{"id":14171,"date":"2015-03-01T00:00:00","date_gmt":"2015-02-28T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2015\/03\/guerra-spaniens-heimliches-trauma\/"},"modified":"2022-07-26T14:12:03","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:03","slug":"guerra-spaniens-heimliches-trauma","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2015\/03\/guerra-spaniens-heimliches-trauma\/","title":{"rendered":"\u00a1Guerra! Spaniens heimliches Trauma"},"content":{"rendered":"<p>Un\u00fcberh\u00f6rbar kreischen die Krallen der Bestie des Krieges am eisernen Tor ihres Verlie\u00dfes. Entfesselt ist sie erneut im tumben Wahn der Grenzen und des Nationalismus an einem entgrenzten Europa. Schon greift die Angst um sich. Die Angst als schlechter Ratgeber zu mehr R\u00fcstung, mehr Soldaten und mehr &#8222;Abschreckung&#8220;. Ein h\u00f6llischer Schlund tut sich vor der vermeintlichen &#8222;Festung Europa&#8220; auf, an deren Rand blinde Politiker und Gener\u00e4le taub umhertaumeln, dumpfe Drohungen aussto\u00dfend.<\/p>\n<p>Erstmals seit Goebbels hat im alten Europa wieder ein Politiker, Poroschenko, das Wort vom &#8222;totalen Krieg&#8220; in den Mund genommen und die Journaille scheut sich nicht es unkommentiert tausendfach nachzudrucken. Vielleicht sollte Petro Poroschoko sich lieber darauf beschr\u00e4nken Schoko-Weihnachtsm\u00e4nner zu gie\u00dfen, statt Zinnsoldaten. Wird die Ukraine zum neuen Sarajevo? Selbst Militaristen wie der Altbundeskanzler Schmidt warnen davor.<\/p>\n<h3>Der Spanische B\u00fcrgerkrieg<\/h3>\n<p>Vor 76 Jahren wurde durch politisches Kalk\u00fcl und demokratische Ignoranz die Spanische Republik von den vereinigten Faschisten in einem bis dahin, auch weit nach der Niederlage, beispiellosen Blutbad ers\u00e4uft.<\/p>\n<p>L\u00e4ngst liefen die R\u00fcstungsmaschinerien in Deutschland und Italien auf Hochtouren und produzierten f\u00fcr den Gro\u00dfen Krieg, f\u00fcr den Spanien nur Testfeld und Startbahn war. Als im September 1939 von der Hitler-&#8222;Wehr&#8220;macht Polen \u00fcberfallen wurde und Stalin sich zusammen mit seinem Spanien-Gegner die Beute teilte, hatte sich der Lindwurm des Krieges l\u00e4ngst in die L\u00fcfte erhoben. In die L\u00fcfte, die diesen neuen Krieg bestimmen w\u00fcrden &#8211; von Guernica bis Hiroshima und Nagasaki.<\/p>\n<p>Mit \u00a1Guerra! hat Jason Webster, ein bis zur Buchver\u00f6ffentlichung zw\u00f6lf Jahre in Spanien ans\u00e4ssiger und mit einer spanischen T\u00e4nzerin verheirateter Reiseschriftsteller aus San Francisco, einen internationalen Bestseller geliefert (2006 in Englisch), der f\u00fcr breite Leser*innenkreise erstmals ein grelles Licht auf die Gr\u00e4uel des Spanischen B\u00fcrgerkrieges von 1936-39 und die Zeit danach wirft. Als eine alte Nachbarin ihm von einem republikanischen Massengrab auf seinem Grundst\u00fcck erz\u00e4hlt, das in Sichtweite zu seinem romantischen Haus in den Bergen n\u00f6rdlich Valencias liegt, kriegt Webster die Geschichte nicht mehr aus dem Kopf. Sein mythisches spanisches Reiseprospekt-Idyll bekommt Risse, durch die er eine schreckliche Vergangenheit erahnt.<\/p>\n<p>Bem\u00fcht, sich erst mal auf keine Seite zu schlagen, f\u00e4ngt er an, die j\u00fcngere Geschichte zu recherchieren und sich mit dem Spanischen B\u00fcrgerkrieg auseinanderzusetzen. Hierzu startet er w\u00e4hrend einer Tournee seiner Frau zu einer Odyssee durch ganz Spanien mit Stationen in Valencia, Madrid, der spanischen Exklave Ceuta \/ Spanisch-Marokko (Franco-HQ), Granada &#8211; V\u00ecznar (Ermordungsort Garc\u00eda Lorcas), Castuera (KZ), Toledo (Alc\u00e1zar), Burgos, Zaragoza Das Tal der Gefallenen (Valle de los Ca\u00eddos), Baajoz, Perpignan (Lager der Spanienfl\u00fcchtlinge), die ihn buchst\u00e4blich in Abgr\u00fcnde blicken l\u00e4sst und ihm die Bekanntschaft immer neuer Menschen mit ihren individuellen Geschichten vermittelt.<\/p>\n<p>Die Episoden seiner Reise werden unterbrochen von lebendig erz\u00e4hlten Kapiteln \u00fcber die geschichtlichen Hintergr\u00fcnde, Personen wie Orwell und Orte wie Guernica. Dabei zeigen sich Schw\u00e4chen des Buches.<\/p>\n<p>Geschichtliche Fakten sind offenbar nicht in der notwendigen Tiefe recherchiert worden und so in Teilen fehlerhaft. So werden der anarchosyndikalistischen CNT 1936 eine Million Mitglieder zugeordnet, w\u00e4hrend es in Wirklichkeit zwei waren, mindestens jedoch eineinhalb &#8211; gegen Kriegsende sollen es nach manchen Quellen sogar drei Millionen gewesen sein. W\u00e4hrend von anarchistischen Exzessen gegen Priester und Kirchen die Rede ist, die es zweifelsohne gegeben hat, ist wenig bis gar nicht von den kirchlichen Exzessen gegen das einfache Volk die Rede, bis hin zu den bewaffneten Geistlichen, die in vollem Ornat in K\u00e4mpfe eingriffen. Auch ist an keiner Stelle \u00fcber von Anarchisten gerettete Geistliche und Kirchen zu lesen.<\/p>\n<p>Die anarchistische Seite kommt fast ausschlie\u00dflich in Form von (dickb\u00e4uchigem) Durruti, (undisziplinierten) Milizen und Gewaltakten zur Sprache und kaum als soziale Revolution\u00e4r*innen mit ihrem bemerkenswerten und anfangs vielfach erfolgreichen Versuch, einen freien Sozialismus aufzubauen. Die ebenso starke Gewerkschaft der Sozialisten UGT, an der Basis verb\u00fcndet mit den Anarchist*innen, wird gar noch weniger erw\u00e4hnt, ebenso wenig wie das gemeinsame Motto UHP (Unidad Hermanos Proletarios: Einigkeit Proletarische Br\u00fcder!).<\/p>\n<p>Wenigstens bleibt die fatale Rolle der Abgesandten Stalins und der GPU nicht unerw\u00e4hnt, die ihre eigenen Folterkeller und Erschie\u00dfungskommandos hatten und die f\u00fcr die SU-Waffenlieferungen den Spanischen Goldschatz kassierten (vgl. El Campesino, &#8222;Morgen werde ich frei sein&#8220;).<\/p>\n<p>Ein Exkurs \u00fcber den \u00fcber Radio Sevilla eineinhalb Jahre allabendlich um Schlag zehn geifernden und mordkeifenden General Queipo de Llano, ist einer der H\u00f6hepunkte des Buches und l\u00e4sst unwillk\u00fcrlich an die Massaker der &#8222;Hutu&#8220; an den &#8222;Tutsi&#8220; denken, die ebenfalls radiogesteuert waren. Auch die Geschichte des Mordes an Federico Garc\u00eca Lorca und die Schilderung seiner trostlosen Gedenkst\u00e4tte sticht heraus.<\/p>\n<h3>Fettn\u00e4pfchen<\/h3>\n<p>Bei der Lekt\u00fcre des Buches kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass ein etwas trotteliger Ami auf seinem Trampeln durch die bereitstehenden Fettn\u00e4pfchen und verrottende Schafskadaver immer wieder vom Regen in die Traufe kommt. Das f\u00e4ngt schon damit an, dass ihn ein Bekannter auf ein faschistengesponsortes Zweikampfevent mitschleppt, auf dem reichlich Blut flie\u00dft und wo sich die K\u00e4mpfer gegenseitig halb totschlagen. Das auf den T-Shirts der Besucher aufgedruckte Symbol des sich aufb\u00e4umenden Stiers scheint ein Symbol der NeoFaschisten zu sein und dies ziert auch das Cover des Buches. Auf seiner Odyssee durch die Orte klerikalfaschistischer Massaker ger\u00e4t Webster an Leute von beiderlei Seiten, die ihm ersch\u00fctternde Einblicke in das Kriegsgeschehen verschaffen &#8211; und in den Alltag des beginnenden 21. Jahrhunderts.<\/p>\n<p>Nicht nur das Kriegsgeschehen steht im Mittelpunkt, sondern das, was im heutigen Spanien nur kurz unter der Oberfl\u00e4che wabert. Die modernen Spanier*innen sind weit entfernt davon, sich von den Traumata des Krieges und Franco-Faschismus erholt zu haben.<\/p>\n<p>Obwohl immer mehr Menschen das Wort ergreifen und die \u00d6ffentlichkeit suchen, liegt das vergangene Grauen noch wie ein Alp unter der Haut und im Unterbewussten der Menschen.<\/p>\n<p>Auch vor den republikanischen Massakern macht der Autor nicht Halt. Dennoch ist seine Abscheu gegen\u00fcber den Franco-Gener\u00e4len nicht zu \u00fcberh\u00f6ren, die zynisch von Anfang an beschlossen hatten, mit einem maximalen Terror und Morden \u00fcber ihr eigenes Volk herzufallen, um gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Schrecken zu verbreiten. Das Rezept dazu hatten Franco und Kumpane in den Kolonialkriegen gelernt. Dass sich diese katholischen Christen hierzu ausgerechnet der einst verhassten Mauren, der marokkanischen &#8222;Moros&#8220; bedienten, ist eine pikante Note bei diesen unmittelbaren Erben der Inquisition. Aber auch die Republik hatte strategisch und moralisch versagt, als sie Marokko die Freiheit versagte.<\/p>\n<p>Die innere Zerrissenheit der Spanier*innen wird auch in der Figur eines transsexuellen Freundes sichtbar, der zwar selbst, einmal entdeckt, zum Opfer rechter Gewaltt\u00e4ter werden k\u00f6nnte, der aber f\u00fcr gewisse Aspekte des Franco-Faschismus offene Sympathien zeigt. Sympathien, &#8222;den Mut&#8220; zu haben, von einem Extrem ins andere zu fallen. Vom Republikaner zum Faschisten zu werden. Dieses Menschenbild hat verst\u00f6rende Elemente, die von einer zerst\u00f6rten Psyche zeugen.<\/p>\n<h3>Fazit<\/h3>\n<p>Das Buch ist packend geschrieben und er\u00f6ffnet Einblicke in ein geheimes und geheimnisvolles Spanien, das schlaflos und leergeweint unter der Oberfl\u00e4che des trubelig-bunten Touristenlandes liegt.<\/p>\n<p>Der Reportage-Roman ist zum besseren Verst\u00e4ndnis mit einer Chronologie des Spanischen B\u00fcrgerkrieges, einem Schl\u00fcsselpersonenverzeichnis, einem Endnotenverzeichnis, einem (zu kurzen) Literaturverzeichnis (mehr als eine halbe Seite leer verschenkt), einem Personen- und einem Ortsverzeichnis versehen.<\/p>\n<p>Leider fehlt eine Kapitel\u00fcbersicht und ein paar \u00e4rgerliche Fehler w\u00e4ren bei einem etwas besseren Lektorat zu vermeiden gewesen. Dennoch ist die Lekt\u00fcre unbedingt zu empfehlen, besonders wenn mensch in der Lage ist, die geschilderten Fakten historisch richtig einzuordnen. F\u00fcr g\u00e4nzlich Spanienkrieg-Unbeleckte ist das Buch unkommentiert eher nicht zu empfehlen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Un\u00fcberh\u00f6rbar kreischen die Krallen der Bestie des Krieges am eisernen Tor ihres Verlie\u00dfes. Entfesselt ist sie erneut im tumben Wahn der Grenzen und des Nationalismus an einem entgrenzten Europa. Schon greift die Angst um sich. Die Angst als schlechter Ratgeber zu mehr R\u00fcstung, mehr Soldaten und mehr &#8222;Abschreckung&#8220;. 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