Regimegegner in der T\u00fcrkei und anderswo ausgesetzt sind: &#8222;Unser t\u00fcrkischer Redakteur sa\u00df dort wegen Kriegsdienstverweigerung zwei Jahre im Knast. Um ihn nicht weiter zu gef\u00e4hrden, versenden wir die &#8218;Otk\u00f6k\u00fc&#8216; in die T\u00fcrkei derzeit nur noch an Abonnenten.&#8220;<\/p>\n<p>Bernd Dr\u00fccke wei\u00df aber auch um die \u00f6konomischen Risiken, die die <i>Graswurzelrevolution<\/i> selbst mit ihrer systemkritischen Berichterstattung tagt\u00e4glich eingeht: &#8222;Unser Anzeigenaufkommen ist doch eher sp\u00e4rlich. Und w\u00e4hrend des Jugoslawienkrieges trudelten uns gerade von den Gr\u00fcnen, die ja bekanntlich f\u00fcr die Kriegsbeteiligung der Deutschen waren und sind, zahlreiche Abo-K\u00fcndigungen ins Haus.&#8220; Umso mehr ist man auf ehrenamtliches Engagement, auf Abonnenten und nat\u00fcrlich auf Spenden angewiesen (Spendenkonto und weitere Infos: siehe Kasten). Finanzielle Engp\u00e4sse sind etwas, womit die <i>Graswurzelrevolution\u00e4re<\/i> im Laufe vieler magerer Jahre zu leben gelernt haben. F\u00fcr Bernd Dr\u00fccke jedoch kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken: &#8220; Die <i>Graswurzelrevolution<\/i> wird drei\u00dfig Jahre alt, und das werden wir im Juni mit einem Kongre\u00df und einem gro\u00dfen Fest ordentlich feiern!&#8220; (Termine: siehe Kasten) Gab es da nicht mal so ein Lied? &#8222;Jetzt wollen wir feiern, sieben Tage lang&#8220; &#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bernd Dr\u00fccke, hauptamtlicher &#8218;Koordinationsredakteur&#8216; der deutschlandweit in einer Auflage von jeweils 3.500 bis 6.000 Exemplaren erscheinenden Graswurzelrevolution, hat eine Menge zu tun. Wer sein kleines, helles B\u00fcro im Dachgescho\u00df der Evangelischen Studierendengemeinde (ESG) am Breul 43 betritt, begreift das sofort: B\u00fccher, Papiere, Manuskripte, wohin das Auge blickt. 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