{"id":14161,"date":"2015-03-01T00:00:00","date_gmt":"2015-02-28T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2015\/03\/lesen-die-ihren-kindern-pixi-buecher-vor\/"},"modified":"2022-07-26T13:56:35","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:35","slug":"lesen-die-ihren-kindern-pixi-buecher-vor","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2015\/03\/lesen-die-ihren-kindern-pixi-buecher-vor\/","title":{"rendered":"&#8222;Lesen die ihren Kindern Pixi-B\u00fccher vor?&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><b>Graswurzelrevolution (GWR): Wie geht es den im Film gezeigten Fl\u00fcchtlingen?<\/b><\/p>\n<p>\u00a0<i>Hauke Wendler:<\/i> Von den f\u00fcnf albanischen Fl\u00fcchtlingen, die wir begleitet haben, sind drei bereits &#8222;freiwillig&#8220; ausgereist.<\/p>\n<p>So hei\u00dft das offiziell, wenn die Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rde so lange mit sp\u00e4teren Einreisesperren und \u00e4hnlichem droht, bis die Leute einknicken und, sofern das \u00fcberhaupt geht, Deutschland verlassen. Das pakistanische Ehepaar und auch die tschetschenische Familie, die im Film eine wichtige Rolle spielen, sind nach wie vor im Landkreis Harburg und warten auf die Bescheide zu ihren Asylantr\u00e4gen. Diese Ungewissheit ist f\u00fcr alle hart, weil sie einfach nicht zur Ruhe kommen.<\/p>\n<p><b>GWR: Wie geht man so ein Dokumentarfilm-Projekt an? F\u00e4hrt man da einfach mal in diese D\u00f6rfer, filmt und hofft, dass sich nachher ein Film zusammenschneiden l\u00e4sst, oder habt ihr vorher schon eine Art &#8222;Drehbuch&#8220; geschrieben? <\/b><\/p>\n<p><i>Hauke Wendler:<\/i> Als wir 2013 die Bilder von den Protesten gegen ein neues Asylbewerberheim in Berlin-Hellersdorf gesehen haben, war uns klar, dass wir unbedingt einen neuen Film zum Thema Flucht und Asyl machen wollten.<\/p>\n<p>Dann stehen erst einmal jede Menge Vorarbeiten an: Recherchieren, lesen, planen, lange Vorgespr\u00e4che mit m\u00f6glichen Protagonisten. Das dauert. Aber da entscheidet sich erst, ob ein Film inhaltlich und formal ein gewisses Potential hat oder nicht. Bei den Recherchen sind wir zuerst auf Makka gesto\u00dfen, die tschetschenische Mutter mit den sechs Kindern.<\/p>\n<p>Erst danach haben wir nach weiteren Protagonisten gesucht. Wir haben uns bei unseren vorherigen Projekten ja eher auf einzelne Fl\u00fcchtlinge und ihr pers\u00f6nliches Schicksal konzentriert. Bei \u201aWillkommen auf Deutsch&#8216; wollten wir auch die Reaktionen der deutschen Bev\u00f6lkerung einfangen, ihre Sorgen und \u00c4ngste, aber auch den Alltagsrassismus, der vielfach herrscht.<\/p>\n<p>Ich glaube, das ist auch das Besondere an diesem Film. Aber was aus so einem Projekt wird, h\u00e4ngt stark vom Zufall ab. Von den Menschen, mit denen man dreht, davon, wie weit sie sich \u00f6ffnen. Da ist auch eine Menge Gl\u00fcck im Spiel.<\/p>\n<p><b>GWR: Wie habt ihr die Stimmung auf der gezeigten B\u00fcrgerversammlung, auf der gegen die Fl\u00fcchtlings-Unterbringung in der Gemeinde Appel polemisiert wird, erlebt? Gehen diese Leute zur Not los und werfen Brands\u00e4tze oder sind das eher Maulhelden? <\/b><\/p>\n<p><i>Hauke Wendler: <\/i>Das ist Quatsch. Von den Menschen, die wir in Appel kennengelernt haben, wirft keiner einen Brandsatz. Da bin ich mir absolut sicher. Aber diese Stimmung w\u00e4hrend der B\u00fcrgerversammlung, diese aufgeladene Masse, aus der heraus sich Einzelne nach vorne wagen und b\u00f6se werden, das hat schon etwas Bedrohliches. Aber auch darum geht&#8217;s bei unserem Film ja: Wir wollen, dass diese Positionen vom Stammtisch an die \u00d6ffentlichkeit kommen. Um dar\u00fcber zu reden und zu streiten, vor allem, damit sich all diejenigen ein Bild machen k\u00f6nnen, die unentschieden in der Mitte stehen. Wir m\u00fcssen diesen Diskurs f\u00fchren, um endlich zu besseren, nachhaltigen Gesetzen zu kommen. Alles Andere baden nur die Fl\u00fcchtlinge aus, die in ihrer Not keine Alternativen haben. Denen nutzt eine Zuspitzung der Diskussion n\u00e4mlich kein St\u00fcck.<\/p>\n<p><b>GWR: Meistens ver\u00e4ndern solche &#8222;Reformen&#8220; die Verh\u00e4ltnisse eher zu Ungunsten von Fl\u00fcchtlingen und Asylsuchenden. Warum bist du optimistisch, dass das diesmal anders sein k\u00f6nnte? <\/b><\/p>\n<p><i>Hauke Wendler:<\/i> Ich bin da keinesfalls nur optimistisch. Das w\u00e4re naiv. Aber ich habe in den vergangenen 20 Jahren so viele Fl\u00fcchtlinge und Migranten in Extremsituationen kennengelernt, dass ich meine politische Einsch\u00e4tzung der Lage nur bedingt von ihren pers\u00f6nlichen Interessen trennen kann. Wenn es jetzt zum Beispiel erste Erleichterungen im Bereich der Residenzpflicht oder der Arbeitsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr Asylbewerber gibt, dann ist die Welt dadurch keinen Deut besser geworden.<\/p>\n<p>Aber Larisa, die 21-j\u00e4hrige Tschetschenin aus unserem Film, darf aufgrund der neuen Regelungen jetzt in einem Altenheim im Nachbarort arbeiten. Da verdient sie kaum Geld, aber das ist so viel besser, als den ganzen Tag ohne Besch\u00e4ftigung in der Bude herum zu hocken und vor innerer Anspannung die W\u00e4nde hochzugehen. Das kann ich nicht ignorieren.<\/p>\n<p>Gleichzeitig ist es inakzeptabel, dass diese Gesetzes\u00e4nderungen derzeit nur vor dem Hintergrund von Wirtschaftsinteressen diskutiert werden, die auf billige und willige Arbeitskr\u00e4fte abzielen und auf mehr nicht. Und da gilt es auch, Menschenrechte ganz grunds\u00e4tzlich zu verteidigen.<\/p>\n<p><b>GWR: Wenn man die Hilfesuchenden einerseits und die Wutb\u00fcrger und Angsthaber andererseits pers\u00f6nlich kennenlernt und sie begleitet, wie schafft man es da, neutral zu bleiben und einen so verst\u00e4ndnisvollen Film zu machen? <\/b><\/p>\n<p><i>Hauke Wendler:<\/i> Die Arbeit an so einem Film ist f\u00fcr uns auch eine Reise ins Ungewisse. Das empfinde ich pers\u00f6nlich als gro\u00dfes Gl\u00fcck, dass wir dabei immer wieder Menschen kennenlernen, denen ich sonst nie begegnet w\u00e4re. Aber das ist nat\u00fcrlich auch Stress. Als etwa Larisa akut von Abschiebung bedroht war, bin ich vier-, f\u00fcnfmal die Woche zu der Familie gefahren. Und da erinnere ich mich an lange und w\u00fctende Fahrten auf der Autobahn. Da hat man als Autor nat\u00fcrlich auch Angst, gerade um diese Kinder. Andererseits habe ich kein emotionales Problem damit, ein langes Interview mit Hartmut Prahm von der B\u00fcrgerinitiative in Appel zu machen, der ja offen gegen das geplante Asylbewerberheim polemisiert. Das ist unser Job: Zuh\u00f6ren, nachfragen, verdichten. Und dabei versuchen, auch diesen Menschen gerecht zu werden. Wir reden ja schlie\u00dflich nicht mit Nazis, das w\u00fcrde mich kein St\u00fcck interessieren.<\/p>\n<p>Wir reden mit Leuten aus der b\u00fcrgerlichen Mitte, deren Meinungen leider f\u00fcr viele andere in Deutschland stehen. Und die gilt es m\u00f6glichst objektiv abzubilden. Das versprechen wir den Leuten vorab und daran halten wir uns. Auch weil es im Film eine viel st\u00e4rkere Wirkung hat, wenn der Zuschauer sich sein eigenes Bild machen kann.<\/p>\n<p><b>GWR: Kay Sokolowsky schrieb zuletzt in &#8222;konkret&#8220; \u00fcber die Pegida-Anh\u00e4nger: &#8222;Sie m\u00f6chten keinem der herk\u00f6mmlichen Lager zugeordnet werden, weil sie es auf eine b\u00fcrgerliche Klientel absehen, die zwar faschistisch denkt, sich aber f\u00fcr demokratisch h\u00e4lt.&#8220; Damit d\u00fcrfte er solche Leute wie die Appeler Wutb\u00fcrger in eurem Film meinen, die Angst um ihre T\u00f6chter haben, weil &#8222;diese Ausl\u00e4nder&#8220; ihre &#8222;m\u00e4nnlichen Bed\u00fcrfnisse&#8220; an ihnen befriedigen k\u00f6nnten, oder dem Vertreter des Landkreises Harburg erkl\u00e4ren, er k\u00f6nne seine &#8222;Neger&#8220; wieder mitnehmen. Was w\u00fcrdest du Sokolowsky entgegnen? <\/b><\/p>\n<p><i>Hauke Wendler:<\/i> Nat\u00fcrlich ist es wichtig, bei Protesten wie Pegida zu schauen, welche politischen Interessen dahinter stehen. Ich w\u00fcrde diese Analysen aber nicht pauschal einer gr\u00f6\u00dferen Menschengruppe wie zum Beispiel allen Bewohnern des Dorfes Appel \u00fcberst\u00fclpen wollen. Das ist zu plump und bringt niemanden weiter, schon gar nicht die Fl\u00fcchtlinge.<\/p>\n<p>Das Sch\u00f6ne am Beispiel Appel ist, dass sich am Ende der Teil der Dorfbewohner durchsetzt, der eine kleinere Gruppe von Asylbewerbern aufnehmen und unterst\u00fctzen m\u00f6chte. Da wird Deutschunterricht gegeben, da werden private Fahrdienste eingerichtet. Letztlich sind dadurch pers\u00f6nliche Kontakte entstanden, mit mehr Verst\u00e4ndnis f\u00fcreinander. Das finde ich gut.<\/p>\n<p><b>GWR: Das Thema hat ja eine gespenstische Aktualit\u00e4t. Wie bewertest du die ausl\u00e4nderfeindlichen Bewegungen in Deutschland?<\/b><\/p>\n<p><i>Hauke Wendler:<\/i> Ich habe Anfang der 90er Jahre begonnen, mich mit dem Thema zu besch\u00e4ftigen und wenn ich die Stimmung heute mit diesen Jahren vergleiche, dann bin ich froh, dass sich etwas bewegt hat. Wir haben auch in Tespe und Appel immer wieder Menschen getroffen, die Fl\u00fcchtlingen helfen wollen. Das ist f\u00fcr mich ein klarer Unterschied zu den 90ern.<\/p>\n<p>Andererseits schaffen Pegida und \u00e4hnlich dumpfe Veranstaltungen ein Klima, in dem viele ihren rassistischen Vorurteilen pl\u00f6tzlich freien Lauf lassen. Davor habe ich Angst: Dass die Situation an einzelnen Orten wieder eskaliert.<\/p>\n<p><b>GWR: Besonders treffend in eurem Film ist ja, dass einige Fl\u00fcchtlinge, deren Unterbringung in einem ehemaligen Altersheim von einer B\u00fcrgerinitiative verhindert wird, schlie\u00dflich ausgerechnet im &#8222;Deutschen Haus&#8220; unterkommen. Was w\u00fcrdest du sagen, ist das Spezifische am deutschen Umgang mit Hilfesuchenden? <\/b><\/p>\n<p><i>Hauke Wendler:<\/i> Ja, das \u201aDeutsche Haus&#8216;, auch so ein Gl\u00fccksfall f\u00fcr den Film. Wenn es den Namen des Hotels nicht schon gegeben h\u00e4tte, h\u00e4tten wir ihn eigenh\u00e4ndig dranschrauben m\u00fcssen. Aber zur\u00fcck zur Frage: Ich glaube, dass es in fast allen Gesellschaften Fremdenfeindlichkeit und Rassismus gibt, \u00fcberall auf der Welt. Das ist ein so dumpfes Gef\u00fchl, an das sich wahnsinnig leicht appellieren l\u00e4sst, da kann jeder Inl\u00e4nder gleich mitmachen. Was mich in Deutschland immer wieder schockiert, ist der Fanatismus, mit dem etwa die Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rden hier ihrer Arbeit nachgehen. In unserem letzten Dokumentarfilm \u201aWadim&#8216; wurde ein 18-j\u00e4hriger nach jahrelangen Duldungen, die oft nur f\u00fcr wenige Tage verl\u00e4ngert wurden, in ein ihm fremdes Land abgeschoben und aus seiner Familie herausgerissen. Mitten in der Nacht, nachdem sich die Mutter nebenan in ihrer Not gerade den Arm mit einem kaputten Marmeladenglas zerfetzt hatte.<\/p>\n<p>Welche Beh\u00f6rde denkt sich solche Eins\u00e4tze aus? Und wer zieht sie vor Ort durch? Und fahren die dann abends auch nach Hause und lesen ihren Kindern Pixi-B\u00fccher vor? Da w\u00fcrde ich mir erhoffen, dass dieses Land endlich zu der Einsicht kommt, dass wir seit 20 Jahren ein Einwanderungsland sind und dass wir uns dieser Realit\u00e4t endlich stellen m\u00fcssen. 51 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht. Da k\u00f6nnen wir uns \u00fcber 200.000 Asylbewerber im Jahr 2014 nicht beschweren. Das muss dieses Land besser hinbekommen.<\/p>\n<p><b>GWR: Wie l\u00e4uft das Projekt der Kinovorf\u00fchrungen? Werden die Filme nur gezeigt oder gibt es Diskussionsveranstaltungen dazu? <\/b><\/p>\n<p><i>Hauke Wendler:<\/i> Nachdem wir anfangs ganz sch\u00f6n k\u00e4mpfen mussten, l\u00e4uft die Vorbereitung des Kinostarts jetzt sehr gut.<\/p>\n<p>Wir haben einen kleinen, ganz gro\u00dfartigen Filmverleih in Hamburg, der sich da voll reinh\u00e4ngt. Au\u00dferdem gibt es ein breites Netz von Gruppen und Initiativen, die sich zum Thema und auch zu dem Film engagieren, von Pro Asyl bis zur Interkulturellen Woche.<\/p>\n<p>Wir konnten schon gut 40 Kinovorf\u00fchrungen mit anschlie\u00dfender Podiumsdiskussion fix machen und ich hoffe, es werden noch mehr. Wer den Film bei sich im Kino zeigen lassen und danach diskutieren m\u00f6chte: Anrufen. Wir freuen uns!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Graswurzelrevolution (GWR): Wie geht es den im Film gezeigten Fl\u00fcchtlingen? \u00a0Hauke Wendler: Von den f\u00fcnf albanischen Fl\u00fcchtlingen, die wir begleitet haben, sind drei bereits &#8222;freiwillig&#8220; ausgereist. So hei\u00dft das offiziell, wenn die Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rde so lange mit sp\u00e4teren Einreisesperren und \u00e4hnlichem droht, bis die Leute einknicken und, sofern das \u00fcberhaupt geht, Deutschland verlassen. 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