{"id":14208,"date":"2015-04-01T00:00:00","date_gmt":"2015-03-31T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/2015\/04\/rojava\/"},"modified":"2022-07-26T14:22:14","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:14","slug":"rojava","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2015\/04\/rojava\/","title":{"rendered":"Rojava"},"content":{"rendered":"<p>Sere Kaniye, eine Stadt mit 30 000 EinwohnerInnen, mit Umland                 ca. 70 000, davon gesch\u00e4tzt 16.200 Fl\u00fcchtlingen. Das Krankenhaus                 war im Verlauf des syrischen B\u00fcrgerkriegs von der dschihadistisch-salafistischen                 Nusra-Front besetzt worden und wurde deshalb von der syrischen                 Regierung bombardiert, bis es 2013 von Einheiten der kurdischen                 YPG\/YPJ befreit wurde. Im weniger besch\u00e4digten Seitenbau des zum                 Teil erheblich zerst\u00f6rten ehemaligen staatlichen Krankenhauses                 arbeitet seit ca. zwei Jahren ohne Unterbrechung, ohne Urlaub                 Kollege Xahled, ein Abdominalchirurg, der jedoch auch alle anderen                 Notf\u00e4lle und Erkrankungen behandelt. Darunter viele erkrankte                 Kinder. Die Versorgung der verletzten K\u00e4mpferInnen der nahe gelegenen                 Front beschr\u00e4nkt sich auf das M\u00f6gliche, im Wesentlichen auf eine                 Stabilisierung, da das Krankenhaus weder materiell noch personell                 auf z.B. die Versorgung von Knochenverletzungen eingerichtet ist.                 Diese werden nach Quamislo, der mit ca. 700.000 EinwohnerInnen                 gr\u00f6\u00dften Stadt im Kanton Cesire oder auch nach Derik weiterverlegt.                 Das Krankenhaus in Sere Kaniye verf\u00fcgt \u00fcber kein funktionierendes                 R\u00f6ntgen, es existiert gerade mal ein Sono-Ger\u00e4t. Es fehlt an vielem,                 nicht zuletzt an einer Abl\u00f6sung f\u00fcr den Kollegen, sowie an einem\/r                 Kinderarzt\/\u00e4rztin. F\u00fcr uns Mitteleurop\u00e4er seltene Erkrankungen,                 wie z.B. Leishmaniose, kommen h\u00e4ufig vor. Die hier arbeitenden                 KollegInnen sind echte Allrounder und MeisterInnen der Improvisation.               <\/p>\n<p>Cesire, der \u00f6stlichste, gr\u00f6\u00dfte Kanton der Westkurdischen Region                 Rojava, wird im Norden \u00fcber ca. 250 Kilometer L\u00e4nge durch die                 T\u00fcrkei begrenzt, im Osten schlie\u00dft sich die autonome Kurdische                 Region des Nord-Irak an. Zum S\u00fcden hin liegt die Front zum IS,                 je nach Verlauf ca. 30 bis 50 Kilometer entfernt. Der hei\u00df umk\u00e4mpfte                 n\u00e4chste Kanton Kobane liegt weiter westlich, weitere 150 Kilometer                 entfernt. Der \u00fcberall herrschende Mangel an speziellen G\u00fctern                 und Ersatzteilen wirkt sich im Gesundheitsbereich besonders katastrophal                 aus. Durch das weitgehende Embargo der T\u00fcrkei, die die Grenze                 mit meterhohen Natodrahtverhauen, Wacht\u00fcrmen, Soldaten und Panzern                 schwer bewacht, kommen nur gelegentlich Waren und Hilfsg\u00fcter in                 die Region. Medikamentenlieferungen und Sachspenden wie Rettungswagen,                 an denen ein absoluter Mangel besteht, h\u00e4ngen oft Tage lang an                 der Grenze fest. W\u00e4hrend der Waren- und Personenverkehr in das                 Gebiet des IS offen ist, wird die politische und milit\u00e4rische                 Autonomiebestrebung im Norden Syriens wegen deren N\u00e4he zur PKK                 sabotiert und bek\u00e4mpft. Die Einfuhr von G\u00fctern findet im Wesentlichen                 \u00fcber eine Pontonbr\u00fccke \u00fcber den Tigris statt, der die Grenze zum                 Nord Irak darstellt. Auch dort kurdisches Gebiet und doch deutlich                 unterschiedlich in der politisch-sozialen Erscheinungsform. Pr\u00e4sident                 Barzani und die Armee der Peschmerga gelten dem Westen immerhin                 als B\u00fcndnispartner, deren Berechenbarkeit auch die Lieferung von                 Waffen erm\u00f6glicht. Davon kann bei den kurdischen Volksverteidigungseinheiten                 (YPG) und den Frauenverb\u00e4nden (YPJ) der Region Rojava keine Rede                 sein. Zwar hatte die gemeinsam im Sommer 2014 mit der PKK durchgef\u00fchrte                 Befreiungsaktion von Jesidi, ebenso wie der erbittert gef\u00fchrte                 Kampf um Kobane klar gemacht, wer in der Region in der Lage ist,                 dem IS und seinem W\u00fcten Grenzen zu setzen. Aber abgesehen von                 den Lufteins\u00e4tzen der USA und ihrer Verb\u00fcndeten im Kampf um Kobane,                 die den nicht zuletzt hohen Symbolwert Kobanes in der Auseinandersetzung                 gegen den IS erkannten und deshalb die eingeschlossenen K\u00e4mpferInnen                 unterst\u00fctzten, hat sich nicht viel getan. So hat sich durch die                 Berichterstattung, vor allem \u00fcber die Befreiungsaktion der Jesidi,                 das Bild in der \u00d6ffentlichkeit etwas gewandelt, aber ungebrochen                 gilt z.B. von Seiten des deutschen Staates das PKK-Verbot. Zu                 sehr \u00fcberwiegt die B\u00fcndnistreue zum Natomitglied T\u00fcrkei, das den                 Konflikt mit den um mehr Autonomie ringenden kurdischen Menschen                 mit radikaler H\u00e4rte verfolgt. Zu dieser Strategie z\u00e4hlt nicht                 nur die Verfolgung von Kurdinnen und Kurden in der T\u00fcrkei, die                 Bombardierung von Stellungen der PKK, sondern eben auch die Abriegelung                 der Grenze zum n\u00f6rdlichen Syrien, im Bereich der Kantone Efrin,                 Kobane und Cesire. <\/p>\n<p>Die Situation des Embargos und der seit \u00fcber vier Jahren w\u00fctende                 Krieg sind die Rahmenbedingungen in denen sich die Verantwortlichen                 des Gesundheitssystem um eine Versorgung der Bev\u00f6lkerung bem\u00fchen,                 zus\u00e4tzlich belastet durch die t\u00e4glich von der Front eintreffenden                 zum Teil schwer verwundeten K\u00e4mpferInnen. <\/p>\n<p>Die syrische Regierung ist hierbei weitgehend au\u00dfen vor. Fast                 v\u00f6llig entmachtet, unterstehen ihr noch das Regierungskrankenhaus                 in Quamishlo, der gr\u00f6\u00dften Stadt der Region, in der der syrische                 Staat noch einen schmalen Streifen, den Flugplatz, die Hauptpost                 und eben das Krankenhaus unter seiner Kontrolle hat. <\/p>\n<p>In Derik, einer Stadt mit etwa 50.000 EinwohnerInnen, besteht                 die kuriose Situation, dass die dort arbeitenden \u00c4rzte und Medizinerinnen                 noch von Damaskus ein geringes Sal\u00e4r beziehen, jedoch der regionalen                 Autonomieverwaltung unterstehen, hinter der die DSV, die demokratischen                 Selbstverwaltung, bzw. die Tev-Dem, die Bewegung f\u00fcr eine Demokratische                 Gesellschaft, stehen.<\/p>\n<p>Es sind unter anderem die Strukturen der DSV, die durch das Ziel                 einer parit\u00e4tischen Besetzung M\u00e4nner, Frauen, als auch durch die                 erkl\u00e4rte Offenheit gegen\u00fcber Menschen verschiedenster Ethnien,                 Religionen und Gender, einen deutlichen emanzipativen Gegensatz                 gegen\u00fcber der zuvor bestehenden patriarchalen und zentralstaatlichen                 Herrschaftsstruktur darstellen. Mit ihren Zielen steht sie auch                 diametral einem autorit\u00e4ren menschenverachtenden Exzess des IS                 Kalifats gegen\u00fcber, was die milit\u00e4rische Auseinandersetzung eben                 nicht nur zu einem der \u00fcblichen K\u00e4mpfe um ethnische oder religi\u00f6se                 Einflusszonen macht, sondern zur Verteidigung von Menschen und                 einem gesellschaftlichen Experiment, in dem es um die Schaffung                 neuer emanzipativer Strukturen geht. Auch wenn es dabei einen,                 f\u00fcr unsere Gem\u00fcter unertr\u00e4glichen Personenkult um die Figur \u00d6calan                 gibt und ebenso schwer auszuhaltende mediale HeldInnenverehrung                 im kurdischen TV, sind es doch die Ans\u00e4tze einer strukturellen                 Ver\u00e4nderung, die eben im Vergleich zu zuvor und im Vergleich zur                 politischen Realit\u00e4t in den sie umgebenden L\u00e4ndern, einen emanzipativen                 Charakter ausmachen. <\/p>\n<p>Der Versuch einer Neuorganisierung findet mitten im Krieg statt,                 in einer Situation \u00e4u\u00dferer Bedrohung und eines eklatanten Mangels                 an Ressourcen. Es gilt mehr als 2,5 Millionen Menschen, darunter                 tausende Gefl\u00fcchtete, die mit kaum mehr als ihrem Leben in die                 Region kamen, mit dem N\u00f6tigsten zu versorgen. <\/p>\n<p>Der Kurdische Rote Halbmond Heyva Sor a Kurd versucht sein Bestes,                 um die desastr\u00f6se Situation in den Griff zu bekommen. Beispielhaft                 ist die Einrichtung einer Kette von Ambulanzen und Apotheken in                 den gr\u00f6\u00dferen Ortschaften, die versuchen Bed\u00fcrftige mit den n\u00f6tigen                 Medikamenten und auch mit einer medizinischen Grundzuwendung zu                 versorgen. Die Bed\u00fcrftigkeit wird durch \u00f6rtliche Komitees festgestellt,                 die nach Einkommenslage entscheiden, wer bed\u00fcrftig ist und wer                 nicht. Religion, Geschlecht und ethnische Herkunft spielen dabei                 keine Rolle. Die Beobachtung einer solchen Apotheke zeigt eindrucksvolle                 Szenen: Kurden, Araber, M\u00e4nner und Frauen stehen an den Ausgabestellen                 f\u00fcr die raren Medikamente, zeigen ihre Rezepte die zumeist ihre                 Dauermedikamentierung bescheinigen, w\u00e4hrend auf der anderen Seite                 Helferinnen und Helfer des Kurdischen Roten Halbmonds die Listen                 mit ihren Unterlagen abgleichen. Medikamente, Windeln und Kindernahrung                 werden, sofern vorhanden, an diejenigen weitergegeben die ihrer                 bed\u00fcrfen. Diejenigen die hier anstehen, sind die, die darauf angewiesen                 sind, denen das Geld oder andere Voraussetzungen zur Flucht fehlten.               <\/p>\n<p>Die Einrichtungen von Ambulanzen und Apotheken, der Transport                 von Kranken wie auch verletzten K\u00e4mpferInnen von der meist nur                 ca. 35 Kilometer entfernten Front, wird ebenso wie die Unterst\u00fctzung                 von tausenden Fl\u00fcchtlingen, von denen ca. 5.000 im Lager bei Derik                 \u00fcberleben, unter hohem pers\u00f6nlichen Einsatz zumeist ohne finanzielle                 Entsch\u00e4digung geleistet. <\/p>\n<p>Die Regionalverwaltung von Cesire bem\u00fcht sich unterdessen um                 die Instandsetzung und Neuerrichtung von Krankenh\u00e4usern, dies                 in einer Situation, in der es an buchst\u00e4blich allem fehlt: Ger\u00e4te,                 Personal, Medikamente und elektrischer Energie. Die ganze Region                 ist auf den Einsatz \u00f6rtlicher Generatoren angewiesen, da das Stromnetz                 und die Kraftwerke zerst\u00f6rt sind. <\/p>\n<p>Die Herausforderungen im Gesundheitsbereich beinhalten nicht                 nur die Versorgung der akut und chronisch Kranken, sondern auch                 die Behandlung vieler schwer verletzter K\u00e4mpferInnen, die das                 Gebiet gegen den IS verteidigen. Die Verletzungsmuster sind die                 kriegstypischen, die sich zum gro\u00dfen Teil verheerend auswirken                 und die vor allem junge Frauen und M\u00e4nner traumatisieren. Zerschossene                 Extremit\u00e4ten, schwer verletzte innere Organe und Querschnittsl\u00e4hmungen                 durch Projektile und Granatsplitter. Eine Nachbehandlung der Operierten                 findet mehr schlecht als recht statt, auch hier fehlt es an Ressourcen.                 Eine psychotherapeutische Behandlungsm\u00f6glichkeit f\u00fcr psychisch-traumatisierte                 Menschen fehlt v\u00f6llig.<\/p>\n<p>Rojava in dieser Zeit, bedeutet Leben unter schwierigsten Bedingungen                 zu organisieren. Dies in allen gesellschaftlichen Bereichen, in                 der Situation eines Embargos und einer extremen Versorgungslage,                 unter Kriegsbedingungen. Der Versuch, all dies unter dem Versuch                 einer neuen gesellschaftlichen Organisierung zu leisten, verdient                 nicht nur Respekt, sondern bedarf konkreter, solidarischer Unterst\u00fctzung.               <\/p>\n<h3>Eine Nachbemerkung<\/h3>\n<p>Die Frage, ob es sich bei der &#8222;Revolution in Rojava&#8220; (GWR 396,                 Februar 2015) tats\u00e4chlich um eine solche handelt, ist nat\u00fcrlich                 &#8211; wie immer &#8211; berechtigt. Und auch umso evidenter, je mehr sie                 aus der Perspektive der heren anarchistischen Perspektive der                 in Mitteleuropa sitzenden lupenreinen AnarchistInnen erfolgt.                 Wenn man dabei den Ma\u00dfstab anlegt, dass hierbei vor allem die                 Kollektivierung von Land und Produktionsst\u00e4tten als ausschlaggebend                 anzusehen sind, und auch andere klar erscheinende Kriterien, (sucht                 euch etwas aus), als nicht erf\u00fcllt erachtet werden m\u00fcssen, dann                 ist diese Frage zu verneinen. Ebenso ist die in der GWR erneut                 erhobene Frage wie es denn mit dem Dilemma der Gewalt zu halten                 sei, angesichts der Situation in Rojava ein entscheidendes Kriterium.                 Auch hier muss die Lupenreinheit abschl\u00e4gig beschieden werden                 &#8211; ganz offensichtlich erf\u00fcllen die K\u00e4mpferInnen der kurdischen                 Verteidigungseinheiten nicht das strenge Kriterium der Gewaltlosigkeit.                 Schade eigentlich, dass sich die Fanatiker des IS nicht durch                 Palmwedel oder auch eine zusammengerollte GWR am Halsabschneiden                 und versklaven hindern lassen. Dann w\u00e4re alles doch viel einfacher.                 Aber das ist es nicht. <\/p>\n<p>Revolution (was auch immer sich einzelne darunter positives vorstellen                 m\u00f6gen?), egalit\u00e4re gesellschaftliche Verh\u00e4ltnisse in Freiheit                 und W\u00fcrde, beginnen nicht an ihrem Ziel, sondern sie sind ein                 Prozess. Viel entscheidender als die f\u00fcr mich absurd anmutende                 Frage &#8211; &#8222;handelt es sich um eine Revolution?&#8220; &#8211; ist doch die Frage:                 &#8222;Handelt es sich um einen emanzipativen Ansatz?&#8220;. Die Beantwortung                 dieser Frage bemisst sich jedoch nur zum Teil an unseren eigenen                 Idealvorstellungen, sondern vor allem an den gesellschaftlichen                 Ausgangs- und Umgebungsbedingungen. In diesem Sinne ist es leider                 alles etwas komplizierter. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sere Kaniye, eine Stadt mit 30 000 EinwohnerInnen, mit Umland ca. 70 000, davon gesch\u00e4tzt 16.200 Fl\u00fcchtlingen. Das Krankenhaus war im Verlauf des syrischen B\u00fcrgerkriegs von der dschihadistisch-salafistischen Nusra-Front besetzt worden und wurde deshalb von der syrischen Regierung bombardiert, bis es 2013 von Einheiten der kurdischen YPG\/YPJ befreit wurde. 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