{"id":14206,"date":"2015-04-01T00:00:00","date_gmt":"2015-03-31T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2015\/04\/dominique-strauss-kahn-und-sein-material\/"},"modified":"2022-07-26T12:58:53","modified_gmt":"2022-07-26T10:58:53","slug":"dominique-strauss-kahn-und-sein-material","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2015\/04\/dominique-strauss-kahn-und-sein-material\/","title":{"rendered":"Dominique Strauss-Kahn und sein &#8222;Material&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Der Prozess war ein Medienereignis ersten Ranges: Mehr als einhundert ProzessreporterInnen aus mehreren L\u00e4ndern verfolgten im Gro\u00dfen Gerichtssaal von Lille vor allem die Aussagen von vier ehemaligen Prostituierten, die als Nebenkl\u00e4gerinnen auftraten und von der franz\u00f6sischen Ausstiegsorganisation f\u00fcr Prostituierte, &#8222;Mouvement du Nid&#8220; juristisch vertreten wurden, die in 33 franz\u00f6sischen St\u00e4dten Unterst\u00fctzung f\u00fcr ausstiegswillige Prostituierte, Sensibilisierungskurse f\u00fcr PolizistInnen anbietet und Aufkl\u00e4rungsarbeit in Schulen macht.<\/p>\n<h3>Die sexistische Karriere des DSK: Sofitel in New York<\/h3>\n<p>Dominique Strauss-Kahn, geb. 1949, kurz DSK genannt, ist neben Berlusconi ein weiteres, weltbekanntes Beispiel f\u00fcr das sexistische Dominanzverhalten von M\u00e4nnern der herrschenden politischen und \u00f6konomischen Klasse: Von 2007 bis 2011 war er Direktor des IWF und als solcher f\u00fcr neoliberal-kapitalistische Austerit\u00e4tsauflagen bei der Kreditvergabe f\u00fcr zahllose L\u00e4nder, u.a. Griechenland und im Trikont, verantwortlich.<\/p>\n<p>Um ihn entbrannte im Mai 2011 der sogenannte &#8222;Sofitel&#8220;-Skandal. Er wurde in New York wegen versuchter Vergewaltigung, sexueller Bel\u00e4stigung und Freiheitsberaubung der Sofitel-Hotelbediensteten Nafissatou Diallo, die aus Guinea\/Afrika stammte, festgenommen. Er nahm sich, wie ein Mann seiner F\u00fchrungsposition das eben so tut, einen teuren Staranwalt, der die Glaubw\u00fcrdigkeit des Opfers untergrub &#8211; und das Strafverfahren wurde eingestellt.<\/p>\n<p>Doch Diallo wollte nicht Opfer bleiben und schob im August 2011 eine Zivilrechtsklage f\u00fcr Entsch\u00e4digung nach. Darauf reagierte DSK, ebenfalls wie immer in solchen F\u00e4llen, mit einer Verleumdungsklage. Im Dezember 2012 kam es zu einer au\u00dfergerichtlichen Einigung. DSK ging ohne Verurteilung aus dem Skandal hervor, aber es ist doch interessant, dass er Diallo immerhin 6 Millionen Dollar \u00fcberwiesen hat, obwohl es doch im Hotelzimmer seiner Aussage zu &#8222;spontanem&#8220; Sex in konsensuellem Einvernehmen mit Diallo gekommen war. DSK ist ja auch so umwerfend attraktiv &#8211; er glaubt das tats\u00e4chlich von sich! Wichtig f\u00fcr das heutige Carlton-Verfahren ist dabei die Tatsache, dass sich der Vergewaltigungsvorwurf auf erzwungene Fellatio bezog &#8211; eine Spezialit\u00e4t Strauss-Kahns. ((1))<\/p>\n<h3>Der Fall Tristane Banon<\/h3>\n<p>Diallo war in New York gerade von DSKs Staranwalt diskreditiert worden, da reichte im Juli 2011 die Journalistin und Autorin Tristane Banon in Paris Anzeige wegen versuchter Vergewaltigung gegen DSK ein.<\/p>\n<p>Der Vorfall stammte aus dem Jahre 2003, doch nun gestand ihre Mutter \u00f6ffentlich, dass sie \u00fcber Jahre hinweg Tristane von einer Anzeige abgebracht hatte.<\/p>\n<p>Weil der willf\u00e4hrige Hausbiograph von DSK, Michel Taubmann, in einer 2011 erschienenen Biographie den Gewaltakt falsch dargestellt habe, stellte Banon am 29. September 2011 direkt in den 20-Uhr-Nachrichten des ersten franz\u00f6sischen Fernsehens ihre Sicht unmissverst\u00e4ndlich dar.<\/p>\n<p>DSK zeigte Banon wegen Verleumdung an und erkl\u00e4rte, er habe Banon nur umarmen wollen. Schon im Oktober 2011 kam die Klassenjustiz, die nicht selten einen Trick findet, um Verfahren gegen Mitglieder der politischen Klasse einzustellen, zu der Auffassung, dass es sich nicht um &#8222;versuchte Vergewaltigung&#8220;, sondern &#8222;nur&#8220; um einen &#8222;sexuellen \u00dcbergriff&#8220; handelt, der zwischenzeitlich aber verj\u00e4hrt sei. ((2))<\/p>\n<h3>Die &#8222;Carlton&#8220;-Connection<\/h3>\n<p>Beim nun vor Gericht stehenden &#8222;Carlton&#8220;-Prozess ging es um eine M\u00e4nner-Seilschaft aus Lille mit und um DSK in den Jahren 2008 bis 2011, die ihm immer wieder Prostituierte f\u00fcr sogenannte &#8222;libertine Partys&#8220; zuf\u00fchrten, ob direkt neben seinem IWF-B\u00fcro in Washington, ob ins Carlton-Hotel in Lille, oder in extra angemietete Wohnungen in Paris oder Br\u00fcssel. Zum Teil flogen die Prostituierten aus Lille direkt mit den Vasallen DSKs im Flugzeug nach Washington mit. Was f\u00fcr ein Zufall, dass diese &#8222;libertinen Partys&#8220; justament 2011 endeten, als die Anklage in New York ans Licht und dann auch schnell die &#8222;Carlton&#8220;-Connection in Lille in das Blickfeld \u00f6ffentlicher Diskussionen kam. Mitangeklagt waren jetzt in Lille u.a. der professionelle Liller Zuh\u00e4lter Dominique Alderweireld mit dem Spitznamen &#8222;Dodo, das P\u00f6kelgesicht&#8220;; der Bauunternehmer David Roquet; der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer einer Fabrik f\u00fcr medizinische Produkte, Medicalis, Fabrice Paszkowski; Jean-Christophe Lagarde, Chef der Polizeiabteilung in Lille, der daf\u00fcr sorgte, dass die Polizei sich in Lille nicht einmischte und der insgesamt sechs Mal zusammen mit Liller Prostituierten zu DSK nach Washington flog, rein &#8222;privat&#8220; nat\u00fcrlich ((3)); Ren\u00e9 Kojfer, der Werbemanager des Liller Carlton-Hotels, der das Hotel zum Zentrum der Prostitution oberer Schichten in Lille machte.<\/p>\n<p>Im Prozess wurde durch die Ver\u00f6ffentlichung der SMS-Kommunikation mit DSK deutlich, dass es Paszkowski war, der die &#8222;Partys&#8220; organisiert hatte; Dodo und Roquet hatten die Prostituierten ausgesucht und w\u00e4hrend der Reisen die Aufgabe \u00fcbernommen, DSK gegen\u00fcber zu vertuschen, dass es Prostituierte waren und wer sie bezahlte, sondern ihn in seiner Annahme zu best\u00e4rken, die Frauen seien aus freien St\u00fccken gekommen, weil sie ihn &#8222;attraktiv&#8220; fanden. Mitten im Verlauf des Prozesses, am 6. Februar, sagte David Roquet in einem Interview f\u00fcr den Nachrichtensender BFM\/TV zu seinen Motiven, er habe &#8222;das alles gemacht, um mich DSK anzun\u00e4hern, bis hin dazu, dass ich daf\u00fcr 45.000 Euro ausgegeben habe. (&#8230;) Man verbringt einen Nachmittag mit jemandem, der ist der zweitm\u00e4chtigste Mann der Welt und der k\u00fcnftige Pr\u00e4sident Frankreichs. Ich hab&#8216; mir gesagt, wenn ich einen Kontakt zu DSK aufbauen kann, wenn er dann einmal Pr\u00e4sident der Republik sein wird, dann&#8230; Das war mein Ziel, aus professioneller Perspektive betrachtet.&#8220; ((4)) So sehen patriarchal-politische Karrierepl\u00e4ne aus!<\/p>\n<p>Im Vorfeld des Prozesses hatte der Untersuchungsrichter in diesem illustren Umfeld &#8222;ein veritables Gesetz des Schweigens&#8220;, eine Art &#8222;Omert\u00e0&#8220; (traditionelles Wort f\u00fcr Schweigen angesichts von Todesdrohungen in Korsika) festgestellt, so gut funktionierte die organisierte Vertuschung. ((5))<\/p>\n<h3>Die Aussagen der Ex-Prostituierten vor Gericht<\/h3>\n<p>Vier Ex-Prostituierte sagten nun mehrere Tage lang anonymisiert vor Gericht gegen DSK aus und beschrieben die von DSK ausge\u00fcbte sexuelle Gewalt. Sie gehen heute b\u00fcrgerlichen Berufen nach und wollen nie wieder zur\u00fcck ins Milieu. Im Prozess traten sie mit Pseudonym vor den Zeugenstand und hie\u00dfen noch einmal, wie damals, Jade, Mounia oder In\u00e8s etc. Marie Barbier, Prozessbeobachterin f\u00fcr die kommunistische Tageszeitung L&#8217;Humanit\u00e9 ((6)) beschrieb die Atmosph\u00e4re bei ihren Aussagen:<\/p>\n<p>&#8222;Seit dem ersten Tag der Anh\u00f6rung, dem 2. Februar, vergeht nicht ein Tag ohne eisige Sprachlosigkeit, die sich im Gerichtssaal verbreitet. Und die ZuschauerInnen, die jeden Tag zahlreicher neben den Hunderten von akkreditierten JournalistInnen Platz nehmen, nehmen wie gel\u00e4hmt diese Realit\u00e4t zur Kenntnis, diese unertr\u00e4glichen Ausdr\u00fccke, diese Szenen, die f\u00fcr immer in ihrem Ged\u00e4chtnis eingraviert bleiben werden.&#8220; ((7))<\/p>\n<p>Jade erkl\u00e4rte (ihre Aussage machte sie an einem Tag physischer Abwesenheit von DSK), dass sie aus blanker Armut Prostituierte wurde; zwei der vier Ex-Prostituierten waren bereits als Kind sexuell missbraucht worden.<\/p>\n<p>Jade: &#8222;Jedes Mal, wenn ich sein Foto sehe, schn\u00fcrt sich mir im Innern alles zusammen und ich f\u00fchle mich wie zerfetzt.&#8220; &#8222;Haben Sie mit ihm geredet?&#8220;, fragte sie Richter Bernard Lemaire, worauf sie antwortete: &#8222;Ich konnte ja nicht, ich hatte ihn ja im Mund&#8220;. Jade, die auch auf Flugreisen nach Washington mitgenommen wurde, beschrieb u.a. erzwungenen Analsex im Hotel Amigo in Br\u00fcssel: &#8222;Als ich ihm den R\u00fccken zugekehrt hatte, erhielt ich eine Penetration von hinten; dazu h\u00e4tte ich Nein gesagt, wenn ich \u00fcberhaupt die Zeit dazu gehabt h\u00e4tte.&#8220; ((8))<\/p>\n<p>Bei ihrer abschlie\u00dfenden Pressekonferenz vom 18. Februar 2015 kam Jade auf diese Aussage zur\u00fcck und pr\u00e4zisierte: &#8222;Nur weil man bezahlt hat, kann man nicht alles machen. Man muss fragen. Es gibt keinen Preis, der es rechtfertigt, einen Schmerz aufzuerlegen.&#8220; Und, so Jade weiter, sie m\u00fcsse &#8222;an die anderen Frauen denken, die an denselben Abenden teilgenommen haben, die hier nicht vor Gericht als Zeuginnen aussagen. Ihr Schweigen muss schwer auszuhalten sein.&#8220; ((9))<\/p>\n<p>Oft waren es mehrere Prostituierte gleichzeitig, die DSK oder die anderen M\u00e4nner auf der &#8222;Party&#8220; befriedigten, die DSK &#8222;zu Ehren&#8220; organisiert wurden. Jade sagte vor Gericht \u00fcber eine 19-j\u00e4hrige Prostituierte, die ebenfalls f\u00fcr die &#8222;Partys&#8220; engagiert wurde: &#8222;Ich wei\u00df nicht, wie viele auf einmal sie besprungen haben&#8220;; f\u00fcr Jade war sie Opfer einer Gruppenvergewaltigung. Jade bezeugte, dass die 19-J\u00e4hrige dann besoffen in der Toilette zusammengebrochen sei und das Bewusstsein verloren habe. ((10))<\/p>\n<h3>Klare Sprache versus Euphemismus: DSKs &#8222;Material&#8220;<\/h3>\n<p>David Roquet, der &#8222;Rekrutierer&#8220;, forderte sie auf zu duschen, bevor sie zu DSK vorgelassen wurde, so eine andere Ex-Prostituierte, Mounia, in ihrer Aussage. Durch diese Forderung habe sich Roquet, so Nid-Anw\u00e4ltin Aline Cl\u00e9rot, wie ein &#8222;vulg\u00e4rer Kaufmann verhalten, der seinem Kunden ein sauberes Produkt anbietet.&#8220; Diese Verdinglichung von Frauen wurde auch in der Sprache der M\u00e4nner deutlich: DSK schlug seinem Hauptorganisator in der Regel via SMS f\u00fcr den Abend vor, er solle &#8222;Dinge&#8220;, &#8222;Geschenke&#8220; oder &#8222;Material&#8220; mitbringen. Das ist die Realit\u00e4t der Prostitution: F\u00fcr Upper-Class-Kunden sind Prostituierte &#8222;Material&#8220;. Nehmen wir nur f\u00fcr eine Sekunde DSKs Beteuerung, er habe nicht gewusst, dass es sich um Prostituierte handelte, ernst: Was ist das dann f\u00fcr ein Frauenbild? Vor Gericht bezeichneten die Ex-Prostituierten diese &#8222;Partys&#8220; in klarer Sprache als &#8222;Schl\u00e4chtereien&#8220; (abattage) oder &#8222;Gemetzel&#8220; (boucherie), w\u00e4hrend die M\u00e4nnerriege smarte Euphemismen benutzte wie &#8222;geistreiche Partys&#8220;, &#8222;Sexorgien&#8220;, &#8222;Libertinage&#8220;. An einer Stelle sprach Roquet von &#8222;Massagen&#8220;, worauf Anw\u00e4ltin Cl\u00e9rot fragte, was das denn sei? &#8222;Naja, Fellatio eben.&#8220; Cl\u00e9rot: &#8222;Warum sagen Sie Massagen und nicht Fellatio?&#8220; Roquet: &#8222;Ach, das sage ich nie, die Leute verstehen schon.&#8220; ((11)) So geht&#8217;s zu in gutem Hause mit b\u00fcrgerlicher Doppelmoral. Und in diesem Zusammenhang ist auch der in der \u00f6ffentlichen Diskussion benutzte Begriff &#8222;Sexarbeit&#8220; ein patriarchaler Euphemismus f\u00fcr Prostitution.<\/p>\n<h3>Traumabearbeitung<\/h3>\n<p>Wer aussteigt, sollte, so Bernard Lemettre, ein ausgebildeter Begleiter von Nid, der Jade die letzten drei Jahre betreute, eine Traumabearbeitung beginnen. Die Vagina einer Frau sei nicht geschaffen, um \u00fcber l\u00e4ngere Zeit t\u00e4glich zehnmal penetriert zu werden: &#8222;Aus der Prostitution auszusteigen, das ist wie aus einem Grab zu steigen. Wer in der Prostitution steckt, sagt, sie sei gl\u00fccklich, sie kann nichts anderes sagen. Dieser Diskurs wird von den Medien leider ausgebeutet. Aber sp\u00e4ter, wenn die Aussteigerin an sich selbst zu arbeiten beginnt, wird sie erst der erlebten Gewalt gewahr. Sie muss dann akzeptieren, in einem permanent penetrierten K\u00f6rper zu leben. Das ist eine langfristige Arbeit.&#8220; ((12))<\/p>\n<p>Jade erkl\u00e4rte in ihrer Pressekonferenz vom 18. Februar, wie das im Alltag st\u00e4ndig hervortritt: &#8222;Man kann nicht alles s\u00e4ubern, was verschmutzt wurde. Auch nicht im Alltagsleben. Mein Sohn benutzt ein Deodorant, das ich nicht ausstehen kann, weil es mich an einen gewaltt\u00e4tigen Kunden erinnert. Und mein Junge, er versteht nicht, warum ich ihm sein Parf\u00fcm wegnehmen will.&#8220; ((13))<\/p>\n<h3>Herrschende Klassejustiz<\/h3>\n<p>F\u00fcr den Richter Lemaire spielte das alles keine Rolle, er habe nicht \u00fcber &#8222;Moral&#8220;, sondern \u00fcber strafrechtlich Verwertbares zu entscheiden. Es gen\u00fcgte die Frage an alle Zeuginnen, ob sie DSK beim Akt gesagt h\u00e4tten, dass sie Prostituierte seien, was sie wahrheitsgem\u00e4\u00df verneinen mussten, weil ihnen das von den Organisatoren befohlen wurde. Dazu sagte DSK aus, er habe alle Praktiken im Eindruck des konsensualen Einvernehmens ausge\u00fcbt: &#8222;Ich muss wohl eine etwas gr\u00f6bere Sexualit\u00e4t haben als der Durchschnittsmann&#8220;, aber daf\u00fcr k\u00f6nne er nichts. ((14))<\/p>\n<p>DSK wurde sofort freigelassen, es k\u00f6nne nicht bewiesen werden, so der Richter, ob er wusste, dass es sich um Prostituierte handelte. F\u00fcr die anderen Angeklagten wurden geringe Geldstrafen oder Bew\u00e4hrungsstrafen gefordert, das Urteil wird im Juli verk\u00fcndet werden. Jade dazu nur: &#8222;Auch wenn er sagt, dass er das nicht wusste: Ich wei\u00df, dass er es wusste.&#8220; ((15)) Eine glatte L\u00fcge von DSK also, der selbst vor Gericht seinen hohen Intelligenzquotienten hervorkehrte und sagte, er sei ja nicht dumm! Doch den Richter der Klassenjustiz schert das nicht, er denkt da nicht etwa an Falschaussage oder gar Meineid.<\/p>\n<p>Die VertreterInnen der Ex-Prostituierten haben am Ende der Verhandlung ihrerseits ihre Klage zur\u00fcckgezogen. Die Forderung nach Schmerzensgeld lag sowieso nur bei einem symbolischen Euro &#8211; die Ex-Prostituierten wollen deren Geld nicht mehr. Das Mouvement de Nid war mit dem Prozessverlauf zufrieden. Die Realit\u00e4t der Prostitution sei in diesem hypermediatisierten Verfahren an die \u00d6ffentlichkeit gekommen, darum sei es vordringlich gegangen.<\/p>\n<p>In Frankreich wurde im Parlament schon vor einem Jahr bereits ein Gesetz eingebracht, das, wie in Schweden, die Kunden in juristische Verantwortung nimmt. Es ist bis heute nicht rechtskr\u00e4ftig, weil es offiziell vom franz\u00f6sischen Oberhaus, dem Senat, abgesegnet werden muss. In Frankreich ist der Senat ein politischer Altherrenclub, der die Absegnung durch immer neue Kommissionen bewusst verz\u00f6gert. Der Grund daf\u00fcr ist einleuchtend: Viele Senatoren halten selbst &#8222;libertine Partys&#8220; in ihren eigenen B\u00fcror\u00e4umen ab und lassen sich daf\u00fcr Prostituierte kommen. ((16))<\/p>\n<p>In jedem Fall haben der Prozess und der vom Richter angelegte Ma\u00dfstab gezeigt, dass die politische Klasse und die Wirtschaftsbosse fast immer Mittel und Wege finden, um davonzukommen. Selbst wenn das Gesetz einmal verabschiedet w\u00fcrde, zeichnet sich bereits ab, wie es hintergangen wird: Jeder wohlhabende Kunde wird darlegen, er habe gar nicht gewusst, dass es sich um Prostituierte handelt, man sei nur, wie DSK, davon \u00fcberzeugt, so attraktiv zu sein, dass sich unbekannte Frauen sofort freiwillig auf einen werfen!<\/p>\n<p>Doch das funktioniert nur bei DSK, Berlusconi oder in der BRD bei den bekannt gewordenen Managerseilschaften wie etwa bei der Hamburg-Mannheimer, die 2007 Sexpartys in Budapest veranstaltete, oder bei VW, die 2005 ihrem Betriebsratschef Volkert und Personalvorstand Peter Hartz brasilianische Edelprostituierte bezahlte und sie auf die Spesenrechnung setzte. &#8222;Material&#8220; eben, Hartz musste daf\u00fcr nicht einmal vor Gericht, und bei diesen Skandalen scherte sich vor allem niemand darum, wie es den Frauen erging!<\/p>\n<p>Genau diese sexistische Klassenjustiz, bei der die patriarchalen Machtpolitiker und die Wirtschaftsaristokratie juristisch davonkommen, dagegen wom\u00f6glich noch die kleinen, unverm\u00f6genden Kunden verurteilt werden, sind das \u00fcberzeugendste Argument der ProstitutionsgegnerInnen gegen Gesetzesversch\u00e4rfungen. Prostitution wird durch \u00dcberzeugung und \u00f6ffentliche Skandalisierung abgeschafft oder gar nicht. Immerhin ist DSK nun als Machtpolitiker gesellschaftlich erledigt. Aber wie lange mag das anhalten?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Prozess war ein Medienereignis ersten Ranges: Mehr als einhundert ProzessreporterInnen aus mehreren L\u00e4ndern verfolgten im Gro\u00dfen Gerichtssaal von Lille vor allem die Aussagen von vier ehemaligen Prostituierten, die als Nebenkl\u00e4gerinnen auftraten und von der franz\u00f6sischen Ausstiegsorganisation f\u00fcr Prostituierte, &#8222;Mouvement du Nid&#8220; juristisch vertreten wurden, die in 33 franz\u00f6sischen St\u00e4dten Unterst\u00fctzung f\u00fcr ausstiegswillige Prostituierte, Sensibilisierungskurse &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2015\/04\/dominique-strauss-kahn-und-sein-material\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Dominique Strauss-Kahn und sein \"Material\" - graswurzelrevolution","description":"Der Prozess war ein Medienereignis ersten Ranges: Mehr als einhundert ProzessreporterInnen aus mehreren L\u00e4ndern verfolgten im Gro\u00dfen Gerichtssaal von Lille vor"},"footnotes":""},"categories":[771,1038],"tags":[],"class_list":["post-14206","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-398-april-2015","category-kleine-unterschiede"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14206","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14206"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14206\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14206"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14206"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14206"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}