{"id":14174,"date":"2015-03-01T00:00:00","date_gmt":"2015-02-28T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2015\/03\/das-neue-spiel\/"},"modified":"2022-07-26T14:12:04","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:04","slug":"das-neue-spiel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2015\/03\/das-neue-spiel\/","title":{"rendered":"Das neue Spiel"},"content":{"rendered":"<p>Die mediale Revolution durch Digitalisierung und Internet hat                 nicht nur kulturelle und \u00f6konomische, sondern auch politische                 Folgen. Wenn sich die Art und Weise, wie Menschen kommunizieren,                 Informationen verteilen, sich vernetzen und organisieren ver\u00e4ndert,                 l\u00e4sst das die klassischen politischen Institutionen &#8211; Parteien,                 Parlamente, ja sogar Staaten &#8211; nicht unber\u00fchrt.<\/p>\n<p>Aber wie genau ver\u00e4ndert das Internet das Politische? <\/p>\n<p>Dazu hat der Kulturwissenschaftler Michael Seemann jetzt ein                 Buch geschrieben. &#8222;Das neue Spiel&#8220; hat er es betitelt, denn seine                 grundlegende These ist, dass unter den Bedingungen des Digitalen                 und des Internet im Bereich der Politik nicht mehr dasselbe Spiel                 gespielt wird. Die alten Spielregeln funktionieren nicht mehr.                 Im ersten Teil seines Buches erkl\u00e4rt er, warum genau und im zweiten                 Teil entwirft er neue Regeln.<\/p>\n<p>Das ist sehr lesenswert f\u00fcr politische Aktivist_innen jeder Art,                 speziell aber f\u00fcr anarchistische, weil es hier zentral um die                 Existenzbedingungen staatlicher Institutionen und globaler kapitalistischer                 Strukturen geht. Das &#8222;alte Spiel&#8220; basierte auf Hierarchien, (staatlicher)                 Kontrolle und Repr\u00e4sentation. Das &#8222;neue&#8220; Spiel ist gepr\u00e4gt von                 Netzwerken, Kontrollverlust und spontanen Aktionen. Warum Digitalisierung                 und Internet diese Ver\u00e4nderungen unweigerlich mit sich bringen,                 erkl\u00e4rt Seemann so, dass es auch f\u00fcr alle verst\u00e4ndlich ist, die                 sich mit Internetstrukturen nicht gut auskennen. <\/p>\n<p>Er identifiziert dabei drei Treiber: Erstens die umfassende Digitalisierung                 der Welt, also die Tatsache, dass immer mehr (und tendenziell                 alles) in digitaler Form erfasst und damit in diese Entwicklung                 einbezogen wird. <\/p>\n<p>Zweitens die unbegrenzte Kopierbarkeit von Daten, weshalb theoretisch                 die gesamte digitalisierte Welt jederzeit allen \u00fcberall gratis                 zur Verf\u00fcgung stehen k\u00f6nnte. <\/p>\n<p>Und drittens die &#8222;Query&#8220;, also die Abfrage, die es erm\u00f6glicht,                 aus gro\u00dfen Datenmengen alle nur denkbaren Informationen zu ziehen,                 auch solche, von denen wir heute noch gar nicht wissen, dass jemand                 sie irgendwann mal interessant findet.<\/p>\n<p>Diese drei Faktoren entwickeln laut Seemann gemeinsam eine Dynamik,                 die sich nicht aufhalten l\u00e4sst und unausweichliche Folgen f\u00fcr                 Wirtschaft und Politik hat. Eigentumsmodelle zum Beispiel, die                 auf Gewinn per verkaufter St\u00fcckzahl basieren, funktionieren logischerweise                 immer schlechter, wenn die Grenzkosten eines Produktes (also die                 Kosten, die es erfordert, von einem einmal erfundenen Ding noch                 eines zu produzieren), praktisch gegen Null gehen: Es ist einleuchtend,                 dass ein gedrucktes Buch etwas kostet, aber nicht, dass man f\u00fcr                 eine Text- oder Videodatei etwas (oder sogar viel) bezahlen muss,                 wo es doch praktisch keine Kosten verursacht und niemandem etwas                 wegnimmt, wenn sie nochmal kopiert werden. <\/p>\n<p>Manche \u00d6konomen wie Jeremy Rifkin rufen deshalb schon das Ende                 des Kapitalismus aus. Die Realit\u00e4t spricht allerdings eine andere                 Sprache, denn der Kapitalismus steht ja weiterhin in Saft und                 Kraft. Freilich nicht bei denen, die wie deutsche Verlage und                 Zeitungen ihre alten Gesch\u00e4ftsmodelle mit Z\u00e4hnen und Klauen verteidigen                 und f\u00fcr staatliche Gesetze lobbyieren und so ihre Interessen abzusichern                 hoffen. Diesen Kampf werden sie verlieren, weil sie noch das &#8222;alte                 Spiel&#8220; spielen.<\/p>\n<p>Oberwasser haben vielmehr diejenigen Unternehmen, die neue Gesch\u00e4ftsmodelle                 f\u00fcr die digitale Welt entwickelt haben, also gro\u00dfe Plattformen                 wie Google, Amazon, Facebook.<\/p>\n<p>Seemann erl\u00e4utert, woher ihre Macht kommt und warum man ihnen                 im Stile herk\u00f6mmlicher politischer K\u00e4mpfe (Streiks, Gewerkschaften,                 Konsumboykott) nicht beikommen kann. <\/p>\n<p>Solche Plattformen brauchen Staat und Polizei nicht mehr, um                 ihre Interessen durchzusetzen, sie bekommen alles, was sie zum                 Geldverdienen brauchen &#8211; Unmengen von Daten &#8211; von den Nutzerinnen                 und Nutzern freiwillig geliefert. <\/p>\n<p>Als Gegenleistung stellen sie Infrastrukturen bereit, die in                 vielerlei Hinsicht praktisch sind, und auf die man immer schwerer                 verzichten kann. Grund daf\u00fcr sind Netzwerkeffekte, die bewirken,                 dass die schiere Masse von Teilnehmenden das Angebot quasi konkurrenzlos                 macht: Dass so viele Menschen bei Facebook sind, hat zur Folge,                 dass sich immer mehr Leute dort anmelden (m\u00fcssen), was Facebook                 wiederum noch st\u00e4rker und um L\u00e4ngen attraktiver macht als die                 Konkurrenz.<\/p>\n<p>Plattformen \u00fcbernehmen inzwischen teilweise sogar ehemals staatliche                 Funktionen wie zum Beispiel Identit\u00e4tsnachweise: Viele Internetangebote                 kann man ohne Facebook- oder Google-Account gar nicht mehr nutzen,                 so wenig wie man ohne Reisepass eine Grenze passieren kann. Der                 Verzicht darauf, sich dem Trend anzuschlie\u00dfen, hat einen immer                 h\u00f6heren Preis. Wer Google, Facebook und Co. boykottiert, verschlie\u00dft                 sich selbst die Vorteile, die sie bieten, ohne dabei aber gleichzeitig                 etwas Substanzielles auszurichten. <\/p>\n<p>Deshalb schl\u00e4gt Seemann vor, das Spiel nach &#8222;neuen Regeln&#8220; zu                 spielen und stellt zehn davon auf. Statt auf zunehmend verlorenem                 Posten gegen Digitalisierung und freie Verf\u00fcgbarkeit von Daten                 zu k\u00e4mpfen, solle man lieber die M\u00f6glichkeiten von Digitalisierung                 und Internet aktiv nutzen und in den Dienst einer freiheitlichen                 Weltgestaltung stellen &#8211; Stichwort Transparenz. Statt sich von                 den Plattformen fernzuhalten sei es wichtig, sich dort f\u00fcr offene                 Strukturen und nachvollziehbare Politiken einzusetzen. <\/p>\n<p>Statt nach mehr Gesetzen zu rufen, die das Internet regulieren                 sollen, w\u00e4re es wichtig, als freiheitlich denkende Menschen diesen                 &#8222;Lebensraum&#8220; aktiv und verantwortlich mitzugestalten, denn &#8211; so                 Regel 7 &#8211; &#8222;Staaten sind Teil des Problems, nicht der L\u00f6sung&#8220;. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die mediale Revolution durch Digitalisierung und Internet hat nicht nur kulturelle und \u00f6konomische, sondern auch politische Folgen. Wenn sich die Art und Weise, wie Menschen kommunizieren, Informationen verteilen, sich vernetzen und organisieren ver\u00e4ndert, l\u00e4sst das die klassischen politischen Institutionen &#8211; Parteien, Parlamente, ja sogar Staaten &#8211; nicht unber\u00fchrt. 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