{"id":14168,"date":"2015-03-01T00:00:00","date_gmt":"2015-02-28T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2015\/03\/feminismen-heute\/"},"modified":"2022-07-26T12:58:53","modified_gmt":"2022-07-26T10:58:53","slug":"feminismen-heute","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2015\/03\/feminismen-heute\/","title":{"rendered":"Feminismen heute"},"content":{"rendered":"<p>Auf das Buch &#8222;Feminismen heute&#8220; bin ich \u00fcber das Internet aufmerksam geworden, einer meiner liebsten Blogs fuckermothers ((1)) wies darauf hin, denn die Macherin des Blogs ist auch mit dem Beitrag &#8222;Verunsicherungsmaschinen &#8211; Anmerkungen zu feministischer Mutterschaft&#8220; vertreten. Als ich das Buch in den H\u00e4nden hielt, dachte ich mir mit dem Versprechen es zu rezensieren doch zu viel vorgenommen zu haben: 408 Seiten wollen auch erst mal gelesen sein.<\/p>\n<p>Also habe ich mit dem begonnen, was mich am meisten interessiert. In dem oben genannten Beitrag analysiert Lisa Malich das Verh\u00e4ltnis von Mutterschaft und Feminismus: beginnend mit einem kurzen historischen Abriss \u00fcber Mutterideale kommt sie zu dem Schluss, dass Mutterschaft zumal in &#8222;linken&#8220; Kreisen oft per se ein &#8222;reaktion\u00e4rer Charakter&#8220; zugeschrieben werde, einhergehend mit der prinzipiellen Ablehnung von Haus- und Sorgearbeit. Infolgedessen kann es durchaus passieren, dass aus Mutterschaft resultierende Diskriminierungen nicht mehr als Folge (neoliberaler) Machtverh\u00e4ltnisse wahrgenommen werden, sondern als private pers\u00f6nliche Probleme, mit denen man sich nicht auseinandersetzen muss. Warum waren eigentlich so wenige Menschen mit Kindern beim letzten Graswurzelfest, bei der letzten Veranstaltung? &#8222;Bei M\u00fcttern scheint das Bewusstsein f\u00fcr die Komplexit\u00e4t gesellschaftlicher Strukturen und \u00f6konomischer Verh\u00e4ltnisse vergessen.&#8220;<\/p>\n<p>Bei der Vielfalt der Themen und Ans\u00e4tze des 2014 bei [transkript] erschienenen Sammelbandes wird einmal mehr deutlich, dass Feminismus selbst kein Thema ist, sondern ein, wie ich meine, sehr hilfreiches Werkzeug, gesellschaftliche Strukturen zu analysieren, Handlungsans\u00e4tze aufzuzeigen und dazu zu ermutigen im Kleinen, vermeintlich Privaten schon mal mit der Revolution(TM) anzufangen. Feminismen heute entstand aus einer Tagung im Rahmen der Wissenschaftlerinnenwerkstatt der Hans-B\u00f6ckler-Stiftung, entsprechend sind die Beitr\u00e4ge haupts\u00e4chlich von Wissenschaftlerinnen verfasst, andere feministische Denkerinnen wie z.B. Antje Schrupp, die nicht diesem Kreis angeh\u00f6ren, tauchen nicht auf. Dennoch ist dieser &#8222;kaleidoskopische Blick&#8220; auf aktuelle und feministische Kritik sehr empfehlenswert, denn er ist gut lesbar und berichtet auch von au\u00dferuniversit\u00e4ren feministischen Praxen und Erfahrungen.<\/p>\n<p>Der Titel Feminismen heute &#8211; welcome to plurality ist Programm, unterteilt in 3 Hauptkapitel werden von unterschiedlichsten Autorinnen* und Aktivistinnen* feministische Positionen, Denkans\u00e4tze und Fragen vorgestellt. Nat\u00fcrlich sind nicht alle feministischen Str\u00f6mungen vertreten, aber was die dargestellten vereint, ist ihr Wille zum Kampf um Freir\u00e4ume und gegen (zu viel) Regulation und Regierung ((2)).<\/p>\n<p>Wer also wissen will, was grad so diskutiert und gemacht wird, bekommt in dem Buch viele spannende Einblicke. In &#8222;Ans\u00e4tze und Perspektiven&#8220; werden u.a. Schwarzer Feminismus in Deutschland, muslimische Positionen zu Feminismus, Erkenntnisse aus der Perspektive von Dis\/Ability, sowie poskolonialer feministischer Theorie dargestellt und \u00fcber die Spannung von Feminismus-Marxismus gesprochen. Obwohl der erste Teil recht theorielastig daherkommt, sind die einzelnen Texte, die vermutlich aus den Vortr\u00e4gen der Tagung entstanden sind, nicht zu lang und f\u00fcr Menschen, die nicht so im Thema drin sind, gut verst\u00e4ndlich. Weiter werden im Abschnitt &#8222;Themen und Felder&#8220; feministische Diskurse zu (Care-) \u00d6konomie, K\u00f6rper, Mutterschaft, Medizin und Netzfeminismus und mehr angerissen. Besonders spannend an diesem Teil des Buches finde ich, dass es auch f\u00fcr alte H\u00e4sinnen Neues zu entdecken gibt. Z.B. war mir die lange und erfolgreiche Geschichte der feministischen Rechtswissenschaft nicht bewusst.<\/p>\n<p>Der dritte Teil beinhaltet mit &#8222;Ausdruck und Formen&#8220; Berichte aus der Praxis von &#8222;Klassikerinnen&#8220; wie Frauenh\u00e4usern, wendo oder Frauengesundheitszentrum, die teilweise schon auf eine 40j\u00e4hrige Geschichte zur\u00fcckblicken k\u00f6nnen, bis zu Beispielen aus dem Bereich des Pop mit Texten von K\u00fcnstlerinnen wie Bernadette LaHengst oder dem Label &#8222;Springstoff&#8220;, welches sich zur Aufgabe gemacht ha,t die Welt mit feministischem HipHop zu retten und vor allem auch j\u00fcngere Frauen*\/M\u00e4dchen darin unterst\u00fctzen will, in der sehr mackerhaften Szene einen eigenen Raum zu bekommen. Es lohnt sich, einen Blick auf die Homepage ((3)) zu werfen und dort neuen Stoff f\u00fcr die eigene Musiksammlung zu besorgen.<\/p>\n<p>Auch eine Klassikerin, wenngleich von vielen wei\u00dfen Feministinnen lange ignoriert, ist die Schwarze Frauenbewegung in Deutschland, welche bereits seit den 1980ern aktiv ist. Natascha Salehi-Shahnian berichtet \u00fcber die Geschichte dieser Frauenbewegung und von aktuellen Debatten, die u.a. auf der &#8222;gemeinsamen Konferenz zu Feminismen of Color in Deutschland&#8220;, die 2013 stattfand, gef\u00fchrt wurden. Hier konnte sich ohne wei\u00dfes Publikum u.a. \u00fcber eigene Selbstverst\u00e4ndnisse, die Erfahrungen von Mehrfachdiskriminierungen und Empowerment-Strategien ausgetauscht werden.<\/p>\n<p>Ein sehr volles Buch, das \u00fcberaus vielf\u00e4ltig zum Nachdenken \u00fcber Machtverh\u00e4ltnisse, Diskriminierung und gelungene Auseinandersetzung mit Differenzen anregt.<\/p>\n<p>Gisela Notz denkt in ihrem einleitenden Beitrag \u00fcber Solidarit\u00e4t nach und kommt u.a. zu dem Ergebnis, dass diese &#8222;nur erreicht werden kann, wenn Privilegien reflektiert werden, gegenseitiger Respekt deutlich wird und die Erfahrungen aller beteiligten Gruppen geb\u00fcndelt und fruchtbar eingesetzt werden.&#8220; Und das gilt nicht nur f\u00fcr die explizit feministische Szene.<\/p>\n<p>Ich finde dieses Buch auch f\u00fcr anarchistische Reflexion sehr erhellend, denn welche Hierarchiefreiheit anstrebt und Machtverh\u00e4ltnisse schei\u00dfe findet, kann viel aus den Auseinandersetzungen der Frauen* mit Differenzen, Solidarit\u00e4t und B\u00fcndnisbildung lernen. Eines wird durch dieses Buch nochmals deutlich: es geht den hier vertretenen unterschiedlichen feministischen Str\u00f6mungen und Praxen nicht um Gleichstellung, sondern darum, dass sich in unserer Gesellschaft grunds\u00e4tzlich etwas \u00e4ndert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf das Buch &#8222;Feminismen heute&#8220; bin ich \u00fcber das Internet aufmerksam geworden, einer meiner liebsten Blogs fuckermothers ((1)) wies darauf hin, denn die Macherin des Blogs ist auch mit dem Beitrag &#8222;Verunsicherungsmaschinen &#8211; Anmerkungen zu feministischer Mutterschaft&#8220; vertreten. 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