{"id":14163,"date":"2015-03-01T00:00:00","date_gmt":"2015-02-28T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2015\/03\/antifaschismus-bleibt-am-ball\/"},"modified":"2022-07-26T14:22:14","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:14","slug":"antifaschismus-bleibt-am-ball","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2015\/03\/antifaschismus-bleibt-am-ball\/","title":{"rendered":"Antifaschismus bleibt am Ball"},"content":{"rendered":"<p>Die mittlerweile in &#8222;Akademikerball&#8220; umbenannte rechte Vernetzungsveranstaltung firmierte bis 2012 noch unter dem Namen &#8222;Ball des Wiener Korporationsrings&#8220; (WKR). Als solche wurde sie von den schlagenden deutschnationalen Burschenschaften organisiert um die Gr\u00f6\u00dfen der europ\u00e4ischen Rechten einander bei einem Wiener Walzer n\u00e4her kommen zu lassen. So tanzte in der Vergangenheit der Chef der \u00f6sterreichischen Rechtsau\u00dfenpartei FP\u00d6, Heinz-Christian Strache, mit Marine Le Pen vom franz\u00f6sischen Front National und deutschen Neonazis. Dieses Jahr auch mit dabei: Vertreter der neurechten &#8222;Identit\u00e4ren Bewegung&#8220;.<\/p>\n<p>Seit drei Jahren k\u00f6nnen die Burschen mit den aufges\u00e4belten Backen den Ball nicht mehr selbst organisieren &#8211; vor allem aufgrund der kontinuierlichen antifaschistischen Aufkl\u00e4rung und Proteste der letzten Jahre. Stattdessen hat die FP\u00d6 die Veranstaltung \u00fcbernommen, die jedoch kaum von den Burschenschaften getrennt werden kann, sind doch rund 40% ihrer Parlamentarier_innen Burschenschafter. Diese rekrutieren sich vor allem aus den B\u00fcnden der v\u00f6lkischen &#8222;Burschenschaftlichen Gemeinschaft&#8220;, die den \u00e4u\u00dfersten rechten Rand des &#8222;gro\u00dfdeutschen&#8220; Verbindungswesens darstellen. Dieses Spektrum war in den 1960er Jahren in den Rechtsterrorismus in S\u00fcdtirol involviert und diskutiert noch heute \u00fcber Ariernachweise. Auch Strache selbst kommt aus dem Spektrum der schlagenden Burschenschaften, pflegte enge Kontakte zu paramilit\u00e4rischen Neonazi-Verb\u00e4nden und nahm an deren bewaffneten Kampf\u00fcbungen teil. Es wird auch seiner F\u00fchrung zugeschrieben, dass die FP\u00d6 heute rund 25 Prozent der W\u00e4hler_innen-Stimmen in \u00d6sterreich auf sich vereint, weshalb die Partei als Vorbild des Rechtspopulismus in ganz Europa gilt.<\/p>\n<p>Dieses Jahr demonstrierten ungef\u00e4hr 10.000 Antifaschist_innen gegen den Ball, der gr\u00f6\u00dfte antifaschistische Protest in Wien seit Jahren. Neben verschiedensten Demonstrations- und Blockadeaufrufen gab es im Vorfeld auch einen Aufruf einer Gruppe antifaschistischer Taxifahrer_innen an ihre Kolleg_innen, an diesem Abend die Hofburg nicht anzufahren. Die \u00f6sterreichische Klatschpresse hatte ihrerseits bereits Wochen im Voraus damit begonnen, eine &#8222;Krawallnacht&#8220; heraufzubeschw\u00f6ren. Die Bezirksvorsteherin der Wiener Innenstadt, Ursula Stenzel (\u00d6VP), forderte einen Unterst\u00fctzungseinsatz des Bundesheeres, um die Stadt vor Zerst\u00f6rung zu sch\u00fctzen. Die Antifaschist_innen lie\u00dfen sich jedoch weder von dieser Hetze noch von der Sperrzone abschrecken, die \u00fcber einen Gro\u00dfteil der Wiener Altstadt verh\u00e4ngt wurde. Selbst Journalist_innen mussten sich im Vorhinein ihre Ungef\u00e4hrlichkeit durch eine Akkreditierung bei der Polizei best\u00e4tigen lassen, wenn sie innerhalb der Sperrzone berichten wollten.<\/p>\n<p>Ein Bus mit Antifaschist_innen aus M\u00fcnchen wurde kurz vor Wien abgefangen und mit von einer Kolonne Polizeiwagen zur\u00fcck an die Grenze gebracht, wo er der Bundespolizei \u00fcbergeben wurde. Die Demonstration des autonomen NOWKR-B\u00fcndnisses wurde sogar g\u00e4nzlich untersagt. Gegen die Anmelder_innen wird nun wegen &#8222;Bildung einer kriminellen Organisation&#8220; ermittelt. Dieser &#8222;Antiterrorparagraph&#8220; erlaubt den Repressionsbeh\u00f6rden den Einsatz aller zur Verf\u00fcgung stehenden Mittel der \u00dcberwachung und pr\u00e4ventiven Einsperrung. Er wurde bereits 2007 bis 2014 gegen Tiersch\u00fctzer_innen eingesetzt, die auf dieser Grundlage rundum\u00fcberwacht wurden und monatelang in Untersuchungshaft sa\u00dfen, bevor sie in allen Punkten freigesprochen wurden [die GWR berichtet].<\/p>\n<p>Um so gr\u00f6\u00dfer wurde die Demonstration der haupts\u00e4chlich von Trotzkist_innen und anderen staatssozialistischen Gruppen getragenen Offensive gegen Rechts. Wer nicht brav den roten Fahnen hinterher marschieren wollte, bekam auf ungef\u00e4hr halber Strecke die M\u00f6glichkeit der pinken Rhythms-of-Resistance-Gruppe zu folgen. Diese brach mit ungef\u00e4hr 500 Personen aus der Demo aus und n\u00e4herte sich in einem bunten Aufzug der Hofburg. So wurde die Sperrzone von Anfang an ad absurdum gef\u00fchrt und die Ordnung der Repressionsorgane auf den Kopf gestellt. Dadurch ergaben sich f\u00fcr die nunmehr dezentral agierenden Antifaschist_innen viele Gelegenheiten, die Busse und Taxen zu blockieren, in denen die Ballg\u00e4ste anreisten.<\/p>\n<p>Wer es geruhsamer wollte, konnte sich der eher b\u00fcrgerlich orientierten Kundgebung der Plattform &#8222;Jetzt Zeichen Setzen&#8220; anschlie\u00dfen. Dort lauschten rund 2.000 Besucher_innen Konzerten und Reden von Holocaust-\u00dcberlebenden. Ein in der N\u00e4he der Kundgebung angesprochener Ballbesucher allerdings sieht das anders: &#8222;Ich sehe hier keine Holocaust-\u00dcberlebenden&#8220;, sagt er in die Kamera. Diese Seh-Schw\u00e4che teilt er mit vielen anderen \u00d6sterreicher_innen: Jede_r zehnte sieht laut einer Umfrage der GfK-Austria den Holocaust als historisch nicht erwiesen an. So empfinden denn auch ungef\u00e4hr 20 FP\u00d6ler die Kundgebung als &#8222;Gesinnungsterror&#8220;, dagegen zumindest richten sich die Transparente, die sie mitgebracht haben, um die Veranstaltung zu st\u00f6ren. Nach kurzer Auseinandersetzung ziehen sie wieder ab. Weniger zimperlich sind die Nazi-Hooligans, der &#8222;Unsterblich&#8220;-Bande. Diese Truppe, die vor ungef\u00e4hr einem Jahr bereits eine migrantische Einrichtung \u00fcberfallen hat, ging am Abend, teils bewaffnet, auf Antifaschist_innen los. Die Polizei bedr\u00e4ngte die Protestierenden ihrerseits mit Schlagst\u00f6cken, Pfefferspray und Hundestaffeln. Mehrere Demonstrierende wurden dabei verletzt und 54 Personen wurden nach Polizeiangaben festgenommen. Dienstnummern werden nicht genannt, das Dokumentieren der Polizeigewalt wird verhindert, Aufnahmeger\u00e4te werden teils konfisziert. Bis f\u00fcnf Uhr morgens harrte eine Solidarit\u00e4tskundgebung vor der Polizeikaserne aus, bis auch die letzten Festgenommenen freigelassen wurden.<\/p>\n<p>Insgesamt verliefen die Proteste diesmal weit weniger eskalativ als im letzten Jahr ((1)). An mehreren Zufahrtsstra\u00dfen zur Hofburg fanden erfolgreiche Blockaden statt, aufgrund derer sich die Anreise der Ballg\u00e4ste teils um mehrere Stunden verz\u00f6gerte. Aufgrund dieser Taktik ist die Zahl der Ballteilnehmer_innen in den letzten Jahren drastisch gesunken. Es bleibt zu hoffen, dass sich dieser Trend fortsetzt und der Ball bald f\u00fcr immer platzt. F\u00fcr den 29. Januar 2016 allerdings hat die FP\u00d6 die Hofburg bereits wieder reserviert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die mittlerweile in &#8222;Akademikerball&#8220; umbenannte rechte Vernetzungsveranstaltung firmierte bis 2012 noch unter dem Namen &#8222;Ball des Wiener Korporationsrings&#8220; (WKR). Als solche wurde sie von den schlagenden deutschnationalen Burschenschaften organisiert um die Gr\u00f6\u00dfen der europ\u00e4ischen Rechten einander bei einem Wiener Walzer n\u00e4her kommen zu lassen. 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