{"id":14156,"date":"2015-02-01T00:00:00","date_gmt":"2015-01-31T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2015\/02\/die-falsche-abzweigung\/"},"modified":"2022-07-26T14:12:05","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:05","slug":"die-falsche-abzweigung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2015\/02\/die-falsche-abzweigung\/","title":{"rendered":"Die falsche Abzweigung"},"content":{"rendered":"<p>Die Gewaltfrage ist nur ein Themenkomplex, mit dem sich Malatesta                 besch\u00e4ftige. Vor allem seine Auseinandersetzung mit Fragen der                 Organisation, seine Rolle als Kritiker der AnarchistInnen rund                 um Kropotkin, welche sich zu einer Pro-Kriegshaltung im Ersten                 Weltkrieg hinrei\u00dfen lie\u00dfen, sowie seine Kritik am (Anarcho-)Syndikalismus                 bei gleichzeitiger Bestrebung, den Anarchismus als Massenbewegung                 in der Arbeiterklasse zu etablieren, lohnen der eingehenden Besch\u00e4ftigung.                 Als gewaltfrei-anarchistisches Medium ist es aber die Gewaltfrage,                 die uns hier im Besonderen interessiert. Malatesta ist in dieser                 Hinsicht ein spannender Autor, weil er einerseits als standhafter                 Gewaltkritiker auftrat, der sich der verh\u00e4ngnisvollen und anti-emanzipatorischen                 Dynamiken von Gewaltanwendung bewusst war, gleichzeitig jedoch                 den gewaltfreien Widerstand nie als ad\u00e4quates Kampfmittel ansah,                 sondern stattdessen den bewaffneten Aufstand propagierte.<\/p>\n<h3>Malatestas Gewaltkritik<\/h3>\n<p>&#8222;Es steht meines Erachtens au\u00dfer Zweifel, dass die anarchistische                 Idee als Widersacherin staatlicher Herrschaft ihrer innersten                 Natur nach eine Ablehnung der Gewalt bedeutet&#8220;, schreibt Errico                 Malatesta, &#8222;denn Gewalt ist das Wesen jedes autorit\u00e4ren Systems,                 die Handlungsweise jeder Regierung.&#8220; (S. 36) &#8222;Wir Anarchisten                 wollen alle Gewalt und allen Zwang aus menschlichen Beziehungen                 beseitigen&#8220; (S. 109), hei\u00dft es weiter und: &#8222;m\u00fcsste man, um zu                 siegen, auf \u00f6ffentlichen Pl\u00e4tzen Galgen errichten, so will ich                 lieber untergehen.&#8220; (S. 176) Gewalt f\u00fchre laut Malatesta zu einer                 Degeneration unter AnarchistInnen, einer Art &#8222;moralischen Vergiftung&#8220;                 und man m\u00fcsse sich dar\u00fcber bewusst sein, &#8222;dass wir alle [\u2026] die                 gleiche Gefahr laufen [\u2026], die Gefahr, durch den Gebrauch von                 Gewalt verderbt zu werden, die Menschen zu verachten und grausame                 und fanatische Verfolger zu werden.&#8220; Gewalt habe eine &#8222;sch\u00e4dliche                 Tendenz&#8220; welche auch dann gegeben sei, wenn dieses Mittel f\u00fcr                 ein &#8222;gutes Ziel&#8220; zur Anwendung k\u00e4me. Gewalt trage &#8222;den Geist der                 Herrschaft und Tyrannei&#8220; in sich. ((2))<\/p>\n<p>Mit gewaltkritischen Positionen dieser Art, die sich durch seine                 gesamte Schaffensphase ziehen, wird Malatesta &#8211; nicht nur, aber                 insbesondere auch &#8211; bei gewaltfreien AnarchistInnen auf Zustimmung                 sto\u00dfen. Man m\u00f6chte meinen, dass ein Schwenk in Richtung Gewaltbef\u00fcrwortung                 und bewaffneter Kampf bei derartigen Analysen schwer hinzukriegen                 ist. Malatesta macht ihn dennoch.<\/p>\n<h3>Malatestas Gewaltaffirmation<\/h3>\n<p>&#8222;F\u00fcr jene, die sich zu befreien w\u00fcnschen, ist nur ein Weg offen:                 Sie m\u00fcssen der Gewalt mit Gewalt begegnen.&#8220; (S. 69) <\/p>\n<p>Die Wahl der Mittel, um die Revolution durchzuf\u00fchren, scheint                 eindeutig gekl\u00e4rt, denn &#8222;es gibt keine pazifistischen bzw. legalen                 Mittel, um dieser Situation zu entkommen.&#8220; (S. 25) ((3))<\/p>\n<p>Man m\u00fcsse den &#8222;Gewehren und Kanonen, die das Eigentum verteidigen&#8220;                 das bewaffnete Volk entgegensetzen, um &#8222;Gewalt durch Gewalt zu                 besiegen.&#8220; (S. 78) Wenn sich &#8222;Soldaten, Polizisten und die Bourgeoisie&#8220;                 den ArbeiterInnen in den Weg stellten, dann m\u00fcsse &#8222;das Problem                 eben doch mit Gewehren und Bomben gel\u00f6st werden&#8220; in dem &#8222;der Sieg                 [\u2026] dem St\u00e4rkeren [geh\u00f6rt].&#8220; (S. 91) <\/p>\n<p>AnarchistInnen, die sich gegen gewaltt\u00e4tige Aktionen ausgesprochen                 haben, l\u00e4sst er wissen, dass dies gleichbedeutend damit sei auf                 &#8222;<i>jedwede<\/i> revolution\u00e4re Initiative zu verzichten&#8220;. (S. 35;                 Hervorhebung S.K.)<\/p>\n<p>Dabei \u00e4u\u00dfert sich Malatesta kritisch bis ablehnend zu individuellen                 Attentaten und Gewaltakten &#8211; der sog. &#8222;Propaganda der Tat&#8220;. Er                 schrieb gar von dem &#8222;vielleicht [\u2026] sch\u00f6nsten Andenken&#8220; seines                 Lebens &#8222;zur Vereitelung des Ravacholismus [Ravachol, franz. Anarchist                 und Attent\u00e4ter; S.K.] beigetragen zu haben&#8220; und dass das &#8222;gegenseitige                 T\u00f6ten im Namen des Sozialismus&#8220; nur zu einem &#8222;R\u00fcckschritt der                 Zivilisation [\u2026] ohne da\u00df irgendeine Idee oder Partei daraus einen                 Gewinn ziehen kann&#8220; ((4)) f\u00fchre.<\/p>\n<p>Dennoch: Er propagierte unaufh\u00f6rlich den bewaffneten Aufstand,                 in der Revolution sah er einen &#8222;Gewaltakt&#8220;. (S. 234) <\/p>\n<p>F\u00fcr Malatesta sind &#8222;revolution\u00e4r&#8220; und &#8222;gewaltt\u00e4tig&#8220; untrennbar                 miteinander verbunden, &#8222;pazifistisch&#8220; ist nur &#8222;legal&#8220; (also reformistisch)                 denkbar. Und das, obwohl er selbst immer wieder vermittelte, dass                 das Mittel der Gewalt etwas ist, das mit dem Anarchismus (als                 Ziel und Bewegung) potentiell unvereinbar ist.<\/p>\n<h3>Anarchistische Gewaltkritik &#8211; anarchistische Herrschaftskritik<\/h3>\n<p>Eine tiefgehende anarchistische Gewaltkritik als unerl\u00e4sslicher                 Baustein zur \u00dcberwindung von Herrschaftsverh\u00e4ltnissen ist bei                 Malatesta nur in Ans\u00e4tzen vorhanden. Er kritisierte z.B. AktivistInnen,                 deren revolution\u00e4re Hoffnungen im Generalstreik (einer klassischen                 gewaltfreien Aktion der Verweigerung und Nicht-Zusammenarbeit)                 liegen, was ihm auch prompt die Kritik des revolution\u00e4ren Syndikalisten                 Pierre Monatte einbrachte, der sich bei Malatesta an &#8222;die alten                 Ideen des Blanquismus [Louis-Auguste Blanqui, franz. Sozialist;                 S.K.], der sich einbildet, die Welt durch einen siegreichen bewaffneten                 Aufstand zu erneuern&#8220; ((5)) erinnert                 f\u00fchlt. W\u00e4hrend der gewaltfreie Anarchismus schon im 19.\/20. Jahrhundert                 u.a. die umfassende Nicht-Zusammenarbeit und Verweigerung, den                 Boykott, die Zerst\u00f6rung von Kriegsger\u00e4t, die Sabotage, den Generalstreik,                 die Bildung von egalit\u00e4ren Parallelstrukturen und andere Taktiken                 aus dem Repertoire der gewaltfreien Aktion als jene Mittel betrachtete,                 die am sichersten zum anarchistischen Ziel f\u00fchren &#8211; weil diese                 gewaltfreien Kampfformen die gewaltgest\u00fctzten Herrschaftsverh\u00e4ltnisse                 und (strukturelle) Gewaltverh\u00e4ltnisse an der Wurzel packen und                 nicht reproduzieren -, so will Malatesta die bewaffnete Arbeiterklasse,                 die gegen die Bourgeoisie in den Krieg zieht. Mit mehr Waffen                 und mehr Gewalt sollen die Waffen und die Gewalt der Herrschenden                 (und somit <i>deren<\/i> Herrschaft, aber wohl kaum die Herrschaft                 <i>an sich<\/i>, deren Fundament Gewalt in ihren unterschiedlichen                 Ausformungen ist!) gest\u00fcrzt werden. \u00dcber die Wechselwirkung von                 Gewalt und Herrschaft, wie sie sich bedingen und f\u00f6rdern und wie                 das einer herrschaftslosen, emanzipatorischen und anarchistischen                 Gesellschaft im Wege steht, erfahren wir bei Malatesta leider                 (zu) wenig.<\/p>\n<\/p>\n<h3>Revolution als Krieg?<\/h3>\n<p>Man k\u00f6nnte hier mit Simone Weil argumentieren, dass der revolution\u00e4re                 Krieg den Tod der Revolution bedeutet. Den Sturz der Autorit\u00e4ten                 (als revolution\u00e4re Initialz\u00fcndung), der zu Enteignung, Kollektivierung                 und gesellschaftlicher Neustrukturierung im Sinne des Anarchismus                 f\u00fchren soll, denkt Malatesta bewaffnet-milit\u00e4risch. Er ist sich                 aber offenbar \u00fcber die verh\u00e4ngnisvollen Dynamiken bewaffneter                 Aufst\u00e4nde bewusst und sieht die AnarchistInnen bei einem derartigen                 Aufstand folglich in der Rolle, &#8222;der Gewalt eine sinnvolle Richtung                 zu geben und ihre Exzesse durch die Wirkung des hohen Ideals einzud\u00e4mmen.&#8220;                 (S. 38) Die hier implizierte Gewaltkritik, dass n\u00e4mlich das &#8222;hohe                 Ideal&#8220; des Anarchismus die Folge hat, Gewalt einzud\u00e4mmen und nicht                 zu befeuern, unterst\u00fctzt letztendlich gewaltfrei-anarchistische                 Analysen zur Gewaltfrage. Generell scheint er aber einer Logik                 zu folgen, vor der z.B. der Anarchist Nicolas Walter explizit                 gewarnt hat. Gewalt sei, so Walter, genau wie der Staat, &#8222;keine                 neutrale Kraft, deren Wirkung davon abh\u00e4ngt, wer sich ihrer bedient                 [\u2026] sie wird nicht das Richtige tun, nur weil sie in den richtigen                 H\u00e4nden ist.&#8220; ((6)) Malatesta                 argumentierte aber in diese Richtung: &#8222;[A]narchistische Gewalt                 [ist] die einzige, die zu rechtfertigen ist, die einzige, die                 nicht verbrecherisch ist.&#8220; ((7))<\/p>\n<p>Letztendlich lehnt Malatesta auch nur bestimmte Formen von Kriegen                 ab, jene n\u00e4mlich, die von den Herrschenden unter Zuhilfenahme                 der Arbeiterklasse gegen die Interessen letzterer gef\u00fchrt werden,                 wie z.B. der Erste Weltkrieg. Deshalb r\u00e4umt er ein, &#8222;dass es notwendige,                 heilige Kriege gibt: Kriege der Befreiung, die in der Regel &#8218;B\u00fcrgerkriege&#8216;,                 d.h. Revolutionen sind.&#8220; (S. 112) Zehn Jahre, nachdem er diese                 Zeilen schrieb, h\u00f6rt sich das Ganze in seinem Text &#8222;Revolution\u00e4rer                 Terror&#8220; (1924) wieder etwas anders an, und wir begegnen erneut                 dem Gewaltkritiker Malatesta: &#8222;Ebenso wie der Krieg erweckt Terror                 atavistische, tierische, noch nicht v\u00f6llig vom Firnis der Zivilisation                 zugedeckte Gef\u00fchle zu neuem Leben und tr\u00e4gt auf seiner Woge die                 schlimmsten Elemente der Bev\u00f6lkerung an die h\u00f6chste Stelle. Und                 anstatt zur Verteidigung der Revolution zu dienen, bringt er sie                 in Verruf [\u2026] und leitet zwangsl\u00e4ufig das ein, was man heute &#8218;Normalisierung&#8216;                 nennen w\u00fcrde, das hei\u00dft Legalisierung und Verewigung der Gewaltherrschaft.&#8220;                 (S. 175) ((8))<\/p>\n<h3>Die Ziel-Mittel-Relation \u2026 <\/h3>\n<p>Die Ziel-Mittel-Relation ist ein Aspekt anarchistischer Theorie,                 der im gewaltfreien Anarchismus eine besondere Stellung einnimmt.                 Kurz auf den Punkt gebracht besagt sie, dass die Mittel, die in                 einem Kampf zum Einsatz kommen, nicht im Widerspruch zu den Zielen                 stehen d\u00fcrfen. Die Mittel nehmen das Ziel also vorweg, in den                 Mitteln soll das Ziel erkennbar sein. Ein beliebtes Beispiel aus                 der anarchistischen Geschichte: Auf eine (tempor\u00e4re) \u00dcbernahme                 der zentralisierten Staatsmacht in einem revolution\u00e4ren Prozess                 kann keine freie, staatenlose und dezentrale Gesellschaftsordnung                 folgen. Sind die Mittel staatlich, autorit\u00e4r und repressiv, wird                 das Ziel es auch sein. Dasselbe, so gewaltfreie AnarchistInnen,                 gilt auch f\u00fcr die Gewaltfrage. Sind die Mittel gewaltt\u00e4tige, wird                 daraus keine gewaltfreie, herrschaftslose Ordnung folgen, sondern                 wieder nur eine (repressive) Ordnung, die sich durch Gewalt aufrecht                 erhalten, verteidigen und stabilisieren muss.<\/p>\n<h3>\u2026 und Malatesta<\/h3>\n<p>Malatesta ist sich der Wichtigkeit der Ziel-Mittel-Relation nat\u00fcrlich                 bewusst und pocht darauf, auf die Mittel des Ziels wegen zu achten,                 denn &#8222;wer immer seine Reise auf der Landstra\u00dfe beginnt und dann                 einer falschen Abzweigung folgt, gelangt nicht, wohin er wollte,                 sondern wohin die Stra\u00dfe ihn f\u00fchrt.&#8220; (S. 66) Jedoch scheint Malatesta                 all zu oft seine eigene Metapher bei Seite zu schieben und sehenden                 Auges die falsche Abzweigung zu w\u00e4hlen. Die Gewaltfrage scheint                 in der (historischen) anarchistischen Bewegung ohnehin h\u00e4ufig                 die &#8222;gro\u00dfe Ausnahme&#8220; bei der Ziel-Mittel-Relation (gewesen) zu                 sein. Bei Malatesta sto\u00dfen wir ebenfalls &#8211; wenn es um das Thema                 Gewalt geht &#8211; auf Widerspr\u00fcche. Beispiele, wo er zuerst des edlen                 (und auch bei ihm gewaltfreien!) Ziels wegen auf die richtigen                 Mittel pocht, um anschlie\u00dfend den bewaffneten Aufstand und &#8222;Gewehre                 und Bomben&#8220; (S. 91) anzupreisen, ziehen sich durch seine Schriften                 wie ein roter Faden. Einerseits beruft er sich auf die Ziel-Mittel-Relation                 und erkl\u00e4rt schl\u00fcssig, weshalb es wichtig und notwendig ist, sie                 zu beachten, setzt sie aber andererseits oftmals noch im gleichen                 Satz selbst au\u00dfer Kraft. Gewaltfreies Ziel und milit\u00e4rische Mittel                 stehen bei Malatesta Seite an Seite.<\/p>\n<p>Die Mittel k\u00f6nnten nicht &#8222;willk\u00fcrlich&#8220; sein, so Malatesta, sondern                 &#8222;bedingt durch die Ziele&#8220;, w\u00e4hle man die falschen Mittel, so w\u00fcrden                 andere Ziele erreicht, &#8222;m\u00f6glicherweise solche, die denen diametral                 entgegengesetzt sind, die wir erhoffen.&#8220; (S. 66) Es sei deshalb                 &#8222;besonders wichtig&#8220;, dass &#8222;die Revolution ihre Mittel sorgf\u00e4ltig                 w\u00e4hlt&#8220;. (S. 26) &#8222;Sicher muss sich die Revolution verteidigen&#8220;,                 schreibt Malatesta, &#8222;doch darf und kann man sie nicht mit Mitteln                 verteidigen, die im Widerspruch zu ihren Zielen stehen. Das Hauptmittel                 zur Verteidigung der Revolution besteht nach wie vor darin, der                 Bourgeoisie die \u00f6konomischen Mittel der Herrschaft zu nehmen [\u2026]&#8220;.                 Bis hier hin ist Malatesta noch in v\u00f6lliger \u00dcbereinstimmung mit                 gewaltfrei-anarchistischer Theorie &#8211; bis er im selben Satz fordert                 &#8222;alle zu bewaffnen [\u2026] um die gesamte Masse der Bev\u00f6lkerung am                 Sieg zu beteiligen.&#8220; (S. 176)<\/p>\n<p>Bewaffneter Kampf und ein milit\u00e4risches Kr\u00e4ftemessen mit der                 Staatsmacht (und somit potentiell auch mit Heerscharen an nicht-staatlichen                 politischen GegnerInnen, was Malatesta wenig zu ber\u00fccksichtigen                 scheint) sind es letztendlich immer, worauf es bei Malatesta hinausl\u00e4uft.                 Die Forderung nach einer fl\u00e4chendeckenden Bewaffnung der Massen,                 um in den B\u00fcrgerkrieg zu ziehen, ist aber nur schwer mit seiner                 unterst\u00fctzenswerten Zukunftsvision in Einklang zu bringen, in                 der &#8222;unser Handeln [\u2026] von der Liebe zu den Menschen, <i>allen<\/i>                 Menschen, geleitet werden [muss]&#8220; (S. 27; Hervorhebung im Original),                 in der AnarchistInnen &#8222;alle Tr\u00e4nen trocknen und keine verursachen&#8220;                 (S. 24), in der niemand &#8222;Gesetze [..] erlassen und sie anderen                 mit Gewalt [aufzwingen]&#8220; d\u00fcrfe (S. 81) und wo es gilt &#8222;sich [zu]                 weigern, selbst Unterdr\u00fccker zu sein&#8220;. (S. 187)<\/p>\n<h3>Gewaltfreier Anarchismus als (historische) Alternative<\/h3>\n<p>Noch in seiner sp\u00e4teren Schaffensphase steht f\u00fcr Malatesta fest,                 dass die Revolution &#8222;notwendigerweise gewaltsam&#8220; (S. 129) sei.                 Wer nun einwendet, dass das damals, im fr\u00fchen 20. Jahrhundert,                 eben anders gewesen sei und man hier keine gewaltfrei-anarchistischen                 \u00dcberlegungen des 21. Jahrhunderts r\u00fcckprojezieren d\u00fcrfe, sollte                 die gewaltfrei-anarchistische Tradition nicht au\u00dfer Acht lassen,                 die es auch damals schon gab. Anfang des 20. Jahrhunderts hat                 z.B. der Bund herrschaftsloser Sozialisten (BhS) &#8211; eine 1920 in                 Wien gegr\u00fcndete gewaltfrei-anarchistische Organisation &#8211; den Trugschluss                 von bewaffneten Revolutionsvorstellungen bereits l\u00e4ngst durchschaut                 und in seinem Programm akkurat ausformuliert, weshalb ein militarisierter                 Aufstand ein f\u00fcr den Anarchismus und die soziale Revolution verh\u00e4ngnisvolles                 Unterfangen ist:<\/p>\n<p>&#8222;Der BhS sieht in den bisherigen Revolutionen nur Ab\u00e4nderungen                 des Herrschafts- und Knechtschaftsverh\u00e4ltnisses zwischen Staat                 und Volk, Ausbeuter und Proletarier. Darum bezeichnet er sie als                 politische Revolution. Alle diese Revolutionen sind durchgek\u00e4mpft                 worden mit den \u00fcblichen milit\u00e4rischen Waffenmethoden. Diese Methoden                 nennen wir Gewalt, weil sie nur das Fundament einer neuen Herrschaft                 bilden k\u00f6nnen. Darum lehnen wir als Gegner jedweder Herrschaft,                 diese Methoden der Gewalt ab, eo ipso diese, da jede Gewalt sich                 der milit\u00e4rischen Waffen bedienen muss, um eine neue Herrschaft                 etablieren und aufrechterhalten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Sowohl Demokratie als auch Diktatur des Staates bed\u00fcrfen der                 Gewalt. Da wir Anarchisten beide verneinen, weil wir das Selbstbestimmungsrecht                 des freien Menschen wollen, m\u00fcssen wir die Todfeindin desselben,                 die Gewalt als solche, verneinen. Der BhS erstrebt die soziale                 Revolution, die f\u00fcr ihn eine von der politischen absolut verschiedene                 Revolution ist. Verschieden auch in ihren Aufgaben, woraus folgt,                 dass die soziale Revolution in ihren Mitteln gleichfalls verschieden                 sein muss von den milit\u00e4rischen Waffenmethoden der politischen                 Revolution.<\/p>\n<p>An Stelle der Waffenmethoden &#8211; diese nennen wir Gewalt, weil                 ohne sie keine Gewalt im staatlichen Sinne der Politik m\u00f6glich                 ist &#8211; setzt der BhS die sozialwirtschaftliche Aktion der Zerst\u00f6rung                 der Waffen und ihrer Gewalt. Diese Zerst\u00f6rung der Waffen kann                 jedoch niemals dadurch zerst\u00f6rt werden, dass wieder Waffen gegen                 sie gebraucht werden, da solches immer nur die Fortsetzung der                 Waffengewalt, wie ihres \u00dcberganges in abwechselnd neue H\u00e4nde bewirkt.                 Wir dagegen wollen die Zerst\u00f6rung der Waffengewalt weil sie die                 Grundlage des kapitalistischen Eigentumsmonopols und des Staatsprinzips                 ist.&#8220; ((9))<\/p>\n<p>Es ist also mitnichten eine Frage des historischen Kontextes,                 dass Malatesta nicht auf die Idee kam, sich von Vorstellungen                 des bewaffneten Aufstands und der militarisierten Revolution zu                 verabschieden, sondern es war eine bewusste Positionierung bei                 Vorhandensein gewaltfrei-anarchistischer Alternativen &#8211; und der                 BhS ist hier nur ein Beispiel aus vielen, das angef\u00fchrt werden                 k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Wie sehen sie aber aus, diese Alternativen zu B\u00fcrgerkrieg und                 einem milit\u00e4rischen Kr\u00e4ftemessen mit dem Staat? Und wie wurde                 sie von AnarchistInnen formuliert, die zu Zeiten Malatestas aktiv                 waren? Zum Beispiel so, wie es in der von dem gewaltfreien Anarchokommunisten                 Pierre Ramus herausgegebenen Zeitschrift Wohlstand f\u00fcr Alle im                 Jahre 1911 zu lesen war:<\/p>\n<p>&#8222;Der Anarchismus bietet eine neue, eine andere Taktik und Aktion                 dar. Die Taktik und Aktion des Anarchismus ist einerseits die                 gro\u00dfe massenhafte Ignorierung, Verneinung und Nichtbegehung jedweder                 durch den Staat oder Kapitalismus geforderten Gewalt, anderseits                 aber die selbst\u00e4ndige direkte Aktion der Volksmassen [&#8230;], durch                 wirtschaftliche, soziale Um\u00e4nderung der Lebensbedingungen der                 Menschen nicht l\u00e4nger die Gewalt der bestehenden Ausbeutung und                 Unterdr\u00fcckung zu beachten. Das bedeutet nicht Terrorismus, sondern                 einfach den Entzug der Pers\u00f6nlichkeit des Menschen gegen\u00fcber dem                 bestehenden System. Es geschieht dieses durch die Weigerung der                 Massen, noch l\u00e4nger unter den bestehenden Lohnsklaven- und Monopoleigentumsbedingungen                 zu arbeiten, und in der sozialen Erkenntnis, wie die Gesellschaft                 nach neuen kommunistisch-anarchistischen Lebens- und Arbeitsbedingungen                 einzurichten ist. Durch unerm\u00fcdliche Propagierung von diesen Ideen                 wird auch der Erfolg nicht ausbleiben; nur durch die Heranbildung                 der Massen des Proletariats zu dieser Erkenntnis ihrer Aufgabe,                 nicht durch Propaganda von Terrorismus oder Gewalt, wird das Volk                 eine Gewaltsmacht ungeheuerster Ausdehnung zuerst in die kolossalsten                 Kalamit\u00e4ten sto\u00dfen, endlich sogar den Sturz jeder Gewaltsmacht                 herbeif\u00fchren und die freie Gesellschaft der Anarchie begr\u00fcnden.&#8220;                  ((10))<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Gewaltfrage ist nur ein Themenkomplex, mit dem sich Malatesta besch\u00e4ftige. 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