{"id":14021,"date":"2000-05-01T18:52:25","date_gmt":"2000-05-01T16:52:25","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=14021"},"modified":"2018-10-13T19:23:34","modified_gmt":"2018-10-13T17:23:34","slug":"kaum-ueberschaubar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2000\/05\/kaum-ueberschaubar\/","title":{"rendered":"kaum \u00fcberschaubar"},"content":{"rendered":"<p>Ebenso wie die glorreichen Tage der au\u00dferparlamentarischen Opposition und der Friedensbewegung l\u00e4ngst Geschichte sind, r\u00fccken auch deren Ziele zunehmend aus dem Blickwinkel der \u00d6ffentlichkeit. Dass diese Themen bis heute jedoch keinesfalls an Aktualit\u00e4t verloren haben, beweist die Graswurzelrevolution, das am weitesten verbreitete und \u00e4lteste Periodikum der anarchistischen Szene in Deutschland.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend viele vergleichbare Publikationen kr\u00e4nkeln oder l\u00e4ngst von der Bildfl\u00e4che verschwunden sind, kann die<i>Graswurzelrevolution<\/i><span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span>auch 28 Jahre, nachdem in Augsburg die erste Ausgabe durch die Druckpressen lief, auf eine Auflage von 4.000 Exemplaren verweisen.<\/p>\n<p>Doch der Erfolg kommt nicht von ungef\u00e4hr, steckt hinter der Zeitung doch eine kaum \u00fcberschaubare Bewegung: Mitte der sechziger Jahre entstanden &#8211; beeinflusst durch franz\u00f6sische, schweizerische, britische und US-amerikanische AktivistInnen aus dem Umfeld der 1921 gegr\u00fcndeten<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><i>War Resisters International (WRI)<\/i><span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span>&#8211; auch hierzulande erste Graswurzelgruppen. 1972 war es dann Wolfgang Hertle, der gemeinsam mit anderen pazifistisch-libert\u00e4ren SozialistInnen erstmals die <i>Graswurzelrevolution (GWR)<\/i><span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span>herausgab, die sich konzeptionell zun\u00e4chst an Schwesterzeitungen wie<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><i>Anarchisme et Nonviolence<\/i><span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span>(Lausanne) sowie an<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><i>Peace News<\/i><span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span>(London) und der<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><i>Direkten Aktion<\/i><span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span>(Hannover) orientierte.<\/p>\n<p>Erste Aktionen der Graswurzelrevolution\u00e4rInnen wie die Unterst\u00fctzung inhaftierter spanischer Kriegsdienstverweigerer lagen im antimilitaristischen Bereich. F\u00fcr diese Kampagnen wie auch f\u00fcr die Unterst\u00fctzung der Aktionen gegen die franz\u00f6sischen Atomwaffentests im Pazifik wurde damals in der GWR mobilisiert. Heute nutzen auch andere Gruppierungen wie Feministinnen, Lesben, Schwule und UmweltaktivistInnen die Zeitung als Forum. &#8222;In der GWR wird nicht von Au\u00dfenstehenden \u00fcber ein Projekt berichtet, sondern die vor Ort Aktiven schreiben selbst&#8220;, betont Bernd Dr\u00fccke, der als einer von zwei fest angestellten GWR-Mitarbeitern die Koordinationsredaktion in M\u00fcnster betreibt.<\/p>\n<h3>Ein weltweites Korrespondentennetz<\/h3>\n<p>So sorgen die LeserInnen und AutorInnen immer wieder selbst f\u00fcr fruchtbaren Boden, auf dem die Graswurzelbewegung seit mehr als einem Vierteljahrhundert w\u00e4chst und gedeiht. Doch nicht nur das: Durch die Vernetzung der GraswurzlerInnen k\u00f6nnen die GWR und ihre ausl\u00e4ndischen Schwesterzeitungen stets auf ein weltweites Korrespondentennetz zugreifen: &#8222;Im Januar habe ich so von einer Aktivistin aus Seattle einen Bericht \u00fcber die Stra\u00dfenschlachten w\u00e4hrend des Treffens der Welthandelsorganisation erhalten&#8220;, erinnert sich Bernd Dr\u00fccke.<\/p>\n<p>Allerdings birgt der Zugriff auf dieses Mitarbeiterkollektiv auch Nachteile, die sich dem Leser beim ersten Bl\u00e4ttern durch die Zeitung offenbaren: Weniger die schwankende Qualit\u00e4t der Artikel als vielmehr die kaum \u00fcberschaubaren &#8222;Bleiw\u00fcsten&#8220;, die die vereinzelten kleinen Fotos schlichtweg erdr\u00fccken, machen die Lekt\u00fcre zu einer zeitaufwendigen Herausforderung.<\/p>\n<p>Den Begriff der Graswurzelrevolution definieren die Herausgeber der GWR damals wie heute als tiefgehende gesellschaftliche Umw\u00e4lzung, in der Gewalt und Herrschaft von unten bek\u00e4mpft werden. Das Ziel ist eine Welt, in der die Menschen nicht l\u00e4nger wegen ihres Geschlechts oder ihrer geschlechtlichen Orientierung, ihrer Sprache, Herkunft, \u00dcberzeugung, wegen einer Behinderung sowie aufgrund rassistischer oder antisemitischer Vorurteile diskriminiert und benachteiligt werden. Hierarchie und Kapitalismus sollen durch eine selbst organisierte, sozialistische Wirtschaftsordnung und der Staat durch eine basisdemokratische Gesellschaft ersetzt werden.<\/p>\n<p>Diesem Leitbild folgt &#8211; beruhend auf einer kollegialen Redaktionsverfassung &#8211; auch die dezentral angelegte Struktur der GWR. Alle zwei Monate kommt der Herausgeberkreis, ein offener Zusammenschluss von derzeit 15 Mitgliedern im Alter von 25 bis 65 Jahren &#8211; an wechselnden Orten im Bundesgebiet zusammen, um die folgenden zwei Ausgaben zu planen. Diese werden dann jeweils im Wechsel von den Koordinierungsredaktionen &#8211; die zweite mit Sitz in M\u00fcnchen wird von Irene Kober betreut &#8211; produziert. Nach der Belichtung in Stuttgart erfolgt in Frankfurt der Druck. Vertrieb und Finanzverwaltung werden von Berlin aus gesteuert, die Online-Ausgabe und das umfassende Internet-Archiv der GWR entstehen in Oldenburg. All dies geschieht unter dem Dach des Verlags Graswurzelrevolution e.V. mit Sitz in Heidelberg und Bremen, der neben der Zeitung auch eine Vielzahl von B\u00fcchern vertreibt.<\/p>\n<p>Seit 1981 erscheint die anfangs alle zwei bis drei Monate herausgegebene GWR monatlich, seit 1989 mit einer achtseitigen Oktober-Beilage, den &#8222;libert\u00e4ren Buchseiten&#8220;, parallel zur Frankfurter Buchmesse. Zudem werden Beilagen und Aktionszeitungen wie zum Beispiel w\u00e4hrend des Kosovo-Krieges erstellt. Die Auflage blieb bis heute relativ konstant, ihren H\u00f6hepunkt erreichte sie mit 10.000 Exemplaren w\u00e4hrend der Proteste gegen die Nachr\u00fcstung. Im Handverkauf wird sie nicht nur auf politischen Veranstaltungen angeboten, sondern vor allem dort, wo die sozialen Bewegungen sichtbar werden: bei einer antirassistischen Fahrradtour entlang der deutsch-polnischen Grenze genauso wie beim Castor-Transport im Wendland. Als Verkaufsstellen fungieren inzwischen auch zahlreiche linke Buchl\u00e4den sowie Kioske in Berlin und anderen Gro\u00dfst\u00e4dten.<\/p>\n<p>Obwohl die GraswurzlerInnen immer wieder ihre systemische Unabh\u00e4ngigkeit betonen, wagen sie doch den Spagat zwischen anarchistischer Gegen\u00f6ffentlichkeit und modernem Zeitgeist. Damit es unter der Grasnabe auch zuk\u00fcnftig &#8222;brummt&#8220;, ist die GWR nicht nur auf ihre treue Leserschaft &#8211; zu ihr z\u00e4hlen Vertreter von SPD, PDS und B\u00fcndnisgr\u00fcnen ebenso wie namhafte Intellektuelle -, sondern auch auf Spenden und Anzeigenkunden angewiesen.<\/p>\n<p>Zudem hat die moderne Technik l\u00e4ngst Einzug in das kleine, aber feine Redaktionsb\u00fcro gehalten, in dem PC und ISDN-Anschluss zur Standart-Ausstattung geh\u00f6ren. Besonders w\u00e4hrend der Produktionswoche (unmittelbar vor dem Redaktionsschluss) t\u00fcrmen sich auf Tisch und Fu\u00dfboden Berge von Papier, w\u00e4hrend sich Bernd Dr\u00fccke die halbe Nacht vor dem Rechner um die Ohren schl\u00e4gt. Nachdem der Vater eines siebenj\u00e4hrigen Sohnes bereits seine Doktorarbeit \u00fcber Anarchismus und libert\u00e4re Presse in Ost- und Westdeutschland verfasst hatte, war er f\u00fcr den Job bei der GWR geradezu pr\u00e4destiniert. Dennoch gibt der 34-j\u00e4hrige offen zu, dass dies nicht sein Traumberuf ist: &#8222;Eine 50-Stunden-Woche ist keine Seltenheit und wir werden schlecht bezahlt. Da ist man sp\u00e4testens nach f\u00fcnf Jahren ausgebrannt.&#8220; W\u00e4hrend Andreas Speck, Dr\u00fcckes Vorg\u00e4nger, inzwischen im WRI-Vorstand in London sitzt, hat der Sozialwissenschaftler bereits die Habilitation ins Auge gefasst.<\/p>\n<h3>Aufruf zur Fahnenflucht<\/h3>\n<p>Vorher muss sich Bernd Dr\u00fccke allerdings noch vor Gericht verantworten: Nachdem in der GWR-Ausgabe vom Mai 1999, f\u00fcr die der Redakteur presserechtlich verantwortlich zeichnet, alle am Krieg gegen Jugoslawien beteiligten Soldaten aufgefordert wurden, ihre Waffen niederzulegen, erhebt die Staatsanwaltschaft Berlin nun den Vorwurf des Aufrufs zur Fahnenflucht. Doch nicht nur in diesem Punkt ist Dr\u00fccke zuversichtlich: &#8222;Die Graswurzelrevolution wird es auch in 30 Jahren noch geben.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Frank Bergmannshoff<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ebenso wie die glorreichen Tage der au\u00dferparlamentarischen Opposition und der Friedensbewegung l\u00e4ngst Geschichte sind, r\u00fccken auch deren Ziele zunehmend aus dem Blickwinkel der \u00d6ffentlichkeit. Dass diese Themen bis heute jedoch keinesfalls an Aktualit\u00e4t verloren haben, beweist die Graswurzelrevolution, das am weitesten verbreitete und \u00e4lteste Periodikum der anarchistischen Szene in Deutschland. 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