{"id":14167,"date":"2015-03-01T00:00:00","date_gmt":"2015-02-28T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2015\/03\/anarchismus-eine-form-der-altersweisheit\/"},"modified":"2022-07-26T14:12:03","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:03","slug":"anarchismus-eine-form-der-altersweisheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2015\/03\/anarchismus-eine-form-der-altersweisheit\/","title":{"rendered":"&#8222;Anarchismus, eine Form der Altersweisheit&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><b>Graswurzelrevolution (GWR): Euer Verlag sieht sich in der Tradition der antiautorit\u00e4ren und undogmatischen Protestbewegungen und wurzelt sozusagen in der 68er-Bewegung. Wie fing alles an?<\/b><\/p>\n<p><i>Theo Bruns: <\/i>Der Verlag Assoziation A entstand im Jahr 2001 aus dem Zusammenschluss der Verlage Libert\u00e4re Assoziation A, Hamburg, und dem Verlag Schwarze Risse, Berlin.<\/p>\n<p>Zwischen beiden Verlagen gab es bereits vorher eine langj\u00e4hrige Kooperation, aber sie hatten nat\u00fcrlich auch ihre eigene Geschichte und ein unterschiedliches Profil. Was den Hamburger Zweig angeht, so hat er eine lange Tradition, die bis in die fr\u00fchen 1970er Jahre im Anschluss an die Jugend- und Studentenrevolte von 1968 zur\u00fcckreicht.<\/p>\n<p>In der Zerfallsphase des SDS entstanden aus seiner antiautorit\u00e4ren Str\u00f6mung u.a. bundesweit selbstorganisierte und -verwaltete Buchhandelsprojekte und Verlage, die sich im Verband des linken Buchhandels (VLB) zusammenschlossen. In Hamburg wurden in dieser Zeit der Verlag Association mit &#8222;c&#8220; &#8211; etwa zeitgleich die Edition Nautilus -, der Manifest-Buchladen und der Spartacus Buchvertrieb gegr\u00fcndet. Der Verlag Association war damals politisch in einem Spektrum zwischen Anarchismus, R\u00e4tekommunismus und Operaismus angesiedelt, publizierte aber auch eine Reihe zur politischen \u00d6kologie und einige literarische Titel, u.a. von Upton Sinclair und Erich Fried.<\/p>\n<p>Seine wohl bekannteste Publikation war &#8222;Friedlich in die Katastrophe&#8220; von Holger Strohm, ein Buch, das zu einer Art &#8222;Bibel&#8220; der Anti-AKW-Bewegung avancierte. Aufgrund einer abenteuerlichen Geschichte, die einen eigenen Beitrag wert w\u00e4re, ging der Verlag 1979 in Konkurs.<\/p>\n<p>Aus der Konkursmasse des Verlages kaufte Robert Jarowoy, der gerade nach Verb\u00fc\u00dfung einer Haftstrafe wegen politisch motivierter Aktionen aus dem Knast entlassen worden war, dann mit finanzieller Unterst\u00fctzung einer Reihe von GenossInnen 1980 die Resttitel auf und machte unter dem Namen Verlag Libert\u00e4re Assoziation (VLA) weiter. Unmittelbar nach Neugr\u00fcndung des Verlages sah sich das Projekt mit staatlicher Repression in Form der Beschlagnahme des Buches &#8222;Lieber krank feiern als gesund schuften. Wege zu Wissen und Wohlstand&#8220;, ein Ratgeber zum &#8222;Blaumachen&#8220;, konfrontiert. Das Buch wurde daraufhin kollektiv vom VLB neu herausgegeben und offensiv vertrieben, eine Form des Umgangs mit staatlicher Zensur, die sich auch in anderen F\u00e4llen bew\u00e4hrt hat.Das am meisten verkaufte Buch dieser Verlagsphase waren die &#8222;M\u00e4rchen aus der Spa\u00dfgerilja&#8220; von Fritz Teufel und Robert Jarowoy. Robert orientierte sich nach relativ kurzer Zeit politisch neu und stellte die Verlagsarbeit mehr oder weniger ein. Im Jahr 1987 habe ich dann zusammen mit ein paar Freunden den Verlag \u00fcbernommen, wir waren so die dritte Generation.<\/p>\n<p><i>Rainer Wendling:<\/i> Der Berliner Zweig steht in unmittelbarer Verbindung mit dem Buchladen Schwarze Risse.<\/p>\n<p>Anfang 1982 bin ich beim damaligen Buchladen &#8222;Freunde der Erde&#8220; eingestiegen, der haupts\u00e4chlich Literatur zum Thema Umweltzerst\u00f6rung und \u00d6kologie vertrieb, dazu auch selbst B\u00fccher herausgab und dessen Mitglieder in der Anti-AKW-Bewegung aktiv waren. Anfang 1984 \u00e4nderte sich unsere personelle Zusammensetzung.<\/p>\n<p>Wir machten zu zweit weiter und \u00e4nderten den Namen in &#8222;Schwarze Risse&#8220;, weil wir \u00fcber die zweifellos wichtigen Fragen politischer \u00d6kologie hinaus einen linksradikalen Buchladen, der sich politisch im Spektrum der Autonomen verortete, betreiben wollten. Selbst nicht &#8222;nur&#8220; B\u00fccher anzubieten und zu verkaufen, sondern auch selbst zu machen und zu publizieren, war uns von Anfang an wichtig. Allerdings gelang das aus Kapazit\u00e4tsgr\u00fcnden zu Beginn kaum.<\/p>\n<p>Als die Repressionsbeh\u00f6rden 1987 wegen der Zeitschrift &#8222;radikal&#8220; in einer bundesweiten Durchsuchungswelle fast alle linken Buchl\u00e4den der Republik heimsuchten, sahen wir darin auch eine Chance, ein neues Verlagsprojekt zu starten. Die Idee war, die linken Buchl\u00e4den schlie\u00dfen sich zu einem Verlags- und Vertriebsprojekt zusammen, um dadurch eine neue St\u00e4rke zu erreichen. Den meisten war das allerdings ein zu ambitioniertes und anstrengendes Vorhaben und so fanden wir uns schlie\u00dflich mit dem Buchladen Rote Stra\u00dfe, G\u00f6ttingen, und dem leider nicht mehr existierenden Buchladen Kleine Freiheit, Gie\u00dfen, in einer Dreier-Kooperation zusammen. Unsere ersten Publikationen waren Reprints von f\u00fcr uns grundlegenden Werken wie &#8222;Leben als Sabotage&#8220; von Detlef Hartmann, die Hefte 10 und 14 der &#8222;Autonomie Neue Folge&#8220; als sozialrevolution\u00e4re Kritik am Marxismus, aber auch den Verk\u00fcrzungen des Operaismus.<\/p>\n<p>Wir gr\u00fcndeten zusammen mit ehemaligen Mitgliedern der Autonomie-Redaktion die &#8222;Materialien f\u00fcr einen neuen Antiimperialismus&#8220;. Zu den Anti-IWF-Aktionen 1988 brachten wir unsere erste neue Brosch\u00fcre heraus: &#8222;Zentralamerika. Mexiko. Klassenk\u00e4mpfe ohne Grenzen&#8220;.<\/p>\n<p>Weitere wichtige B\u00fccher in der Folge sind f\u00fcr mich &#8222;Das Ende des sowjetischen Entwicklungsmodells. Beitr\u00e4ge zur Geschichte der sozialen Konfrontationen mit dem sozialistischen Akkumulationskommando&#8220; und &#8222;Die Ethnisierung des Sozialen &#8211; Die Transformation der jugoslawischen Gesellschaft im Medium des Krieges&#8220;. Sie z\u00e4hlen zu den Meilensteinen eines sozialrevolution\u00e4ren Verst\u00e4ndnisses gesellschaftlicher Entwicklungsprozesse.<\/p>\n<p><b>GWR: &#8222;Assoziation A&#8220;, da kommt bei mir zuerst die Assoziation &#8222;Assoziation Anarchie&#8220;? Versteht ihr euch als anarchistisch?<\/b><\/p>\n<p><i>Theo Bruns:<\/i> Im Sinne einer grundlegenden politischen Geistes- und Lebenshaltung verstehe ich mich schon als Anarchist, aber nicht gebunden an ein fixes Modell mit der Konstruktion einer Ahnengalerie und einer Vorstellung von Organisierung, die sich in ihrer Orthodoxie h\u00e4ufig nicht grundlegend von konkurrierenden Str\u00f6mungen wie Trotzkismus, Leninismus etc. unterscheidet. Politisch pr\u00e4gend waren f\u00fcr mich eher der antiautorit\u00e4re Dutschke-Krahl-Fl\u00fcgel des SDS, die kritische Theorie in ihrer politisch pointierten Form in Gestalt von Herbert Marcuse, die Situationisten mit ihrer Idee der Einheit von Leben, Kunst und Politik, aber auch Bakunin als radikaler Philosoph der Freiheit und hellsichtiger Kritiker der spezifisch deutschen Form des Obrigkeitsstaates. Meine Magisterarbeit habe ich \u00fcber die Urspr\u00fcnge des Anarchismus in Frankreich geschrieben. Dort steht im Vorwort in Umkehrung eines Bismarckschen Diktums, Anarchismus sei keine Jugendtorheit, sondern eine Form der Altersweisheit. Das w\u00fcrde ich heute erst recht so sagen.<\/p>\n<p><i>Rainer Wendling:<\/i> Keine Ahnung. Jedenfalls, wie Theo schon sagte, nicht im klassischen Sinn. Mir ist nicht wichtig das als &#8222;Identit\u00e4t&#8220; zu definieren, Autonomer, Anarchist, Sozialrevolution\u00e4r.<\/p>\n<p><b>GWR: Was bedeuten f\u00fcr euch Anarchie, Anarchismus und Autonomie?<\/b><\/p>\n<p><i>Theo Bruns: <\/i>\u00dcber das eigene Leben bestimmen zu k\u00f6nnen. Dazu bedarf es des Zugangs zu den gesellschaftlichen Ressourcen, die daf\u00fcr die materielle Voraussetzung liefern.<\/p>\n<p>M\u00f6glichst frei von Zw\u00e4ngen und Diskriminierungen zu sein. Herrschaftsverh\u00e4ltnisse zu unterh\u00f6hlen und aufzuheben. Die Verkn\u00fcpfung des freiheitlich-individualistischen Impetus mit dem egalit\u00e4ren, kollektiven, solidarischen Moment. Um es mit den Worten Bakunins zu sagen: Die Freiheit der anderen nicht als Begrenzung der eigenen, sondern als ihre Voraussetzung und Erweiterung zu begreifen. Das w\u00e4re vielleicht so etwas wie libert\u00e4rer Commonismus.<\/p>\n<p>Autonomie bedeutet aber auch eine Vita activa im Sinne Hannah Arendts. Politisch t\u00e4tig zu sein, sich einzumischen, ungerechte gesellschaftliche Zust\u00e4nde nicht hinzunehmen. Selbstver\u00e4nderung im \u00c4ndern der Umst\u00e4nde.<\/p>\n<p><i>Rainer Wendling:<\/i> Dar\u00fcber hinaus ist f\u00fcr mich wichtig, mit welchem Blick wir auf Geschichte, politische und soziale Prozesse schauen. Das Subjekt der historischen Erkenntnis ist, wie Walter Benjamin sagt, &#8222;die k\u00e4mpfende unterdr\u00fcckte Klasse selbst&#8220;; nicht der Intellektuelle, der auf die &#8222;Subalternen&#8220; herabblickt, nicht der Anf\u00fchrer, nicht die Partei. Der soziale Prozess steht im Mittelpunkt, und nat\u00fcrlich geht es noch immer darum, alle Verh\u00e4ltnisse umzust\u00fcrzen, in denen die Menschen unterdr\u00fcckt und geknechtet sind oder der Vernichtung preisgegeben werden.<\/p>\n<p><b>GWR: &#8222;Assoziation A&#8220; klingt nach linker Genossenschaft und Internationaler Arbeiter-Assoziation (IAA). Wie ist Assoziation A organisiert? Seht ihr euch in der Tradition der libert\u00e4r-sozialistischen IAA?<\/b><\/p>\n<p><i>Theo Bruns:<\/i> De facto sind wir heute ein Zwei-Mann-Betrieb, auch wenn es ein Verlagsumfeld gibt, das uns unterst\u00fctzt und auch Buchvorschl\u00e4ge unterbreitet. Deshalb w\u00e4re es etwas hochtrabend, von Organisation zu sprechen. Wie erl\u00e4utert, sind wir zwar stark an den freiheitlichen Unterstr\u00f6mungen der Geschichte interessiert, kost\u00fcmieren uns aber nicht mit den Kleidern der alten &#8211; und sei es auch libert\u00e4ren &#8211; Arbeiterbewegung.<\/p>\n<p><b>GWR: Wie verlief eure eigene &#8222;politische Sozialisation&#8220;? Gab es pr\u00e4gende Erfahrungen?<\/b><\/p>\n<p><i>Theo Bruns:<\/i> Ich bin noch stark vom Impuls der 68er-Revolte gepr\u00e4gt, die ich in meiner Schulzeit miterlebt habe. Ich war damals Schulsprecher an einem sauerl\u00e4ndischen Provinzgymnasium. Unter der Parole &#8222;Anarchie statt SMV&#8220; (Sch\u00fclermitverwaltung, von uns gerne als Sch\u00fclermilchverwaltung verspottet) haben wir damals versucht, den Samen der Revolte auch in einer superspie\u00dfigen und klerikalen Kleinstadt fruchtbar werden zu lassen. Den Hass, der uns als den ersten langhaarigen &#8222;Gammlern&#8220;, Hippies und &#8222;Dutschke-Freunden&#8220; entgegenschlug, habe ich bis heute nicht vergessen. Die latente Gewaltt\u00e4tigkeit der postfaschistischen Gesellschaft war beeindruckend. Mit diesen Zust\u00e4nden konnte es keinen Kompromiss geben. Sp\u00e4ter habe ich in Marburg studiert, mit den fr\u00fchen Spontis sympathisiert, im Buchladenkollektiv Roter Stern gearbeitet, im Rahmen der Schwarzen Hilfe politische und soziale Gefangene besucht und unterst\u00fctzt und Anfang der 1980er Jahre das Autonomen-Plenum mitgegr\u00fcndet. Kurz danach bin ich nach Hamburg gezogen, wo ich anfangs in der antimilitaristischen Bewegung, sp\u00e4ter in der BUKO aktiv war. Heute versuche ich, soweit es die knapp bemessene Zeit erlaubt, mich im Rahmen der Recht-auf-Stadt-Bewegung &#8211; zum Beispiel im Hamburger G\u00e4ngeviertel &#8211; einzubringen.<\/p>\n<p><i>Rainer Wendling:<\/i> Der Aufbruch durch die 68er-Revolte hat auch in der badischen Provinz, wo ich herkomme, hohe Wellen geschlagen und gab uns entscheidende Impulse. Viel lief auch \u00fcber die wilde Musik von Gruppen wie Led Zeppelin, Deep Purple, Ten Years After und Jimi Hendrix, die in diesem Bereich alle Konventionen brachen. Es war ja auch eine Kulturrevolution, Br\u00fcche in fast allen Lebensbereichen. Wir &#8222;st\u00fcrmten&#8220; die Konzerte, wenn wir &#8211; wie meist &#8211; nicht genug Geld hatten, den Eintritt zu bezahlen, und nat\u00fcrlich, weil das einfach klasse war, ein kleiner Akt des Aufbegehrens. Mit &#8222;Jesusb\u00e4rten&#8220; und langen Haaren, kiffend, Schule schw\u00e4nzend und den Milit\u00e4rdienst verweigernd, waren wir f\u00fcr die Spie\u00dfigkeit in den Kleinst\u00e4dten eine einzige Provokation. Es war klar: Wir mussten uns abgrenzen von unseren V\u00e4tern und M\u00fcttern, der Nazigeneration, die das ganze Unheil zugelassen und mitgetragen hatte. Dann kamen militante Gruppen und die RAF, die K\u00e4mpfe der Anti-AKW-Bewegung an den Bauz\u00e4unen, die H\u00e4userbewegung und die Demos gegen die frecher werdenden Neonazis. Anfang der 1990er w\u00fcrde ich den medial und staatlich gesch\u00fcrten Rassismus und die Hetzjagd auf MigrantInnen mit der faktischen Abschaffung des Rechts auf Asyl als pr\u00e4gend f\u00fcr die Entwicklung im &#8222;neuen Deutschland&#8220; sehen.<\/p>\n<p><b>GWR: Ihr publiziert nicht nur B\u00fccher, die es manchmal auf die Sachbuchbestenliste schaffen, sondern organisiert auch Lesungen und Veranstaltungen wie die Linken Buchtage Berlin? Die n\u00e4chsten Linken Buchtage finden vom 5. bis zum 7. Juni 2015 im Mehringhof statt. Was ist da geplant? <\/b><\/p>\n<p><i>Rainer Wendling:<\/i> Die Linken Buchtage haben wir zwar mit ins Leben gerufen und in den ersten drei Jahren mitorganisiert, uns dann aber vor allem aus Kapazit\u00e4tsgr\u00fcnden wieder rausgezogen. Lesungen und Veranstaltungen organisieren wir weiterhin. Oft auch mit AutorInnen aus dem Ausland, wie jetzt im Mai mit unserer brasilianischen Autorin Beatriz Bracher zu ihrem Roman &#8222;Die Verd\u00e4chtigung&#8220;, der die Zeit der brasilianischen Milit\u00e4rdiktatur zum Hintergrund hat, oder mit Sachbuchautoren wie Marcus Rediker aus den USA und Asef Bayat, der urspr\u00fcnglich aus dem Iran kommt. Ihre B\u00fccher &#8222;Die vielk\u00f6pfige Hydra&#8220; und &#8222;Leben als Politik&#8220; sind f\u00fcr mich wesentliche Bausteine zum Verst\u00e4ndnis historischer Prozesse (Rediker) und gegenw\u00e4rtig der sozialen Revolte des sog. arabischen Fr\u00fchlings (Bayat). Deshalb haben wir auch keine finanziellen Verluste gescheut, sie zu verlegen und die Autoren hierher einzuladen.<\/p>\n<p><i>Theo Bruns:<\/i> In Hamburg gibt es seit ein paar Jahren die HEW-Lesetage, die gegen das &#8222;Artwashing&#8220; des Energiegro\u00dfkonzerns Vattenfall ein Gegenprogramm auf die Beine stellen. Und im letzten Jahr fand erstmals eine Radical Bookfair in der Roten Flora statt. Beides sind ermutigende Beispiele alternativer, widerst\u00e4ndiger Kultur, an denen wir uns gerne beteiligen.<\/p>\n<p><b>GWR: International Aufsehen habt ihr erregt, als es 2007 im Vorfeld des G8-Gipfeltreffens in Heiligendamm bundesweit Razzien wegen des von Assoziation A verlegten Buches &#8222;Autonome in Bewegung&#8220; gab [vgl. GWR 282]. Im Nachhinein wurden die Durchsuchungen durch den Bundesgerichtshof f\u00fcr rechtswidrig erkl\u00e4rt, die Betroffenen wurden entsch\u00e4digt. Wie habt ihr die damalige Repression erlebt? <\/b><\/p>\n<p><i>Rainer Wendling:<\/i> Durchsucht wurden wir im Laufe der Jahre ja des \u00d6fteren mal. Diese Durchsuchung war f\u00fcr uns allerdings eine besonders erfolgreiche. Das Interesse am Buch bl\u00fchte erneut auf und so konnten wir es noch zwei Mal nachdrucken.<\/p>\n<p><i>Theo Bruns:<\/i> Wir haben damals eine sehr breite Solidarit\u00e4t erfahren, die uns in positiver Erinnerung ist. Die damalige Familienministerin von der Leyen hat sp\u00e4ter noch einmal versucht, das Autonomen-Buch auf die Liste des jugendgef\u00e4hrdenden Schrifttums setzen zu lassen, ist damit jedoch gescheitert.<\/p>\n<p>Ma\u00dfstab unserer Publikationen ist nicht das b\u00fcrgerliche Recht, sondern das emanzipatorische Interesse.<\/p>\n<p><b>GWR: K\u00f6nnt ihr von der Verlagsarbeit leben?<\/b><\/p>\n<p><i>Theo Bruns:<\/i> Wir haben beide den Verlag jahrelang ehrenamtlich betrieben. In den letzten Jahren lebe ich zum Teil vom Verlag, arbeite aber immer noch parallel als freier Lektor, Redakteur und \u00dcbersetzer, um meinen Lebensunterhalt bestreiten zu k\u00f6nnen. Den Verlag betreiben wir also nicht aus \u00f6konomischem Interesse &#8211; in jedem anderen Job w\u00fcrden wir mehr Geld verdienen -, sondern aus politischer \u00dcberzeugung und Leidenschaft. Und selbstverst\u00e4ndlich, weil es eine wundervolle, abwechslungsreiche und pers\u00f6nlich befriedigende T\u00e4tigkeit ist, gute und sch\u00f6ne B\u00fccher herauszubringen und mit ihnen in die politische Debatte einzugreifen.<\/p>\n<p><i>Rainer Wendling:<\/i> Definitiv: Nein. Ich habe noch einen anderen Job im Bereich erneuerbarer Energien, bei dem ich mich gl\u00fccklicherweise so flexibel bewegen kann, dass die Verlagsarbeit weiterhin m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p><b>GWR: Welche B\u00fccher gefallen euch aus dem Assoziation-A-Programm besonders gut?<\/b><\/p>\n<p><i>Theo Bruns:<\/i> Ein absolutes Highlight der Verlagsgeschichte war zuletzt sicherlich die Ver\u00f6ffentlichung der B\u00fccher von Luiz Ruffato, der mit seiner kritischen Er\u00f6ffnungsrede zur Buchmesse 2013 mit dem Ehrengastland Brasilien Furore gemacht hat. Sein Buch &#8222;Es waren viele Pferde&#8220;, das die Romanform buchst\u00e4blich zertr\u00fcmmert und die Gro\u00dfstadtliteratur auf h\u00f6chstem Niveau neu erfindet, ist ein Geniestreich, ein Jahrhundertwerk. Sein Versuch, mit literarisch avantgardistischen Mitteln die Welt der kleinen Leute, der Armen, der Migranten, der Arbeiter zum literarischen Sujet zu erheben, hat uns begeistert. Das ist das gerade Gegenteil von Sozialistischem Realismus und Werkkreis Literatur der Arbeitswelt. In der Vereinigung von politischem Inhalt und experimentellem Ausdruck \u00e4hnelt er einem anderen Lieblingsautor des Verlages, Nanni Balestrini, der mit seinem Romanzyklus &#8222;Die gro\u00dfe Revolte&#8220; der italienischen Autonomia der 60er und 70er Jahre ein literarisches Denkmal gesetzt hat.<\/p>\n<p>Und nat\u00fcrlich lieben wir &#8222;Vier H\u00e4nde&#8220; von Paco Ignacio Taibo II. Der Mann ist als Historiker, Che-Guevara-Biograf, Begr\u00fcnder des neuen lateinamerikanischen Kriminalromans und Organisator der Krimi-Messe von Gij\u00f3n sowieso ein Ph\u00e4nomen und lebendes Gesamtkunstwerk &#8211; und \u00fcber die Jahre auch ein pers\u00f6nlicher Freund. Und schlie\u00dflich wollen wir auch Dominique Manotti, die Grande Dame des franz\u00f6sischen Roman noir, nicht unerw\u00e4hnt lassen.<\/p>\n<p>Auf Sachbuchebene haben wir u.a., was die Geschichte der Linken, Stadtsoziologie und urbane Bewegungen, Studien zu Migration und Rassismus, kritische Untersuchungen zum Nationalsozialismus angeht, klare Akzente gesetzt. Man denke nur an die B\u00fccher von Mike Davis. F\u00fcr mich pers\u00f6nlich war zuletzt u.a. die Herausgabe des G\u00e4ngeviertelbuches \u00fcber die kulturelle und politische Inbesitznahme von zw\u00f6lf leerstehenden H\u00e4usern in der Hamburger Innenstadt durch 200 K\u00fcnstlerInnen und AktivistInnen eine bereichernde und begl\u00fcckende Erfahrung. Wir haben das Buch &#8211; getragen von der Euphorie des Aufbruchs &#8211; mit vier Herausgeberinnen, sechs Grafikern und ca. 20 AutorInnen gemeinsam gestaltet. Eine tolle Erfahrung, die in sch\u00f6nster Weise f\u00fcr einen selbst erneut transparent macht, warum man ein so anstrengendes Ding wie einen Verlag immer noch macht.<\/p>\n<p><b>GWR: Aus eurem aktuellen Programm gef\u00e4llt mir das neue &#8222;Kommunebuch&#8220; besonders gut. Das haben wir durch einen Vorabdruck in <i>Graswurzelrevolution<\/i> Nr. 391 und ein Interview mit der Kommunardin Bettina Kruse in der GWR 393 sozusagen &#8222;abgefeiert&#8220;. Ein bisschen irritierend ist, dass es, wie schon der im Werkstattverlag erschienene Vorg\u00e4ngerband, einfach nur &#8222;Kommunebuch&#8220; hei\u00dft? F\u00fchrt das nicht zu Verwechslungen?<\/b><\/p>\n<p><i>Theo Bruns:<\/i> Das Kommunebuch ist die Fortsetzung des ersten Kommunebuchs aus dem Werkstattverlag und kn\u00fcpft an es an. Ein gro\u00dfer Teil der damaligen Projekte ist noch dabei und auch einige Autorinnen und Autoren waren an beiden B\u00fcchern beteiligt. Die Beibehaltung des Namens ist also Ausdruck einer realen Kontinuit\u00e4t innerhalb des Netzwerks politischer Kommunen und nicht der Versuch, einen erfolgstr\u00e4chtigen Buchtitel abzukupfern.<\/p>\n<p><b>GWR: Was sind allgemein eure pers\u00f6nlichen Lieblingsb\u00fccher?<\/b><\/p>\n<p><i>Theo Bruns: <\/i>Au\u00dfer unseren eigenen B\u00fcchern immer noch &#8222;Hundert Jahre Einsamkeit&#8220; von Garc\u00eda M\u00e1rquez. &#8222;Unter dem Vulkan&#8220; von Malcolm Lowry. &#8222;weiter leben&#8220; von Ruth Kl\u00fcger und die Autobiografie von Marcel Reich-Ranicki. Shakespeares Sonette und ein paar Gedichte Goethes.<\/p>\n<p><i>Rainer Wendling:<\/i> Oje, das sind so viele. Das h\u00e4ngt auch von der jeweiligen Lebensphase ab. Als Jugendlicher die B\u00fccher von James Baldwin: &#8222;Sonnys Blues&#8220;, &#8222;Eine andere Welt&#8220;, aus denen ich viel \u00fcber den Rassismus und das Leben der Schwarzen in den USA gelernt habe, und durch &#8222;Giovannis Zimmer&#8220; zum ersten Mal etwas \u00fcber das Schwulsein. Und nicht zu vergessen Dostojewskis &#8222;Schuld und S\u00fchne&#8220;, &#8222;Die Br\u00fcder Karamasow&#8220;.<\/p>\n<p>Unter den deutschsprachigen Autoren Oskar Maria Grafs &#8222;Gel\u00e4chter von au\u00dfen&#8220;, auch Jurek Beckers &#8222;Jakob der L\u00fcgner&#8220;. Zur literarischen Auseinandersetzung mit dem Holocaust &#8222;Die Atempause&#8220; von Primo Levi; Italo Svevos wunderbar selbstironisches Buch zur damals aufkommenden Psychoanalyse &#8222;Zenos Cosini&#8220;; George Orwells &#8222;Erledigt in Paris und London&#8220; und jede Menge andere.<\/p>\n<p><b>GWR: Viele linke Buchl\u00e4den sind mittlerweile verschwunden, viele Verlage stecken in der Krise. Wo seht ihr Gr\u00fcnde daf\u00fcr? Wie sch\u00e4tzt ihr die aktuelle Situation und die Perspektiven von Assoziation A und anderen linken Verlagen ein? <\/b><\/p>\n<p><i>Theo Bruns:<\/i> Das sollte man auf zwei unterschiedlichen Ebenen diskutieren. Zum einen spiegelt sich darin die Krise der Linken, die zurzeit kein schl\u00fcssiges Konzept einer gesamtgesellschaftlichen Umw\u00e4lzung aufzuweisen hat. Fr\u00fcher lebten wir mit dem Gef\u00fchl: Die Revolution steht vor der T\u00fcr. Heute f\u00fchren wir eher Abwehrk\u00e4mpfe gegen eine weitere Zunahme der Barbarei.<\/p>\n<p>Zum anderen haben wir es mit einer Krise des Produktes Buch zu tun. Gutenbergs Welt ist zwar nicht untergegangen, hat aber einen erheblichen Bedeutungsverlust erlitten.<\/p>\n<p>Aufgrund des Internets und der fortschreitenden Digitalisierung ist das gedruckte Buch heute nicht mehr der privilegierte Informationstr\u00e4ger von einst und die Welt des Wissens nicht mehr eine gro\u00dfe Bibliothek.<\/p>\n<p>Die Bachelorstudieng\u00e4nge mit ihrem permanenten Pr\u00fcfungsdruck haben dazu gef\u00fchrt, dass der heutigen Generation der Studierenden wesentlich weniger freie Zeit zur politischen Bet\u00e4tigung und Debatte zur Verf\u00fcgung steht. Um die kurzfristigen Leistungsnachweise zu erbringen, ist die Lekt\u00fcre von B\u00fcchern immer weniger das probate Mittel.<\/p>\n<p>Das stellt linke Verlage vor riesige Herausforderungen f\u00fcr die Zukunft. Um die gleiche Leserschaft wir fr\u00fcher erreichen und zumindest gleichbleibende Ums\u00e4tze realisieren zu k\u00f6nnen, werden sie B\u00fccher publizieren m\u00fcssen, die deutlich aus dem Durchschnitt herausragen.<\/p>\n<p>Wir werden den Bereich Print mit dem digitalen Publizieren verbinden m\u00fcssen und denken dar\u00fcber nach, auch Freebooks zum kostenlosen Download als Teil einer allen zur Verf\u00fcgung stehenden Wissensallmende anzubieten.<\/p>\n<p>Gute B\u00fccher und moderiertes Wissen, das der Informations\u00fcberflutung etwas qualitativ \u00dcberzeugendes entgegensetzt, werden weiter ihren Platz haben.<\/p>\n<p>Das Redigieren, Lektorieren, Ausw\u00e4hlen, Programmgestalten, Wissenbest\u00e4nde-in-Beziehung-Setzen und die Organisation von Diskussion werden weiter unverzichtbar bleiben.<\/p>\n<p>Dies alles ein Teil einer linken Debatte, die dazu beitragen soll, die Welt ein St\u00fcck freier und gerechter zu machen. Verleger zu sein ist ein echtes Abenteuer. Wie ein Buchverlag in zehn, f\u00fcnfzehn Jahren aussehen wird, wei\u00df niemand.<\/p>\n<p><b>GWR: Assoziation A ist sozusagen ein Verlag &#8222;von der Bewegung, f\u00fcr die Bewegung&#8220;.<\/b><\/p>\n<p><b>Wie sch\u00e4tzt ihr die aktuelle Situation anarchistischer und anderer undogmatisch linksradikaler Bewegungen ein?<\/b><\/p>\n<p><i>Theo Bruns: <\/i>Seit dem Epochenbruch 1989 haben weltweit ethnonationalistische, rassistische und religi\u00f6s fundamentalistische Bewegungen, die eine reaktion\u00e4re Antwort auf die soziale Frage artikulieren, in Besorgnis erregender Weise Zulauf erfahren. Das hat auch mit der Leerstelle zu tun, die die Krise der Linken hinterlassen hat. Antworten der undogmatischen Linken, die sich auf der H\u00f6he der Zeit bewegen, sind notwendiger denn je. Die Debatte um die Commons, die Recht-auf-Stadt-Bewegung, die Solidarit\u00e4t mit den Fl\u00fcchtlingen oder die breiten Proteste gegen die Austerit\u00e4tspolitik in S\u00fcdeuropa sind ermutigende Beispiele. Kennzeichen vieler dieser Bewegungen ist ihre Distanz zum Staat und die Ablehnung traditioneller Formen der politischen Repr\u00e4sentanz.<\/p>\n<p>Hier gibt es Ankn\u00fcpfungspunkte an das Ideengut der anarchistischen Bewegung, die sich aber gleichfalls neu erfinden muss, wenn sie nicht museal erstarren und in Bedeutungslosigkeit versinken will.<\/p>\n<p><i>Rainer Wendling: <\/i>Zwar f\u00fchle ich mich nach wie vor als Teil dieser Bewegungen, aber ich empfinde es als gro\u00dfes Manko, dass sie oft zu selbstbezogen denken und agieren und einen entsprechenden Habitus an den Tag legen. Das erschwert den Zugang zu und das Verst\u00e4ndnis von weltweiten sozialen K\u00e4mpfen, die ja gerade seit Beginn der 2010er Jahre immens zugenommen haben. Linksradikale Bewegungen m\u00fcssen, wollen sie nicht in Bedeutungslosigkeit versinken, Bez\u00fcge zu den weltweiten Sozialprozessen suchen, finden und herstellen. Das ist einer der Gr\u00fcnde, warum mir unsere sozialhistorischen B\u00fccher besonders am Herzen liegen.<\/p>\n<p><b>GWR: Welche Pl\u00e4ne, Visionen und Projekte habt ihr f\u00fcr die kommenden Jahre?<\/b><\/p>\n<p><i>Theo Bruns:<\/i> Mit unseren politischen Titeln wollen wir nach wie vor die aktuellen linken Protest-, Widerstands- und Aneignungsbewegungen begleiten und in produktiver Weise zu ihren politischen Debatten beitragen. Was das literarische Programm angeht, haben wir k\u00fcrzlich die deutschen Buchrechte von drei Romanen des italienischen Autorenkollektivs Wu Ming erworben.<\/p>\n<p>Wir setzen in dieses Editionsprojekt gro\u00dfe Hoffnungen und investieren unseren Elan darein. Au\u00dferdem werden wir unseren Autoren treu bleiben und z.B. den f\u00fcnfb\u00e4ndigen Romanzyklus &#8222;Vorl\u00e4ufige H\u00f6lle&#8220; von Luiz Ruffato vollst\u00e4ndig ver\u00f6ffentlichen.<\/p>\n<p><b>GWR: Gibt es etwas, das ihr noch loswerden wollt? Ein Schlusswort?<\/b><\/p>\n<p><i>Theo Bruns:<\/i> Rebellischsein h\u00e4lt jung, gerade in unserem Alter eine tr\u00f6stliche Nachricht. Und um es mit den Worten unseres s\u00fcdafrikanischen Autors Denis Goldberg zu sagen: &#8222;Es gilt, leidenschaftlich an den Ereignissen seiner Zeit teilzunehmen.&#8220; Ein linker Verlag ist daf\u00fcr ein wunderbares Instrument.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Graswurzelrevolution (GWR): Euer Verlag sieht sich in der Tradition der antiautorit\u00e4ren und undogmatischen Protestbewegungen und wurzelt sozusagen in der 68er-Bewegung. Wie fing alles an? Theo Bruns: Der Verlag Assoziation A entstand im Jahr 2001 aus dem Zusammenschluss der Verlage Libert\u00e4re Assoziation A, Hamburg, und dem Verlag Schwarze Risse, Berlin. 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