{"id":14148,"date":"2015-02-01T00:00:00","date_gmt":"2015-01-31T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2015\/02\/der-gewaltfreie-anarchist-bei-charlie-hebdo\/"},"modified":"2022-07-26T14:22:15","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:15","slug":"der-gewaltfreie-anarchist-bei-charlie-hebdo","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2015\/02\/der-gewaltfreie-anarchist-bei-charlie-hebdo\/","title":{"rendered":"Der gewaltfreie Anarchist bei Charlie Hebdo"},"content":{"rendered":"<p>Die \u00e4lteren AnarchistInnen, die ich im Umfeld des Centre International de Recherches sur l&#8217;Anarchisme (CIRA) in Marseille kenne, sprachen mir gegen\u00fcber vor allem von Cabu als dem Anarchisten unter den Zeichnern.<\/p>\n<p>AktivistInnen aus der War Resisters&#8216; International-Mitgliedsgruppe Union pacifiste de France (UPF) nennen Cabu &#8222;pazifistisch&#8220; und &#8222;antimilitaristisch&#8220;, seltener auch &#8222;gewaltfrei&#8220; &#8211; doch das liegt an einer franz\u00f6sischen Benennungstradition, die &#8222;pazifistisch&#8220; von &#8222;anarchistisch&#8220; lange abgrenzte und sich einen gewaltfreien Anarchismus nicht vorstellen konnte.<\/p>\n<p>In diesen Rahmen passt dann, was der Wissenschaftler und Aktivist der franz\u00f6sischen Antiglobalisierungsbewegung Gustave Massiah zu Cabu schreibt: &#8222;Ich erinnere mich an Mobilisierungen mit Cabu und seine Liebe zur Gewaltfreiheit&#8220; ((2)), sodass man Cabu berechtigter Weise als einen gewaltfreien Anarchisten bezeichnen kann.<\/p>\n<p>Und zwar einen, der, wie alle Zeichner bei Charlie Hebdo, die ja gro\u00dfteils wie Cabu alt geworden sind (Cabu h\u00e4tte am 13.1.2015 seinen 77. Geburtstag gefeiert), die atheistische und antiklerikale Tradition des franz\u00f6sischen Mai &#8217;68 verk\u00f6rpert: &#8222;Der antiklerikale, antimilitaristische und antiautorit\u00e4re Cabu war eine der Verk\u00f6rperungen dieser Radikalit\u00e4t&#8220;, so erinnerte sich auch Daniel Cohn-Bendit an seine Zeit mit ihm im Mai 68. ((3))<\/p>\n<h3>Cabu macht Hara-Kiri<\/h3>\n<p>Cabu gewann mit 12 Jahren bei einem Zeichenwettbewerb ein Fahrrad und sah seine erste Zeichnung ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p>Er studierte dann Kunst in Paris. Pr\u00e4gend, wie auch f\u00fcr andere der \u00e4lteren Zeichner-Riege bei Charlie, war sein Kriegsdienst bei der franz\u00f6sischen Kolonialarmee in Algerien (27 Monate, zwischen M\u00e4rz 1958 und Juni 1960). Zuerst zeichnete er da noch f\u00fcr die franz\u00f6sische Armeezeitung <i>Le Bled<\/i> (Das Hinterland), doch gleichzeitig war diese Erfahrung entscheidend f\u00fcr seine radikal-antimilitaristische Wendung danach: Er wurde zum antimilitaristischen Aktivisten; scharfe Karikaturen \u00fcber Milit\u00e4rs geh\u00f6rten zu seinem Standardrepertoire und er ersann auch dementsprechende Comicfiguren wie den &#8222;Adjutanten Kronenbourg&#8220;.<\/p>\n<p>In den Siebzigern und Achtzigern ver\u00f6ffentlichte er mehrere Comicb\u00e4nde mit dem Titel: &#8222;Nieder mit allen Armeen!&#8220;<\/p>\n<p>1962, nach seiner R\u00fcckkehr aus Algerien, stieg er beim damals etablierten Comic-Magazin <i>Pilote<\/i> ein und lernte dort Ren\u00e9 Goscinny kennen, den Texter von &#8222;Asterix&#8220; und &#8222;Lucky Luke&#8220;. Wer sich noch an die Zack-Comichefte seiner Kindheit erinnert, hat dabei unbemerkt viele Serien von Pilote gelesen, denn fast alle wurden sie von Zack aus dem Franz\u00f6sischen ins Deutsche \u00fcbertragen.<\/p>\n<p>Meist waren es Abenteuergeschichten, Pilotenstorys (sehr kolonialistisch wie etwa &#8222;Mick Tanguy&#8220;) oder Western, bei denen heranwachsende Jungs zeitgen\u00f6ssische Berufstr\u00e4ume wie Pilot oder Autorennfahrer phantasieren konnten &#8211; bedient wurden sie dabei von einer reinen Herrenriege aus Zeichnern, was sich leider bis in die j\u00fcngste Zeit kaum ver\u00e4ndert hat und auch Charlie brachte immer wieder sexistische Karikaturen, bekannt daf\u00fcr war vor allem Wolinski.<\/p>\n<p>Soweit mir bekannt wurden damals die Serien von Cabu, &#8222;Le Grand Duduche&#8220; und &#8222;Beauf&#8220;, nicht \u00fcbersetzt. Duduche ist ein gro\u00dfer, blonder, magerer Gymnasiast im Adoleszenzalter, im Grunde ein Autoportr\u00e4t von Cabu und seinen Schulerlebnissen, der jedoch von Cabu mit der Zeit st\u00e4rker \u00f6kologisch und antimilitaristisch ausgerichtet wurde. &#8222;Beauf&#8220; &#8211; eine Bezeichnung aus der franz\u00f6sischen Gossensprache &#8222;Argot&#8220;, einerseits eine Kurzform f\u00fcr beau-fr\u00e8re (Schwager), andererseits phonetisch dem Ausdruck BOF \u00e4hnelnd: beurre-oeuf-fromage (Butter-Ei-K\u00e4se), ein Akronym f\u00fcr den archetypischen Kleinladenbesitzer ohne Kultur noch Ethik &#8211; ist eine reaktion\u00e4re Stereotypen-Figur bei Cabu, der Inbegriff des &#8222;Patrons&#8220; (Chef) eines traditionellen Bistrots oder einer Bar. Er zeichnete ihn als dickb\u00e4uchigen, vulg\u00e4ren, brutalen, machohaften und schwulen-\/lesbenfeindlichen, voller Vorurteile steckenden, mit einem schwarzen Oberlippenbart versehenen Unsympath.<\/p>\n<p>Cabu dazu: &#8222;Er wirft dir seine eigenen Wahrheiten direkt an den Kopf, er denkt absolut nie dar\u00fcber nach. (&#8230;) Zuallererst liest er gar nichts. Er liest auch keine Zeitung mehr. Er verk\u00f6rpert die Abschaffung des Papiers.&#8220; ((4))<\/p>\n<p>Im Juni 1960 wurde die Satirezeitung <i>Hara-Kiri<\/i> gegr\u00fcndet, zur H\u00e4lfte Texte, zur H\u00e4lfte Karikaturen. Die Karikaturen von Cabu tauchten dort ab der Nr. 3 auf, die von Wolinski ab Nr. 7. Im Mai &#8217;68 machten beide die kurzlebige, reine Karikaturenzeitung <i>L&#8217;Enrag\u00e9<\/i> (Der W\u00fctende; Anlehnung an eine Str\u00f6mung aus der frz. Revolution von 1789). Hara-Kiri endete in einem handfesten Skandal: Am 1.11.1970 starben 146 Jugendliche durch ein Feuer in einem Tanzlokal im Departement Is\u00e8re &#8211; ein &#8222;tragischer Ball &#8211; 146 Tote&#8220;, so titelte die b\u00fcrgerliche Presse, anstatt die Eigent\u00fcmer anzuklagen, die aus Profitgr\u00fcnden nicht gen\u00fcgend Ausg\u00e4nge gebaut hatten. Kurz darauf, am 9.11.1970, starb der franz\u00f6sische Staatsmann Charles de Gaulle in Colombey und Hara-Kiri beging ein ebensolches, in dem die Zeitung als eine Art Retourkutsche titelte: &#8222;Tragischer Ball in Colombey &#8211; 1 Toter.&#8220;<\/p>\n<p>Es war der franz\u00f6sische Staat in Form seines Innenministers, der die Satirezeitung daraufhin verbot. ((5))<\/p>\n<h3>Cabu bei Charlie Hebdo, 1. Reihe (1970-1981) und beim Canard enchain\u00e9<\/h3>\n<p>Doch Cabu und Genossen \u00e4nderten einfach den Namen und schon eine Woche sp\u00e4ter erschien die erste Ausgabe von <i>Charlie Hebdo<\/i>, mit ebenfalls halb Text, halb Karikaturen. Offiziell war der Name eine W\u00fcrdigung der Comicfigur &#8222;Charlie Brown&#8220; von den Peanuts, doch mit einem Augenzwinkern konnte man dabei auch eine Anspielung auf Charles de Gaulle, dem Anlass des Verbots der Vorg\u00e4ngerzeitung, erkennen.<\/p>\n<p>Von 1970 bis 1974 verkaufte sich die Zeitung sehr gut, mit bis zu 150.000 Exemplaren. In dieser Zeit wurde <i>Charlie Hebdo<\/i> zu einem publizistischen Propagandisten der franz\u00f6sischen Anti-AKW-Bewegung.<\/p>\n<p>So schreibt das Netzwerk &#8222;Sortir de nucl\u00e9aire&#8220; in ihrem ersten Nachruf nach den m\u00f6rderischen Anschl\u00e4gen vom 7.1.2015:<\/p>\n<p>&#8222;Tausende Leute sind zu AtomkraftgegnerInnen geworden, nachdem sie <i>Hara-Kiri<\/i> und dann <i>Charlie Hebdo<\/i> gelesen haben. Mehrere Zeichner von <i>Charlie Hebdo<\/i>, darunter Charb, der jetzige Herausgeber, haben unserem Anti-Atom-Kampf mit ihrer Bekanntheit geholfen, indem sie f\u00fcr mehrere unserer Bl\u00e4tter gezeichnet haben. Vor einigen Jahren hat Cabu unsere Kampagne gegen Atomwaffen unterst\u00fctzt. Wir w\u00fcnschen Fabrice Nicoline [wurde verletzt, \u00fcberlebte aber die Anschl\u00e4ge; L.M.] gute Besserung, dem Autor der bedeutenden Sonderausgabe &#8218;Der Atomschwindel&#8216;.&#8220; ((6))<\/p>\n<p>Doch mit dem Niedergang der sozialen Bewegungen und nach dem R\u00fcckschlag f\u00fcr die Anti-Atom-Bewegung durch die Repression der Massendemo gegen den Schnellen Br\u00fcter in Malville, 1977, mit einem Toten, sank die Auflage stetig auf zuletzt 30.000 und die Zeitschrift wurde, \u00fcberh\u00e4uft von Schulden, 1981 sang- und klanglos eingestellt.<\/p>\n<p>Cabu zeichnete fortan f\u00fcr alle m\u00f6glichen Zeitungen, auch f\u00fcr Musik- und Jazzmagazine. Er wurde bei den \u00f6ffentlich-rechtlichen Fernsehsendern Frankreichs zum versierten Vorl\u00e4ufer der spontanen Ereigniskarikatur, einer Begleitsatire bei Direkt\u00fcbertragungen &#8211; ein Genre, das in BRD-Fernsehkan\u00e4len nahezu unbekannt ist. Haupts\u00e4chlich stieg er aber bei der altehrw\u00fcrdigen, schon 1915 gegr\u00fcndeten, investigativen Journalismus betreibenden Wochenzeitung <i>Le Canard encha\u00een\u00e9<\/i> (&#8222;Canard&#8220; ist ein Argot-Ausdruck f\u00fcr Zeitung; encha\u00een\u00e9, an Ketten gelegt, steht f\u00fcr die Bedrohung durch Zensur) ein, eine haupts\u00e4chliche Textzeitung mit nur begleitenden Karikaturen anstatt von Fotos. Dort lernte etwa der libert\u00e4re Filmemacher und Mitglied der Union pacifiste, Bernard Baissat, Cabu kennen und sch\u00e4tzen, bei dem er eine &#8222;gro\u00dfe Gutm\u00fctigkeit und die v\u00f6llige Abwesenheit von Hass&#8220; erlebte. Baissat: &#8222;Cabu kannte meinen Dokumentarfilm \u00fcber [die Anarchistin; L.M.] May Picqueray, die Korrekturleserin beim Canard encha\u00een\u00e9 gewesen war. (&#8230;) Cabu liebte meinen Film \u00fcber Eug\u00e8ne Bizeau, den gewaltfreien Poeten [und Chansonnnier; L.M.], dem er selbst dann auch einen Comicband widmete.&#8220; ((7))<\/p>\n<p>Anfangs der Neunzigerjahre gab es jedoch einen handfesten Streit beim <i>Canard<\/i>: Weil der <i>Canard<\/i> nicht eindeutig gegen den Golfkrieg 1991 Stellung bezogen hatte, gr\u00fcndeten Cabu und Wolinkski eine antimilitaristische Satirezeitung zur Unterst\u00fctzung der Antikriegsbewegung mit dem wundervollen Namen <i>La Grosse Bertha<\/i> (Die Dicke Bertha; benannt nach der gro\u00dfen Krupp-Kanone aus dem Ersten Weltkrieg, \u00fcber die sich Chaplin zu Beginn seines Films Der gro\u00dfe Diktator lustig gemacht hatte). Hier kam nun eine j\u00fcngere Zeichner-Garde hinzu: Riss, Charb, Luz, Val. La Grosse Bertha ging dann \u00fcber in die Wiederbegr\u00fcndung von <i>Charlie Hebdo<\/i>.<\/p>\n<h3>Cabu bei Charlie Hebdo, 2. Reihe (1992 bis heute) und ihre internen Auseinandersetzungen bis zu den Attentaten<\/h3>\n<p>Schon in der ersten Ausgabe der 2. Reihe im Juli 1992 prangerte Charlie Hebdo den geplanten Bau eines Schnellen Br\u00fcters in S\u00fcdfrankreich an. Die 16-seitige Zeitung, halb Text, halb Karikaturen, konnte die Auflage kontinuierlich steigern bis zu einem H\u00f6hepunkt im Jahre 1996, zum Tod von Fran\u00e7ois Mitterand, mit einer Auflage von 122.000 (heute, vor den Anschl\u00e4gen, 60.000). Die Kritik des Blattes richtete sich anfangs oft gegen s\u00e4kular-befreiungsnationalistische Guerillagruppen wie der korsischen oder der baskischen Guerilla oder auch gegen regionalistisch-identit\u00e4re Bewegungen im Elsass oder in der Bretagne &#8211; alles ganz nach dem antimilitaristischen Geschmack von Cabu. Ebenso bemerkenswert: Das Eintreten der Zeitung f\u00fcr Tierrechte und die Unterst\u00fctzung von Kampagnen gegen den Stierkampf. Doch bald kam es zu einschneidenden Konflikten: Der neue Herausgeber der 2. Reihe, Philippe Val, sprach sich Ende der Neunzigerjahre f\u00fcr die NATO-Bombardierung Serbiens anl\u00e4sslich des Kosovo-Krieges aus und kandidierte f\u00fcr die franz\u00f6sischen Gr\u00fcnen bei den Europawahlen 1999. ((8))<\/p>\n<p>Wolinski dagegen hatte sich zum Fidel Castro-Fan gewandelt und unterst\u00fctzte die Invasion der Sowjetunion in Afghanistan 1989. ((9)) Beides waren Positionen, die Cabu nicht teilte, noch kam es aber nicht zum Bruch. Val machte sich langsam gro\u00dfe Teile der Redaktion zu seinem Feind. Bereits 2001 ging einer der J\u00fcngeren, der erkl\u00e4rte Libert\u00e4re Olivier Cyran, seit 1992 dabei, der nicht nur Vals militaristische Positionen kritisierte, sondern bald auch und bis heute dem Blatt Rassismus durch quantitativ und qualitativ sich steigernde Angriffe auf den Islam vorwarf.<\/p>\n<p>Auch nach den Anschl\u00e4gen vom 7.1.2015 nahm Cyran bei seiner Verurteilung der Attentate nichts von seiner Kritik zur\u00fcck. Und in der Tat mu\u00df man dem Rassismus-Vorwurf &#8211; im Kern: Es wird sich nicht mehr \u00fcber Herrschende und Unterdr\u00fccker, sondern \u00fcber Unterdr\u00fcckte lustig gemacht! &#8211; bei manchen Karikaturen zustimmen, etwa bei einer Titelseite nach der Entf\u00fchrung von 200 M\u00e4dchen durch Boko Haram in Nigeria mit einer Karikatur von Sexsklavinnen (gezeichnet von Riss) und der \u00dcberschrift: &#8222;Die Sexsklavinnen von Boko Haram in Wut: H\u00e4nde weg von unserem Kindergeld!&#8220; ((10)) Nachdem Val gegen die franz\u00f6sische Linke den Zionismus verteidigt hatte, verlie\u00df 2004 auch der linksradikale Soziologe Philippe Corcuff die Zeitschrift. Und Val setzte 2005 noch eine interne Provokation drauf, als er f\u00fcr ein Ja beim franz\u00f6sischen Referendum zur europ\u00e4ischen Verfassung eintrat, das jedoch durch ein Nein mit 55 % entschieden wurde. ((11))<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst gab es aber noch einmal einen gro\u00dfen gemeinsamen Erfolg f\u00fcr Val, Cabu und die gesamte Redaktion, n\u00e4mlich den Prozess von 2007 aufgrund der von <i>Charlie Hebdo<\/i> im Jahr 2006 in einer Sondernummer mit einer eigenen Cabu-Mohammed-Karikatur auf dem Titel nachgedruckten Mohammed-Karikaturen der d\u00e4nischen Tageszeitung <i>Jyllands-Posten <\/i>(siehe Filmbesprechung in dieser GWR).<\/p>\n<p>Doch Philippe Val intensivierte die noch beim Prozess eher als kurios bel\u00e4chelten Kontakte zu Nicolas Sarkozy, der die Zeitung dort verteidigt hatte. Und die damalige Freundin des Zeichners Charb, Jeannette Bougrab, politisch sozialisiert bei Sarkozys konservativer Partei UMP, dort Parteisekret\u00e4rin und 2007 Wahlkandidatin, wurde sp\u00e4ter, 2010, auch noch unter dem Pr\u00e4sidenten Sarkozy Staatsministerin. ((12))<\/p>\n<p>Am 2.7.2008 platzten schlie\u00dflich die inneren Querelen, als der Zeichner Sin\u00e9 (Maurice Sinet) eine umstrittene Textsatire \u00fcber einen Fahrerfluchtprozess von Jean Sarkozy, dem politischen Empork\u00f6mmling und protegierten Sohn des Pr\u00e4sidenten, der gegen einen arabischen Kl\u00e4ger freigesprochen wurde, und die &#8222;j\u00fcdische&#8220; (Sin\u00e9) Freundin von Jean Sarkozy ver\u00f6ffentlichte, die von Val als &#8222;antisemitisch&#8220; eingestuft wurde.<\/p>\n<p>Sin\u00e9 wurde von Val am 15.7.2008 rausgeschmissen &#8211; ein einzigartiger Vorgang in der Geschichte von <i>Charlie Hebdo<\/i>; Cabu hatte versucht, Sin\u00e9 zu halten. Peinlich war f\u00fcr Val dabei vor allem, dass er erst tagelang gar nichts dazu sagte und erst nach Druck aus dem Sarkozy-Umfeld pl\u00f6tzlich aktiv wurde. Sp\u00e4ter wurde Sin\u00e9 in zwei Gerichtsurteilen dieser &#8222;Affaire Sin\u00e9&#8220; 2010 und 2012 vom Vorwurf des Antisemitismus freigesprochen und <i>Charlie Hebdo<\/i> zu Schadenersatzzahlungen von 40.000 und 90.000 Euro verurteilt. Ein Teil der Redaktion sah den Rauswurf Sin\u00e9s als &#8222;Opfer auf dem Altar Sarkozys&#8220; und verurteilte die N\u00e4he Vals zum Pr\u00e4sidenten, bis dieser endlich 2009 aufgab und einen lukrativen Karriereposten bei Radio France annahm. Charb, Riss, Cabu und Bernard Maris teilten sich nun die Mehrheit der finanziellen Anteile am Blatt. ((13))<\/p>\n<p>Im November 2011 machten die Islamisten dann zum ersten Mal ernst: Nach einer erneut islamismuskritischen Ausgabe &#8222;Charia Hebdo&#8220; anl\u00e4sslich des Wahlsieges der islamistischen Partei Ennahda in Tunesien flog ein Molotow-Cocktail in die Redaktionsr\u00e4ume im 20. Pariser Arrondissement, die ausbrannten. Man glaubte schon, das sei das Ende.Doch die Redaktion wurde zwei Monate lang, wie auch jetzt wieder, von der Zeitung Liberation aufgenommen, bis neue R\u00e4ume gefunden waren. Die neuerlichen Mohammed-Karikaturen des Blattes im September 2012 wurden dann von vielen Seiten in der \u00d6ffentlichkeit als Ausdruck einer Obsession wahrgenommen. Interessant ist, dass aus diesem Anlass nicht nur der neue Premierminister der Sozialistischen Partei unter Hollande, Jean-Marc Ayrault, von einer exzessiven Auslegung der Meinungsfreiheit sprach, sondern sich auch der CRIF (Conseil repr\u00e9sentatif des institutions juives de France), das franz\u00f6sische Pendant zur J\u00fcdischen Gemeinde in Deutschland, \u00f6ffentlich von Charlie Hebdo distanzierte &#8211; ganz im Gegensatz zu den Stellungnahmen von heute, nach den Morden. Die aufrechte, angeblich einheitliche Verteidigung der Pressefreiheit, die heute von offizieller Seite und den religi\u00f6sen Organisationen als selbstverst\u00e4ndlich dargestellt wird, unterlag in der Geschichte doch allzu h\u00e4ufig politischen Opportunismen &#8211; davon war auch <i>Charlie Hebdo<\/i> selbst nicht immer ausgenommen. Und es steht zu f\u00fcrchten, dass das auch k\u00fcnftig so sein wird. ((14))<\/p>\n<p>\u00dcberlassen wir Cabu die letzten Worte, zun\u00e4chst aus einem Interview im Jahre 2011: &#8222;Der Pressekarikaturist muss notwendiger Weise gegen alles sein. Es f\u00e4llt ihm schwer, etwas Gutes \u00fcber jemanden zu sagen.&#8220; ((15))<\/p>\n<p>Im Oktober 2014, anl\u00e4sslich des Erscheinens der Gesamtausgabe seiner rund 35.000 Zeichnungen und Karikaturen in einem Zeitraum von 60 Jahren, L&#8217;Int\u00e9gral, meinte er in einem Interview fast naiv optimistisch, der uninformierte Boeuf, den er gezeichnet habe, existiere heute nicht mehr. Und, wohl mit Blick auf die Erfolge der Schwulen\/Lesben-Bewegung: &#8222;Die Leute trauen sich heute Dinge zu sagen, die sie vor zehn Jahren noch nicht zu sagen gewagt h\u00e4tten.&#8220;<\/p>\n<p>Ist das wirklich so oder ist es die Selbstlegitimation des provokanten avantgardistischen Tabubrechers, der auf eigenes Risiko die Tore \u00f6ffnet, durch die dann andere gefahrloser hindurchgehen k\u00f6nnen? Auf die Frage, was denn die Nachwelt \u00fcber ihn wissen solle, meinte er: &#8222;Er zeichnete mit der Feder.&#8220; ((16))<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die \u00e4lteren AnarchistInnen, die ich im Umfeld des Centre International de Recherches sur l&#8217;Anarchisme (CIRA) in Marseille kenne, sprachen mir gegen\u00fcber vor allem von Cabu als dem Anarchisten unter den Zeichnern. AktivistInnen aus der War Resisters&#8216; International-Mitgliedsgruppe Union pacifiste de France (UPF) nennen Cabu &#8222;pazifistisch&#8220; und &#8222;antimilitaristisch&#8220;, seltener auch &#8222;gewaltfrei&#8220; &#8211; doch das liegt an &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2015\/02\/der-gewaltfreie-anarchist-bei-charlie-hebdo\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Der gewaltfreie Anarchist bei Charlie Hebdo - graswurzelrevolution","description":"Die \u00e4lteren AnarchistInnen, die ich im Umfeld des Centre International de Recherches sur l'Anarchisme (CIRA) in Marseille kenne, sprachen mir gegen\u00fcber vor alle"},"footnotes":""},"categories":[770,1042,1027],"tags":[],"class_list":["post-14148","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-396-februar-2015","category-ohne-chef-und-staat","category-wir-sind-nicht-alleine"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14148","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14148"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14148\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14148"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14148"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14148"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}