{"id":14019,"date":"2000-07-13T18:50:54","date_gmt":"2000-07-13T16:50:54","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=14019"},"modified":"2018-10-13T19:23:12","modified_gmt":"2018-10-13T17:23:12","slug":"anarchie-ist-kein-chaos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2000\/07\/anarchie-ist-kein-chaos\/","title":{"rendered":"&#8222;Anarchie ist kein Chaos&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><b>taz m\u00fcnster: Wie hat alles angefangen?<\/b><\/p>\n<p>Bernd Dr\u00fccke: 1972 gab u.a. Wolfgang Hertle die erste Ausgabe in Augsburg heraus. Aber es gab Vorl\u00e4ufer in den 60ern: in Lausanne und Hannover, Wolfgang Weber-Zucht gr\u00fcndete die erste Graswurzelwerkstatt. Wir sind vernetzt in der &#8222;War Resisters International&#8220;. Die besteht seit 1921.<\/p>\n<p><b>Die GWR ist dezentral organisiert. Der Redaktionsort wechselt, wie die RedakteurInnen, immer wieder. Seit wann ist es M\u00fcnster?<\/b><\/p>\n<p>Ende 98 hatten sich 10 M\u00e4nner und eine Frau beworben. Nach mehrst\u00fcndiger Diskussion entschied sich der HerausgeberInnenkreis f\u00fcr Irene Kober und mich. Die Rezension meines Buches als &#8222;Meilenstein der Anarchismusforschung&#8220; hat da sicher geholfen. Nach viel zu kurzer Einarbeitungszeit von zwei Wochen begann ich dann im Fr\u00fchjahr 99.<\/p>\n<p><b>Wie lange noch?<\/b><\/p>\n<p>Noch mindestens 1, 2 Jahre. Die Stellen werden ca. alle drei bis vier Jahre ausgeschrieben.<\/p>\n<p><b>Was macht die GWR aus ?<\/b><\/p>\n<p>Die GWR ist eine Bewegungszeitung, die zeigt, dass es auch ohne hierarchische Strukturen geht. Es gibt keinen Chefredakteur, sondern den offenen, basisdemokratischen HerausgeberInnenkreis, dessen Entscheidungen mit 75prozentiger Mehrheit zustande kommen m\u00fcssen, meist aber im Konsens fallen. Ein weiterer Unterschied zur herk\u00f6mmlichen Publizistik: Es wird meist in der 1. Person geschrieben, aus der Sicht der Betroffenen &#8211; nicht \u00fcber etwas. Durch ein weltweites MitarbeiterInnennetz berichten wir viel aus dem Ausland; von unten, nicht von oben herab. Die Belgrader &#8222;Frauen in Schwarz&#8220; haben f\u00fcr uns geschrieben, von den Protesten gegen den WTO-Gipfel in Seattle hatten wir einen Exklusivbericht&#8230; Inzwischen gibt es auch einen Graswurzelverlag in der T\u00fcrkei, mitgegr\u00fcndet von GWR-Mitarbeiter Osman Murat \u00dclke, dem wohl bekanntesten \u00f6ffentlichen Kriegsdienstverweigerer dort.<\/p>\n<p><b>Es hat sich in fast 30 Jahren aber auch etwas ver\u00e4ndert?<\/b><\/p>\n<p>Im Anfang war die GWR fast ausschlie\u00dflich Zeitung gewaltfreier Anarchisten und Antimilitaristen \u0096 meistens M\u00e4nner. Damals ging es etwa um die Unterst\u00fctzung von Kriegdienstverweigerern im faschistischen Spanien. Inzwischen sind wir Sprachrohr auch sozialer, sozialrevolution\u00e4rer Gruppen, von Anti-AKW-, aber auch Menschenrechtsgruppen wie &#8222;Pro Asyl&#8220;.<\/p>\n<p><b>Im letzten Verfassungsschutzbericht des Bundes seid Ihr gar nicht erw\u00e4hnt \u0096 wie kommt das denn?<\/b><\/p>\n<p>Wir sind wohl &#8222;zu etabliert&#8220;. Im Ernst: Erstmals seit 28 Jahren schreiben die nichts \u00fcber uns. Obwohl es j\u00fcngst zwei weitere Urteile wegen des Desertionsaufrufs im Kosovo-Krieg gab: Wolfgang Hertle ist verknackt, Tobias Pfl\u00fcger freigesprochen worden. \u009198 hat uns der nieders\u00e4chsische Verfassungsschutzbericht noch vier Seiten gewidmet. Da wurden der GWR Anti-Gentechnik-Kampagnen angelastet.<\/p>\n<p><b>Zur Bewegungszeitung geh\u00f6rt eine Bewegung. Was hei\u00dft das f\u00fcr M\u00fcnster?<\/b><\/p>\n<p>Der Arbeitskreis Graswurzelrevolution trifft sich ca. alle vier Wochen. Da werden dann gewaltfreie Aktionen diskutiert und vorbereitet. Wir waren 1999 bei den w\u00f6chentlichen Demos gegen den Jugoslawienkrieg mit mehreren Beitr\u00e4gen vertreten. In diesem Jahr bei Aktionen gegen den Gro\u00dfen Zapfenstreich, &#8222;Unser Heer&#8220; und die &#8222;evening marches&#8220;. Wir haben uns an der Paul Wulf-Ged\u00e4chtnisveranstaltung beteiligt &#8211; die Brosch\u00fcre kann bei uns bezogen werden. K\u00fcrzlich hatten wir eine Veranstaltung gegen den Tschetschenienkrieg mit dem russischen Antimilitaristen Nikolai Khramov.<\/p>\n<p><b>Wie sieht Deine Arbeit an der Uni aus?<\/b><\/p>\n<p>Zusammen mit Dieter Keiner habe ich 1997 ein Seminar zum &#8222;Deutschen Herbst 1977 &#8211; &#8222;Twenty Years After&#8220; &#8211; gegeben. Das war nicht nur \u00fcberf\u00fcllt, sondern auch das einzige, das die Studierenden im Streik weitermachen wollten. Gerade l\u00e4uft der erste Teil meines Seminars zu Anarchie und libert\u00e4rer Presse aus; im Wintersemester geht\u0092s weiter. Das Interesse ist gro\u00df.<\/p>\n<p><b>Die Zeiten gro\u00dfer Widerstandsbewegungen scheinen aber einstweilen vorbei zu sein. Was macht die Auflage der GWR?<\/b><\/p>\n<p>Zu Hochzeiten der Friedensbewegung hatte unser Sonderheft &#8222;Soziale Verteidigung&#8220; eine Auflage von 25.000. Damals wurde die GWR haupts\u00e4chlich per Handverkauf verbreitet, besonders durch BI\u0092s. Heute liegt die Auflage der Sonderhefte bei 5 \u0096 7.000, die der normalen Ausgaben bei 4.000. Der Handverkauf macht nur noch ein Viertel aus. Daf\u00fcr haben wir stabil ca. 2900 Abos. Unter den &#8222;Kleinen&#8220; sind wir die &#8222;Gr\u00f6\u00dfte&#8220;. Die GWR ist durchaus ein Erfolgskonzept. Ein weiterer Beleg, dass Anarchie nicht Chaos, sondern eine funktionierende Organisationsform ist.<\/p>\n<p><strong>Interview: Marcus Termeer<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>taz m\u00fcnster: Wie hat alles angefangen? Bernd Dr\u00fccke: 1972 gab u.a. 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