{"id":14177,"date":"2015-03-01T00:00:00","date_gmt":"2015-02-28T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2015\/03\/weltordnungskriege-und-gescheiterte-staaten\/"},"modified":"2022-07-26T14:22:15","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:15","slug":"weltordnungskriege-und-gescheiterte-staaten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2015\/03\/weltordnungskriege-und-gescheiterte-staaten\/","title":{"rendered":"Weltordnungskriege und gescheiterte Staaten"},"content":{"rendered":"<p>Schon seit Jahren versinken immer mehr Weltregionen in B\u00fcrgerkrieg, Terror und Chaos. Die westliche &#8222;Wertegemeinschaft&#8220; hatte auf diese Entwicklung bekanntlich folgendes Interpretationsmuster parat: die Barbareien h\u00e4tten grunds\u00e4tzlich nichts mit dem Kapitalismus zu tun und die L\u00f6sung w\u00e4re, mit Granaten und &#8222;Menschenrechten&#8220; im Rucksack, einzumarschieren und nach zahlreichen Opfern &#8222;Demokratie&#8220; einzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Schon 2003 hatte Robert Kurz in seinem im Horlemann-Verlag erschienenen Buch &#8222;Weltordnungskrieg&#8220; darauf aufmerksam gemacht, dass solche Kriegsma\u00dfnahmen ins Leere laufen und kein einziges Problem l\u00f6sen. Schon damals war klar, dass z.B. die westliche &#8222;Friedensmission&#8220; im Kosovo die Region nur in einen korrupten Mafiastaat verwandelt hat. Die zerfallenden Regionen bleiben gef\u00fcllt mit &#8222;\u00fcberfl\u00fcssigem Menschenmaterial&#8220;. Ein Staat, dem die Steuereinnahmen fehlen, ist weitgehend handlungsunf\u00e4hig und folglich hochgradig korrupt und dessen &#8222;Sicherheitskr\u00e4fte&#8220; sind von Terrorbanden kaum oder gar nicht zu unterscheiden. Am Ende floriert eine Schattenwirtschaft aus Drogen- und Menschenhandel.<\/p>\n<p>Gerd Bedszent sammelt in dem etwas l\u00e4ngeren Vorwort dieses Buches den theoretischen Hintergrund auf, wie dieser von Robert Kurz und anderen AutorInnen seit Ende der 80iger Jahre erarbeitet wurde und unter dem Label &#8222;Wertabspaltungskritik&#8220; bekannt ist. Die zentrale These, die schon fragmentarisch bei Marx, beispielsweise in den Grundrissen, zu finden ist, besagt, dass die kapitalistische Dynamik langfristig zu einem absoluten Abschmelzen der Arbeitssubstanz f\u00fchrt, sodass f\u00fcr die Kapitalverwertung immer weniger menschliche Arbeitskraft ben\u00f6tigt wird, dass sich also die gesellschaftliche Reichtumsproduktion immer mehr von der Arbeitsleistung Einzelner entkoppelt und immer mehr durch Maschinen und technologische Gro\u00dfaggregate besorgt wird. Seit den 1970iger Jahren im Zuge der &#8222;mikroelektronischen Revolution&#8220; pr\u00e4sent, hat sich die Krise seitdem immer weiter voran gefressen; mehrere Jahrzehnte konnte es allerdings durch den Neoliberalismus und die entfesselten Finanzm\u00e4rkte hinausgez\u00f6gert werden, aber sp\u00e4testens seit 2008 ist der &#8222;finanzgetriebene Kapitalismus&#8220; vorbei (wobei es seit Ende der 80iger Jahre immer wieder zahlreiche Finanzkr\u00e4che gab, aber diese waren lokal und sektoral beschr\u00e4nkt) und seitdem ist die Krise permanent. Auch der Zusammenbruch der Sowjetunion ist nach Robert Kurz in diesem Zusammenhang zu sehen (&#8222;Der Kollaps der Modernisierung&#8220;). Die Krise der Warengesellschaft frisst sich immer mehr von der Peripherie in die Zentren des Kapitalismus, wie S\u00fcdeuropa leidvoll erfahren musste. Vor diesem theoretischen Hintergrund ist die Ursache dieses globalen B\u00fcrgerkriegs zu finden.<\/p>\n<p>In dem j\u00fcngst vom Horlemann-Verlag herausgebrachten Buch schaut sich Bedszent einige L\u00e4nder aus der Peripherie an. Die einzelnen Artikel sind schon anderswo unabh\u00e4ngig voneinander ver\u00f6ffentlicht worden, bis auf die etwas l\u00e4ngere Einleitung. Es gibt keinen Anspruch auf Vollst\u00e4ndigkeit, was auch einzusehen ist, da die Anzahl der weltweiten Krisenherde so gro\u00df ist, dass man nie zu einem Ende kommen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Dabei geht der Autor nicht nur auf die Gegenwart der L\u00e4nder ein, sondern skizziert auch einen historischen Werdegang und zeigt, warum manche Staaten es nie geschafft haben, moderne b\u00fcrgerliche Gesellschaften zu werden. Syrien und Irak sind nicht Thema. Daf\u00fcr ist erfreulich, dass L\u00e4nder wie Jamaika und Kolumbien beleuchtet werden, zumal diese im \u00f6ffentlichen und linken Diskurs eher nicht auftauchen. Schade ist, dass der Abschnitt \u00fcber Mexiko etwas klein geraten ist. Dann geht es weiter zu einigen Krisenherden, die von der westlichen Bombengemeinschaft begl\u00fcckt worden sind, wie Kosovo, Libyen und Mali. Zum Schluss geht es um den Notstandsterror der EU in Zypern und den imperialen Krisenherd in der Ukraine, der ja, wie andere auch, immer noch anh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Interessant w\u00e4re gewesen, sich etwas mehr das &#8222;Zentrum&#8220; anzuschauen und wie die Krise zu einer Erosion von B\u00fcrgerInnenrechten und Demokratie f\u00fchrt. Sehr bedenklich ist beispielsweise die milit\u00e4rische Aufr\u00fcstung der Polizei, die zunehmend als Besatzungstruppen im eigenen Land wahrgenommen wird.<\/p>\n<p>Der b\u00fcrgerliche Rechtsstaat kennt in der Krise bekanntlich meist auch nur die Antwort des Ausnahmezustandes und des Notstandsterrors. Interessierte werden dazu (und den sicherheitsstaatlichen Reaktionen auf den 11.9. usw.) f\u00fcndig in dem oben genannten Robert-Kurz-Buch &#8222;Weltordnungskrieg&#8220;, welches mit dem von Gerd Bedszent thematisch verwandt ist. F\u00fcr eine kritische Linke, die die zahlreichen Schreckensmeldungen zu einem koh\u00e4renten Bild zusammenf\u00fcgen m\u00f6chte, ist das Buch von Gerd Bedszent empfehlenswert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schon seit Jahren versinken immer mehr Weltregionen in B\u00fcrgerkrieg, Terror und Chaos. Die westliche &#8222;Wertegemeinschaft&#8220; hatte auf diese Entwicklung bekanntlich folgendes Interpretationsmuster parat: die Barbareien h\u00e4tten grunds\u00e4tzlich nichts mit dem Kapitalismus zu tun und die L\u00f6sung w\u00e4re, mit Granaten und &#8222;Menschenrechten&#8220; im Rucksack, einzumarschieren und nach zahlreichen Opfern &#8222;Demokratie&#8220; einzuf\u00fchren. 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