{"id":14183,"date":"2015-03-01T00:00:00","date_gmt":"2015-02-28T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2015\/03\/ananthamurthy-von-der-repressiven-einfalt-zur-libertaeren-vielfalt\/"},"modified":"2022-07-26T14:22:15","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:15","slug":"ananthamurthy-von-der-repressiven-einfalt-zur-libertaeren-vielfalt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2015\/03\/ananthamurthy-von-der-repressiven-einfalt-zur-libertaeren-vielfalt\/","title":{"rendered":"Ananthamurthy: Von der repressiven Einfalt zur libert\u00e4ren Vielfalt"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Benga- wie bitte? &#8211; Das kann doch kein Mensch aussprechen!&#8220; Ausgerechnet die bekannte global vernetzte s\u00fcdindische High-Tech-Metropole Bangalore wurde ab dem 1. November 2014 in das regionalsprachige Bengaluru umbenannt. Die Manager gro\u00dfer Elektronik- und Computerkonzerne sorgen sich um den gut eingef\u00fchrten Markennamen Bangalores. Und noch zehn andere St\u00e4dte in dem Bundesstaat Karnataka hei\u00dfen ab jetzt Mysuru, Tumakuru, Chikkamagaluru&#8230;<\/p>\n<p>Der am 20. August 2014 im Alter von 81 Jahren verstorbene Schriftsteller U. R. Ananthamurthy hatte sich f\u00fcr diese Umbenennungen stark eingesetzt. Er selbst schrieb seine Romane, Kurzgeschichten und Gedichte in Kannada. Das ist eine der neben Hindi und Englisch staatlich anerkannten 19 Regionalsprachen in Indien. Die kleinmachende Bezeichnung &#8222;Regionalsprache&#8220; will so gar nicht zu der Tatsache passen, dass diese von \u00fcber 40 Millionen Menschen gesprochen wird.<\/p>\n<h3>Regionalsprache kontra Globalisierung<\/h3>\n<p>Einerseits findet in Indien mit der Umbenennung der St\u00e4dte eine nachtr\u00e4gliche Distanzierung von der Namensgebung der alten englischen Kolonialmacht statt. Im Fall von Karnataka soll zus\u00e4tzlich der Sprache des einfachen Volkes, die von internationalen Gro\u00dfkonzernen immer mehr an den Rand gedr\u00e4ngt wurde, zu mehr Anerkennung verholfen werden. Ananthamurthy sagte einmal: &#8222;Ich w\u00fcnsche mir, dass der f\u00fcr unsere Sprache Kannada so bezeichnende Vokal \u201au&#8216; bei den Menschen weltweit mit uns, mit Karnataka verbunden wird. Dieses St\u00fcckchen unserer Eigenheit sollte Teil unserer internationalen Pr\u00e4senz sein&#8220; ((1)).<\/p>\n<p>Englisch schreibende indische SchriftstellerInnen werden weltweit vielbeachtet. Sie finden schneller zahlungskr\u00e4ftige Verlagsh\u00e4user und einfacher \u00dcbersetzerInnen als &#8222;Regionalsprachige&#8220;, die au\u00dferhalb Indiens kaum jemand kennt. Dabei h\u00e4tten gerade diese authentisch schreibenden SchriftstellerInnen den westlichen LeserInnen etwas zu erz\u00e4hlen, was allzu oft in den Hintergrund ger\u00e4t: Themen sind oft die mittelalterlichen Verh\u00e4ltnisse im \u00fcberwiegend l\u00e4ndlichen Indien, wo die strenge Unterwerfung unter das Kastensystem und \u00fcberkommene religi\u00f6se Vorschriften vielen Menschen das Leben schwer machen.<\/p>\n<h3>Religi\u00f6se Dogmen blockieren das Leben<\/h3>\n<p>Ananthamurthy f\u00fchrt uns in seinem bereits 1965 geschriebenen Roman f\u00fcr vier Tage in eine kleine, ultraorthodoxe Brahmanensiedlung in Karnataka, in der die Hauptfigur der Geschichte in eine existenzielle Krise gest\u00fcrzt wird. Der fromme Sanskritgelehrte Praneshacharya absolvierte bisher ein freudloses, von Pflichterf\u00fcllung und religi\u00f6sem Eifer gepr\u00e4gtes Leben, nachdem er mit sechzehn Jahren ein verkr\u00fcppeltes M\u00e4dchen geheiratet hatte. &#8222;Armer Mann, die Frau behindert, keine Kinder, nichts&#8220;. Er hatte den Titel &#8222;Stirnjuwel der vedischen Wissenschaft&#8220; erworben und besa\u00df f\u00fcnfzehn gewirkte Schals.<\/p>\n<p>In der d\u00f6rflichen Tristesse, in der Witwen ihren Kopf kahl scheren mussten und die Angst vor schwerwiegenden religi\u00f6sen Verfehlungen umging, klingt es wie Hohn, wenn Ananthamurthy den vornehmen Belehrungsstil des ungl\u00fccklichen Heiligen beschreibt: &#8222;Welch delikate Phrasierung, welch sanftes L\u00e4cheln, welche Noblesse&#8220;.<\/p>\n<p>Ganz im Gegensatz zu ihm f\u00fchrte sein weitl\u00e4ufiger Verwandter Naranappa ein den weltlichen Gen\u00fcssen sehr zugeneigtes Leben und hatte ein langes &#8222;S\u00fcndenregister&#8220;. Er trank zum Entsetzen der anderen Brahmanen Alkohol, a\u00df Fleisch, holte aus dem heiligen Tempelteich die Fische, verkehrte freundschaftlich mit ungl\u00e4ubigen Moslems aus den Nachbard\u00f6rfern und hatte seit zehn Jahren eine sch\u00f6ne &#8222;Unber\u00fchrbare&#8220; als Geliebte. Obwohl er in der kleinen Siedlung als Au\u00dfenseiter angefeindet wurde, konnte er aus der Brahmanensekte nicht ausgeschlossen werden. Ja, er drohte sogar damit, notfalls zum Islam \u00fcberzutreten, als ihm Vorhaltungen gemacht wurden.<\/p>\n<p>Dieser Ketzer Naranappa hatte von seiner letzten Reise in die Nachbard\u00f6rfer eine Seuche, die sp\u00e4ter als Pest (Anspielung auf Camus!) kenntlich wurde, eingeschleppt und verstarb daran.<\/p>\n<p>Ab jetzt darf niemand in der Siedlung etwas essen, bis die Leiche verbrannt worden ist. Es wird kompliziert. Wer soll das Totenritual &#8222;Samskara&#8220; vollziehen, wo man doch bei so einem Schweren\u00f6ter nur alles falsch machen k\u00f6nnte und am Ende selbst zur Zielscheibe einer von Kastend\u00fcnkel und Missgunst zerfressenen Gesellschaft werden w\u00fcrde? Als Naranappas Geliebte Chandra ihren Goldschmuck f\u00fcr die Bezahlung der Zeremonie anbietet, entfacht das die Gier der Brahmanen. Ach, wenn doch die religi\u00f6sen Vorschriften nicht w\u00e4ren, k\u00f6nnten sie sich selbst diese fette Beute unter den Nagel rei\u00dfen!<\/p>\n<p>Alle warten auf die Erlaubnis von dem gelehrten Praneshacharya f\u00fcr Zeremonie und Verbrennung, damit sie endlich wieder essen k\u00f6nnen. Doch dieser ist bei diesem schwierigen Fall \u00fcberfordert, eine Entscheidung zu f\u00e4llen. Auch die G\u00f6tter bleiben stumm. Die &#8222;Gesetze f\u00fcr Notsituationen&#8220; in den heiligen Schriften erweisen sich als unbrauchbar und die vielen Mantras, die er herunterleiert, geben in dieser verfahrenen Situation nur einen verlogenen Trost und helfen nicht weiter. Die Hitze ist gro\u00df, die Leiche verwest und der Hunger der Brahmanen nimmt zu.<\/p>\n<p>Inzwischen sterben weitere BewohnerInnen der Siedlung und immer mehr Ratten, M\u00e4use und Geier okkupieren das Gel\u00e4nde. Hunger und Verzweiflung machen sich breit. Der nachdenklich gewordene Praneshacharya sorgt mit seinem neuen Bekenntnis &#8222;ich wei\u00df nichts&#8220; f\u00fcr zus\u00e4tzliche Verwirrung. In dieser &#8222;ausweglosen&#8220; Situation werden die Frauen der Siedlung zu Verwandten gebracht und die M\u00e4nner sprechen im weniger orthodoxen Nachbardorf vor, ob diese nicht endlich die Totenrituale f\u00fcr den umstrittenen Nonkonformisten durchf\u00fchren k\u00f6nnten. Inzwischen jedoch hatte Chandra unbemerkt und heimlich zusammen mit einem befreundeten Moslem die Leiche verbrannt.<\/p>\n<h3>Der Weg aus der Finsternis<\/h3>\n<p>Ziel- und ratlos wandert unterdessen Praneshacharya durch die W\u00e4lder. Es wird ihm langsam bewusst, dass die vielen Gel\u00fcbde, religi\u00f6sen Zeremonien, Betrituale und auswendiggelernten Formeln seine Freiheit einschr\u00e4nken und ihn nicht gl\u00fccklich machen. Wom\u00f6glich verhindert gerade der von ihm so eifrig befolgte erste Lehrsatz Yogasutras &#8222;Yoga ist das Unterbinden der Gedankent\u00e4tigkeit&#8220; den Gewinn neuer Erkenntnisse und Erfahrungen?<\/p>\n<p>Mitten in seinen schwierigen Selbstreflexionen platzt w\u00e4hrend seiner Wanderung der \u00e4u\u00dferst gesellige Hallodri Putta herein und l\u00e4sst sich nicht mehr absch\u00fctteln.<\/p>\n<p>Er begleitet ihn ab jetzt munter plappernd in die n\u00e4chste Stadt zu einem turbulenten Jahrmarkt und macht ihn nahezu spielerisch mit all den Freuden und Verlockungen bekannt, die er in seinem bisherigen Leben verdr\u00e4ngt hatte. Aber auch hier muss er w\u00e4hrend der Beobachtung eines Hahnenkampfes Absto\u00dfendes aushalten. Sein weiterer Lebensweg ist noch nicht eindeutig erkennbar, doch er hat als Wichtigstes seine Freiheit gewonnen.<\/p>\n<h3>Gandhianischer Sozialist<\/h3>\n<p>In seinem umfangreichen literarischen Werk stellte Ananthamurthy, selbst mit einer Christin verheiratet, die repressiven kulturellen und religi\u00f6sen Normen des Hinduismus infrage und beeinflusste damit nicht nur die Intelektuellen aus der Mittelschicht, sondern breite Bev\u00f6lkerungskreise. Hierzu beigetragen hat sicherlich die Verfilmung seines Romans &#8222;Samskara&#8220; im Jahr 1970 ((2)).<\/p>\n<p>Obwohl er sich sehr f\u00fcr seine Heimatsprache Kannada einsetzte, war er mehrere Jahre lang Professor f\u00fcr englische Literatur an der Universit\u00e4t Mysore, heute Mysuru. Er unterst\u00fctzte den Kampf der Bauern und nahm an vielen gesellschaftlichen Debatten und \u00f6kologisch ausgerichteten Aktionen teil. Als Generalsekret\u00e4r einer B\u00fcrgerinitiative f\u00fcr zivile Rechte k\u00e4mpfte er f\u00fcr ein plurales Indien und trat energisch hindufundamentalistischen Kr\u00e4ften entgegen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend seiner Auslandsreisen war er auch bei dem Berliner Literaturfestival im Jahr 2002 und der Frankfurter Buchmesse 2006 zu Gast und erinnerte die erstaunte westliche \u00d6ffentlichkeit daran, dass Indien nicht nur das Land des Hinduismus und der Esoterik ist, sondern dass hier ebenfalls eine sehr lebendige freigeistige und antibrahmanische Bewegung existiert.<\/p>\n<p>In diesem Sinne ist es w\u00fcnschenswert, dass neben seinem fulminanten Hauptwerk &#8222;Samskara&#8220; weitere Romane und Kurzgeschichten von Ananthamurthy \u00fcbersetzt und ver\u00f6ffentlicht werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Benga- wie bitte? &#8211; Das kann doch kein Mensch aussprechen!&#8220; Ausgerechnet die bekannte global vernetzte s\u00fcdindische High-Tech-Metropole Bangalore wurde ab dem 1. 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